Fürstliche Domäne

Ein Rheinhesse in Franken

Text: Arthur Wirtzfeld | Veröffentlicht: 26. Juli 2019


DEUTSCHLAND (Castell) – Manche Leute denken in Jahrzehnten, die Casteller denken in Jahrhunderten. Die Rede ist hier von der Fürstlichen Familie Castell-Castell, im Speziellen von einer ihrer Domänen, dem Fürstlich Castell´schen Domänenamt. Nachdem Karl-Heinz Rebitzer 2016 nach 50 Dienstjahren – zuletzt 20 Jahre als Weingutsleiter mit dem Titel Domänenrat – in den wohlverdienten Ruhestand wechselte, sein Stellvertreter und gedachter Nachfolger Björn Probst ein kurzes Intermezzo gab und im Sommer 2017 als Geschäftsführer zum Landesweingut Kloster Pforta nach Bad Kösen wechselte, lag die Überlegung nahe, dem jungen stellvertretenden Weingutsleiter Peter Geil eine Chance zu geben. Dass dies eine gute Entscheidung von Ferdinand Fürst zu Castell-Castell war, hat sich bereits bestätigt. Ein neuer innovativer Ruck geht seither durch das ehrwürdige Haus, das Weingutsteam ist engagiert und erste Erfolge unter der Führung von Geil lassen sich sehen.

Im aktuellen Jahr feiert die Fürstliche Domäne „360 Jahre Silvaner“ und parallel das „50. Casteller Weinfest“ im Fürstlichen Schlosspark. Dort traf ich Peter Geil zum Gespräch. Geil, Jahrgang 1985, stammt aus einer rheinhessischen Winzerfamilie und sein Weg war somit vorgezeichnet. Nach dem Abitur reiste er nach Wien, sein Ziel war das Weingut Wieninger, in dessen Betrieb er einen kurzzeitigen Job bekam. „Nach drei Monaten kam ich deutlich erwachsener zurück, als ich hingefahren war und der Wunsch Winzer zu werden, war in Stein gemeißelt“, erinnert sich Geil. „Ich war neugierig auf die Weinwelt außerhalb, ich war wissbegierig und abenteuerlustig.“ In seinen Lehrjahren habe er alle „Stationen des Winzerlebens“ durchlaufen – vom Schaufeln des Tresters über Weinpräsentationen bis hin zur Verantwortung von Entscheidungen, was ihm „heute sehr zugutekomme“, wie er betont.

Der Weingutsleiter Peter Geil

Wie sind Sie in Franken gelandet?

Ich bin letzten Endes der Liebe wegen ins Taubertal geraten und um im näheren Umkreis zu bleiben, kam mir eine freie Stelle in Castell zupass. Vertraut war mir Franken durch eine meiner ersten Weinstationen beim Weingut Fürst Löwenstein zu Zeiten, als dort Robert Haller Weingutsleiter war.

Wer ist Ihre Liebe?

Meine Ehefrau Corina, die ich bei einem Berufswettkampf kennenlernte.

Ihr Domizil ist …

… im Taubertal. Corina ist im elterlichen Weingut Benz verantwortlich für die Vermarktung und ich pendle zwischen Lauda-Königshofen und Castell.

Sie sind nun Weingutsleiter im Fürstlich Castell´schen Domänenamt. Wie kam es zum Einstieg in Castell?

Nach Lehr- und Wanderjahren, dazu gehört auch eine Erntesaison bei der Hartford Family Winery, gelegen in Forestville im kalifornischen Sonoma County, insbesondere aber in Deutschland in der Pfalz, Baden und Württemberg, war ich zuletzt tätig als technischer Betriebsleiter im VDP-Weingut Drautz-Able, reizte mich die von den Castellern ausgeschriebene Stelle. Nach dem Motto, wer sich etwas traut, hat schon halb gewonnen. 

Wie sind Sie dort gestartet?

Zuerst als stellvertretender Weingutsleiter – irgendwie ein Start in eine andere Welt, denn ich war bis drei Tage vorher noch gewohnt, Arbeitsklamotten zu tragen und im Weinberg wie im Keller zu arbeiten. Jetzt sollte ich dauerhaft in Hemd und feiner Hose zum Schreibtisch wechseln – irgendwie ein komisches Gefühl.

Was haben Sie in Castell vorgefunden, was war Ihr erster Eindruck?

