Travel like a Pro

48 Stunden in Saint-Émilion

Text: Barbara Schroeder, Bilder: Rolf Bichsel

Saint-Émilion, die bekannteste Bordeaux-Appellation überhaupt, ist auch das beliebteste Reiseziel dieser einmaligen Region. Das mittelalterliche Städtchen zieht jährlich eine Million begeisterte Besucher an. Weinfreude schöpfen hier aus dem Vollen: Unzählige Châteaux empfangen mit offenen Armen.

Das Wichtigste zuerst: Achtung, trotz weltweitem Bekanntheitsgrad ist Saint-Émilion tiefste Provinz, ein auf Mittelalter getrimmtes Dorf mit 1800 Ureinwohnern, die den Ort mit seinen strohblonden, mittelalterlichen Kalksteinfassaden Jahr für Jahr mit einer Million Touristen teilen. Nachtleben gibt es hier nicht, abgesehen von zwei verliebten Pärchen, die in einer Nische vor der unterirdischen Kathedrale schmusen, und ein paar Fledermäusen, die nach Mücken jagen. Nach acht Uhr abends ist hier nichts mehr los, das Leben hat sich längst hungrig in die immer zahlreicher werdenden Bistros und Restaurants zurückgezogen. Doch die meisten Besucher kommen auch nicht hierher, um in Luxusboutiquen (die hier die Form von Weinshops haben) Tand zu shoppen, den sie zu Hause billiger gefunden hätten, oder in der Disco Pfunde abzuschwitzen. In Saint-Émilion gibt es weder lange gereifte Schinken noch seelenvolle Pasteten noch andere regionale Spezialitäten zu kaufen (sieht man von den unsäglich langweiligen Macarons ab, um die man einen weiten Bogen machen sollte). Nein. In Saint-Émilion regiert der Wein allein. Saint-Émilion ist nicht zuerst ein schmucker Ort irgendwo zwischen Kunst, Kitsch und echter Geschichte; Saint-Émilion ist zuerst einmal die legendärste Weinregion der Welt, eine durch und durch ländliche Region mit verschlafenen Dörfern in einer lauschigen, immergrünen, hügeligen Landschaft und hunderten von Weingütern, von denen viele Besucher empfangen. Unser Programm ist so ausgelegt, dass Weinfreunde einen möglichst umfassenden Überblick über die Region erhalten, inklusive Abstecher in das benachbarte Pomerol. Dennoch und trotz minutengenauem Timing: Lassen Sie sich wenn möglich auch mal treiben, kurven Sie im Schneckentempo durch die verschlungenen Pfade, am besten auf dem Fahrrad, das man Ihnen zum Beispiel auf Soutard leihen wird. Das Dorf mag etwas von einem Freilichtmuseum, einer Fata Morgana haben: Das Terroir, das unter den Füssen knirscht, ist durch und durch real.

Tag 1

9 h Altstadtbummel1

Der Besuch in Saint-Émilion muss einfach mit einem gemütlichen Spaziergang durch die Strässchen und über Plätze des mittelalterlichen Dörfchens beginnen, das zu den wichtigsten Touristenattraktionen der Gironde gehört! Der Rummel beginnt hier meist erst viel später. Doch bis 11 Uhr hat man das Städtchen für sich und kann in aller Ruhe durch die engen Gassen pilgern, sich an den Vitrinen der zahlreichen Weinshops satt-sehen, die Aussicht geniessen und im Strassenbistro gemütlich einen Kaffee schlürfen. Achtung, gute, bequeme Schuhe sind Pflicht, die Kopfsteinpflastergässchen sind mitunter ganz schön steil!

11 h Cloître des Cordeliers2

Im 13. Jahrhundert durch den Franziskanerorden gegründet und seit Ende des 14. Jahrhunderts im Städtchen ansässig, gehört das Kloster zu den wichtigsten Monumenten des Ortes. In den beeindruckenden Kreidekellern (Besuch und Verkostung elf Euro, auf Voranmeldung) reift heute ein guter Crémant de Bordeaux. Gut bestückter Souvenirshop, Weinbar, Restaurant, schattiger Garten.

