Kochen und Essen zu Weinen aus Bergerac

Trinken, kochen, essen: Trüffel, Ente, Walnüsse…und so viel mehr!

Text: Ursula Heinzelmann / Fotos: gettyimages / MelanieMaya

Wo die Atlantikwellen allmählich verstummen und die Landschaft so verwunschen grün und malerisch hügelig ist, wo die Weine sich erfrischend unkompliziert präsentieren und doch so viel Charakter haben: Das ist Bergerac im und um das Tal der Dordogne.

Michel Eyquem de Montaigne studierte in Paris und Toulouse, war Richter in Bordeaux und wurde später zum Bürgermeister der Stadt berufen; als Philosoph und Politiker unternahm er weite Reisen. Doch Zuflucht und Ruhepunkt war ihm letztlich der Familiensitz an der Dordogne, das Schloss in Saint-Michelde- Montaigne, nach dem er sich benannte. Hier, mit dem Blick auf Weinberge, Wälder und Wiesen – und zweifellos einem Glas Bergerac – las er die antiken Klassiker, sinnierte und schrieb seine Gedanken als «Essais» nieder, als Versuche, eine von ihm geprägte, nachdenkliche Form der Literatur. «Tue das Deine und erkenne dich selbst», zitiert er Plato und fügt hinzu: «Wer das Seine tun wollte, würde finden, dass sein erstes Lehrstück dies ist, zu erkennen, was er ist und was ihm zukommt.»

Grosse Worte im 16. Jahrhundert, den Wirrungen zwischen Katholizismus und Protestantismus, Luthers Thesen, Machiavellis Auffassung von Staatsräson und dem neuen Weltbild des Kopernikus! Doch an der Dordogne war es vielleicht ein wenig einfacher, zu sich selbst zu finden, weiterhin Beständigkeit zu erkennen. Nicht zuletzt mithilfe der Weinberge. Wie allgemein in Frankreich gehen sie auch hier auf die Römer zurück, die Reben entlang der Flusstäler pflanzten, die später von Mönchen und Klöstern weiter gepflegt wurden, immer unterstützt durch die historische Verkehrsader der Dordogne.

«Die Menschen (sagt eine alte griechische Sentenz) werden durch die Meinungen gepeinigt, die sie von Dingen haben, nicht von den Dingen selbst.»

Michel de Montaigne (1533–1592)

Humanist, Philosoph, Politiker

Die verbindet das Schicksal von Bergerac mit dem von Bordeaux, und diese Verbindung war nicht immer einfach: An der Gironde wurde das Haut-Pays, das Oberland, mit einiger Geringschätzung betrachtet – was wiederum die innere Grösse und Unabhängigkeit des Herrn de Montaigne zeigt. Trotzdem war man sich in Bordeaux nicht zu schade, den eigenen, gelegentlich etwas mageren Weinen mit jenen auf die Sprünge zu helfen, die mit den Garbarre-Flachbooten den Fluss herabkamen. Die Herrschaft der Engländer über Aquitanien – dem Land der Flüsse – verschaffte den Weinhändlern an der Gironde neue Absatzmärkte. Die zu teilen man nicht immer geneigt war, so dass zeitweilig das südlicher gelegene Bayonne die einzige Möglichkeit für die oberländischen Weine darstellte, um fernere Märkte zu erreichen. Im Laufe der religiösen Spaltungen im 16. und 17. Jahrhundert entwickelten sich dann besonders die Niederländer zu treuen Bergerac-Abnehmern, die speziell süsse Weine schätzten und förderten.

Und so ging es weiter durch die Jahrhunderte, immer wieder gab es Zeiten der Orientierungslosigkeit, und immer wieder besannen sich die Winzer und Händler in und um Bergerac auf den Grundsatz: «Tue das Deine und erkenne dich selbst.» Montaigne wäre glücklich über die Fülle an gutem Wein, die es heute an der Dordogne zu entdecken gilt.

Geschichte zur (Wein-)Region: Appellationen und Rebsorten

Nicht weniger als 17 Appellationen tragen der klimatisch und geologisch bedingten kleinflächigen Terroirvielfalt Rechnung. Ob rot, rosé oder weiss, trocken, rest- oder edelsüss, sind Bergerac-Weine prinzipiell Rebsorten- Cuvées aus Merlot, Cabernet Sauvignon oder Franc sowie Malbec/Cot, aber auch Mérille und Fer Servadou beim Rotwein und Sauvignon Blanc, Sémillon und Muscadelle sowie Chenin, Ugni Blanc und Ondenc beim Weisswein. Die bereits 1936 entstandene Dach- Appellation Bergerac wird seit 1995 von den Côtes de Bergerac um konzentriertere Rotweine und süsse Weissweine ergänzt, dazu gibt es Duras, Monbazillac, Montravel und Pécharmant sowie Saussignac und Rosette.



Klassische Mariage: Entenstopfleber

Enten werden seit langem an der Dordogne gehalten, und die geräucherte Brust, die im Fett gegarten Schenkel («confit») und ihre maisgefütterte Leber sind geschätzte Spezialitäten.

Ganz schlicht und ganz köstlich sind grosszügige Scheiben Stopfleber mit einem Hauch schwarzen Pfeffer und Salzkristallen bestreut. Klassisch passt dazu ein weisser, spätgelesener Haut-Montravel, wie ihn vielleicht auch Montaigne erlebt hat. Etwas ungewöhnlicher dazu ist hingegen kräftiger Rotwein; die herben Tannine eines roten Côtes de Duras, der Schwester-Appellation von Bergerac, begegnen dem konzentrierten Fett aber tatsächlich auf Augenhöhe. Das lässt sich noch steigern mit einem der festen, von den Kiesböden im Norden geprägten Rotweine aus Pécharmant.

Die saftige Frucht eines restsüssen Haut-Montravel begleitet die Stopfleber beinahe erfrischend

Die herben Tannine eines roten Côtes de Duras begegnen dem Fett auf Augenhöhe

Die feste Art der Rotweine aus Pécharmant bringt komplexe rote Früchte ins Spiel

Neue Mariage: Bratwurst mit Sauerkraut

Einfaches und doch grossartiges Winteressen, das in seiner Schlichtheit von der Qualität und Sorgfalt bei der Herstellung und Zubereitung beider Komponenten lebt.

Ebenso schlicht, unkompliziert und doch fein gefällt dazu ein Bergerac Rosé, der zugleich Frucht und Frische mitbringt, aber auch ausreichend Körper. Weisser, trockener Montravel Blanc Sec bietet dann schon etwas mehr Gewicht zu Kraut und Wurst, seine nahezu tropische gelbe Frucht unterstreicht das Gemüsige und schmiegt sich ans würzige Fett. Ziemlich ausgefallen und nicht nur ziemlich, sondern wirklich sehr gut dann die Extravaganz der Honig- und Trockenfruchtaromen eines edelsüssen Monbazillac.

Bergerac Rosé begleitet Wurst und Kraut unkompliziert und mit erfrischender Frucht

Montravel Blanc Sec betont das Gemüsige und schmiegt sich mit tropischen gelben Aromen ans Fett

Edelsüsser Monbazillac unterstreicht mit Honig- und Trockenfruchtaromen besonders die Würze der Wurst

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