Ich kam in einen sehr gut organisierten, sehr gut strukturieren Betrieb, der sich schon vor meiner Zeit und auch jetzt noch im Wandel befindet und der Lösungswege sucht, wie er mit seiner Tradition und den gewachsenen Ansprüchen der Konsumenten zukünftig umgehen soll.

Nun ist Castell wahrlich ein Traditionsbetrieb. Waren Sie verunsichert?

Nein, in keiner Weise war ich verunsichert. Es ist doch so, dass Tradition Werte hat und nur gute Dinge zur Tradition führen. Und ich muss sagen, dass mich Geschichte generell interessiert. Und gerade in Castell findet man belegbare Geschichten ohne Ende. Aber wir versinken nicht in Geschichten oder Traditionen, sondern blicken in die Zukunft und stellen unser Weingut dafür auf.

Nun, es wäre ganz natürlich vor der rund 1000-jährigen Casteller Geschichte Respekt zu haben, oder etwa nicht?

Ja, ich habe Respekt. Ich weiß, dass meine Schaffenszeit im Hinblick dieser jahrhundertlangen Weinbau- und Familientradition begrenzt ist, ich aber mit Unterstützung des Inhabers rechnen und meine zukunftsgerichtete Denkweise ausleben darf.

Was sind die Herausforderungen in Castell?

Da gibt es einige, beispielsweise die klimatische Veränderung, die Veränderung des Kaufverhaltens, das Verbinden der großen Themen Tradition und Moderne. Aber auch der Strukturwandel, die Mitarbeiter und die Casteller Erzeugergemeinsschaft betreffend. Und schließlich müssen die fürstlichen Betriebe Bank, Wald, Wein und Landwirtswirtschaft harmonieren.

War Castell Ihre Erste Berührung mit dem Silvaner?

Ja und nein, meine Heimat Rheinhessen, das größte Silvanergebiet Deutschlands, sollte mich eigentlich als Silvanerexperten auszeichnen. Meine Eltern hatten lediglich drei Silvanerrebstöcke, deren Trauben wir als Kinder genascht haben. Nur für eine Flaschenfüllung hat es nie gereicht, will heißen, Erfahrung mit dem Silvaner habe ich erst in der späteren Ausbildung in Franken machen können.

Nun ist Castell das Silvanerweingut schlechthin. Wir wissen, hier wurden 1659 nachweislich erstmals Silvanerreben in Deutschland angebaut, wie eine Urkunde des Casteller Archives belegt. Was bedeutet Ihnen der Casteller Silvaner?

Mir ist es sehr wichtig, dass unsere Weine von guter Textur, Struktur, Körper und Länge geprägt sind und nicht so sehr von extremer Primärfrucht, die eher schnell verschwindet oder Weine gleichförmig erscheinen lässt. Auch wenn meine Ansicht in der Weinwelt nicht gerade sehr populär sein mag, ist dies doch zukünftig unsere Handschrift. Den Casteller Silvaner zeichnet aus, dass neben unseren großen Weinen auch einfachere Qualitäten im ersten Jahr eine massive Entwicklung durchmachen, die sich im zweiten Jahr besonders bemerkbar macht und dann zu mehr Trinkvergnügen führt.

Worin ist dies begründet?

Unsere Rebstöcke wachsen auf Keuperböden, durchzogen von Alabaster, wir finden in allen Casteller Lagen somit eine reichhaltige Mineralität. Dies ist auch schon historisch belegt durch das Casteller Wildbad, das im 17. Jahrhundert Kurgäste zu Bade und Trinkkuren lockte, weil dem Wasser aus den Casteller Weinlagen, insbesondere dem Schlossberg, heilende Wirkung nachgesagt wurde.

Wie wirkt sich diese Mineralität im Geschmack aus?

Ich persönlich stelle immer wieder fest, dass diese Intensität an Mineralien Zeit braucht, um sich einzubinden, um im Wein ihre Wirkung zu entfalten.

Das macht sich wie bemerkbar?

Was die Casteller Weine in der Jugend zartbitter schmecken lässt, wird über die Reifephase lang, cremig und sehr charakterstark.

Was war der älteste Casteller Wein, den Sie verkosten durften?

