Interview mit «Weinbauministerin» Julia Klöckner

«Oje, mein Jahrgang war kein guter»

Interview: Rudolf Knoll, Foto: BMEL, CDU Rheinland-Pfalz

Sie ist die dritte Frau in diesem Ministeramt. Die rheinlandpfälzische CDU-Politikerin Julia Klöckner dirigiert seit 14. März 2018 das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Zu diesem Ressort, in dem sie von 2009 bis 2011 bereits als Staatssekretärin aktiv war, gehört auch der Wein, zu dem sie eine besondere Beziehung hat: Sie stammt aus einem Nahe-Weingut, war zuerst Weinkönigin im Heimatgebiet und anschliessend «Deutsche Weinkönigin» (1995/96), wurde dann Weinjournalistin und wechselte schliesslich in die hohe Politik. Aber auch hier ist der Weinkühlschrank in ihrer Nähe immer gut gefüllt…

Sie sind im elterlichen Weingut in Guldental im Anbaugebiet Nahe aufgewachsen. Stand es mal zur Diskussion, dass Sie hier einsteigen, oder war das nie ein Thema?
Der Weinbau und die Weinbau-Politik begeistern mich – ganz klar. Deshalb habe ich mich auch in meiner Magisterarbeit mit Struktur und Entwicklung der europäischen Weinmarktpolitik beschäftigt und später als Journalistin für verschiedene Weinmagazine gearbeitet. Das Thema Wein spielt in unserer Familie eine grosse Rolle. Heute führt mein Bruder Stephan das Familienweingut. Hätte er sich nicht dafür entschieden und Weinbau in Geisenheim studiert, wer weiss, vielleicht hätte ich es gemacht... 

Waren das Amt als Nahe-Weinkönigin 1994 und der Titel «Deutsche Weinkönigin» 1995/96 kein Grund, sich dem Wein näher zuzuwenden?
(Lacht.) Ja, ja, die Weinkönigin. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit dieser Auszeichnung auch 20 Jahre später noch für Gesprächsstoff sorgen kann. Es war eine tolle Zeit, und ich kann jeder jungen Frau nur dazu raten, sich dafür zu bewerben, wenn sie Lust hat. Ich fühle mich auf viele verschiedene Weisen dem Wein sehr nah. Ich bin ja auch Bundesweinministerin – ein schöner Aspekt! 

Sie haben Politikwissenschaft, Theologie und Pädagogik studiert, hätten also auch zum Beispiel Lehrerin werden können. Oder war da schon das Interesse an der Politik vorrangig?
Ich habe sowohl das Staatsexamen für das Gymnasialamt als auch ein Magisterstudium absolviert. Aber in den Lehrerberuf ging es für mich nur kurz – während des Studiums, da habe ich Religion mit einer Sondermission unterrichten dürfen. Aber nach dem Studium ging es für mich zum SWR und zum Meininger Verlag in den Journalismus. Und dann – eher ungeplant – in die Politik, in den Deutschen Bundestag. Vieles kann man einfach nicht planen, sondern man muss sich entscheiden, wenn sich Optionen ergeben. 

Gab es ein besonderes Erlebnis für das schon in jungen Jahren offenbar grosse Interesse an der Politik?
Am Diskutieren und Organisieren hatte ich schon als Jugendliche Spass, war aktiv in einer Jugendarbeitsgruppe meiner Pfarrgemeinde. Als Studentin war ich schon Mitglied in der Jungen Union. Was mich antreibt, ist der Wunsch und Wille, mich für Überzeugungen und Mitmenschen einzusetzen. Als Bundeslandwirtschaftsministerin kümmere ich mich um vielfältige Themen: vom kleinen Nutztier, der Biene, bis zur Welternährung. Von Fischerei über Forst bis Gartenbau, vom Almbauer über den Schäfer bis zum Winzer und zur Digitalisierung. Das ist sehr erfüllend – und füllt auch meinen Kalender (lacht). 

