Eines der beliebtesten Reiseziele der Welt

Magische Provence

Text und Fotos: Rolf Bichsel

Die Provence? Eines der beliebtesten Reiseziele der Welt. Alle kennen sie, keiner weiss so recht, was damit gemeint ist, wo sie beginnt und wo sie endet. Vielleicht, weil jeder seine eigene Provence ergründen muss, Stunde um Stunde, Tag um Tag.

LACOSTE, LUBERON, 6.00 UHR

Vielleicht liegt es am Licht. Irgendwie muss die Luft hier anders sein. Transparenter, klarer – erquickender. Um sechs Uhr früh ist meine Welt doch sonst kaum je in Ordnung. Zu solcher Unzeit taste ich mich gemein unsicher durch die Welt, blinzelnd, lampenscheu, das Gehirn umnebelt, der Gaumen trocken und kaffeedurstig, ahne Land und Leute nur durch einen milchigen Schleier. Hier in Lacoste leuchtet im Gegenteil alles pastellen. Nein, nicht im penetranten Orangegold des Sonnenuntergangs. Ein zartes Rosa eher, versetzt mit Aquamarin, Silber und Falb.

Ich packe meine Kameras aus. Kein Mensch weit und breit. Unten das Tal, ein unendliches, frohes Mosaik aus Weizen und Lavendel, Reben und Heide, im Rücken der mit Zedern, Flaum- und immergrünen Eichen bewachsene Hügelzug des grossen Luberon, vor mir die Burg des berühmt-berüchtigten Marquis de Sade, seit 1970 im Besitz von Pierre Cardin. Der Modeschöpfer und Unternehmer ist einer dieser vermögenden Pariser, denen man übel nehmen möchte, dass sie die Ecke in ein Freilichtmuseum für Betuchte verwandelt haben, und ihnen doch dankbar sein muss dafür, dass sie Dörfer wie Lacoste oder Oppède vor dem Verfall gerettet haben, dass Goult oder Bonnieux oder Ménerbes oder Soignon nicht zu Staub verfallen sind oder schlimmer, mit Beton, Wellblech und Spritzverputz verunstaltet wurden wie so viele andere, sondern liebevoll und mit Stil und Form und Respekt aufgemöbelt und adrett herausgeputzt. Gewiss, die Furchen und Dellen am grossen und kleinen Luberon dienen nicht länger als Refugium für Valser, Protestanten, Reformierte, für Einwanderer aus Spanien oder Italien, für Andersdenkende jeder Couleur, die hier dankbar ihr genügsames Leben als Kleinbauern und Selbstversorger führten, ihre fetteste Scholle mit Korn bepflanzten, das sie vom Müller mahlen liessen gegen einen kleinen Anteil an der Ernte, den Rest zum Bäcker brachten und den Ertrag in Form von Brotlaiben einlösten. Auf den schmalsten, kargsten, steinigsten Terrassen zogen sie Olivenbaum und Rebe, zwischen denen Hühner und ein paar Schafe den Boden aufwühlten, mästeten mit Küchenabfällen Jahr für Jahr ihr Schwein. Sie formten die Landschaft, wie wir sie heute kennen, tüchtig und fleissig und über Jahrhunderte hinweg, nicht mit Dynamit und Bulldozern, sondern mit Pflug, Spitzhacke und Schaufel. Sie haben den Mythos der Provence geschaffen, nicht die schicken Neuankömmlinge der letzten Jahrzehnte.

Immerhin: Das Kapital einer Kaste, die es sich leisten kann, respektvoll mit Natur und Vergangenheit umzugehen, sichert einem ganzen Heer von Steinmetzen, Schreinern, Tischlern, Dachdeckern, Maurern, wie sie anderswo längst ausgestorben sind, ein Auskommen. Mag sein, dass der Steg zwischen Klischee und Authentizität schmal und glitschig geworden ist, dass Fehltritte vorgegeben sind und die Provence zu einem Freizeitpark verkommt. Doch der ist wenigstens so weitläufig, vielfältig und reichhaltig, dass Menschen, die eine Wand aus Kunststein noch von einer echten Trockensteinmauer unterscheiden können, Menschen, die Einsamkeit schätzen und Natur und Harmonie, Menschen, die Erholung und Inspiration nicht in seichter Nostalgie suchen, sondern in authentischer Tradition und Kultur, hier reichlich Nahrung finden für Körper, Herz und Seele. Die Verfechter eines masslosen Massentourismus, die Sehenswürdigkeiten hamstern wie Junkfood im Supermarkt, Freizeitkonsumenten, die ihren virtuellen Einkaufscaddy nur mit den trendigsten Reisezielen füllen, folgen glücklicherweise genau abgesteckten, vorgegebenen Pfaden, erledigen die Provence im Laufschritt, shoppen in Avignon, machen in Orange Theater, fallen über Gordes her wie ein gefrässiger Heuschreckenschwarm, streuen sich in Roussillon Ockersand in die Augen, lichten sich vor einem stoisch klappernden Mühlenrad in L‘Isle sur la Sorgue ab, das nicht wie vor einem halben Jahrhundert Hämmer bewegt, die auf die Esse schlagen oder Stampfer einer Papiermühle, sondern dünne Luft, thronen stolz vor Zeugen römischer Baukunst, die sie mit hyperboreischen Ruinen aus dem letzten Heroic-Fantasy-Epos auf Netflix verwechseln, setzen masslos verpixelte Seifenblasen- Souvenirs in die Welt, die sich in den immer undurchsichtiger werdenden Sozialnetzen des weltweiten Spinnennetzes verirren. Durch die Strässchen des Hinterlandes wälzt sich die träge Masse nur selten und schon gar nicht zu früher Stunde.

