Big Player Provins auf ambitiösen Wegen

Agiler Walliser Weingigant

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: z.V.g.

Mit seinen Icon-Weinen mischt Provins munter in der Szene der helvetischen Top- weine mit. Doch das ist nicht alles. Der Walliser Riese, der heute die Ernte von rund 800 Hektar einkellert, will diesen Bestand optimieren um die Qualität zu sichern. Und geht gleichzeitig auf Tuchfühlung mit den Geniessern. In kurzer Zeit wurden zwei inzwischen hoch bewertete Gourmetlokale und zwei Provins-Boutiquen im Wallis lanciert. Jetzt folgt ein Concept-Store mit Weinbar in Zürich.

Die Provins-Zentrale im Industriequartier von Sion hat nichts mit der gemächlichen helvetischen Weingemütlichkeit zu tun. Dieses Haus verkörpert pure Grösse, so wie man sie beispielsweise im australischen Barossa Valley findet, etwa bei Penfolds. Und was der dortige Chief-Winemaker Peter Gago über sein Haus sagt, gilt genauso für Provins: «Die pure Grösse eines Kellereigebäudes sagt heute rein gar nichts mehr über die Weine aus, die darin gemacht werden.

Denn in den grössten Weinhangars der Welt entstehen heute mitunter die handwerklichsten Weine.» Der Provins-Keller hat eine Kapazität von zehn Millionen Liter. Als der heutige Generaldirektor Raphaël Garcia im Jahr 2014 sein Amt antrat, waren die Lager gut gefüllt, die finanzielle Lage jedoch kritisch. Das Unternehmen hatte das Geschäftsjahr zuvor mit einem Verlust von vier Millionen Franken abgeschlossen. Der angesichts dieser Situation neu eingesetzte Verwaltungsratspräsident Pierre-Alain Grichting hatte Garcia damals als CEO verpflichtet mit dem klaren Ziel, die Verkaufszahlen zu verbessern. Raphaël Garcia spricht lieber über die Zukunft als über die Vergangenheit, sagt aber doch: «Das vorherige Team hat mit der Konzentration der ehemals acht Kellereien auf den Standort Sion eine energieraubende Parforce-Leistung erbracht. Es ist nur logisch, dass der Fokus während dieses Prozesses mehr bei Produktions- und Qualitätsfragen lag.»

Nach Garcias Antritt wurde als Erstes das Angebot gestrafft, von 195 Positionen auf inzwischen 110 Positionen. Eine weitere Massnahme sicherte ihm die Sympathie der Geniesser. Die Preise für die Topweine wurden angepasst. Auch beim roten Flaggschiffwein des Hauses, der Cuvée Electus. Als der 2010er, der erste Jahrgang dieser Selektion, im Jahr 2014 lanciert wurde, kostete dieser Wein stolze 190 Franken. Inzwischen ist er für 150 Franken zu haben. Noch mehr Grund zur Freude hatten aber die Provins-Winzer. Erhielten sie vorher das Geld für ihre Trauben gestaffelt in fünf Auszahlungen über ein Jahr hinweg, so bekommen sie nun 80 Prozent des Betrages bis spätestens zwei Monate nach der Ernte. Dies war eine der ersten Massnahmen des neuen Provins-Vorstandes. «Dieser schnellere Auszahlung in Verbindung mit einer moderaten Anhebung der Traubenpreise hatte einen sehr positiven Einfluss auf die Stimmung im Betrieb», sagt Raphaël Garcia.

280 Hektar als Basis für Top-Crus

Wie andere zeitgemäss agierende Genossenschaften auch, arbeitet Provins heute mit einem System, das nur noch teilweise der traditionellen Genossenschaftsstruktur entspricht. Von den insgesamt 800 Hektar im Wallis, von denen das grösste Weingut der Schweiz die Trauben verarbeitet, werden 280 Hektar in eigener Regie von 20 Winzern bewirtschaftet, die alle als kleine Firmen organisiert sind. Aus diesen Rebbergen kommen alle Topweine, von den Flaggschiff-Gewächsen Electus und Eclat bis zur renommierten Maître de Chais-Linie. Die zweite Stufe in der Anbaustruktur bilden weitere 50 Winzer und Rebbergsbesitzer, die ihr Metier vollberuflich ausüben und im Rahmen eines Fixvertrages mit der Provins verbunden sind. All diese fest an das Unternehmen gebundenen Winzer liefern heute 75 Prozent der verarbeiteten Trauben. Die übrigen 25 Prozent verteilen sich auf tausende von Nebenerwerbswinzern.

