Dossier Bourgogne Auxerrois: Weinland mit Zukunft

Grand Auxerrois

Text: Barbara Schroeder, Fotos: Rolf Bichsel

Joigny an der Yonne, nördlichste Weinstadt des Burgund, produziert eine wenig bekannte Rarität: den Bourgogne Côte Saint-Jacques. Die winzige Appellation régionale ist nur eine von neun Weingebieten im lauschigen Niederburgund, deren herrliche Weine geradezu unverschämt preiswert geblieben sind.

Grand Auxerrois? Eine historische Weinregion Frankreichs, im Norden der Bourgogne gelegen, rund eine Stunde von Paris entfernt, auch etwa Niederburgund genannt. Auxerrois? Die Bourgogne-Weinregion der Zukunft. Das ist ja nun eigentlich schon alles, was der geneigte Leser wissen muss, oder? Leider ist nichts einfach im Leben und in Sachen Wein schon gar nicht. Bringen wir daher die Theorie gleich zu Beginn hinter uns, und zwar hübsch der Reihe nach.

Auxerre ist eine adrette französische Provinzstadt, ans Ufer des Flusses Yonne gebettet, Kapitale des Departements, das den Namen des Flusses trägt. Von hier aus konnten die Rebensäfte der Umgebung bequem nach Paris verschifft werden: ein erster Pluspunkt für die Weinregion. Die Weine aus Auxerre machten daher schon im Mittelalter Furore: Das Grand Auxerrois gehört zu den ältesten Anbaugebieten des Landes. Doch mit dem Aufkommen der Eisenbahn wuchs die Konkurrenz der anderen Burgunder Weinregionen. Die Reblauskrise setzte dem Grand Auxerrois besonders zu. Die Anbaufläche schrumpfte auf ein paar Hektar, und die Winzer sattelten auf den Anbau von Korn um oder pflanzten Kirschbäume an. Ein Beispiel nur: Zählte Vézelay Ende des 18. Jahrhunderts stolze 500 Hektar Reben, blieben davon 1970 gerade noch zwei Hektar übrig. Heute stehen hier wieder 70 Hektar unter Reben.

Im Niederburgund ist die ländliche Welt noch in Ordnung: in der Talsohle liegen schmucke Dörfer, umgeben von Kornfeldern und Wiesen, an den Hängen zwischen 150 und 350 Meter Höhe wächst die Rebe, und darüber thront der Wald.

Eine einzige Ecke schaffte frühzeitig den Wiederaufbau: Chablis, bis heute die bekannteste Appellation des Nordburgunds. Genau darum heissen die Weine, von denen gleich die Rede sein wird, nicht nach dem Departement benannt «les Vins de l’Yonne», sondern «les Vins du Grand Auxerrois». Die Bezeichnung gilt für die AOC-Produktion des Departements mit Ausnahme von Chablis. Doch es kommt noch besser. Sechs der neun Kennungen des Grand Auxerrois werden als sogenannte Appellations régionales ausgeflaggt: Bourgogne Chitry, Bourgogne Côtes d’Auxerre, Bourgogne Côte Saint-Jacques, Bourgogne Coulanges-la-Vineuse, Bourgogne Tonnerre und Bourgogne Épineuil. Drei sind eigenständige Villages oder Dorfappellationen, auch als «Cru» bezeichnet: Irancy, Saint-Bris und – seit 2017 – Vézelay. Das Grand Auxerrois des Weins verteilt sich ferner auf vier Zonen. Die Bourgogne Côtes d’Auxerre, Saint-Bris, Coulanges-la-Vineuse, Chitry und Irancy liegen, meistens nur durch einen Hügelzug getrennt, im Süden der Stadt, die Gemeinde Joigny, die allein Bourgogne Côte Saint-Jacques produziert, etwa 30 Kilometer nördlich. Das «Tonnerois» etwa 40 Kilometer östlich von Auxerre, beheimatet die AOCs Bourgogne Tonnerre und Bourgogne Épineuil. Vézelay wiederum befindet sich rund 40 Kilometer im Süden von Auxerre. Dass die Winzer der Ecke ferner ebenfalls besonders interessante Weissweine der Sorte Aligoté abfüllen (AOC Bourgogne Aligoté) und so mancher auch einen Crémant de Bourgogne anbietet, erwähnen wir hier lieber nur am Rande.

