Klartext von Nicole Harreisser • Alltagsflucht

Plädoyer für den Alltagswein

Text: Nicole Harreisser

Es ist die eine Flasche Wein, die immer im Kühlschrank steht, sei es für überraschenden Besuch, wenn man denn wieder Besuch empfangen darf, oder für den Feierabendschluck nach einem stressigen Büro- oder Homeoffice-Tag. In den meisten Fällen ist es kein grosser Wein. Solide in der Qualität soll er sein, erfrischend im Geschmack und nicht zu teuer: ein Plädoyer für den Alltagswein.

Nichts ist so gelaufen, wie man es sich doch eigentlich gedacht hat: Schon am Morgen war die Kaffeedose leer, Termine wurden nicht eingehalten, den ganzen Tag ging es von einem Meeting zum nächsten und ja, das Wetter war auch kein Grund zur Freude. Es gibt so Tage, da wäre man wohl besser im Bett oder zumindest zuhause geblieben. Puh, was war das für ein Tag! Nach dem ganzen Hin und Her hilft nur eines: am Abend einen Moment der Ruhe und Stille schaffen und ein gutes Glas Wein geniessen. Nichts Grosses, das den Geldbeutel strapaziert und im trauten Heim dann die nächste Diskussion provoziert. Nein, ein solider, nicht zu teurer Tropfen soll es sein. Warum auch nicht, denn nicht jeder Tag ist prädestiniert für Grosse Gewächse, für den Bordeaux aus dem grossen Jahrgang, der im Keller seiner Vollendung der Flaschenreife entgegenschlummert. Oder einen Einzellagen-Barolo. Nein, heute kommt der vielzitierte «Alltagswein» auf den Tisch beziehungsweise ins Glas.

Ist Alltagswein ein Schimpfwort? Sind das Weine, die man nur alleine im stillen Kämmerlein aufmacht, weil man sich dafür schämt, solch einen einfachen Wein zu trinken und ihn dann noch gut zu finden? Mitnichten. Ein Alltagswein sollte, ja muss anders definiert werden: von echter Machart, aus gutem Hause, verlässlich und den Geldbeutel nicht strapazierend.

Aber warum ist das Image des Alltagsweins so negativ?

Alltag hört sich nach Langeweile, stupider Wiederholung und einem Dahinplätschern ohne Hochs und Tiefs an. Es gibt gar keinen Grund dazu, dem Alltagswein diese trüben Noten zu geben. Warum denn? Wir alle sind bestimmt vom Alltag und versüssen ihn uns durch kleine Highlights. Beispielsweise, indem wir uns selber einen Wein kredenzen, der uns eine kleine Flucht aus dem Alltag beschert, uns ein Lächeln in die Mundwinkel zaubert, ohne dass wir dabei ehrfürchtig werden müssen wie bei einem Spitzenwein. Ein guter Alltagswein ist so unspektakulär wie der Tag selber. Jeden Tag Foie Gras, Trüffel und Drei-Sterne-Küche zu schlemmen, ist genauso langweilig wie jeden Tag ein simples Butterbrot.

Der Alltagswein soll genauso nicht sein. Er soll ein Wein sein, der einem schmeckt, über viele Jahre hinweg. Vielleicht gerät er mal in Vergessenheit, aber wenn wir ihn wieder treffen, macht er genau so viel Spass wie zuvor. Erst recht, wenn im Laufe des Abends noch der/die Liebste dazukommt und die Freude am geselligen Gewächs mit einem teilt. Alltag, ganz ohne irgendeine Aufregung. Alltag hört sich banal und langweilig an, und doch gibt es immer wieder diese kleinen Highlights. Und die waren noch nie so wichtig wie in den letzten Wochen und Monaten, in denen unser Alltag plötzlich und unfreiwillig ein ganz anderer war. Mit sehnsüchtigem Blick haben wir unsere letzten Urlaubsfotos angesehen, uns an tolle Begegnungen erinnert, fast schon die warme Sonne auf der Haut gespürt und uns auf hoffentlich bald wieder mögliche Reisen und Begegnungen gefreut. Mal wieder mit dem Nachbarn nicht nur über den Gartenzaun zu plaudern, sondern einen gemeinsamen spontanen Abend bei einem vergnüglichen Glas Wein zu verbringen.

Es geht um den kleinen, aber nicht banalen Genuss

Der Alltag ist nie banal in Sachen Wein. Blickt man in die Sortimentslisten der Winzer, so nehmen die «kleinen» Weine einen Grossteil des Angebots ein, nur bei einer Minderheit handelt es sich um exklusive Lagenweine, Grosse Gewächse oder Auslesen. Ja, die «Brot und Butter»-Weine sind das finanzielle Gerüst eines Weinguts, quasi die Pflicht, die erst die Kür ermöglicht.

Aber Achtung: Auch viele Kleine sind heute überraschend gross, denn sie werden mit der gleichen Hingabe und Sorgfalt gekeltert, selbst wenn sie von jungen Reben stammen oder nicht ganz so guten Lagen. Ein Beispiel, wenn auch auf höherem Niveau, findet sich in Bordeaux. Die Châteaux haben auch ihren «Petite», den Zweitwein, der oft zu ganz manierlichen Preisen zu haben ist. Irgendwann bald, hoffentlich in den nächsten Monaten werden wir den kleinen alltäglichen Genuss wieder mit der Familie und Freunden teilen können, von Angesicht zu Angesicht. Noch schwelgen wir mit dem Glas in der Hand allein oder allenfalls zu zweit in Erinnerungen und giessen uns voller Zuversicht auf die Zukunft dann doch noch ein zweites Gläschen ein von unserem treuen, bescheidenen, und genau deswegen so sympathischen Begleiter...

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