2 Bis Rue de la Porte Brunet,
33330 Saint-Émilion
Tel. +33 (0)5 57 24 42 13
contact@lescordeliers.com
www.lescordeliers.com
Geöffnet täglich von April bis Oktober
Eintritt Garten, Kloster und Kirche frei

14 h Maison du Vin3

Weinshops gibt es zahllose in Saint-Émilion. Doch nur einen «offiziellen»: Im Maison du Vin kann der Besucher aus 450 Referenzen auswählen, darunter Bekanntes und Unbekanntes, die zum Preis ab Gut gehandelt werden, und sich fachkundig beraten lassen. Erhältlich sind auch ältere Jahrgänge und Accessoires rund um den Wein. Besucher profitieren ferner von einer interaktiven weinpädagogischen Ausstellung. Das «Haus des Weines» bietet sogar verschiedene Verkostungskurse an. Reservierung direkt vor Ort in der Boutique oder über www.maisonduvinsaintemilion.com.

Place Pierre Meyrat, 33330 Saint-Émilion
Tel. +33 (0)5 57 55 50 55
www.maisonduvinsaintemilion.com
Das ganze Jahr über geöffnet, variable Öffnungszeiten je nach Saison

 

16 h Eglise Monolithe4

Die unterirdische Kathedrale unter dem 68 Meter hohen Turm wurde zu Beginn des zwölften Jahrhunderts in den weichen Kalkfels gehauen. Mit ihren 12 Metern Höhe und 38 Metern Tiefe ist sie die grösste unterirdische Kathedrale Europas. Das Tourismusbüro organisiert geführte Visiten durch die ganze «Unterwelt» des Ortes (Katakomben, Ermitage, Chapelle de la Trinité, Eglise Monolithe).

Place du Marché, 33330 Saint-Émilion
Tel. +33 (0)5 57 55 28 28
accueil@saint-emilion-tourisme.com
www.saint-emilion-tourisme.com

18 h Château la Gaffelière5

Das Premier Cru la Gaffelière, eines der ältesten Güter von Saint-Émilion, hat in den letzten Jahren eine echte Frischzellenkur mitgemacht, von der nicht nur Rebberge, Keller und Wein profitieren, sondern auch die Besucher, die mit offen Armen empfangen werden. Sie können die Rebterrassen bewundern, den modernen Gärkeller und die hübsche Boutique. Dauer ca. eine Stunde inklusive Verkostung.

BP 65, 33330 Saint-Émilion
Tel. + 33 (0)5 57 24 72 15
www.winetourbooking.com
Auf Voranmeldung, ab 20 Euro pro Person

20.30 h Château Fonroque6

Der «Stammsitz» der Moueix in Saint-Émilion, seit Jahren von Alain Moueix verwaltet, und eines der ersten klassierten Güter mit zertifiziert biologischem und biodynamischem Anbau. Alain gehört bis heute zu den wichtigsten und kompetentesten Tenören dieser Bewegung, die nicht nur in Saint-Émilion immer wichtiger wird. Der Besuch auf diesem Mustergut in herrlicher Lage ist folglich in mancher Hinsicht empfehlenswert. Nicht zuletzt angesichts der ungewöhnlichen Klasse der Weine. Besucher empfängt Judith Barat auf Voranmeldung.

Fonroque, 33330 Saint-Émilion
Tel. + 33 (0)5 57 24 60 02
judith@chateaufonroque.com
www.chateaufonroque.net
Besuch und Verkostung (auf Voranmeldung): 15 Euro pro Person

Tag 2

9 h Château Pressac7

Pressac ist historisches Monument und Spitzenweingut zugleich. Dominique und Jean-François Quenin haben dieses ganz oben auf einem Rebhügel thronende mittelalterliche Schloss, auf dem ein wichtiges Kapitel zur Weingeschichte von Saint-Émilion geschrieben wurde, liebevoll instand gesetzt und auch weinmässig auf das höchste Niveau gebracht. Dauer des Besuches circa eine Stunde inklusive Verkostung.