Damit ist die Pflicht getan und Zeit für die Kür. Am besten beginnen wir diese mit einer Spazierfahrt über einsame Überlandstrassen und Feldwege, durch romantische Weiler, über enge Brücken, vorbei an goldenen Kornfeldern, grünen Kirschbaumhainen, schattigen Wäldern und Rebbergen, die auch solche sind. Erste Feststellung: Haben wir einmal die öde Industrie- und Vorortzone der Stadt hinter uns gebracht, wechseln wir urplötzlich die Epoche, tauchen ein in eine weiträumige Gegend mit fast uneingeschränktem Horizont, durch und durch ländlich und erstaunlich intakt geblieben. Reiheneinfamilienhäuser aus dem Katalog, wie sie nur zu oft das Gesicht des «modernen» Frankreich prägen, hässliche Wellblechschuppen, verstaubte Industrieleichen und Hochspannungsleitungen sucht man hier vergebens, aber auch Tankstellen und Supermärkte und mitunter jede andere Art von Einkaufsmöglichkeit, wenn die einzige Dorfbäckerei gerade mal Urlaub macht oder erst um 16 Uhr wieder öffnet. Einzig die Windkraftanlagen, stoische Riesen, die mit drei Armen um ihr Gleichgewicht zu kämpfen scheinen, erinnern an das 21. Jahrhundert.

Grüne Inseln im Gold des Getreides

Die uralte Dreiteilung der Landschaft wird hier noch voll respektiert: In der Talsohle breiten sich rund um die dünn gesäten Dörfer und Weiler Kornfelder und Wiesen aus, auf denen friedlich Rinder weiden, schwappen auch mal an den Flanken hoch und stossen an die Rebparzellen, die oft nur grüne Inseln bilden im goldenen Meer des reifen Getreides. Wald schmückt die Kuppen wie waghalsig aufgetakelte Afrolook-Frisuren. Ein intaktes Bild geben auch die Ortschaften selber wieder. Sie illustrieren vielleicht am besten die alte Weinvergangenheit der Region, mit ihren typischen, verschachtelten Winzerhäusern, die fast immer unterkellert sind und sich eng an die Kirche schmiegen. Fast alle noch und wieder funktionierenden Winzerbetriebe sind in den Dörfern untergebracht. Stattliche Domänen ausserhalb gibt es so gut wie keine.

Am besten durchquert man erst einmal das eine oder andere der lauschigen Dörfer – Chitry, Saint-Bris, Vaux oder Irancy – im Schritttempo und fährt danach einfach weiter, gleitet an den Flanken hoch, biegt, einmal oben angekommen, in den erstbesten Feldweg ein, lässt den Wagen stehen und macht sich zu Fuss auf in die Reben – gutes Schuhwerk ist Pflicht, will man gefahrlos über die kargen, oft steinigen und recht steilen Böden nach unten schlittern. Die geografische Bezeichnung Nord Bourgogne ist auf den Wein bezogen ganz schön irreführend: Die Rebberge liegen fast ausschliesslich in mittlerer Hanglage, zwischen 150 und 350Metern über Meer. In der Côte d’Or sind diese Lagen Grands Crus vorbehalten! Sonnig ist es hier von morgens bis abends: Das Gros der Reben profitiert von optimaler Sonneneinstrahlung in südlicher oder südöstlicher Ausrichtung. Zeuge für den kalkhaltigen Untergrund sind die grauweissen Steinsplitter, die hier Stein an Stein über die Oberfläche verteilt sind, vermischt mit magerem Lehm. Die Böden gleichen aufs Haar denen von Chablis und unterscheiden sich nur wenig von denen der besten Lagen der Côte d’Or. Wir brauchen nicht einmal lange nach Versteinerungen zu suchen, bücken uns träge nach dem erstbesten Steinbrocken und haben schon einen erdgeschichtlichen Zeugen in der Hand: Der Abdruck einer versteinerten Muschel ist deutlich auszumachen.

Erst nach diesem Exkurs in die Reben klopfen wir beim Winzer an: Die idealen natürlichen Bedingungen haben uns neugierig gemacht – und durstig. Viele Betriebe empfangen Besucher, im besten Fall sogar in einem adretten Verkostungsraum, und verkaufen Wein auch direkt. Der Rundgang durch die Gebäude ist rasch erledigt. Vorzeigekeller gibt es hier keine. Alles ist einfach und funktionell gehalten, aber sauber und auf dem neusten Stand der Technik. Zum Ablichten gibt es immerhin ein paar Eichenfässer in einem uralten, unterirdischen Gewölbekeller. Nach einem ängstlichen Blick auf die Preisliste atmet man unwillkürlich auf und zweimal tief durch: Bourgogne Weine mögen teuer sein, doch hier gibt es solchen fast geschenkt!

Hoffnungsträger der Region in alten und neuen Weinbaubetrieben: La Croix Montjoie (Vézelay), Goisot (Saint-Bris), Houblin-Vernin (Coulanges) oder Courtault-Michelet (Épineuil) sind Namen, die man sich merken sollte.