LACOSTE, 6.30 UHR

Eine Katze streift mir um die Beine, unterbricht sanft, aber bestimmt meinen Gedankenspaziergang. Sie sieht meinem eben verstorbenen Kater Curry so ähnlich, dass mir der metaphysische Schauer über den Rücken läuft. Leide ich an Halluzinationen? Doch nein, alles ist echt und wirklich, die düstere Burgruine, das umwerfende Panorama, der platinblonde Kater mit seinem seidigen Fell.

LACOSTE, 6.45 UHR

Zeit für einen Spaziergang. Der Kater folgt mir auf den Fersen, überholt mich mit ein paar raschen, lautlosen Sprüngen, streicht durch schmale Gässchen, nimmt federleicht steile Treppen in Angriff, huscht auf Samtpfoten durch steinerne Torbogen, schleicht durch versteckte Pforten, vergewissert sich von Zeit zu Zeit, ob ich mit ihm Schritt halte. In einem von einem alten Feigenbaum beschatteten Hinterhof plätschert leise ein Brunnen. Ich tauche meine Hand ins kühle Wasser, bereue die Geste sogleich, mit feuchten Fingern bedient man schliesslich keine digitale Kamera, zögere, sie an meinem noch sauberen T-Shirt abzuwischen, halte sie endlich meinem Begleiter hin. Der mustert mich ganz ohne Misstrauen mit seinen wasserblauen Augen, schnüffelt, gähnt, kitzelt mich mit rauer Zunge, leckt vorsichtig, schaut mir erneut tief in die Augen, beisst mich sanft in den kleinen Finger und verschwindet so plötzlich, wie er aufgetaucht ist, in einer Mauerritze, und ich frage mich bis heute, ob ich nicht doch einer Fata Morgana auf den Leim gekrochen bin. In der Provence ist alles möglich.

BONNIEUX, 7.00 UHR

«Land der Erinnerung» hat Henry Miller Frankreich genannt. Mein Land der Erinnerung ist diese Gegend hier, die Alpilles, die Vaucluse- Berge, der Luberon, der Mont Ventoux. Jeder Stein erzählt eine Geschichte, jedes Mäuerchen einen Roman. Man braucht nur die Augen zu öffnen und die Ohren zu spitzen, in Gesichtern zu lesen und auf das Flüstern des Winds in den Wacholderbüschen zu lauschen. Man mag manches aus Büchern lernen: Doch die Provence, die echte, geheimnisvolle, die lernt man daraus nicht. Unter den zahllosen Werken – Kurzgeschichten, Novellen, Reiseberichten, Krimis, noch mehr Krimis, seichte Liebesgeschichten und pathetische Erzählungen, die der Region gewidmet sind, die meist nur als verkaufsfördernde, auf Likes ausgerichtete, idealisierte Kulisse dient – verdient nur eines nicht ein Autodafé: Jean Gionos Sammlung mit dem lakonischen Titel «Provence». Giono kam in Manosque auf die Welt und hat da sein Leben verbracht. Er hat unzählige Zeilen zum Thema Provence erfasst, die er nur selten verlassen hat. Dennoch sagt er: «Ich kenne die Provence nicht, die Provence gibt es nicht.» Oder: «Würde die Provence dem gleichen, was dafür gehalten wird, ich würde da nie leben wollen.» In seinen zahlreichen Texten zum Thema gibt er keine Routen preis, hat keine sensationellen Reisetipps auf Lager. Er erzählt einfach subtil Geschichten. Lange, kurze, lustige, traurige, eigenwillige, seltsame, abgehobene, mysteriöse. In der Bucht von Cassis sieht er da schon mal Odysseus stranden oder behauptet maliziös, keiner habe die Provence besser beschrieben als Shakespeare, der nie über die Provence gesprochen hat. Autobahnen und Nationalstrassen sind Giono ein Gräuel. Er singt Oden an Nebenstrassen, Feldwege und versteckte Pfade.