33330 Saint-Étienne-de-Lisse
Tel. +33 (0)5 57 40 18 02
visite@chateaudepressac.com
www.chateaudepressac.com
Tägliche Öffnungszeiten: Sommer: 9 bis 11.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr Winter: 10 bis 11.30 Uhr und 14 bis 17 Uhr
Ab 12,50 Euro pro Person

10.30 h Château Faugères8

Der Gegensatz zu Nachbar Pressac könnte nicht grösser sein: Mit seiner modernen Kellerarchitektur, für die Mario Botta verantwortlich zeichnet, verkörpert das Gut von Schweizer Unternehmer Silvio Denz gleichsam die futuristische Seite der Region. Rundgang durch Reben und Keller, Ausblick vom Turm und Verkostung. Dauer ca. 1,5 Stunden.

33330 Saint-Étienne-de-Lisse
Tel. +33 (0)5 57 40 34 99
info@vignobles-silvio-denz.com
www.chateau-faugeres.com
Voranmeldung unerlässlich, Preis auf Anfrage

14 h Château Soutard9

Soutard ist nicht nur das Zentrum der Weinaktivitäten der Mondiale-Gruppe, zu der auch etwa Château Larmande gehört, sondern auch ein Hotspot für Weintourismus-Aktivitäten. Angeboten werden thematische Workshops, individuelle Besuche, Picknick mit Wein (alles nur auf Voranmeldung), Mietfahrräder und sogar einen Rebparcours: Die Karte kann gratis im Weinshop bezogen werden.

Soutard, 33330 Saint-Émilion
contact@soutard.com
Tel. +33 (0)5 57 24 71 41
www.chateau-soutard.com
April bis November täglich von 10 bis 19 Uhr
Geführter Rundgang um 11 Uhr und 16 Uhr: 12 Euro pro Person Privater Besuch (Voranmeldung unerlässlich): 20 Euro pro Person

 

15 h Château Corbin10

Das sehenswerte Corbin war einst Zentrum eines viele heutige Nachbargüter umfassenden Herrensitzes, auf dem schon früh Weinbau betrieben wurde. Bis heute ist Corbin ein echter Familienbetrieb geblieben, mit Bravour geführt von Annabelle Cruse und ihrem Gatten Sebastien Bardinet. Hier erhält der Besucher einen guten Einblick in die Besonderheit der so genannten Pieds de Côtes im Norden von Saint-Émilion.

Grand Corbin, 33330 Saint-Émilion
Tel. +33 (0)5 57 25 20 30
contact@chateau-corbin.com
www.chateau-corbin.com
Geöffnet: Mo–Fr, Voranmeldung unerlässlich

16 h Château de Sales11

Wer in Saint-Émilion weilt, wird sicherlich auch einen Abstecher ins benachbarte Pomerol machen. Château de Sales ist eine Prinzessin, die aus einem jahrzehntelangen Schlummer zu erwachen scheint. Ein Besuch auf diesem historischen Gut, mit fast 50 Hektar Rebfläche das grösste Gut der Appellation, lohnt sich schon nur darum, weil der Wein aktuell (doch wie lange noch) zu den preiswertesten unter den Weinen des umworbenen Pomerol gehört.

11 Chemin de Sales, 33500 Libourne
Tel. +33 (0)5 57 51 04 92
chdesales@chateaudesales.fr
www.chateau-de-sales.com
Geöffnet: Di–Fr, Besuch auf Anfrage

17 h Château Beauregard12

Beauregard produziert nicht nur einen der besten Bordeaux überhaupt, es ist auch eines der besuchenswertesten unter den Spitzengütern. Der Empfang von Besuchern ist den Besitzern und Verantwortlichen ein echtes Anliegen. Seit fast zehn Jahren wird das romantische Gut mit dem lauschigen Garten, dessen Weingärten an die Appellation Saint-Émilion stossen, zudem zertifiziert biologisch geführt. Beauregard bietet zudem fünf Gästezimmer und besitzt einen gut bestückten Weinshop. Reservierungen über die Homepage oder per Mail an Roxane Gomez, die für Besucher zuständig ist.

73 Rue de Catusseau, 33500 Pomerol
visite@chateau-beauregard.com
www.chateau-beauregard.com
www.winetourbooking.com
Ab 15 Euro, Reservierung unerlässlich

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