WEINBAU IM ORIENT

WEINBAU IM ORIENT

Text: Thomas Vaterlaus

Marokko, Libanon, Türkei, sogar Syrien – im südlichen und östlichen Mittelmeerraum konnten Weinfreaks ab den 90er Jahren in eine orientalisch-sinnliche Weinkultur eintauchen, mit heimischen Crus, die Stets an Qualität Gewonnen haben. Wegen der politisch-religiösen Entwicklungen der letzten Jahre blieb Marokko als letztes orientalisches Reise-Weinland übrig.

Im Suk von Fès fliegen Stunden vorbei wie Minuten. Und Minuten muten an wie Stunden. Ein Fleischer nimmt ein Huhn aus einem Holzsprossenkäfig und trennt ihm mit einem ruhigen Schlag den Kopf ab. Ein Metallarbeiter bohrt winzige Löcher in ein kugelförmiges Stück Messing, das später als Hängelampe geheimnisvolle Lichtspiele in ein Zimmer zaubern wird. Was bei uns längst verloren gegangen ist, nämlich das gleichzeitige Herstellen und Verkaufen von Handwerk, ist hier so alltäglich wie vor tausend Jahren, und das erst noch in einem Ambiente aus 1001 Schattierung aus Klängen, Farben und Düften. Es ist nicht ganz einfach, allein aus dem Labyrinth der Medina herauszufinden, etwa zum «Riad» von Fès, diesem märchenhaften orientalischen Hotelpalast. Wer hier unter den schattigen, schneeweissen Säulen-Arkaden im Mudéjar-Stil sitzt, umgeben vom Plätschern des Wassers und vom Rascheln der Palmwedel, während der Sommelier einen Ait Soula Blanc 2014 von der Domaine des Ouled Thaleb aus Benslimane serviert, wird diesen eleganten, reinsortigen Viognier bestimmt sein Leben lang nicht mehr vergessen. Denn Weinerlebnisse bleiben dann haften, wenn wir die sensorischen Eindrücke mit anderen sinnlichen Wahrnehmungen verknüpfen können.

Ein Opfer der Islamisierung

Der südliche und östliche Mittelmeerraum bot bis vor kurzem eine ganze Reihe von Möglichkeiten, um Weine und Winzer in einem kulturellen Kontext kennenzulernen, der sich grundsätzlich von der europäischen Weinszene unterscheidet. In der kargen Bekaa-Hochebene im Libanon reifen auf bis zu tausend Metern über Meer elegante und auch lagerfähige Cuvées aus Bordeaux-Gewächsen, ergänzt mit südfranzösischen Sorten wie Syrah oder Carignan. Und in der Türkei werden nicht nur in Kappadokien, unweit der berühmten Tuffpyramiden, in denen christliche Gemeinschaften vor tausend Jahren gut getarnte, unterirdische Städte angelegt haben, erstklassige Weine gekeltert. Nahe der Kurden-Metropole Diyarbakir gibt es Weinberge mit über 60-jährigen Stöcken der Sorte Bogazkere («Rachenkratzer»), die bei einem qualitätsorientierten An- und Ausbau überaus gut strukturierte und langlebige Weine ergeben kann.

Nicht wenige vermuten in diesen Gebieten des Nahen Ostens die Wurzeln unserer Weinkultur. Kein Wunder, dass es immer mehr Weinfreaks in diese Regionen zog, die nun aber durch die politische Entwicklung der letzten Monate und Jahre wieder unerreichbar zu werden drohen. Das libanesische Bekaa-Tal gilt als Aufmarschgebiet der Hisbollah, die im syrischen Bürgerkrieg an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad kämpft. Und im Kurdengebiet bei Diyarbakir kommt es oft zu Auseinandersetzungen zwischen der türkischen Armee und den kurdischen Kämpfern der PKK. Zudem hat der türkische Staat unter der Führung von Recep Tayyip Erdogan seine liberale Haltung gegenüber dem Weinbau aufgegeben. So wurden in den letzten Jahren die Bestimmungen zum Ausschank und vor allem zur Bewerbung von Wein verschärft. Die Zukunft wird zeigen, ob und wie sich die Türkei künftig als Weinland definiert.