OPPÈDE, 7.30 UHR

Vor einiger Zeit bin ich durch die Cevennen gepilgert, auf der Suche nach einer offenen Bäckerei. Vergeblich. Da gab es nicht «hundert, tausend Dörfer, die nach frischem Brot duften» (noch einmal Giono), sondern null. Ich musste mich schliesslich mit einer plastifizierten Kaugummibaguette aus der Superette begnügen. Hier ist das anders. Goult, Bonnieux, Ansouis oder Lourmarin duften schon frühmorgens nach frischem Brot. In der kleinen Bäckerei in Oppède, wo ich mittlerweile an Land gegangen bin, gibt es sogar guten Kaffee (aus dem Pappbecher, man kann nicht alles haben), und das beste Croissant, das ich in meinem Leben gegessen habe. (Weil Unerwartetes immer am besten schmeckt.) Ich teile die enge Stehbar mit einer Handvoll Rebarbeiter, die sich über das verrücktspielende Klima aufhalten. «Ich habe noch nie einen so feucht-kühlen April erlebt – mein Traktor ist stecken geblieben – die Rebe hat fast zwei Wochen Verspätung, die wird sie nicht mehr nachholen – in zwei Monaten beklagen wir uns dann über die Hitze und die Trockenheit. – Ja, aber Hitze und Trockenheit blockieren die Reife auch!» Merke: 2019 ist ein komplexes Jahr später Ernte.

L‘ISLE SUR LA SORGUE, 9.30 UHR

Fleissige Angestellte schieben rasselnd die Metallvorhänge vor ihren Vitrinen hoch. Kellner wischen Tische sauber, rollen Geranienkästen auf die Terrassen. Trödler und Antiquitätenhändler verteilen emsig ihre Schätze auf den Trottoirs vor ihren Boutiquen, als Lockvögel für die Touristen, die nach und nach eintrudeln, zuerst gehorsam an der Sorgue entlang pilgern, bevor sie die kunterbunten Auslagen aus Tand und Kunst und Kitsch in Angriff nehmen. Bald ist es hier «noir de monde» , wie die Franzosen trefflich sagen.

GORDES, 11.00 UHR

Ich schaffe es gerade noch, ein Bild des legendären Ortes zu knipsen, entwische den ersten Staus über das enge Strässchen, das zur Abtei von Senaque führt. Es ist zwar ausdrücklich für Camper gesperrt: Dennoch muss ich immer wieder zurücksetzen, um eines dieser schwer beladenen Ungetüme vorbeizulassen. Les Baux gleicht einem von hupenden und grölenden Fans belagerten Fussballstadium, und an den Besuch von Fontaine de Vaucluse ist schon gar nicht zu denken.

SAINT-RÉMY, 12.30 UHR

Ich finde mit viel Glück einen Parkplatz, aber keinen einzigen freien Stuhl in einer der unzähligen Brasserien und Bars, werde von gestressten Kellern mit einem mürrischen «Vous êtes seul? Pas de place» des Wegs verwiesen. In Maussane- les-Alpilles verliere ich die Nerven, lasse meinen Wagen auf dem Trottoir, mit eingeschaltetem Warnblinker und in der Hoffnung, dass das Entziffern der zerknitterten Kartonkarte mit der verschmierten Aufschrift Presse, die ich rasch unter die Windschutzscheibe schiebe, etwaige Parkwächter so lange beschäftigt, bis ich wieder zurück bin. Die paar Dutzend Meter zur Ölmühle lege ich im Laufschritt zurück, ellbögle mich frech durch die Menge, die sich begeistert an Konserven und Besteck aus echtem Olivenholz made in China gütlich tut, muss mir eingestehen, dass auch ich mich plötzlich wie ein Idiot benehme, und verzichte schliesslich resigniert darauf, ein paar Flaschen dieses traditionellsten aller Öle der AOP Les Baux zu erwerben. Ich flüchte mich resigniert in die Stille meines einsam gelegenen Hotels und leiste mir eine wohlige Siesta in der Sonne. Den Rest des Tages verbringe ich in der Fondation Blachère bei Apt. Am Abend fasse ich einen schwerwiegenden Entschluss: In den nächsten Tagen werde ich mich den bekannteren Orten nur mehr zwischen 6 und 8 Uhr morgens nähern. Den Rest des Tages werde ich da verbringen, wo die Provence noch befreit lebt und atmet.

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