Klartext von Harald Scholl
Zwischen Alarm und Vernunft
Text: Harald Scholl, Foto: Linda Pollari

Ein Weingut hört auf, die Schlagzeile steht: Krise! Doch so einfach ist es nicht. Unsere Leserschaft erwartet Einordnung statt Erregung, Nähe statt Nimbus, Substanz statt Schlagwort. Ein klarer Auftrag für uns Weinjournalisten.
Schlagzeilen sind schnell geschrieben. Ein Traditionsweingut stellt den Betrieb ein und schon passt es ins grosse Narrativ der «Krise der Weinwirtschaft». Als wäre jede persönliche Entscheidung automatisch der Beweis für den strukturellen Niedergang einer ganzen Branche. Und doch landet der Name im selben Topf wie Absatzrückgänge, Überproduktion und verändertes Konsumverhalten. So funktioniert Öffentlichkeit. Differenzierung ist anstrengend. Natürlich steht die Branche unter Druck. Steigende Kosten, zurückhaltender Konsum, geopolitische Unsicherheiten. Niemand muss sich das schönreden. Aber wer in diesen Wochen auf der Vinexpo in Paris war, hat auch eine andere Realität erlebt: zufriedene Aussteller, Besucher mit ernsthaftem Interesse, Geschäfte, die zustande kommen. Parallel dazu haben wir bei VINUM unsere Leserinnen und Leser gefragt, wohin die Reise gehen soll. Rund 3000 Rückmeldungen sind ein starkes Signal und eines, für das wir dankbar sind. Das Ergebnis lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: Lob und Auftrag. Mehr Nähe, weniger Nimbus. Mehr Menschen, mehr Regionen, mehr Europa. Dorthin gehen, wo Wein entsteht, und nicht nur dorthin, wo er teuer wird. Mehr bezahlbare Weine im Glas, weniger Fine Wine. Orientierung statt Überwältigung. Weniger Fassade, mehr Substanz. Das ist kein Wunschzettel. Das ist eine Ansage. Wenn eine Branche um Vertrauen ringt, beginnt Stabilität nicht bei Marktanalysen, sondern bei Glaubwürdigkeit. Glaubwürdig ist, wer hinschaut, auch wenn es kompliziert wird. Wer einordnet statt anheizt. Wer nicht jede persönliche Entscheidung zur Systemkrise aufbläst, aber auch nicht so tut, als wäre alles in Butter, nur weil eine Messe gut gelaufen ist. Für VINUM heisst das: Wir richten den Fokus noch konsequenter auf Europa, auf die Vielfalt seiner Regionen, auf unterschiedliche Antworten auf dieselben Fragen. Wir stellen die Menschen hinter den Etiketten stärker in den Mittelpunkt. Nicht als PR-Porträts, sondern als Geschichten über Haltung, Arbeit und Entscheidungen. Und wir machen jene Weine sichtbarer, die man tatsächlich kauft und trinkt. Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Wochen: Die Weinbranche wird 2026 nicht untergehen. Sie wird sich anpassen. Arbeiten. Diskutieren. Und ja, manchmal auch aufhören. Das ist keine Katastrophe, sondern Teil eines lebendigen Marktes. Unser Auftrag ist klarer denn je: näher ran. Mehr Europa. Mehr Menschen. Mehr Wein, der ins Leben passt. Und weniger Erregung um der Erregung willen. Wir setzen auf Substanz statt Stimmung. Auf Einordnung statt Echokammer. Auf Weine, die man wirklich trinkt und nicht nur diskutiert.
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