Auch in Marokko, wo der Islam die Staatsreligion ist und 98 Prozent der Einwohner Muslime sind, ist die Haltung gegenüber dem Weinbau letztlich nicht geklärt. Immerhin besagt ein Gesetz aus dem Jahr 1905, dass Moslems keinen Alkohol trinken dürfen. Mit der noch immer vergleichsweise liberalen Haltung gegenüber dem Weinanbau und auch dem Weinkonsum steht König Mohammed VI. durchaus in der islamischen Tradition, war es doch in der Frühzeit (9. Jahrhundert bis ca. 17. Jahrhundert) üblich, dass zwar die islamischen Gelehrten den Alkoholkonsum verurteilten, doch die Kalifen, welche die effektive Macht ausübten, waren weitaus empfänglicher für Weingenuss. Der berühmte persische Dichter und Mystiker Hafis (1315 bis 1390) beginnt sein Hauptwerk «Der Diwan» mit den Zeilen: «Reich das Glas, Schenk! Lass es kreisen! So einfach schien die Liebe mir, doch nun sing ich dunkle Weisen.» Zwar hat die moderat islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD), die seit 2011 die marokkanische Regierung anführt, in den ersten Jahren ihrer Amtszeit die Besteuerung für Alkohol erhöht, dies spielte aber dem Schwarzmarkt in die Hände. Heute gilt die Einstellung der Regierung bezüglich der Produktion und dem Genuss von Wein als pragmatisch. Der Weinbausektor stützt diesen Kurs durch eine selbstauferlegte Zurückhaltung bezüglich der Vermarktung ihrer Produkte.

Der marokkanische Weinbau entstand während der französischen Besatzung ab 1912. Als die Franzosen im Jahr 1956 abzogen, hinterliessen sie eine Rebfläche von rund 100 000 Hektar und zahlreiche Kellereien, die fast ausschliesslich Billig- und Offenweine für den französischen Markt produziert hatten. Dieser Markt brach nach der Unabhängigkeit weg. 1973 wurden die französischen Weingutsbesitzer enteignet. Der heute 95-jährige Brahim Zniber restrukturierte in der Folge den Weinbau fast im Alleingang. Heute produziert er unter dem Dach seiner Diana-Holding an vier Produktionsstätten jährlich rund 30 Millionen Flaschen Wein, was etwa 75 Prozent der aktuellen Weinerzeugung entspricht. Erst in den letzten Jahren konnten sich einige weitere Produzenten etablieren, beispielsweise Volubilia, hinter denen die zwei aus Bordeaux stammenden Investoren Gérard Gribelin (vormals Château Fieuzal) und Philippe Gervoson (Château Larrivet Haut-Brion) stehen, oder das Projekt La Ferme Rouge des französischen Önologen Jacques Poulain.

Die besten marokkanischen Weine kommen aus dem Atlas-Gebirge südlich von Meknès und Fès, wo in Höhenlagen von bis zu 800 Metern auf sandhaltigen Böden aus wurzelechten Reben sehr gut strukturierte Crus entstehen.

Le Ryad du Vigneron

Brahim Zniber, der «Grand Homme» des marokkanischen Weines, ist nicht nur Marktleader, sondern noch immer Innovator der Szene. In seiner Domaine des Ouled Taleb in Benslimane, zwischen Rabat und Casablanca am Atlantik, produziert er mit dem Rhône-Winzer Alain Graillot den Top-Syrah Tandem. Er erforscht im Les Celliers de Meknès am Fusse des Atlas-Gebirges das Potenzial der 1921 gepflanzten Carignan-Stöcke. Und er experimentiert mit neuen Sorten wie Tannat. Vor allem aber hat er praktisch im Alleingang einen kleinen Weintourismus etabliert. So wurde in der Domaine des Ouled Taleb vor wenigen Jahren der «Ryad du Vigneron» eröffnet. Im alten Herrenhaus der Domäne, vor allem aber draussen im prächtigen Palmengarten, gibt es eine bodenständige, schmackhafte Küche zu den Weinen des Hauses. Und in seinem Château Roslane am Fusse des Atlas-Gebirges entsteht ein Hotel mit Restaurant und Spa (Eröffnung im November). Wer zuerst in der Medina von Fès einige Tage im «Riad» residiert, mit der modernen Weinbar im Innenhof dieses märchenhaften Palastes, und danach das neue Hotel von Château Roslane in den Weinbergen besucht, spürt den ganz und gar zauberhaften Esprit einer zeitgenössisch zeitlosen Weinkultur irgendwo zwischen Orient und Okzident.

