Der Weingutsammler

Marchese Lamberto Frescobaldi, Florenz

Text: Christian Eder, Fotos: z.V.g., Andrew C. Kovalev

 

Sie haben den modernen Weinbau Italiens geprägt: die Marchesi Frescobaldi aus Florenz. Im Gefolge seines Vaters Vittorio und seiner Onkel, Ferdinando und Leonardo, steuert Lamberto Fres­cobaldi heute als Präsident das Unternehmen durch stürmische Gezeiten. Sein Ziel: grosse Weine an schönen Orten zu kreieren.

Wir treffen Marchese Lamberto in seiner Wohnung im trutzigen Palazzo Frescobaldi an Florenz’ linkem Arno-Ufer, im Stadtteil Santo Spirito. Seit fast einem Jahrtausend ist die Familie hier heimisch. Ihr Vermögen hatten die Frescobaldi, ursprünglich aus Deutschland stammend, im Transportwesen am Arno erworben, später machten Künstler, Bankiers und schliesslich Weinhändler von sich reden. Ein Ahnherr, ebenfalls mit dem Namen Lamberto, liess sogar die erste Brücke über den Arno erbauen, die Santo Spirito mit dem Rest der Stadt verband. 

Wir haben es uns in Lambertos Salon gemütlich gemacht, umringt von Gründerzeitmöbeln und moderner Kunst. Eine schöne Batterie an Weinen des Frescobaldi-Imperiums ist auf dem Tisch vor uns aufgebaut: Sie reicht von einer Chianti Rúfina Riserva über Flaggschiff-Etiketten wie Masseto und Luce bis zu neueren Kreszenzen von der Insel Gorgona und aus Oregon.

Der neueste Coup steht noch nicht auf dem Tisch: Seit dem 1. April 2025 ist Fres­cobaldi zu 60 Prozent Eigentümer der Tenuta delle Terre Nere am sizilianischen Ätna. Es handelt sich um eine auf einem Gentleman-Agreement zwischen Lamberto und Marc de Grazia basierende Vereinbarung, um die Zukunft des Gutes zu sichern. Für Lamberto eine neue Herausforderung, ein neues Terroir, das ihn fasziniert, gerade wenn der Vulkan brodelt und Rauch ausspuckt.

Merlot in der Toskana

Aufgewachsen ist Lamberto in einem ganz anderen Ambiente, erzählt er, während er die Riserva des Chianti Rúfina DOCG Castello Nipozzano 2022 entkorkt. Der Wein entsteht dort, wo er seine Kindheit verbracht hat: in den Hügeln des Chianti Rúfina. Erst 1975 übersiedelte die Familie nach Florenz.

Lamberto verdiente sich auf Nipozzano auch die ersten Sporen im Weinbau, bevor ihn die grosse Welt und damit die University of California in Davis lockte. Lamberto jobbte dort neben dem Studium in einer kleinen Weinhandlung und fand Geschmack an den grossen Weinen der Welt – vor allem aus den Rebsorten Cabernet und Merlot. «Die Sangiovese meiner Jugend war für mich eine eher einfache Traube, ideal, um Quantität zu produzieren. Ich liebte hingegen die Eleganz und Finesse von Cabernet und Merlot.» Um seiner Merlot-Liebe zu frönen, kam Lamberto, seit 1989 für die Rebberge Frescobaldis zuständig, das Projekt Luce gerade recht: 1995 war die Familie Mondavi – 1908 aus den Marken nach Amerika ausgewandert – nach Italien zurückgekehrt und auf der Suche nach einem Weingut.

Mit Lambertos Vater Vittorio fanden sie bald den richtigen Partner für ein Joint Venture. Passenderweise besassen die Marchesi Frescobaldi das Weingut Castelgiocondo in Montalcino mit vielen Sangiovese- und einem Merlot-Rebberg. So wurde der Supertuscan Luce geboren: «Das war der erste Wein, für den ich verantwortlich zeichnete», erzählt Lamberto. «Meine Familie meinte: ‹Wenn Lamberto schon in Amerika studiert hat, soll er sich auch um die Amerikaner kümmern.›» Eine enge Freundschaft mit dem älteren Tim Mondavi begann. Gemeinsam bereisten sie die Welt, und Lamberto fand heraus, dass guter Wein einen Vorteil hat: «Seine Trauben werden nur an den schönsten Orten der Welt angebaut.»

«Es ist unser Karma, Weine mit Identität zu produzieren.»

Als Mondavi an Constellation Brands verkauft wurde, standen die Frescobaldis jäh ohne Partner da. «Mit der Familie Mondavi verband uns eine Freundschaft, Constellation Brands war eine andere Liga», erinnert sich Lamberto. So wurden kurzerhand die Anteile zurückgekauft und Luce, aber auch das Bol­gheri-Weingut Ornellaia, wo auch der Masseto produziert wurde, landeten ab 2005 im Besitz der Marchesi Frescobaldi und in der Verantwortung Lambertos.

Damit noch nicht genug: Von Count ­Dou­glas Attems übernahm Lamberto im Jahr 2000 die Verantwortung für das Gut Conti Attems im Friaul und produzierte gleich nach der Jahrtausendwende im ­Collio einen eleganten Superwhite namens Cicinis aus einer Einzellage mit Sauvignon Blanc. Auch in der Maremma wurde ein Gut gegründet – Ammiraglia. Es folgten die Tenuta Perano im Chianti Classico und das Gut Tenuta Calimaia in den Hügeln von Montepulciano. Lamberto sieht das Sammeln von Weingütern heute als Teil der DNA der Marchesi Frescobaldi: «Es ist unser Karma, neue Güter zu suchen, die uns dann erlauben, Weine mit Identität zu produzieren», sagt er. Das gilt auch für die Insel Gorgona, eine Gefängnisinsel im Archipel vor der Küste der Toskana. Mehr als hundert Weingüter hatte die Gefängnisverwaltung einst angeschrieben, ob sie ein neues Projekt des Strafvollzugs praktisch unterstützen würden: Wein- und Olivenanbau auf der Insel Gorgona mit einem Team aus Häftlingen, das durch diese Erfahrungen eine Basis für die Rückkehr ins normale Leben hätte.

