Legendäre Lagen

Cerequio

Text: Christian Eder, Foto: z.V.g.

Eine «legendäre Lage», die einem als erste in Bella Italia in den Sinn kommt? Als diese Frage auftauchte, um die Serie von «Legendären Lagen» in VINUM mit einem italienischen Vertreter zu füllen, da war die Antwort schnell gefunden. Ausser Monfortino, wo nur ein Produzent an seinem Wein bastelt, kam nur eine weitere Lage im Barolo-Gebiet in Frage. Und da führt an Cerequio – der Riviera delle Langhe – kein Weg vorbei.

Riviera delle Langhe heisst Cerequio deshalb, weil der Rebberg in einem natürlichen Amphitheater zwischen den Gemeinden La Morra und Barolo liegt und weitgehend gegen Süden ausgerichtet ist. Mittendrin im Kerngebiet des Barolo mit seinen vielen renommierten Crus ist Cerequio doch etwas Besonderes. Davon ist zumindest jeder einzelne der sieben Winzer überzeugt, die einen ihrer Spitzenweine hier produzieren: Angelo Gaja keltert mit dem Barolo DOP Conteisa eine seiner zwei Barolo-Einzellagen (neben dem Sperss aus Serralunga), Roberto Voerzio setzt in Cerequio ebenso wie in seinen anderen Barolo-Crus auf den Mix aus hoher Pflanzdichte und nur einem halben Kilo Ertrag pro Pflanze, Michele Chiarlo keltert neben seinem normalen Cerequio hier seine einzige Riserva. Und auch für die Familie Dogliani (Besitzer des Weinguts Batasiolo), Flavio Saglietti, Achille Boroli oder die Gebrüder Damilano ist der Cerequio ein Flaggschiffwein ihrer Güter.

Natürliches Amphitheater mit Reben

Gaja nimmt mit seinem Namen Conteisa (piemontesisch für Italienisch: contesa, übersetzt: Streit) statt Cerequio auf einen Streit zwischen den Gemeinden La Morra und Barolo Bezug: Im 15. und 16. Jahrhundert waren sich die beiden Kommunen über die Grenzziehung uneins, einhundert Jahre lang. Der Streit wurde schliesslich beigelegt, die Grenze verläuft heute mitten durch Cerequio – der grösste Teil des Rebbergs liegt in La Morra, ein kleiner Teil in Barolo.

Die Qualität des Rebberges war bald anerkannt: Der renommierte Wissenschaftler Lorenzo Fantini bewertete die Lage in seinem weinkundlichen Standardwerk «Monografia della Viticoltura ed Enologia nella Provincia di Cuneo» im Jahre 1879 als «Posizione sceltissima», wohingegen fast alle anderen Lagen im besten Fall eine «Posizione scelta» hatten. Renato Ratti, Barolo-Pionier aus La Morra, nahm die Lage 1965 in seine berühmte Barolo-Karte als «Prima categoria» auf. Und natürlich ist Cerequio auch eine der 181 MGA (menzione geografiche aggiuntive, geografische Zusatzbezeichnungen) des Barolo-Gebietes, die 2010 eingeführt wurden.

Der Weinberg hat seinen Namen von einer Cerequio genannten Borgata, einer kleinen Siedlung, die sich noch inmitten des Weinbergs befindet. Cerequio liegt im Westen der Strasse, die Alba mit Barolo verbindet, in einer Meereshöhe zwischen 290 und 400 Metern, zum grössten Teil in Südposition. 25 Hektar sind in diesem natürlichen Amphitheater mit Reben bepflanzt, Gaja, Michele Chiarlo und Batasiolo nennen die grössten Stücke ihr Eigen.

Dabei sind fast alle Winzer Neuankömmlinge: Bis in die 1980er Jahre hiessen die Besitzer der Rebgärten Contratto oder Marengo-Maderno, zwischen den Reben waren sogar noch Obst- oder Nussbäume gepflanzt. Doch als die Preise für Barolo-Rebberge begannen, sich zu vervielfachen (heute sind wir bei rund vier Millionen Euro pro Hektar angelangt), nutzten einige den günstigen Augenblick.

Streng limitierte Produktion

Einer der ersten war Roberto Voerzio: Nachdem er gemeinsam mit seiner Frau sein Weingut 1986 mit einem einzigen eigenen Rebberg gegründet hatte, wollte und musste er wachsen. «In Cerequio Wein zu machen, war von Anfang an mein Herzenswunsch», erzählt er, «es war schon damals eine der interessantesten Lagen des Barolo mit einem ganz speziellen Charakter!» 1988 pachtete er deshalb die ersten Reben in Cerequio an, seitdem ist sein heute 2,5 Hektar grosser Anteil einer seiner Top-Crus. Die Produktion ist streng limitiert, es sind gerade mal 3408 Flaschen, 84 Magnums, 40 DoppelMagnums und fünf 12-Liter-Flaschen (im Jahrgang 2015), die auf den Markt kommen.