DIE MAROKKO-SELEKTION

Die Zahl der qualitativ ansprechenden Weine hat in Marokko in den letzten Jahren deutlich zugelegt. Sie vereinen im besten Fall mediterranen Charme mit einer überraschenden Frische.

Domaine des Ouled Taleb, Benslimane, CB Signature weiss 2014

16 Punkte | 2016 bis 2019

Dieser reinsortige Chenin Blanc reift unter dem kühlen Einfluss des Atlantiks und wird nur in guten Jahren produziert. Aromen von geschlagenen Eiern, Gebäck und Kräutern. Im Gaumen dicht und ausgewogen. Getragen von einer angepassten Säure.

La Ferme Rouge, Had Brachoua, Terres Blanches 2014

16.5 Punkte | 2016 bis 2019

Gelungene Cuvée aus Viognier, Chardonnay und Sauvignon. Edle Aromatik mit blumigen Noten und Zitrusfrüchten, dazu Gebäck und ein Anflug von diskreter Würze. Im Gaumen elegant und ausgewogen, endet mit einer belebend knackigen Frische.

Domaine des Ouled Taleb, Benslimane, Ait Souala weiss 2014

17 Punkte | 2016 bis 2018

Ein toller, reinsortiger Viognier, in der Barrique vergoren und ausgebaut. Frische Aromen von Pfirsich und Aprikose, dazu Jasminblüten. Sehr dezente Würznoten. Im Gaumen sehr gut strukturiert, zeigt eine erstaunliche, sehr bekömmliche Frische.

Volubilia – Domaine de la Zouina, Ait Bourzouine Blanc 2014

16 Punkte | 2016 bis 2018

Elegante Cuvée aus Chardonnay (90 Prozent) und Vermentino. Diskrete Aromen von weissen Blüten und gelben Früchten. Im Gaumen ausgewogen, fast schon filigran. Sehr trinkig.

Domaine des Ouled Taleb, Benslimane, Ait Souala rot 2012

17 Punkte | 2016 bis 2020

Gelungene Cuvée aus Tannat, Malbec und Arinarnoa (Cabernet x Tannat). Aromen von roten Beeren, Garigue-Kräutern, Leder und Unterholz. Im Gaumen sehr gut strukturiert, mit feinkörnigem reifen Tannin und einer präsenten, saftigen Säure.

Domaine des Ouled Taleb, Benslimane, Thalvin & Alain Graillot «Tandem» 2012

16.5 Punkte | 2016 bis 2020

Ein äusserst temperamentvoller und auch eigenständiger Syrah mit Aromen von roten Beeren, Sauerkirschen, dazu ein Hauch von Leder, auch mineralische und balsamische Noten. Im Gaumen sehr gut strukturiert, mit noch immer jugendlich wirkenden Tanninen und einer lebendigen Säure.

Château Roslane, Meknès, Premier Cru Les Coteaux de Atlas 2011

16.5 Punkte | 2016 bis 2020

Eine klassische und gelungene Cuvée aus Syrah, Merlot und Cabernet Sauvignon. Angebaut auf den hochgelegenen Atlas-Ausläufern. Aromen von roten Beeren, Minze und Pfeffer, dazu eine Spur Unterholz und Leder. Im Gaumen kernige Struktur, viel Gerbstoff und präsente Säure.

Volubilia – Domaine de la Zouina, Ait Bourzouine, Epicuria Syrah 2012

16.5 Punkte | 2016 bis 2019

Viel rote und dunkle Beerenfrucht, auch Trockenfrüchte, dazu Aromen von schwarzem Pfeffer, Waldboden, Trüffel und Rauch. Im Gaumen konzentriert, mit süsslichem Extrakt im Auftakt. Ein voll konzentrierter, sehr reifer Syrah im Neue-Welt-Stil.

ÜBERNACHTEN

Folgende zwei Adressen versprechen orientalisch-okzidentalische Weinkultur pur mit europäischem Savoir-vivre in einem maghrebinischen Ambiente:

Hotel Riad Fès

5, Derb Ben Slimane Zerbtana MA-30000 Fès | www.riadfes.com

Le Ryad du Vigneron

Domaine des Ouled ThalebMA-13000 Benslimane | www.dianaholding.com

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