Reitsteig 1659

Die Silvaner-Residenz (Teil-2)

  • 360 Jahre Silvaner
    Der Silvaner GG aus der Lage Schlossberg. (Foto: Domäne Castell)
  • 360 Jahre Silvaner
    Das Weingut reiht sich nahtlos ans Casteller Schloss. (Foto: Domäne Castell)

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 8. Juli 2019


DEUTSCHLAND (Castell) – Wer die Casteller sind, wie es zum ersten Anbau des Silvaners in Deutschland kam, was mit dem Silvaner gerade in Planung ist und starke Statements lesen Sie im ersten Artikel mit dem Titel: „Die Silvaner-Residenz Teil-1“ – hier nachfolgend betrachten wir Weinbau und Vinifizierung, Herkunft und Leistung des Silvaners für Deutschland. Außerdem lesen Sie Hintergründe zum traditionellen Casteller Weinfest.

Weinbau und Vinifizierung

Heute sind 40 Prozent der gesamten Rebflächen der Fürstlichen Domäne mit Silvaner kultiviert. Weitere Sorten wie Riesling, Weißburgunder und Spätburgunder sowie Domina, Müller-Thurgau und Bacchus ergänzen das Angebot. Insgesamt umfasst das Weingut rund 70 Hektar Weinberge in Eigenbesitz, davon sind fünf der insgesamt sieben Casteller Weinbauflächen Monopollagen im Alleinbesitz. Weitere 34 Hektar gehören zu der Erzeugergemeinschaft Castell e. V., die alle unmittelbar um den Weinort Castell liegen und der Fürstlichen Domäne Trauben zuliefern, deren Reben unter Anleitung von Winzermeister Peter Hemberger kultiviert und deren Trauben per Hand geerntet werden.

Im historischen Weinkeller des Casteller Schlosses hat längst moderne Technik Einzug gehalten. Die Traubenannahme ist eine Besonderheit und Einzelanfertigung. Alles folgt hier dem Fluss der Schwerkraft. Stahltanks sind obligatorisch für die Reifung der Weißen, die Roten entwickeln sich in französischem Barrique. Doch auch im Keller vollzieht sich behutsam ein Wandel. Immer mehr Stück- und Doppelstückfässer werden integriert, gefertigt vom Küfer Assmann aus dem fränkischen Eussenheim. „Ich bin überglücklich, dass wir fortan mehr Silvaner und auch die anderen Weißweine in Holz ausbauen können", sagt Weingutsleiter Peter Geil. „Es kommt unseren Weinen zugute, sie erhalten eine einzigartige Note in den Fässern aus heimischer Eiche. Unser Apriles ist dabei der Vorreiter, ein Silvaner mit eigener Klasse und Identität.“

Er kam aus Österreich

Einzigartig sind die Casteller Lagen, teils extrem steil, und zumeist von den bewaldeten Kuppen des Steigerwalds beschützt. Lage, Klima und Boden kommen gerade dem Silvaner zugute, der zu den ältesten noch heute kultivierten Reben gehört. Der römische Dichter Gaius Plinius Secundus erwähnte im ersten Jahrhundert eine Sorte, die man heute dem Silvaner zuordnet. Der genaue Weg der Silvanerrebe über die Jahrhunderte ist allerdings nicht lückenlos dokumentiert. Es wird vermutet, dass die Ebracher Zisterzienser-Mönche, die Kontakt zu den Töchter-Klöstern in Österreich hatten, die Reben ins fränkische Obereisenheim brachten und dort dem Rebhändler zum Weiterverkauf überließen. Erst mit der historischen Urkunde im Casteller Archiv aus dem Jahr 1659 wird der Silvaner in Deutschland als Erstpflanzung belegt. Heute weiß man, dass der Silvaner eine Kreuzung aus Traminer und „Österreichisch-Weiss“ ist. Sein Ursprung ist im Alpenraum dokumentiert, ein Grund, warum der Silvaner lange als „Österreicher“ bezeichnet wurde.