«Am Markt entscheiden die Verbraucher, welche Produkte sich durchsetzen. Orange­weine bleiben wohl ein Nischenprodukt.»

Schon als knapp 30-Jährige wurden Sie in den Deutschen Bundestag gewählt. Haben Sie sich sofort in der hohen Politik zurechtgefunden?
Ich bin ins kalte Wasser gesprungen, klar muss man sich dann erst orientieren – aber auch der Deutsche Bundestag ist kein Hexenwerk (lacht). Wichtig ist, dass man gerne mit Menschen zu tun hat, geländegängig ist – und mit wenig Schlaf auskommt.   

Und welchen Anteil hat Ihr Herz dabei?
Es ist aus meiner Sicht sehr wichtig, beim Regieren das Herz nicht zu vergessen. Allerdings kann ich nicht nur Politik nach meinem Herzen oder aus dem Bauch heraus machen. Es ist vor allem wichtig, auf sachlicher Ebene zu diskutieren und dann mit Sachverstand und auf Daten und Fakten basierend Entscheidungen zu treffen. Aber Mitgefühl, Verständnis und Empathie für andere und deren Situation zu haben, das ist eine Grundvoraussetzung für eine menschenfreundliche Politik. 

In welchen Bereichen können Sie sich direkt in den Weinbau einmischen?
In praktisch allen Belangen des Weinbaus, die auf Bundes- und europäischer Ebene geregelt werden: Forschung und Rebenzüchtung, Anbau, Erzeugung und Verarbeitung, Kennzeichnung sowie Vermarktung und Handel – als Politikerin und Ministerin. Und als Verbraucherin: beim Flaschenentkorken und Geniessen (lacht).

Haben Sie Kontakt mit Länderministern, die ebenfalls den Weinbau im Ressort haben, zum Beispiel dem rheinland-pfälzischen Weinbauminister Dr. Volker Wissing, der über 64 000 Hektar Reben gebietet?
Ich stehe in engem Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus den Ländern. Auch bei den regelmässig tagenden Agrarministerkonferenzen. Dabei dürfte es niemanden überraschen, dass Rheinland-Pfalz in Weinangelegenheiten mit zwei Dritteln der deutschen Rebfläche eine besondere Rolle spielt. 

Dr. Wissing will die deutsche Weinkultur als immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO schützen lassen. Ist das nicht arg hochgegriffen angesichts der Tatsache, dass deutscher Wein sehr gespalten ist, auf der einen Seite hochklassige Weine von Spitzengütern, auf der anderen Seite jede Menge Billigweine, die im Discount und im LEH für deutlich unter 3 Euro im Regal stehen und gegenüber dem Auslandswein eine Minderheit darstellen?
Ich könnte mir vorstellen, dass die Erfolgschancen höher wären, wenn sich die Bewerbung auf die Tradition des Steil- und Terrassenlagenweinbaus konzentrierte. Davon abgesehen: Warum sollte nicht grundsätzlich das, was für deutsches Brot oder hochalpine Alpwirtschaft im Allgäu gilt, auch für die jahrtausendealte Weinkultur in Deutschland möglich sein? Dies muss nicht ausschliessen, dass es auch preisgünstige Steillagenweine gibt. Entscheidend ist, dass die Qualität stimmt.

Eine neue Weingesetzgebung ist im Werden. Sind Sie hier involviert? Und, wenn ja, glauben Sie, dass sich die unterschiedlichen Interessen der Erzeuger auf einen Nenner bringen lassen?
Natürlich bin ich mit meinem Ministerium in die Weingesetzgebung involviert. Deshalb setze ich auf einen intensiven Austausch mit der Weinwirtschaft und den Ländern. Mein bisheriger Eindruck ist, dass wir auf einem guten Weg sind. Im EU-Recht ist ein modernes Weinbezeichnungsrecht angelegt. Ich setze mich dafür ein, dass es in Deutschland optimal umgesetzt wird, also angepasst an die besonderen klimatischen, geografischen und strukturellen Verhältnisse. Wir werden dabei aber nicht auf die bewährten Elemente des in Deutschland eingeführten Systems verzichten, zum Beispiel Angabe der Rebsorte bei Weinen mit Herkunftsschutz, Begrifflichkeiten wie «Qualitätswein» oder «Prädikatswein».