Rund sieben Millionen Flaschen Wein produziert Provins jährlich. Der Anteil der prestigeträchtigen Topweine (Electus und Eclat sowie die Linien Les Domaines und Les Titans) liegt dabei bei rund 80 000 Flaschen. Was die Vinifikation anbelangt, sind die Rollen klar verteilt. Luc Sermier, seit Jahrzehnten gewissermassen das önologische Gewissen des Betriebes, ist für die Traditions- und Basislinien des Hauses wie «Charte d‘Excellence» und «Grands Dignitaires» verantwortlich. Gewissermassen als seine persönliche Visitenkarte keltert der sportliche Önologe, der rund 15 Mal die Patrouille des Glaciers, das wohl härteste militärische Ski-Bergsteige-Rennen der Welt, absolviert hat, die Toplinie Les Titans.

Der Name ist eine Hommage an jene Männer, welche im Wallis die gewaltigen, alpinen Staudämme gebaut haben. Tief in den Gemäuern des grössten dieser Dämme, nämlich der «Grande Dixence», auf einer Höhe von 2200 Meter über Meer, reifen denn auch die «Titanen» in ihren Barriques. Alle anderen Topweine von Provins werden unter der Regie von Damien Carruzzo vinifiziert. Carruzzo hat 14 Jahre lang eng zusammen mit der legendären Provins-Önologin Madeleine Gay gearbeitet und mit ihr die Maître de Chais-Weine betreut. Seit der Pensionierung von Gay im Jahre 2015 ist Carruzzo nun alleine für diese Prestigelinie verantwortlich, die mit einer Gesamtmenge von rund 200 000 Flaschen das Kunststück schafft, hohe Qualität und vergleichsweise grosse Volumen in sich zu vereinen. Darüber hinaus keltert er auch die Gewächse der neu kreierten Prestigelinie Les Domaines, die Selektionen aus so bekannten Rebbergen wie Domaine de Tourbillon oder Clos Corbassières umfasst, sowie die beiden Icon-Weine von Provins, den weissen Eclat und den roten Electus.

Abgerundet wird das Önologenteam von der 27-jährigen Ilona Thétaz, die im Luzerner Hinterland aufgewachsen ist und ursprünglich ins Wallis kam, um eine Zirkusschule zu besuchen, sich dann aber mehr und mehr mit landwirtschaftlichen Spezialitäten und je länger, je mehr mit Wein beschäftigte. Die junge Önologin mit ihrem eigenständig-frischen Auftritt wirkt dabei zunehmend auch als Provins-Botschafterin in der deutschen Schweiz, wo das Unternehmen das grösste Marktpotenzial sieht und folglich hier stärkere Akzente setzen möchte. Ein kontinuierliches Wachstum, eine optimierte Marktstrategie und eine stärkere Visibilität gegenüber den Kunden, das sind für den heutigen Provins-Verwaltungsratspräsidenten Léonard Perraudin die zentralen Herausforderungen der Zukunft.

«Bezüglich Wachstum sehen wir vor, mittelfristig die von uns heute bewirtschaftete Rebfläche so zu optimieren, dass wir künftig noch besser über jene Qualitäten verfügen, welche die Konsumenten von uns erwarten. Erstens, um unsere Infrastruktur voll ausschöpfen zu können, zweitens aber auch, um die Risiken infolge der zunehmenden Klima-Kapriolen minimalisieren zu können», sagt Raphael Garcia. Zum Thema Kundennähe meint er: «Klar können wir als Grossbetrieb nicht wie ein Selbstkelter agieren. Aber mit unserer vielseitigen Event- und Sponsoring-Strategie, ist es trotzdem möglich, die Nähe zu unseren Kunden herzustellen. Dieser neue Provins-Spirit ist wichtig, besonders um unseren Topweinen mehr Identität zu geben.»

