Kleine Mengen von feinsten Qualitäten

Der Jahrgang 2020 in der Schweiz

Text: Sigi Hiss, Thomas Vaterlaus; Fotos: gettyimages / mythja, DewaldKirsten, Siffert / weinweltfotos.ch

So ungewöhnlich wie das Jahr war auch die Lese. Erstmals in der jüngeren Weinbaugeschichte mussten Schweizer Winzer ihre Trauben unter Pandemie-Schutzverordnungen ernten. Doch was in den Kellern schlummert, überzeugt. 2020 wird präzise, sortentypische Weine hervorbringen. Und die geringen Erträge werden zur Entspannung des Marktes beitragen.

Noch heute, also Monate nach der Ernte gleicht die Beurteilung des neuen Jahrgangs dem Blick in die berühmte Kristallkugel. Nicht wenige Moste gären in den Kellern noch blubbernd vor sich hin oder warten auf den biologischen Säureabbau. In diesem frühen Stadium der «Weinwerdung» ist immer nur ein vages Mutmassen über die Frage möglich, wie sich die Weine dann zeigen werden, wenn sie nach Monaten oder auch Jahren in die Flaschen abgefüllt werden. Wenn überhaupt schon jemand den Blick in die Zukunft wagen kann, dann nur die Weinmacher selbst. Die Aussagen der sechs Winzer in diesem Artikel gleichen gewissermassen einer sensorischen Liveschaltung in die Stahltanks und Holzgebinde, in denen sie ihre 2020er-Gewächse ausbauen.

Eine stille Ernte ohne Feste

Auch erfahrene Winzer mit unzähligen auf die Flasche gebrachten Jahrgängen erleben jedes Jahr als Unikat. Erscheinen auf den ersten Blick zwei Jahrgänge wie Zwillinge, offenbaren sich mit der Zeit dann doch grosse charakterliche Unterschiede. Die Ernte selber verlief unter erschwerten Bedingungen. Covid-19 machte besondere Schutzkonzepte notwendig. Auch sonst war es eine sprichwörtlich ruhige Lese. Gleicht die Ernte in den typischen Winzerdörfern wie Epesses (VD), Fully (VS), Twann (BE) oder Malans (GR) normalerweise einem Volksfest, so verlief sie dieses Mal fast schon beängstigend still. Auch die beliebten Winzer- und Ernte-Feste waren schon im Vorfeld annulliert worden. Nicht nur die sehr gute, sondern auch die mengenmässig kleine Ernte dürfte die Verantwortlichen freuen.

Der Schweizer Weinmarkt leidet unter zu grossen Lagerbeständen. Der Jahrgang 2020 dürfte für etwas Entspannung sorgen. Viele Winzer hatten freiwillig durch eine rigorose Ertragsbeschränkung kleine Mengen anvisiert. Mit dem schönen Nebeneffekt, dass dadurch die Qualität zusätzlich gesteigert werden konnte.

Weine mit viel Lagencharakter

Die Gegebenheiten im Jahr 2020 waren in der ganzen Schweiz homogen. Im Tessin verlief die Vegetationsphase nach Wunsch, vereinzelt bereitete nur der echte Mehltau einigen Winzern Sorgen. Sehr ähnlich war es in der Westschweiz. Auch hier verlief der Sommer heiss und trocken. Über die eher etwas kühlere Wetterlage gegen Ende des Vegetationszyklus waren die Winzer nicht unglücklich. Nicht anders in der Deutschschweiz, weshalb man auch hier von der hervorragenden Qualität der Lese 2020 begeistert ist.

Unisono betonen die Winzer auch, wie prädestiniert der Jahrgang 2020 doch dafür sei, den individuellen Charakter jeder einzelnen Lage, sei sie noch so klein, herauszuarbeiten.

Das sagen die Winzer zum Jahrgang 2020

Nadine Besson-Strasser

Weingut Besson-Strasser, Uhwiesen (ZH)

«Das Lesegut war bilderbuchmässig! Die Rotweine besitzen eine ideale Frische mit präsenter und enorm hochwertiger Tanninstruktur, dazu viel Charakter und Lagerpotenzial. Die Weissen sind erstaunlich, sie vereinen Saftigkeit mit einer glasklaren Frucht und versprechen einen frühen Trinkspass. Gleichzeitig zeigen sie einen rassigen Charakter. 2020 verspricht über alle Sorten und Lagen perfekt ausbalancierte Weine.»

Michele Bono

Weingut Strickhof, Winterthur-Wülflingen (ZH)

«Bei uns sind die Burgundersorten herausragend, auch wenn die anderen Sorten ebenfalls überzeugen. Betont präzise Frucht beim Pinot Noir, feine Säure, beste Lagerfähigkeit und ein traumhaftes Tannin. Wahrscheinlich sind die Weissen einen Hauch besser als die Roten, allerdings reden wir hier insgesamt von einem sehr hohen Niveau.»

Amédée Mathier

Albert Mathier & Fils, Salgesch (VS)

«Ich bin hochzufrieden mit dem, was im Keller liegt. Weissweine, die wunderbar aus der Reihe tanzen, wie Fendant oder Petit Arvigne – eigenständig und überraschend. Mit einer saftigen Säure, ausbalanciert und mit hohem Extrakt. Die Roten zeigen ein hervorragend feinkörniges Tannin sowie eine sehr präzise Frucht und sind schon früh zugänglich. Diolinoir, Syrah und Humagne Rouge überzeugen besonders.»

Rodrigo Banto

Cave de la Côte, Tolochenaz (VD)

«Wir haben früh gelesen, was uns Weine mit viel Balance, moderaten Alkoholwerten und einer schönen Frucht beschert hat. Teilt man 2020 in Rot und Weiss auf, zeigen sich die Weissweine frisch, fruchtig und sehr trinkig. Bei den Rotweinen stehen die schöne Konzentration, die intensive Farbe und der reife Gerbstoff im Vordergrund. Ich beurteile 2020 als sehr gut, ähnlich wie die Jahrgänge 2017 oder 2019.»

Mike Rudolph

Tenuta San Giorgio, Cassina d’Agno (TI)

«2020 ist kein normales Jahr, aber ganz nach unseren Wünschen. Die Rotweine sind durchwegs elegant, wunderbar süffig, aber auch kompakt sowie gut strukturiert und zeigen ein sehr gutes Alterungspotential. Kühle Nächte im September waren für die Weissweine prägend, sie verfügen über viel Sortentypizität, eine ausgeprägte Aromatik und eine saftige Säure.»

Fredy de Martin

Gialdi Vini, Mendrisio (TI)

«Die Weine aus dem südlichen Tessin zeigen sich schon früh zugänglich. Sie sind fruchtig, intensiv sowie ausgewogen und versprechen viel Trinkspass schon in jungen Jahren. Die besten Terroirs haben dazu noch die richtige Säure sowie Tanninstruktur und werden gut altern. Im Norden kann man von einem Topjahrgang sprechen, vergleichbar mit 2010 und 2015. Die Spitze der Topweine ist so breit wie selten zuvor.»

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