«Die Klimaanpassung ist von grosser Bedeutung für die Politik meines Ministeriums. Wir bringen uns aktiv ein und stellen die notwendigen Ressourcen zur Verfügung.»

Was halten Sie von Trends wie Orangewein oder davon, auf die klassischen Bezeichnungen zu verzichten und nur noch «Landwein» auf das Etikett zu schreiben?
Im deutschen Weinbau gab es schon immer spannende und innovative Trends, angefangen bei neuen Rebsorten, dem Weinausbau und der Verarbeitung oder auch der Vermarktung. Letztlich entscheiden aber immer die Verbraucherinnen und Verbraucher, welche Produkte sich am Markt durchsetzen. So wird es auch bei den Orangeweinen sein, die nach meiner persönlichen Einschätzung auch künftig Nischenprodukte bleiben. 

In Ihrem elterlichen Weingut deklariert Ihr Bruder die meisten Weine als Landwein, obwohl sie von der Wertigkeit her manchmal Spätlesen sind. Gibt es dazu mal von Ihrer Seite kritische Einwände? Tauschen Sie sich mit ihm darüber aus?
Mein Bruder führt das Weingut, ich mache Politik – und trinke seine Weine. Natürlich tauschen wir uns aus. Stephan ist mit dem Weingut sehr erfolgreich, und die Kunden geben ihm Recht.  

Es gibt bei der Weindeklaration Extreme. Wir kennen zum Beispiel einen auf der Maische vergorenen Silvaner, der von der Prüfung abgelehnt wurde. Jetzt steht «Deutscher Wein» auf dem Etikett und auf der Rückseite «Weisswein einer einzigen Rebsorte». Ein anderer Winzer hat Grauburgunder als Rosé ausgebaut, was bei der Prüfung beanstandet wurde. Jetzt steht «Generation Farbecht» auf dem Etikett. Und da die Sorte nicht angegeben werden darf, ist jetzt «Rednugrubuarg» zu lesen, also Grauburgunder von hinten. Sollte es bei der Weinprüfung nicht ein bisschen mehr Flexibilität, auch im Interesse der Konsumenten, geben?
Wir sprechen hier von Qualitätsweinen, also von Weinen, die unter dem Namen eines Anbaugebietes vermarktet werden sollen und damit nach EU-Recht eine geschützte Ursprungsbezeichnung tragen. Das bedeutet, dass innerhalb dieses Systems der einzelne Erzeuger nicht machen kann, was er will. Er kann versuchen, für diese Weine einen eigenen Schutz zu bekommen. Es stimmt aber schon, dass bei der Rebsortenangabe bei «Deutschem Wein» durchaus grössere rechtliche Flexibilität denkbar wäre.

Glyphosat, oder als Marke Roundup, ist im Weinbau als Herbizid im Einsatz. Ihr Vorgänger von der CSU hat 2017 in der EU den weiteren Einsatz durchgewinkt und ist auf viel Protest gestossen, weil das Mittel als gesundheitlich bedenklich gilt. Sollte Glyphosat generell verboten oder zumindest der Einsatz begrenzt werden?
Wir werden mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich überflüssig zu machen. Wir müssen vor allem das grosse Ganze in den Blick nehmen. Mit einer Ackerbaustrategie will ich Agrarsysteme so umgestalten, dass sie weniger anfällig sind für Schädlinge. Es geht darum, Wege zu finden, Pflanzenschutzmittel umwelt- und naturverträglich anzuwenden, und um die Forschung nach alternativen Pflanzenschutzverfahren. Ich sehe hier hohes Einsparpotenzial durch Digitalisierung und zielgenaues Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln durch digitale Techniken – zum Beispiel satellitengesteuerte Gerätschaften 
 

