Das Rhône-Tal

Zehn Jahre Cru Cairanne

Fotos: Van Son Huynh, z.V.g.

Im südlichen Rhône-Tal wimmelt es nur so von kleinen und grossen Appellationen, charakterstarken Winzern und einladenden Weinen. Sich hier zu behaupten, ist keine leichte Aufgabe. Dennoch ist es Cairanne gelungen, sein einzigartiges Profil zu entfalten und – dank harter, gemeinsamer Arbeit – im Rhône-Tal den begehrten Gral des Cru-Status zu erlangen.

Stolz thront das Dorf Cairanne auf einem kleinen Felsvorsprung und bietet vom historischen Ortskern aus einen herrlichen 180-Grad-Ausblick, vom westlich gelegenen Zentralmassiv über das südliche Alpilles-Massiv bis hin zum östlichen Mont Ventoux. Rund um das Dorf schmiegen sich die Weinberge in verschiedensten Ausrichtungen an die sanften Südausläufer des gerade mal 320 Meter hohen Massivs von Ventabren. Zikaden zirpen, Gehölze und Garigue sorgen für landschaftliche Abwechslung, es duftet nach wildem Rosmarin, nach Minze und Lavendel. Das sonnige, mediterrane Klima bietet den hiesigen Rebsorten ideale Wachstumsbedingungen: Regenschauer dauern nie lange, der windige Mistral vertreibt selbst die widerspenstigsten Wolken in Richtung Mittelmeer und trocknet die Natur im Handumdrehen. Kein Wunder also, dass sich Rotweine aus den Rebsorten wie Grenache Noir, Syrah und Mourvèdre, aber auch Weissweine aus den Rebsorten wie Clairette, Roussanne und Grenache Blanc hier äusserst wohlfühlen. Die Besonderheit von Cairanne jedoch liegt woanders: Es sind die Bodenbeschaffenheiten, die dem Cru seine charakterstarke Persönlichkeit verleihen. Auf engstem Raum hat sich die vielfältige Geologie der Ausläufer des Ventabren mit dem Einfluss des Wildbachs Aygues und dessen alten Schwemmlandterrassen vermischt. So gibt es hier Schwemmböden, Kieselbänke, Kalkstein, Feuerstein, Mergel, Sandstein, Sand und Ton in allen möglichen Kombinationen. Dass die Weine aus Cairanne trotz all dieser Vorzüge erst so spät den Cru-Status erhielten, hängt wohl auch mit der alten Tradition der Mischkultur der Gemeinde zusammen: Über Jahrhunderte waren Weinberge und Obstgärten eng miteinander verflochten. Erst nach dem verheerenden Frost von 1956 verschwanden auch die Olivenbäume von den Hügeln. Doch zeigten sich die Winzer schon früh als Vorreiter: Im Jahr 1766 verfügte ein Beschluss des Stadtrats, dass fortan Gasthäuser und Wirte nur noch Wein aus der Region und in versiegelten Flaschen an Privatpersonen verkaufen durften. Die Polizei wurde mit der Versiegelung beauftragt, die Verkäufer mussten die Herkunft des Weins nachweisen können. Ziemlich modern! 

Ein Jahr nach der Einführung des AOP-Systems 1936 wurde Cairanne in das Anbaugebiet der Côtes-du-Rhône integriert. Lange Zeit nahm die Appellation den Rang eines «Super»-Côtes-du-Rhône-Villages ein. Sich des aussergewöhnlichen Potenzials dieses unterschätzten Terroirs bewusst, beschlossen die Winzer im Jahr 2008 den Stier bei den Hörnern zu packen. Es wurde gemeinsam ein Antrag auf Anerkennung als lokale Herkunftsbezeichnung eingereicht, um 2016 ganz offiziell das zu werden, was sie schon immer waren: Cairanne.

Metamorphose und Rückbesinnung

Gehören Weingüter wie Richaud, Alary und L’Oratoire Saint-Martin schon lange zu den Klassikern von Cairanne, hat die junge Generation den Antrag auf Anerkennung zum Anlass genommen, frischen Wind in die Weinberge zu bringen. Heute sind nicht nur 40 Prozent der Rebberge biozertifiziert, die Winzer kennen auch die komplexe Geologie von Cairanne – etwa dank der erstaunlichen Arbeit des leidenschaftlichen Geologen Georges Truc – so gut wie nie zuvor. Fehlte es den Winzern in der Vergangenheit manchmal an Selbstbewusstsein, stehen sie heute geschlossen hinter ihrer Appellation. Und sie haben guten Grund dafür. Nicht nur sind die Weingüter so gut wie nie zuvor, auch die örtliche Winzergenossenschaft wurde umgekrempelt und wieder auf Kurs gebracht. Die 1956 gegründete Vinothek, historisch gesehen die erste im südlichen Rhône-Tal, hat einen tiefgreifenden Wandel durchlaufen und ist nun bestens gerüstet, um sowohl Besucher als auch Einheimische willkommen zu heissen. Es gibt mehrere markierte Wanderwege durch die Weinberge, die aus einer gründlichen Arbeit an einer Landschafts- und Umweltcharta entstanden sind. Wer nach Entdeckungstouren durch die Weinberge mittags oder abends wieder zu Kräften kommen möchte, findet im und rund um das Dorf kleine Restaurants mit schmackhafter provenzalischer Küche, serviert zu lokalen Weinen. Zweimal im Jahr ziehen zudem sommerliche Weinfeste eine fröhliche Menschenmenge jeden Alters an, die sich im Zeichen des Miteinanders und der Geselligkeit versammelt: das traditionelle Weinfest von Cairanne, bereits seit 50 Jahren eine Institution, und «Vin Mètre Cube», eine mobile Weinbar, Treffpunkt, um inmitten der Rebberge Wein zu probieren, zu essen, zu singen und bis in die Nacht zu tanzen.

Heute spiegeln nicht nur die Weine den ausgeprägten Charakter ihres Terroirs wider. Die Appellation hat ihren Status als Cru voll und ganz angenommen. Die Landschaft ist zu neuem Leben erwacht, die junge Generation rebelliert auf kluge Weise, und die Alteingesessenen finden stolz zu ihren Wurzeln zurück. Zeit, mal wieder ein Glas Cairanne zu geniessen!