Mehr als neun Hektar nennt einer der anderen Pioniere des Cerequio sein Eigen: Michele Chiarlo aus Calamandrana im Monferrato hat ebenfalls 1988 sechs Hektar erworben und später um weitere 3,5 angepachtete Hektar erweitert, seitdem ist sein Cerequio eines der Aushängeschilder der Lage. Aus der ältesten Parzelle, die 1972 gepflanzt wurde und nur 0,9 Hektar gross ist, kreiert Chiarlo zusätzlich 3200 Flaschen einer Riserva. Überdies hat er mitten im Rebberg einen alten Landsitz aus dem 18. Jahrhundert in ein kleines, feines Relais mit neun Zimmern und Restaurant umgewandelt. Palas Cerequio nennt er es passenderweise.

Angelo Gaja kam 1995: Sechs Jahre nach dem Kauf des Sperss-Rebbergs in Serralunga sah er sich nach einem zweiten Cru im Barolo-Gebiet um. Die Wahl fiel auf Cerequio, wo Gaja zehn Hektar des Weingutes Marengo-Marenda erwarb und zum grössten Teil neu bepflanzte. Lediglich 1,8 Hektar mit inzwischen 60 Jahre alten Reben wurden belassen. Angelo Gaja: «Cerequio ist ganz anders als die anderen Baroli. Wenn man auf der einen Seite den Sperss aus Serralunga mit seiner Struktur und den kraftvollen Gerbstoffen hat, ist der Conteisa elegant, wenn man dieses inflationär gebrauchte Wort verwenden will. Man kann auch sagen: snello (schlank) in seiner besten Bedeutung. Es sind Weine, die sich über die Jahre sehr linear entwickeln und nie ihren Cerequio-Charakter verlieren. Auch hier sind die Barolo-typischen Gerbstoffe präsent, aber immer Teil eines harmonischen Ganzen.»

Michele Chiarlo sieht in der Komposition des Bodens einen der wichtigsten Faktoren für die Qualität der Lage: «Die sogenannten Tortoniana-Böden bestehen aus sandig-kalkhaltig-lehmigem Mergel, Ablagerungen des Urmeeres, sind arm an organischen Substanzen, aber reich an Mikroelementen wie Mangan und Magnesium. Sie ergeben Weine von grossem Charakter und Harmonie: streng, aber auch elegant, in Balance zwischen Finesse und Aromenreichtum.» Sein Sohn Stefano schätzt vor allem die balsamischen Aromen, vor allem die Minze, die typisch sind für die Lage: «Zu Beginn sind die Tannine nicht so weich wie zum Beispiel im Cannubi, aber ihre hervorragende Qualität und Langlebigkeit trägt zur Harmonie eines Cerequio bei, die den Wein ein ganzes Leben prägt.»

Roberto Voerzio sieht eine der Stärken des Cerequio in seiner Finesse, eine andere in seiner Fähigkeit, den jeweiligen Jahrgang auszudrücken. «Die Weine zeigen sich voller Saft und Samt, auch in trockenen Jahren wie 2017 sind sie nie zu opulent, sondern bei aller Struktur harmonisch, in kühleren, wie 2016, kraftvoll und finessenreich. Der Jahrgang 2015 hingegen glänzt mit seiner feinen Textur. Aber immer sind rote Früchte – und überraschenderweise auch Zitrusnoten – in den Aromen dominant: Sie reichen von Himbeeren über Walderdbeeren bis zu Pflaumen.»

Für Stefano Chiarlo ist es vor allem ein Ausdruck von Eleganz, der einen Cerequio ausmacht und der sich durch die Weine der meisten der Produzenten zieht: «Die ausgewogenen Aromen, die kraftvollen und doch gut eingebundenen kraftvollen Gerbstoffe und dazu diese Finesse lassen manchmal an einen Pinot erinnern. Dieser Fil Rouge der Lage entwickelt sich meist erst nach zehn Jahren.» Um diesen roten Faden der Lage herauszuarbeiten, organisiert die Familie Chiarlo einmal im Jahr im Frühling eine Vergleichverkostung, bei der die meisten Cerequio-Produzenten vertreten sind. «Jeder interpretiert die Lage anders», meint er.