Heute werden auf rund zwei Hektar zwei Weine produziert: ein Gorgona Bianco aus Vermentino und Ansonica sowie ein Rosso aus Vermentino Nero und Sangiovese. Die Trauben werden auf Gorgona vinifiziert – in einem kleinen, aber funktionellen Raum nahe dem Hafen. Die Häftlinge identifizieren sich mit ihrem Wein, erzählt Lamberto, während er den goldenen Gorgona 2021 im Glas schwenkt, das Ergebnis der zehnten Lese auf der Insel. «Für die Leute auf Gorgona ist es etwas Besonderes, ein Hauch von Normalität in ihrem Leben, wenn sie im Rebberg arbeiten. Am Abend kehren sie zwar immer in ihre Zellen zurück, aber sie schaffen damit etwas für die Zukunft.»

Wie bei den anderen Gütern steht Lamberto auch auf Gorgona Nicolò d’Afflitto zur Seite, langjähriger Önologe Frescobaldis und ebenso ein Frühaufsteher wie Lamberto: «Ab fünf Uhr früh tauschen wir die ersten Nachrichten aus. Und beide sind wir immer auf der Suche nach Neuem, neuen Projekten, neuen Weinen.»

Pinot in Oregon

Wie auf dem Gut Domaine Roy & Fils in Oregon, wo Pinot Noir angebaut wird und wo Nicolò gerade nach dem Rechten sieht. Eigentlich war Lamberto auf der Suche nach einem Gut in Kalifornien, verliebte sich aber schliesslich in die Rebberge Oregons. Seit zwei Jahren ist die Domaine Roy & Fils nun im Besitz der toskanischen Familie. «Eine herrliche Landschaft mit wunderschönen Rebbergen», schwärmt Lamberto. Denn auch das ist ein Credo des toskanischen Winzers: «Je schöner der Ort, desto besser die Weine. Ich habe selten einen schönen Wein aus einem hässlichen Ort getrunken.» Wie zum Beweis glänzt der Oregon-Cru Iron Filbert Vineyard Dundee Hills Pinot Noir 2022 rubinrot im Glas, vereint Harmonie und Eleganz.

Bleibt nur noch eine letzte Frage: Gäbe es nach Oregon und dem Ätna noch einen schönen Ort für einen grossen Wein, der ihn reizen würde? Lamberto muss nicht lange überlegen: «Ein Rebberg am Rhein! Warum nicht? Das wäre auch ein Grund, um endlich Deutsch zu sprechen.»


Die Weine

Von den Hügeln des Chianti Rúfina bis zur Insel Gorgona, vom Friaul über Sizilien bis nach Oregon: Längst schon sind die Weine Lamberto Frescobaldis eine persönliche Interpretation der Terroirs grosser Weinbaugebiete.

Castello Nipozzano – Chianti Rúfina Riserva 2022

92 Punkte | 2026 bis 2030

Viel Sangiovese mit etwas Colorino, Malvasia Nera, Cabernet Sauvignon und Merlot: Aromen von Johannisbeeren und Schwarzkirschen, Kräuternoten; robuste Tannine und Säure in Balance, fruchtig-würziges Finale. Tradition und Innovation im Einklang.

 

Luce – Toscana IGT Luce 2022

97 Punkte | 2027 bis 2035

Blend aus Merlot und Sangiovese, der zum Jubiläum mit einem Bouquet nach Schokolade, Vanille und Brombeeren glänzt; kombiniert am Gaumen Charakter und eine seidige Struktur mit feinkörnigen Gerbstoffen und einem ellenlangen Finish.

 

Tenuta Castiglioni – Toscana IGT Giramonte 2022

95 Punkte | 2027 bis 2034

Ein reinsortiger Merlot, den Lamberto gegen den Willen seiner Familie kreierte und den Robert Parker schätzte. Komplexes Parfum nach Kirschen, Beeren und Vanille. Im Mund voller Samt und Saft, der Abgang elegant und verführerisch fruchtig.

 

Masseto – Toscana IGT Masseto 2022

98 Punkte | 2027 bis 2036

Einer der grossen Merlots der Welt, nach einem Zwischenspiel mit etwas Cabernet Franc nun wieder reinsortig: Präsentiert sich facettenreich mit Noten roter Beeren, von Pfeffer, Macchia und Graphit; lineare Evolution hin zu einem opulenten Fruchtfinale.

 

Leonia – Pomino Spumante Bianco DOC Metodo Classico Brut 2022

95 Punkte | 2026 bis 2030

Eleganter Schäumer, der von Chardonnay- und Pinot-Noir-Reben auf dem Gut Pomino stammt: Feinziselierte Nase nach Zitrusfrüchten, Pfirsichen, Blüten und Brioche; mit Schliff und Finesse am Gaumen. Grosse Länge.

 

Gorgona – Costa Toscana IGT Gorgona Bianco 2021

94 Punkte | 2026 bis 2030

Der zehnte Jahrgang des Gorgona überzeugt mit seinem mediterran-opulenten Bouquet nach Aprikosen, Limonen und ­Macchia; im Mund geschliffen, die Säure belebt, dann wiederum viel Frucht und Schliff im langen Abgang.