Interview mit Dietmar Bär, deutscher TV-Star

«Winzer? Dafür bräuchte ich ein zweites Leben»

Interview: Eva Maria Dülligen, Fotos: Caroline Prange

Wenn er nicht gerade Verbrecher als Tatort-Kommissar jagt oder auf der Theaterbühne steht, geniesst Dietmar Bär das Leben. Dabei geht der Schauspieler äusserst kennerhaft vor. Von terroirgeprägten Tropfen bis zu Biolebensmitteln reicht der Einkaufszettel des deutschen TV-Stars. Sein Gespür für rote und weisse Gewächse hat ihm jüngst sogar einen Weinpreis beschert. 

Man hat Ihnen kürzlich den «Goldenen Winzer» verliehen. Wie kommen Sie als Schauspieler zu dieser vinophilen Ehre?
Bär: 
Den Orden bekommen Promis mit Bezug zum Wein, die darüber hinaus Charity-Arbeit leisten. 1974 bekam Helmut Kohl die pfälzische Auszeichnung als Erster, 2018 war ich dran. Dazwischen ging der vergoldete Miniwinzer am Band vom Politiker über den Wissenschaftsjournalisten bis zum Leistungssportler und Medienstar an Leute wie Jörg Schüttauf, André Eisermann, Hans-Dietrich Genscher, Ranga Yogeshwar, Ulrike Meyfarth, den Astronauten Ulf Merbold, an Gert Fröbe und Willy Millowitsch. Und mit mir das 44. Mal.

Als passionierter Weintrinker, zweitdienstältester Kommissar der Serie «Tatort» und Mitbegründer des Vereins «Tatort – Strassen der Welt e.V.», der sich für philippinische Strassenkinder engagiert, haben Sie die Bedingungen ja mustergültig erfüllt.
Bär: 
Nach der Laudatio fühlt man sich am Ende des Tages schon geehrt. Es begann mit einem Eintrag ins «Goldene Buch» der Stadt Bad Dürkheim, und zum Schluss gab es eine Auswahl von Dürkheimer Weinen. Ausserdem bekommt man einen Weinpaten, der dir übers Jahr Weingeschenke macht. Das erste war eine Magnum, eine Sonderedition, auf deren Etikett «Bär» stand – eine Rotwein-Cuvée des pfälzischen Winzers Thomas Hensel, meines Weinpatens. Der hat keine Prädikate auf dem Label, sondern Kategorien wie «Aufwind», sein Gutswein. Und auf seinen Premiumgewächsen steht «Ikarus» oder «Höhenflug».

Dessen weisse Burgunder-Cuvée «Hensel und Gretel» haben wir hier gerade im Glas.
Bär: 
Wegen der bekam Hensel übrigens einen bösen Brief von einer ostdeutschen Kellerei mit Märchennamen, weil er Grimms Gestalten namentlich auf dem Etikett führt und die meinen, eine Art Patent darauf zu haben. Vielleicht haben sie auch nur übersehen, dass Winzer Hensel nicht mit «ä» geschrieben wird.

Da schimmert der Gerechtigkeitssinn von Kommissar Freddy Schenk durch. Eine Figur, mit der jede Menge Fernsehgucker Sie gleichsetzen. Fühlen Sie sich manchmal auf Ihre Tatort-Rolle reduziert.
Bär: 
Sie meinen, ob ich mich in eine Schublade gepresst fühle? Mein Freund und Kollege Armin Rohde kommentierte das mal mit «Da muss man erstmal reinkommen, in so eine Schublade». Klar freut es mich, jährlich drei Tatorte an jeweils 23 Drehtagen in einer Hauptrolle spielen zu dürfen. Aber wer meine Filmografie ein bisschen kennt, der weiss, dass ich auch andere Rollen bedienen kann.