Wie Flavio Saglietti, der den Charakter eines Rebberges gerne «erfasst»: «Wenn man mit der Hand in die Erde greift, dann kann man die Bodenstruktur des Cerequio spüren, diese Konzentration von Mergel, Lehm und Kalk, einen Charakter, den man dann auch im Wein findet.» Der ausgebildete Önologe hat den Mischbetrieb des Vaters 1996 auf Weinbau umgestellt, 2006 hat er die 3000 Quadratmeter in Cerequio schliesslich gekauft, die seine Familie zuvor schon angepachtet hatte. Heute kultiviert er neben Cerequio auch 4000 Quadratmeter in Brunate und fast fünf Hektar in der Lage Serradenaro nahe seinem kleinen Weingut in La Morra.

Frühe Lese im Jahr

Natürlich ist nicht nur alles eitel Sonnenschein in Cerequio: Die Lage wird regelmässig von Hagel getroffen, gegen den die Winzer zum Teil mit Netzen vorsorgen. Trotzdem kann es immer wieder passieren, dass komplette Jahrgänge ausfallen – wie bei Gaja der Conteisa 2016, der nicht produziert wurde. Auf der anderen Seite ist ein grosser Teil des Rebbergs in sonniger Südposition, was natürlich auch dazu führt, dass die Trauben schnell reifen und dann in heissen Jahren der Sonneneinstrahlung intensiv ausgesetzt sind. Die Trauben in Cerequio reifen daher auch bis zu zwei Wochen vor anderen Lagen im Barolo-Gebiet.

Nach einer Folge warmer Jahrgänge wird zum Teil schon Ende September und Anfang Oktober gelesen. Insbesondere in warmen und heissen Jahren. Die Winzer müssen sich darauf einstellen: «Der Klimawandel erfordert natürlich viel mehr Arbeit im Rebberg», sagt Stefano Chiarlo. «Nicht nur jede unserer elf Parzellen auf Cerequio wird anders behandelt, jede einzelne Traube ist uns wichtig.»

Zu den bestehenden sieben Cerequio-Winzern gesellt sich wahrscheinlich mit dem Jahrgang 2019 ein weiterer: Das ebenfalls in La Morra beheimatete Weingut Voerzio-Martini, das einen halben Hektar von Boroli gekauft hat. Das ist noch nicht alles – Roberto Voerzio wird seine Cerequio-Produktion erhöhen: 7000 Quadratmeter hat er gerade zusätzlich zu seinen bestehenden 2,5 Hektar angepachtet, 2024 werden diese Trauben dann Eingang in seinen Barolo Cerequio finden.


Batasiolo

Im Herzen der Langhe keltert die Familie Dogliani ihre Palette an piemontesischen Weinen – darunter auch in der Lage Cerequio. Bewirtschaftet werden rund 140 Hektar in verschiedenen Positionen, davon mehr als die Hälfte Baroli aus sieben verschiedenen Lagen im Anbaugebiet. Vinifiziert werden die Weine in der modernen Kellerei in La Morra.

www.batasiolo.com


Boroli

In den 1990er Jahren begann die Familie Boroli, Weine in Castiglione Falletto zu produzieren und einige der renommiertesten Lagen des Anbaugebietes zu kultivieren, darunter Cerequio: Seit 2000 ist Achille Boroli für den Weinbau zuständig. Eine kleine, feine Selektion von Baroli steht im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie.

www.boroli.it


Michele Chiarlo

1958 kellerte Michele Chiarlo seinen ersten Wein ein, später initiierte er das Nizza DOCG mit, ist aber auch schon lange in den Langhe und Gavi präsent. Heute bewirtschaftet er mit seinen Söhnen Alberto und Stefano 110 Hektar insgesamt, davon 9,5 in der Lage Cerequio, und produziert dort einen der sieben Einzellagenweine der Kellerei.

www.michelechiarlo.it


Damilano

Die Geschichte der Kellerei begann im fernen 1890, heute kultivieren Guido, Paolo und Mario Damilano eine Reihe von grossen Barolo-Crus wie Cannubi und Cerequio. Damilano bewirtschaftet in Cerequio 0,6 Hektar Rebfläche in 320 Meter Meereshöhe, nach Osten ausgerichtet. Der Hektarertrag liegt bei 50 Doppelzentner, die Jahresproduktion bei 2700 Flaschen.

www.cantinedamilano.it


Gaja

1961 trat Angelo Gaja – Jahrgang 1940 – in die Fussstapfen seines Vaters. Aus dem heimatlichen Barbaresco hat er längst ein Imperium aufgebaut, das sich von den Langhe bis nach Bolgheri, Montalcino und Sizilien ausdehnt. Die Familie Gaja (Angelo wird von seinen Kindern Gaia, Rosanna und Giovanni unterstützt) produziert unter anderem vier Barbareschi und drei Baroli.

