Abschied von Annegret Reh-Gartner
Text: Rudolf Knoll | Veröffentlicht: 21. Oktober 2016

DEUTSCHLAND (Morscheid) – „I Did it My Way“. Mit dem berühmten Song von Frank Sinatra war ihre Todesanzeige überschrieben. Der Inhalt des Liedes passte zum Leben von Annegret Reh-Gartner. „Ich habe ein erfülltes Leben gelebt. Ich tat, was ich tun musste, ich habe mich allem gestellt“, heißt es unter anderem in der Übersetzung. Zuletzt stellte sich die Chefin des Weingutes Reichsgraf von Kesselstatt auch dem Tod, der sie sieben Tage vor ihrem 62. Geburtstag, der am 10. Oktober 2016 fällig gewesen wäre, aus dem Leben riss. Sie wusste schon länger, dass es bald vorbei sein würde. Sie erstaunte die Leute, die ihr nahe standen, mit einer souveränen Gelassenheit, mit der sie die letzten Dinge ordnete und den Betrieb an ihre Familie Reh übergab.
Die Tochter mit Geschäftssinn
In die Weinszene wurde sie hineingeboren als Tochter von Günther Reh, der am 24. Dezember 2014 im Alter von 86 Jahren verstarb. Der Vater schuf u.a. die Sektmarke Faber (von „Faber Krönung“ wurden in ihren besten Zeiten bis zu 50 Millionen Flaschen im Jahr verkauft) und war auch sonst ein erfolgreicher Investor in der Branche. 1978 erwarb er so das Weingut Reichsgraf von Kesselstatt in Trier mit besten Lagen, die über das ganze Anbaugebiet verteilt waren. An der Mosel waren viele entsetzt, dass ausgerechnet einer, der sein Geld mit Billigsekt verdiente, dieses Traditionsgut (1349 erstmals urkundlich erwähnt) kaufte. Reh stockte den damals notleidenden, nicht mehr zeitgemäß ausgestatteten Betrieb von 60 auf über 100 Hektar auf (womit er manchen Weinberg vor dem Verfall rettete), investierte reichlich und sorgte dafür, dass Kesselstatt allmählich wieder eine Adresse für überzeugende Rieslingweine wurde.
Tochter Annegret, die damals eine wirtschaftliche Ausbildung machte, fand Gefallen an diesem großen weinigen Kleinod. 1983 vertraute ihr der Vater den Betrieb an. Trotz viel Sachverstand und Engagement brauchte sie ein Weilchen, um in der damals von Männern absolut dominierten Weinbranche akzeptiert zu werden. Sie musste auch kritische Phasen durchleben wie im Herbst 1987, als der Vater in einem Interview andeutete, man werde den 87er wohl versekten. Das wurde an der Mosel als „Schlechtmachen des Jahrgangs“ empfunden. Es gab einen großen Aufschrei bis hin zum Verbrennen von „Reh-Puppen“ in den Weinbergen.
Einige Jahre später wurde es auch nicht gern gesehen, dass sich der Betrieb wieder von weniger guten Lagen trennte. Aber das war wirtschaftliche Notwendigkeit und stand im Zusammenhang mit dem Qualitätsstreben des Weingutes. Die Reduzierung auf letztlich 36 Hektar konnte Annegret schon an der Seite eines Mannes durchsetzen, der ihr bei Weinpräsentationen zur großen Hilfe wurde. Mit Gerhard Gartner (77), dem einstigen Zwei-Sterne-Koch im Restaurant „Gala“ in Aachen, war sie 28 Jahre verheiratet. Während sie in Deutschland und auf wichtigen Exportmärkten Kesselstatt-Weine anpries, kochte er passend zum Riesling auf.
Nach dem Umzug der Erfolg
Annegret Reh-Gartner bewältigte den Umzug des Betriebes aus beengten Trierer Verhältnissen nach Morscheid in das Schlossgut Marienlay. Sie schaffte es, dass ihr Team das Potenzial sehr guter Lagen wie Josephshöfer (Alleinbesitz), Wehlener Sonnenuhr, Bernkasteler Doctor, Graacher Domprobst und Scharzhofberger nutzte und setzte dabei verstärkt auf die Karte herb mit trockenen und feinherben Weinen. Für die Durchsetzung des letzteren Begriffs riskierte sie sogar einen Rechtstreit gegen die Wein-Bürokratie, den sie 2002 gewann. Heute hat „feinherb“ schon fast die Bezeichnung halbtrocken abgelöst und ist Standard in der Weinbezeichnung – Dank Annegret Reh-Gartner.
2005 wurde das Weingut, nicht zuletzt aufgrund der Beharrlichkeit der Kesselstatt-Chefin, in den VDP aufgenommen, wo sie mit ihren Großen Gewächsen aus den Top-Lagen schnell reüssieren konnte. Die wird es auch weiterhin geben, weil Annegret – so Witwer Gerhard Gartner - „ein tolles Team mit Betriebsleiter Wolfgang Mertes an der Spitze formte und die Weichen für eine weitere gute Zukunft des Betriebes stellte.“
Die in diversen Wein-Bereichen aktive Familie Reh (Bruder Nick managt Schloss Wachenheim, Bruder Carl ist Chef bei Reh-Kendermann, Schwester Eva leitet eine Domäne in der Bourgogne) wird ebenfalls dafür sorgen, dass es bei Kesselstatt im Sinn von Annegret weitergeht. Und beim Mosel-VDP wird nach den Worten des neuen Vorsitzenden Dr. Carl von Schubert nur getrauert, aber keinesfalls überlegt, ob das Weingut nach dem Ableben der Chefin im VDP bleiben kann.