Es war ein Silvaner aus dem Jahrgang 1957. Dieser Wein und auch andere wurden in der Schatzkammer des im Mai 2016 verstorbenen Fürst Albrecht zu Castell-Castell nach seinem Ableben entdeckt. Anlässlich einer besonderen Verkostung mit Weinjournalisten durfte ich diesen rund 60 Jahre lagernden Wein probieren, mit der Quintessenz: wer braucht eigentlich gereifte Rieslinge, wenn er gereifte Silvaner trinken kann.

Was hat Sie beeindruckt?

Es hat mich massiv beeindruckt, wie ein Wein, der nicht aus einem Top-Jahrgang stammte, trotzdem so gut reifen konnte.

Woran machen Sie das fest?

Letztlich schreiben wir dies den Casteller Böden zu, die unsere Weine so toll reifen lassen.

Sind es ausschliesslich die Böden, die den Casteller Weinen ihr Format geben oder gibt es da noch andere Helfer?

Nicht nur die Böden, sondern auch der Wald, der sich schützend über den Casteller Lagen auf den Kuppen des Steigerwalds ausbreitet sowie auch die Kleinklimata der Lagen, wie beispielsweise im Schlossberg, Kirchberg, Kugelspiel und Hohnart, die verantwortlich sind für unterschiedliche Terroirs. Diese führen dann zu ganz eigenständigen unterscheidbaren Weintypen.

Ein Beispiel ...

... wäre ein Kugelspiel. Weine aus dieser exponierten Lage sind immer kühler, mineralischer und zurückhaltender als Weine aus der ebenso besonderen Lage Hohnart.

Sie sind jung an Jahren, gehören zur nachwachsenden Winzergeneration, die auch neue Ideen hat. Hatten Sie schon die Chance, eigene Akzente zu setzen?

Zuerst einmal haben wir in einem sehr intensiven Prozess mit der Fürstlichen Familie an einem gemeinsamen Projekt gearbeitet. Wir wollten die Tradition in unserem Haus mit modernen Aspekten verbinden. Dazu wählten wir wichtige weibliche Persönlichkeiten aus der Familiengeschichte und ordneten deren Charakteren und Geschichten einer neuen und besonderen Casteller Kollektion zu. Ein Akzent, der uns viel Aufmerksamkeit in der Presse, beim Handel und vor allem bei unseren Weinkunden gebracht hat.

Ein toller Erfolg. Über dieses Thema habe ich bereits berichtet (Link am Ende dieses Interviews). Und parallel haben Sie eine weitere Auszeichnung erhalten …

… ja, ich wurde zum zweiten Sieger des DLG-Jungwinzer-Preises gewählt, in dem es galt, im Wettbewerb mit geschätzt fünfzig Jungwinzern durch Fachwissen aber auch mit guten und modernen Vertriebskonzepten zu punkten. Unterstützt hat mich dabei unsere neu aufgebaute Kollektion, genannt 'Die Gefährten', die wiederum mit dem Red-Dot-Design-Award ausgezeichnet wurde.

Wahrlich ein fulminanter Start. Da stellt sich die Frage: Was kommt als Nächstes?

Also neben all der täglichen Arbeit gilt es, sich auf unsere Kernwerte zu konzentrieren. Ziel ist es, aus unseren sehr charakterstarken Lagen, davon fünf Monopollagen rund um Castell, sehr herkunftsbezogene, langlebige Weine zu produzieren, denn das grösste Pfund sind unsere Weinbergslagen, die beinahe 800 Jahre im Besitz der Familie sind und die wir in gutem Zustand auch an die nächste Generation weitergeben möchten. 

Und was passiert im Keller?

Das grosse Holzfass ist bei uns schon lange auch für das VDP.Grosse Gewächse und die VDP.Ersten Lagen essenziell. Der nächste Schritt ist, dass wir auch unsere VDP.Gutsweine teilweise im grossen Holzfass ausbauen. Dazu habe ich nicht nur freie Hand seitens des Eigentümers, sondern auch die volle Unterstützung der Kellermeister und des ganzen Weingutteams.

Gibt es darüber hinaus eine vinophile Spielwiese?

Ja, in der Tat. Wir haben mit dem Jahrgang 2017 begonnen einen uralten weissen wurzelechten gemischten Satz, dominiert vom Silvaner, begleitet von Traminer und Muskateller aus der Lage Bausch, genauso auszubauen, wie einen Spätburgunder, also auf der Maische zu vergären. Im Anschluss reift dieser Wein auf der Vollhefe in einem Granitfass.