www.gaja.com


Flavio Saglietti

Das elf Hektar kleine Weingut (davon 5,5 Hektar Weinberge) liegt in La Morra im Weiler Bricco del Dente. Gegründet wurde es von Flavios Vater Giacomo, 1997 trat auch Flavio ins Unternehmen ein, 2006 erwarb Flavio 3000 Quadratmeter in der Lage Cerequio, die bis heute neben dem Brunate das Aushängeschild der kleinen Kellerei ist.

www.sagliettiflavio.it


Roberto Voerzio

Roberto Voerzio nennt aktuell 30 Hektar sein Eigen, acht davon sind angepachtet. In allen seinen Rebbergen setzt Voerzio bei seinen Crus auf hohe Stockdichte mit durchschnittlich 7000 Pflanzen pro Hektar und einem Ertrag von einem halben Kilo pro Pflanze. Unter seinen zehn Baroli finden sich fast alle grossen MGA von La Morra (mit Ausnahme von Roncaglie).

www.robertovoerzio.com


Batasiolo – Barolo DOCG Cerequio 2016

Ausgewogener, harmonischer Barolo mit einnehmend-fruchtiger Nase mit Himbeer- und Walderdbeeraromen, auch Noten von Gewürzen und Minze; stimmig am Gaumen, die Säure und die Tannine gut eingebunden, im Finale Aromen von kleinen roten Beeren und Trüffeln. Hervorragend zu herbstlichen Wildgerichten und gereiftem Käse.

Boroli – Barolo DOCG Cerequio 2016

Stammt von Reben mit einer Dichte von 4500 Pflanzen pro Hektar in Südsüdost-Position. Nach einer Mazeration von rund drei Wochen kommt der Wein in kleines Holz. Angenehm rotfruchtiges Bouquet mit balsamischer Note; am Gaumen kraftvoll und doch ausbalanciert, besitzt Schmelz und Länge bis ins Kaffee-Beerenfinale. Kann noch reifen.

Michele Chiarlo – Barolo DOCG Cerequio 2016

Stammt von einer 2,5 Hektar grossen Parzelle im Herzen der Lage, der Wein macht zwei Jahre in mittelgrossen Fässern durch: feinwürzig-balsamische Nase nach Kräutern und roten Waldfrüchten, auch balsamische Komponenten; am Gaumen gut strukturiert mit kernigen Tanninen im Auftakt, nach der Belüftung stimmiger Verlauf mit zunehmender Harmonie und Schliff.

Roberto Voerzio – Barolo DOCG Cerequio 2016

Roberto Voerzio lässt seinen Cerequio nach einer Mazeration von rund drei Wochen in grossem und kleinem Holz lagern: Das Ergebnis duftet verführerisch nach roten Beeren und Blüten, auf feine Noten von Mandarinen; am Gaumen akkurat gebaut, spürbare Tannine in perfekter Balance mit der Säure, anhaltender Ausklang. Sollte reifen.

Damilano – Barolo DOCG Cerequio 2015

Der Wein reift in dezent getoasteten Holzfässern (50 und 100 Hektoliter) zwischen 24 und 36 Monaten lang. In der vielschichtigen und komplexen Nase dominieren Noten von Steinobst, Rosen und balsamische Komponenten, im Mund ist der Wein ausbalanciert, von grosser Länge. Nur 2600 Flaschen werden davon produziert.

Gaja – Conteisa Barolo DOP 2015

Alle Baroli von Gaja werden im selben Stil erzeugt: Einer dreiwöchigen Mazeration folgt der mehr als zweijährige Ausbau in Holz. Der Jahrgang 2015 glänzt mit Noten roter Beeren, feiner Würze und auch floralen Nuancen; gefällt mit seiner Finesse und dem Schliff, die Säure und die Tannine liefern den Unterbau, das Finale ist lang und harmonisch.

Flavio Saglietti – Barolo DOCG Cerequio 2015

Flavio Saglietti produziert seine Weine in einem zeitlosen traditionellen Stil in kleinem und grossem Holz: duftet nach Pflaumen, getrockneten Rosen und Blüten; die Tannine kraftvoll und perfekt eingebunden, die Säure belebt, linear bis ins Finale, sollte aber unbedingt noch reifen. Passt zu einem Bollito Misto.

Michele Chiarlo – Barolo DOCG Riserva Cerequio 2013

Drei Jahre in Holz sorgen zusätzlich für die Langlebigkeit dieser einzigen Cerequio-Riserva, deren Trauben aus einer 0,9 Hektar grossen Parzelle mit alten Reben stammen: anheimelnde Noten von Schwarzbeeren und Gewürzen; zu Beginn etwas verschlossen, doch mit der Belüftung kommt die Finesse, klassische Textur und grosse Länge. Ein Verführer, der nur in den besten Jahren gekeltert wird – bislang 2006, 2007 und 2010.

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