Zum Beispiel die des Lehrers Thomas Schäfer, der im Fernsehdrama «Kehrtwende» seine Familie mit häuslicher Gewalt tyrannisiert. Oder des Gastro-Kritikers Gilles Demmonget, der in der Liebesko-mödie «Fasten à la carte» reihenweise Sterneköche medial vernichtet und nach Verlust seines Geschmacksinns in einer Sylter Fastenklinik abtaucht. Sehen Sie sich selbst als Feinschmecker?
Bär: 
Auch. Aber vor allem als Mensch, der sich seit vielen Jahren sehr bewusst ernährt. Ich trinke gern Demeter-Weine. Für mich hat Biodynamie nichts mit Zauberei zu tun, sondern mit respektvollem Zusammenspiel von Mensch und Natur. Wenn die Gezeiten vom Mond beeinflusst werden, dann hat er natürlich auch Einfluss auf den Wasserhaushalt in den Rebstöcken, und dann weiss der naturverbundene Winzer, wann er sie am besten zurückschneidet. Darin, Teepräparate oder selbstkompostierten Humus im Rebfeld auszubringen, statt Agrochemie einzusetzen, sehe ich einen positiven Ansatz.

Und wie halten Sie es mit kaubaren Lebensmitteln?
Bär: 
Letztens hatten wir auf einer Tatort-Feier Angusfilet vom Grossmarkt. Aber es gibt auch hervorragendes Eifelrind vom Biobauern. Oft steht regional auch auf einer Stufe mit bio. Als Sohn eines Metzgers bin ich sensibel, was tierische Produkte angeht. Wir müssten das ethisch endlich neu aufforsten mit der grausamen Hühnerhaltung oder den Viehtransporten. Wenn ich Milch oder Butter kaufe, will ich, dass an den Kühen noch Hörner dran waren. Meine Frau ist «Flexitarierin», also eine wohl erzogene Vegetarierin, die nur gelegentlich Fisch und Fleisch isst. Deshalb bereite ich manchmal Sachen wie vegane Leberwurst zu: Kidneybohnen, Räuchertofu, gedünstete Zwiebeln, Majoran und Rauchsalz, grob pürieren, fertig ist die «liebe Wurst».

Sieht man Sie zuhause in Berlin-Wilmersdorf oft mit umgebundener Küchenschürze im Kochtopf rühren?
Bär: Kochen macht mir Spass und im Restaurant zu essen genauso. Eine aktuelle Lieblingsadresse ist das «Hot Spot» am Kudamm. Hier kocht Herr Wu Originalrezepte aus Shanghai oder Sichuan – ohne Glutamat. Und er hat eine Weinkarte, die sich sehen lassen kann. Darunter etliche deutsche Rieslinge von Ernst Loosen bis Markus Molitor. Herr Wu hat teils alte Spätlesen mit acht Promille. Davon kann man sich schon mal ein Gläschen mehr gönnen.

Als junger Wilder trommelten Sie in der Dortmunder Punkkapelle «Planlos» und haben sicher eher Pull-Tabs von Pils-Dosen aufgerissen, als das Burgunder-Glas zu schwenken. 
Bär: Ich bin wie ein Ewiglernender. Irgendwann wächst man doch aus der «Einmal Döner mit alles drauf»-Nummer raus. Und statt dem 2,99-Euro-Chardonnay aus dem Discounter kauft man ab Hof einen Karton Sauvignon Blanc in der Steiermark oder im Weinhandel des Vertrauens. Bei der Musik ist das ähnlich. In den Achtzigern als Drummer in einer Punkband zu spielen, hat gepasst. Das war unsere Musik. Mittlerweile liegen mir Jazz und Klassik näher. 

Nur der Borussia haben Sie ewige Treue geschworen. 
Bär: Selbstredend. Ich bin Vereinsmitglied beim BVB und habe eine Dauerkarte. Ich bin Borusse und bleibe meinem Verein treu, auch wenn Berlin meine Wahlheimat ist. Um so wenige Spiele wie möglich zu verpassen, versuche ich den BVB-Spielplan mit meinen Drehplänen zu synchronisieren.

«Ein Wiener Schnitzel, klassisch vom Kalb, kombiniere ich am liebsten mit Grünem Veltliner. Wenn der Veltliner feine gelbe Apfelfrucht und Wiesenkräuter verströmt, eine cremige Textur und eine finessenreiche Säurestruktur hat, verschmilzt er mit den Kalbfleischaromen und durchtränkt die Panade mit spritzigem Saft.»