Doch nicht der Preis ist entscheidend, sondern das Nass in der Flasche, das jetzt rubinrot, rosa oder blassgolden ins Glas plätschert. Es darf sich sehen, riechen, schmecken lassen! Mag sein, dass den Weinen des Grand Auxerrois dann und wann vorgeworfen wurde, grün und rustikal auszufallen: Spätestens beim Verkosten streift der Besucher solch dumme Vorurteile ab wie einen alten Hut. Darauf angesprochen, wird der Winzer lächeln: Für ihn hat die Klimaerwärmung nicht nur Nachteile und kommt hier im Norden des Grossraums sogar ganz gelegen. Gefährlich hoher Alkoholgehalt und Mangel an Säure mag den Weinen südlicherer Burgunder Lagen zu schaffen machen, nicht aber den Kreszenzen des Niederburgund. Mit Alkoholgraden von zwölf bis dreizehn Volumenprozent und präzise abgestimmter Säure zeigen sie nicht nur typische Fruchtigkeit und Frische, sondern auch besondere Mineralität und damit Trinkigkeit. «Vielleicht sitzen wir hier auf den Grand-Cru-Lagen der Zukunft», schmunzelt Matthieu Woillez von Domaine La Croix-Montjoie in Vézelay, der gleichzeitig gesteht: «Als Sophie, meine Lebensgefährtin, und ich beschlossen haben, eine eigene Domäne aufzubauen, suchten wir nach Reben in der nördlichen Rhône und in der Bourgogne. Wir wurden in Vézelay fündig, einer Ecke, von der wir noch nie gehört hatten, obwohl wir beide im Weinbau tätig waren. Im Weiler Tharoiseau konnten wir nicht nur Reben, sondern sogar einen geräumigen, alten Hof erwerben, von dessen Terrasse aus man einen atemberaubenden Blick auf die als Kulturerbe der Menschheit klassierte Basilika von Vézelay geniesst. Als Pilgerort ist Vézelay weltbekannt, davon profitiert auch der Wein.» Wer wissen will, wie hervorragend die Rebensäfte des sympathischen Winzerpaars munden, blättere einfach ein paar Seiten weiter.

La Croix-Montjoie ist nur eines der vielen Güter, die geschickt und mit viel Engagement an der Zukunft der Region stricken. Wer Wein am Inhalt misst und nicht nur an bekannten Namen, sollte sich ein paar weitere Namen merken: Houblin-Vernin in Migé, Jean-Hugues et Guilhem Goisot in Saint-Bris, Courtault-Michelet in Lignorelles, Chablis-Produzenten, die auch einen raren Épineuil anbieten, oder die ausgezeichnete Genossenschaftskellerei von Bailly. Eine ganze Anzahl weitere Spitzenproduzenten und ihre Weine finden sich ebenfalls etwas weiter hinten in diesem Beitrag.

Lohnenswertes Reiseziel

Bedauerlich ist nur eines: Wie andere Weine aus weniger bekannten französischen Anbaugebieten sind auch die Rebensäfte des Niederburgund kaum auf den deutschsprachigen Märkten zu finden. Der Direktkauf beim Winzer ist folglich die einzige Möglichkeit, mit diesen Rebensäften bekannt zu werden. Immerhin: Ein Besuch der Region lohnt sich nicht nur wegen des Weins. Natürlich sind die (wein-)touristischen Infrastrukturen hier nicht so dicht gesät wie in bekannteren Reisedestinationen. Von Chablis mal abgesehen, das folglich neben der Stadt Auxerre einen guten Ausgangspunkt für gemütliche Streifzüge bildet, wird man schon mal nach einer Gelegenheit fahnden müssen, sich zu verpflegen. Am besten packt man ein Picknick ein! In französischen Bäckereien und Feinkostenläden (Traiteur genannt) fühlen sich Schlemmer wie im Paradies. Selbst in den pittoresken Winzerdörfern – Chitry mit seiner Wehrkirche, das romantische Vaux oder das lauschig an der Yonne gelegene Vincelottes – drängen sich keine Besucherströme. Nur in Vézelay oder in Noyers wird man länger nach einem Parkplatz Ausschau halten müssen. Mit etwas Geduld und ein paar Umwegen wird der Besucher auf so manche Perle stossen: Das historische Städtchen Joigny an der Yonne etwa erinnert mit seinem im Hintergrund aufragenden Rebhügel von Weitem an Tain l’Hermitage. Er wird hier ein stilles Kloster besuchen und dort eine trutzige Ritterburg, ein altes Waschhaus oder eine romanische Kirche oder ein paar Tage auf einem Hausboot auf dem Nivernaiskanal verbringen, mit der Angelrute und ein paar guten Büchern im Handgepäck und etwas Ziegenkäse, ein paar frische Tomaten, eine Melone, Pâté, Trockenwurst und dicke Tranchen von Petersilienschinken auf dem Campingtisch. Eines darf dabei nie fehlen: eine paar Flaschen Wein aus dem Grand Auxerrois!

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