Das ist eine Serie schöner Highlights für Sie als junger Mann in Verbindung mit der Verantwortung für ein solches Traditionsgut. Was ist für Sie das Besondere in Castell?

Zunächst das Zusammenspiel zwischen Wald, Wein und Landwirtschaft, das sich auch in unseren Casteller Betrieben wiederfindet. Aber natürlich auch die Menschen, die dahinter stehen und mit viel Herz und bewusstem Engagement, dem nachhaltigen Gedanken der Familie Rechnung tragen.

Wo geht die Reise hin?

Meine Ziele sind mittelfristig das Weingut in die qualitative Spitze der deutschen Weinliga zu führen. Ich habe gelernt, dass es Puzzleteile sind, die zusammengesetzt zum Erfolg führen können. Mein grosses Ziel ist es, dem Silvaner zu neuer Grösse zu führen und seiner eigenen Tradition gerecht zu werden.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit besonders viel Spass?

Der Job als Winzer ist meines Erachtens der abwechslungsreichste, spannendste und herausforderndste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Als Weingutsleiter muss man Biologe, Techniker, Betriebswirt, Handwerker, Mechaniker, Kommunikator, Motivator und Mediator und noch vieles mehr in einer Person sein. Wir haben vom Anpflanzen der Reben bis zum Verkauf alles in einer Hand. Auch wenn ich nicht mehr viel Zeit im Weinberg direkt am Stock und im Keller mit der Weinbereitung verbringe, betrachte ich trotzdem jeden einzelnen Bereich als essenziell und für die Qualität als entscheidenden Prozess. Die große Kunst besteht darin, als Kommunikator alle Bereiche zusammen zu führen, das gemeinsame große Ziel im Auge zu haben und die Mitarbeiter dabei mitzunehmen. Insbesondere der Rückhalt und das Zusammenwirken mit meinem Team ist sehr erbauend und macht mir und uns viel Spaß.

Der private Peter Geil

Lassen Sie uns mal Ihre private Seite beleuchten. Was wäre Ihr Traumjob, wenn nicht Weingutsleiter oder Winzer?

Die Frage habe ich mir bisher nie gestellt. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, könnte ich mir vorstellen, ein Handwerk, was mit dem Werkstoff Holz zu tun hat, zu betreiben.

Welche Leidenschaft haben Sie neben dem Wein?

Genuss steht bei mir ganz oben. Gutes Essen, guter Wein, echte Freunde. Allen voran steht meine Familie, Corina und die Kinder.

Was bevorzugen Sie – essen gehen oder selber kochen?

Essen gehen und die Kochkünste meiner Frau geniessen.

Was liebt Ihre Frau an Ihnen?

Es ist sicher mein Humor.

Welche Musik hören Sie gerne?

Ich kann mich nicht auf einen Stil festlegen. Es geht mir in der Musik ähnlich wie beim Wein, es ist die Textur, Struktur und Länge, die ähnlich gut klingen muss und in Erinnerung bleibt wie unser Silvaner schmeckt.

Was lesen Sie?

Ich bin Fan solcher Romane wie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg“ und andere Bücher von Jonas Jonasson.

Haben Sie einen Lieblingsplatz?

Ja, definitiv mein Garten, wenn meine Familie dabei ist.

Was würden Sie gerne mal ausprobieren?

Gemeinsam mit meiner Frau, vielleicht mal mit meinen Kindern, die Alpen wandernd zu überqueren.

Welchen Wein trinken Sie gerne, wenn es nicht ein Casteller sein soll?

Ein schöner Riesling reizt mich schon, aber gute Pinot Noirs liebe ich.

50. Casteller Weinfest

Das Interview mit Peter Geil führte ich während des ersten Wochenendes des 50. Casteller Weinfestes. Wer es besuchen möchte hat noch dieses Wochenende Gelegenheit dazu (26. bis 28. Juli). Geboten werden feine Casteller Weine, Speisen und Musik. Das Weinfest findet mitten im wunderschönen Casteller Schlosspark statt. Parken kann man kostenfrei direkt am Gelände, der Eintritt ist ebenfalls kostenfrei.

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Mehr über die Fürstliche Domäne, zur spannenden Geschichte des Silvaners in Deutschland und die Hintergründe von „Die Gefährten“ lesen Sie in den weiteren Artikeln:

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