Der hitzige Sommer 2018 machte einmal mehr deutlich, dass wir mitten im Klimawandel stecken. Das geht auch Ihr Ressort Landwirtschaft und damit den Weinbau an. Welchen Rat geben Sie Winzern, was sollte geändert werden?
Klimaanpassung ist von grosser Bedeutung für die Politik meines Ministeriums. Auch der Koalitionsvertrag greift das Thema auf und sagt explizit: «Wir wollen die deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel fortentwickeln und dafür die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen.» Dabei werden wir uns aktiv einbringen. Das Thünen-Institut und kürzlich auch das Julius-Kühn-Institut – das sind beides Ressortforschungseinrichtungen meines Ministeriums – haben Stabsstellen benannt, die sich übergreifend mit Fragen der Klimaanpassung in der Landwirtschaft auseinandersetzen. 

Zu Ihrem eigenen Weingeschmack: 
Die Homepage des Weingutes Klöckner verrät, dass Sie gern trocken trinken. Welche Sorten werden bevorzugt?
Ja, das stimmt. Bei einem schönen, trocken ausgebauten Grauen Burgunder kann ich schwer «nein» sagen. Aber ich mag die Abwechslung genauso gern. Es ist doch spannend, verschiedene Weine zu probieren oder vielleicht auch erst nach und nach zu entdecken. Das ist wie im wahren Leben – das soll auch Spass, Freude und immer mal Neues bringen. Wichtig ist mir dabei allerdings immer, dass ich ein Mensch bin, der mit Genuss ein Glas Wein trinkt, nicht so nebenbei. 

Ist für Sie die Kombination Essen und Wein ein wichtiger Faktor? Wenn ja, lieben Sie es gelegentlich risikoreich oder setzen Sie auf bewährte Kombinationen?
Es ist schon toll und bemerkenswert, wie sich Wein und Essen ergänzen können. Welche verschiedenen Noten beim ein oder anderen herausgehoben werden. Aber auch der Gegensatz kann reizvoll sein. Ich halte mich nicht unbedingt an die vermeintlichen Regeln: Für mich darf es auch mal ein Glas Rotwein zum Fisch oder Weisswein zum Braten sein. Nur schmecken muss es.

Haben Sie einen eigenen Weinkeller und, wenn ja, wie viele Flaschen liegen darin?
Die Frage ist, wo Sie diesen vermeintlichen Keller verorten (lacht). Im Ministerium haben wir natürlich gute Weine, ich zuhause lagere meine Favoriten im grossen Weinklimaschrank.  

Handelt es sich nur um deutschen Wein oder gehen Sie gelegentlich auch fremd?
Keiner sollte betriebsblind werden, sondern offen und neugierig sein. Natürlich trinke ich auch Weine aus anderen Ländern, lege aber als deutsche Politikerin, die auch von den Steuergeldern unserer Winzer bezahlt wird, Wert darauf, dass bei Anlässen der Bundesregierung Weine deutscher Winzer ausgeschenkt werden. 

Haben Sie schon Wein vom eigenen Jahrgang 1972 getrunken? Wie darf man die Qualität des Jahrgangs einschätzen?
Oje, ein guter Weinjahrgang war’s nicht... Zu meinem Abitur haben wir einen 72er entkorkt, er hatte mehr Symbol- als Geschmackswert (lacht). Mein verstorbener Vater meinte immer schmunzelnd, entweder gibt es in einem Jahrgang gute Weine oder gute Töchter. Oder eben gute Weine und gute Söhne – so bekam er die Kurve bei meinem Bruder, er ist Jahrgang 71.

Ihren Kontakt zum Wein haben Sie zuletzt bei zwei speziellen Veranstaltungen vertieft. Auf dem «Ball des Weines» in Wiesbaden und als Zaungast bei einem Spiel der Weinelf Deutschland in Bonn gegen ein Team Ihres Ministeriums. Haben solche Kontakte gutgetan? Wen haben Sie beim Kick angefeuert: die Spieler des Ministeriums oder die Winzer?
Diese Frage ist mir zu gefährlich...

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