Der erste Tatort, in dem Sie aufgetreten sind, spielte im Hooligan-Milieu. Sie waren einer von den Bösen, Götz George mimte den legendären Kommissar Schimanski. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?
Bär: Götz hatte viele Farben. Ein virtuoser Schauspieler. Für mich war er ein väterlicher Kollege, der mir wertvolle Tipps zur Branche mitgegeben hat. Aber er war auch eine Autorität. In dem besagten Tatort «Zweierlei Blut» schleust sich Schimanski in die Duisburger Hooligan-Szene ein, bis ihm die Polizeimarke aus der Tasche fällt. Wir schlagen ihn grün und blau und setzen ihn anschliessend nackt im MSV-Stadion aus. Das hat Götz natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Er wollte, dass die Ordnung auf dem Pavianhügel wiederhergestellt wird. Das Drehbuchende musste geändert werden, um die Figur Schimanski zu schützen. Und so musste ich als Revanche in der Schlussszene im Stadionflutlicht die Hose runterlassen. 

Im Kölner Tatort-Team herrscht wahrscheinlich eine flachere Hierarchie. Nur beim Wein machen Sie auf Feiern zwischen den Drehs keine Kompromisse…
Bär: In der Mitte eines Drehs feiern wir jeweils eine Art Bergfest, so wie beim Häuserbau, wenn der Rohbau steht. Alle müssen kulinarisch was zum Fest beitragen: Die Praktikantin macht ein Knoblauchbrot, der Oberbeleuchter grillt und ich kümmere mich um den Wein. Beim letzten Mal meinte ich: Ihr kriegt keinen Chianti von mir, jetzt gibt es hier mal einen Spätburgunder von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr. Es ist kaum zu fassen, wie viele Vorurteile immer noch gegen deutschen Rotwein bestehen. Dabei kann eine Cuvée «X» von Knipser durchaus mit manchem Premier Cru aus dem Médoc mithalten.

Sie haben jüngst ein dpa-Interview gegeben, das Sie als «verhängnisvoll» bezeichnen. Warum?
Bär: Ich wurde gefragt, welchen Lebenstraum ich noch habe, worauf ich leichtfertig antwortete, dass die Arbeit auf einem Weingut von der Lese bis zum Abfüllen eine schöne Sache wäre. Die Quittung waren dann zahlreiche Angebote von deutschen Winzern, die mich als helfende Hand im Rebfeld und Reifekeller einspannen wollten. Hierfür möchte ich mich an dieser Stelle nochmal herzlich bedanken. Aber ich bin Schauspieler, und so fehlt mir leider die Zeit, diese verlockenden Angebote anzunehmen.

Können Sie sich also nicht vorstellen, irgendwann professionell in die Rolle eines Winzers zu schlüpfen?
Bär: Dafür bräuchte ich ein zweites Leben. Mir reicht es auch völlig, Bekanntschaften mit tollen Winzern zu pflegen, nach Portugal zur Weinprobe bei Dirk van der Niepoort zu fahren, Bioweine in der Deidesheimer «Weinbar 1911» zu trinken oder Urlaub in der Nähe von Salzburg zu machen und da zum Kalbschnitzel einen Grünen Veltliner zu nippen. 

Dortmund war während Ihrer Jugend nicht gerade ein Schmelztiegel für Spitzengewächse. Haben Ihre Eltern für Sie die Weichen zum Weinfreak gestellt?
Bär: Nein. Man sollte das nicht durch die Leckerli-Brille sehen. Bei uns gab es deutsche Metzgerküche und kaltes Bier. Und in Dortmunder Lokalen war der Wein süss oder sauer, weiss oder rot. Im Schnitt konnte man zwischen vier belanglosen Offerten wählen. Als Dortmunder bin ich mit meinem Weininteresse ziemlich transformiert. Trotzdem finde ich es spannend, gute Craft-Biere zu entdecken. In Belgien, unter anderem in Brügge, habe ich hervorragende Biere aus Mikrobrauereien getrunken.

Gibt es auch Bergmann-Bier bei Ihnen?
Bär: Klar. Gestern war ich noch Untertage, anlässlich einer Einladung zu den Besuchertagen der Zechen im Ruhrgebiet, die übrigens bis 2018 in Betrieb waren. In 1240 Metern Tiefe schaukelt man wie in einer unterirdischen Wuppertaler Schwebebahn durch die Tunnel. Wieder oben, siehst du mit den Russringen um die Augen aus wie Boy George. Unten habe ich ein Stück Gestein gefunden, in dem waren Millionen Jahre alte Schachtelhalme eingefasst. Das erinnert an Fossilien, etwa aus Moselaner Rebhängen: Abdrücke von Muscheln oder Schneckenhäusern auf verwittertem Moselschiefer. Der Ruhrpott hat eben auch sein Terroir.

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