Der Silvaner als Retter in der Not

Es war eine Zeit des Aufbruchs, nach Ende des Dreissigjährigen Kriegs, als die ersten Silvaner-Fechser in der Lage Reitsteig gepflanzt wurden. Die Jahrzehnte davor waren auch für die Winzer Deutschlands eher katastrophal. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts verursachte eine Klimaveränderung, die so genannte „kleine Eiszeit“, einen erheblichen Rückgang der Erträge und es häuften sich die Missernten. Der Dreissigjährige Krieg verwüstete weite Landstriche Mitteleuropas. Beide Geschehnisse bedingten allein in Franken, wo damals 40.000 Hektar Rebflächen im Ertrag waren, dass 75 Prozent der Weinbergsflächen aufgegeben werden mussten. Wie überall in Deutschland suchte man in dieser Zeit nach Reben, die Winterfrösten und durch späten Austrieb den Frühjahrsfrösten widerstehen sowie durch zügige Reifeentwicklung zu bestmöglichen Ernten führen konnten. All diese Eigenschaften hat der Silvaner. Dies belegte schon der  wissensdurstige und europaweit gereiste Weinfachmann Johann Christian Fischer aus dem fränkischen Marktbreit in seinem Lehrbuch „Der fränkische Weinbau auf dem Felde und im Keller“, erschienen in 1791. Darin riet Fischer jeden zehnten Stock mit „Österreicher“ zu besetzen. Dem Rat folgten offensichtlich nicht nur die fränkischen Winzer, was Johann Philipp Bronner, deutscher Apotheker und Weinbaupionier, bemerkte und 1833 schrieb: „Der Silvaner wird so häufig wie Salz in den Speisen angetroffen."

Credit-Cassa

Casteller Traditionen beziehen sich nicht nur auf Wein. Die Fürstlich Castell´sche Bank, in 1774 als  Gräflich Castell-Remlingen'sche Landes-Credit-Cassa gegründet, um Bauern, Handwerken und Kaufleuten aus dem eigenen Herrschaftsgebiet das Wirtschaften und Handeln zu erleichtern, ist heute Bayerns größte und eine der ältesten Privatbanken Deutschlands. Eigentümer sind heute die Fürstenfamilie Castell-Castell und die Fürstliche Familie Castell-Rüdenhausen zu gleichen Teilen. Nach diesem doch erwähnenswerten Detail aus dem Finanzbereich der Casteller und Rüdenhausener Fürstlichen Familien kommen wir wieder auf den Wein zurück.

Das Weinfest

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag auch die deutsche Weinwirtschaft darnieder. Von dem sich in den Nachkriegsjahren entwickelten Wirtschaftswunder profitierte der Weinbau. Zeichen dafür, dass es der Landbevölkerung rund um Castell besser ging, waren die von der Fürstlichen Familie Castell-Castell in den 1950/60er Jahren organisierten Reitturniere im Fürstlichen Schlosspark, die viele Besucher anlockten. Aufbauend auf diesem beliebten Event fanden am 29. August bis 6. September 1970 die ersten Weinfestwochen in der Casteller Reithalle statt. Gefeiert wurde damals im Besonderen der Abschluss der dritten Flurbereinigung auf der Casteller Gemarkung. Außerdem war die Erholung nach der Reblausplage, nach den Wirtschaftskrisen und zwei Weltkriegen spürbar und sollten gefeiert werden. Noch dazu begann die Fürstliche Domäne zu dieser Zeit mit der Neuanlage von 60 Hektar Rebflächen, was auch mit als Anlass gesehen wurde, das seither jährliche Weinfest im schönen Ambiente des Schlossparks zu feiern.

Ein Besuch des Weinfestes lohnt sich allemal, nicht nur der Casteller Weine und der Musik wegen, sondern allein schon wegen dem außergewöhnlichen natürlichen Ambiente des Casteller Schlossparks, der mit dem Bau des Schlosses im Jahr 1687 angelegt und der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts in einen englischen Landschaftsgarten umgewandelt wurde. Die Reithalle wurde 1870 mitten im Schlosspark erbaut und der Grafensee wurde angelegt. Markant im Schlosspark ist das angrenzende im Neobarock erbaute Schloss Castell, nebenan die barocke Kirche und über allem thront der Bergfried, Reste der ehemaligen Wohnburg der Casteller auf dem Schlossberg, der wiederum mit seiner weithin aus der Mainebene zu sehenden Baumkuppe unverkennbar ist.

Die Termine des 50. Casteller Weinfestes sind:

  • 19. Juli: 35. Schwanberglauf vom Rödelseer Tor in Iphofen zum Casteller Schlosspark. Es ist gleichzeitig auch der Auftakt zum Weinfest.
  • 19. – 21. Juli: 1. Wochenende – Weinfest im Schlosspark an der Reithalle
  • 24. Juli: Benefizweinfest der Lebenshilfe e. V., ebenfalls im Schlosspark an der Reithalle
  • 26. – 28. Juli: 2. Wochenende – Weinfest im Schlosspark an der Reithalle

Die Silvaner-Residenz (Teil-1)

Sie haben den ersten Teil verpasst? Dann wissen Sie nicht wer die Casteller sind, wie es zum ersten Anbau des Silvaners in Deutschland kam, was mit dem Silvaner gerade in Planung ist – einfach hier nachlesen: Die Silvaner-Residenz (Teil-1)

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