Es perlt am Berg

Südtiroler Sekt

Text: Thomas Vaterlaus, Foto: IDM Südtirol / Florian Andergassen

Assyrtiko? Dass die legendäre griechische Rebsorte bis zum Jahrgang 2010 in der Prestige-Cuvée Phineas der Südtiroler Sektkellerei Arunda vertreten ist, fasziniert «Bubbles»-Freaks. War die Wahl dieser Sorte, die auch bei «Hot Climate» erstaunliche Säurewerte erzielt, eine Reaktion auf die Klimaerwärmung? «Nein», sagt Sepp Reiterer, der Patron der höchstgelegenen Sektkellerei in Europa. Dieser Assyrtiko, im Mischsatz nahe Bozen kultiviert, war das Werk des 2009 verstorbenen Weinbau-Visionärs Rainer Zierock. Der Phineas ist also eine Hommage an eine «aussergewöhnliche Persönlichkeit.» Sepp Reiterer, der auch als Berater am Ätna in die Schaumweinproduktion involviert ist, wird oft gefragt, ob weisse, hitzeresistente Mittelmeer-Sorten wie etwa Carricante oder Catarratto aus Sizilien oder Falanghina aus Kampanien keine Garanten für frische Schaumweine wären, auch im wärmer werdenden Südtirol. Seine Antwort ist ein klares Nein. «Alle hier, die Schaumweine nach der klassischen Methode herstellen, orientieren sich ganz klar an der Champagne. So sind und bleiben Chardonnay, Pinot Noir und Weissburgunder das Mass aller Dinge. Übrigens: Weil es den einzigartigen Rebberg mit dem Assyrtiko nicht mehr gibt, hat Sepp Reiterer in seinem «Phineas» die entsprechende Partie mit einem in der Amphore vinifizierten Weissburgunder ersetzt.

«Schon heute agieren einige Top-Schäumer aus Südtirol auf Augenhöhe mit Prestige-Gewächsen aus dem Trentino und der Franciacorta. Und in den Kellern liegt noch so einiges auf der Hefe, das in einigen Jahren für Furore sorgen wird.»

Thomas Vaterlaus, Chefredakteur VINUM

Die Südtiroler Sektgeschichte begann vor 120 Jahren, als die Überetscher Champagnerkellerei erste Schäumer herstellte, die vom österreichisch-ungarischen Adel während ihrer Kuraufenthalte in Südtirol getrunken wurden. Doch mit dem ersten Weltkrieg endete dieses erste schäumende Kapitel wieder. Erst Ende der 60er Jahre setzte Sebastian Stocker, der legendäre Kellermeister der Genossenschaft Terlan, wieder neue Akzente. Zwar hat er vor allem mit seinen subtil ausgereiften Weissweinen die Südtiroler Weinbaugeschichte geprägt, aber die Schäumer faszinierten ihn so sehr, dass er nach seiner Pensionierung im Jahr 1993 seine eigene Sektmanufaktur gründete. Weitere Pioniere waren ab Mitte der 70er Jahre die Familie Ochsenreiter vom Weingut Haderburg und eben Sepp Reiterer mit seinem Arunda-Projekt. Heute existiert in Südtirol eine kleine, feine, dynamisch agierende Sektszene, die jährlich 300 000 Flaschen Sekt produziert. Das ist zwar lediglich ein Prozent der gesamten Weinproduktion. Doch die Nachfrage steigt. «Langfristig sehe ich durchaus Potenzial für eine Jahresproduktion von rund einer Million Flaschen Südtiroler Sekt», sagt Sepp Reiterer.

Viele glauben, Südtirol sei zur Sektherstellung prädestiniert, weil man hier die Klimaerwärmung durch die Erschliessung höherer Lagen kompensieren könne. Doch Sepp Reiterer relativiert: «Der Lesezeitpunkt ist viel entscheidender als die Höhenlage des Rebberges.» Und durch die Wahl der richtigen Klone und Unterlagsreben, aber auch durch ein angepasstes Laub-Management werde es auch künftig möglich sein, zwischen 500 und 900 Meter über Meer ideale Sektgrundweine mit 80 bis 82 Grad Öchsle und 9,5 Gramm Säure im Traubensaft zu bekommen. «Wir werden es auch künftig schaffen, unter der kritischen Grenze von 13 Volumenprozent Alkohol zu bleiben», sagt Reiterer. Höhere Lagen seien kaum geeignet, denn Sektgrundweine benötigten Ausgewogenheit durch phenolische Reife. Die entscheidende Herausforderung in der Südtiroler Sektproduktion ist wohl die enorme Vielfalt.

TIPPS

Arunda Sektkellerei, Mölten
Blanc de Blancs Extra Brut

17.5 Punkte | 2020 bis 2024

Der Chardonnay aus Terlan wurde in Barriques vinifiziert und lag über 40 Monate auf der Hefe. Zurückhaltend komplexe Aromatik mit Zitrusfrüchten und edlen Briochenoten. Geradlinig, animierend
und frisch.

www.arundavivialdi.it

Arunda Sektkellerei, Mölten
Phineas II 2010

18 Punkte | 2020 bis 2024

Selektion aus Chardonnay, Weissburgunder und Assyrtiko, in der Barrique ausgebaut. Sieben Jahre auf der Hefe gereift. Reife Aromatik mit kandierten Früchten, Karamell und Kräutern. Komplex, dicht gewoben und doch sehr frisch.

www.arundavivaldi.it

Kettmeir, Kaltern
Extra Brut 1919 Reserve 2013

17.5 Punkte | 2020 bis 2024

Die Cuvée aus Chardonnay (teilweise in Barriques vinifiziert) und Pinot Noir reifte fünf Jahre auf der Hefe. Komplexe Aromatik mit Agrumen, kandierten Früchten und brotigen Noten. Vielschichtig, mit viel Zug. Animierend!

www.kettmeir.com

Sektkellerei Lorenz Martini, Girlan
Comitissa Gold Riserva 2006

17.5 Punkte | 2020 bis 2024

Die Cuvée aus Weissburgunder und Pinot Noir reifte sechs Jahre lang auf der Hefe. Tiefgründiger und perfekt ausgereifter Wein. Florale und mineralische Noten, edle Brioche. Präsente, saftige,
ja tänzerische Säure.

www.lorenz-martini.jimdofree.com

Haderburg, Salurn
Hausmannhof Riserva 2009

18 Punkte | 2020 bis 2025

Reinsortiger Chardonnay aus Salurn, in Barriques vinifiziert. Acht Jahre auf der Hefe gereift. Vielschichtige Aromatik mit Agrumen, kandierten Früchten und edlen Gebäcknoten. Raffinesse, Schmelz und reife Frische im Gaumen.

www.harderburg.it

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