Mehr Provins-Kultur für Konsumenten

Was es bisher schon in Sion, Sierre und Leytron gab, sind die sogenannten «Espace Provins», Verkaufsstellen mit einem Degustationsdesk, wo auch Terroirprodukte serviert werden und  regelmässig Verkostungen stattfinden. Neu hingegen ist das Konzept der Provins-Boutique. Das sind edel eingerichtete Lokale, ein Mix aus Shop, Bar und Restaurant, die von der Gestaltung her schlichten Alpenchic mit hochwertigen Materialien verkörpern. In Brig und Martigny sind solche Boutiquen schon in Betrieb, nun wird an der Europaallee in Zürich im Juni 2019 ein Lokal mit einem nochmals verfeinerten Konzept unter dem Namen «Provins Wine &  Co» eröffnet, ein Showcase für urbanen Walliser Wein-Lifestyle.

Ausflug in die Topgastronomie

Mehr Wachstum und Visibilität auf einen Schlag verschaffte sich die Provins mit der Übernahme des Weingutes Régence-Balavaud in Vétroz. Erstens konnte damit der Eigenbesitz an Reben um zehn Hektar vergrössert werden, was selten möglich ist im stark fragmentierten Walliser Weinbau. Zudem kam man durch die Übernahme auch zu einem kleinen aber feinen Boutique-Hotel mit Restaurants. Dank der Verpflichtung des renommierten Küchenchefs Samuel Destaing wird dort nun auf einem Niveau von 17 «Gault Millau»-Punkten gekocht. Mit seinem eigenständigen Flair bietet Régence-Balavaud in idealer Weise die Chance, die neu definierten Werte der Marke Provins nach aussen zu tragen. Nach einem  ähnlichen Konzept wird heute auch das schon länger der Provins gehörende Castel d’Uvrier geführt. Bisher war das burgähnliche Anwesen der Ort, wo der neue Topwein Electus einem ausgewählten Publikum vorgestellt und zelebriert wurde. Nun ist das Castel in ein Restaurant (14 Gault Millau Punkte) umfunktioniert worden, wo Küchenchef Bruno Toppazzini eine authentische Terroirküche zelebriert.


Garant für Topcrus

Schon die Linie Maître de Chais, von der insgesamt stolze 200 000 Flaschen produziert werden, ist qualitativ hervorragend. Und die Icon-Weine (Eclat und Electus sowie die Linien Les Domaines und Les Titans) sind selbst im internationalen Vergleich top. Folgende fünf Weine haben wir besonders hoch bewertet.
www.provins.ch

Petite Arvine Maître de Chais 2017

17.5 Punkte | 2019 bis 2023

Delikater, nicht zu üppiger Duft nach Agrumen, dazu Wiesenblumen, mineralische Noten und ein Anflug von Waldhonig. Im Gaumen feinziseliert und erfrischend knackig.

Petite Arvine Les Titans 2014

18 Punkte | 2019 bis 2026

Nach kurzer Maischenstandzeit zwei Jahre in gebrauchter Eiche auf 2200 Meter über Meer ausgebaut. Edle Zitrusfrucht und ein Hauch von frischer, harzartiger Würze. Im Gaumen sehr komplex und elegant.

Eclat 2016

18.5 Punkte | 2019 bis 2026

Trotz schwieriger Wetterbedingungen entstand ein ausserordentlich beschwingter Wein. Die Cuvée aus Petite Arvine (95 Prozent) und Heida zeigt Aromen von Garrigue-Kräutern, Zitrusfrüchten, dazu eine Spur von Rauch und Feuerstein. Im Gaumen Eleganz und Finesse pur.

Clos Corbassières Les Domaines 2014

18 Punkte | 2019 bis 2026

Cuvée aus sechs verschiedenen Sorten, die im ein Hektar grossen Clos mit viel schwarzem Schiefer reifen. Rote Beeren, vor allem Sauerkirschen, Lakritze, Rauch. Im Gaumen temperamentvoll, lebendig. Toller Wein!

Electus 2015

18 Punkte | 2019 bis 2025

Der Syrah gibt bei dieser Cuvée aus sechs Sorten den Ton an. Reichhaltige Aromatik mit Johannisbeeren, Garrigue-Kräutern, Veilchen, Leder und Unterholz. Im Gaumen kernig, besticht eher durch Eleganz als durch Power. Getragen von einer saftigen Säure.

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