VINUM-Panel: Drei Generationen

Im Alter roter Power bitte!

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Hans-Peter Siffert

Beeinflusst das Alter den Weingeschmack? Auf jeden Fall! Das ist das Fazit unseres experimentellen Leserpanels, bei dem drei Jurys, nämlich eine mit unter 25-jährigen Weintrinkern, eine zweite mit Konsumenten zwischen 30 und 50 Jahren sowie eine dritte mit über 60-jäh­rigen Geniessern, die gleichen 15 Weine verkosteten. Bevorzugt die Jugend fruchtbetonte Weine mit Finesse wie den trockenen Spitzenriesling aus der Pfalz, so setzen ältere Geniesser ganz klar auf rote Klassiker aus Rioja oder dem Piemont, aber auch auf wuchtigen Barossa Shiraz! Am Barolo hingegen scheiden sich die Generationen! 

Wilhelm Busch wusste es schon vor 150 Jahren: «Rotwein ist für alte Knaben eine von den besten Gaben», dichtete er 1875 in seinem Bildband «Abenteuer eines Junggesellen». Allerdings nicht jeder Typ von Rotwein. Bei unserer Ü60-Jury, mit einem exakten Durchschnittsalter von 67 Jahren, landeten zuvorderst der Amarone von Brigaldara (4. Platz), der Rioja Reserva von Lopez de Heredia (3. Platz), der Barossa-Shiraz von Kalleske (2. Platz) und ganz an der Spitze der Barolo von Prunotto mit einer Wertung von 18 Punkten. Das Interessante dabei: Der gleiche Barolo, aus der gleichen Flasche kredenzt, erreichte in der Jury der unter 25-Jährigen (Durchschnitts-alter: 21 Jahre) lediglich 14 Punkte und landete auf dem letzten Platz der 15 verkosteten Weine. Noch nie zuvor registrierten wir an einem Leser-Panel derart fundamentale Bewertungs-Unterschiede!

Zweigelt gefällt allen
Die logische Folgerung daraus: Mit dem Alter ändert sich unser Weingeschmack ganz gewaltig. Erst nach einer jahrzehntelangen Sozialisation mit Wein lernen wir auch Weine wie einen klassischen Barolo oder einen klassischen Rioja schätzen. Sekundäre und tertiäre Aromen, kerniger Gerbstoff und eine präsente Säure mögen wir nicht von Geburt an. Solche Eigenschaften müssen wir erst lernen, gut zu finden.
Das Resultat dieser Verkostung zeigt aber auch, dass das Pauschal-Vorurteil «Jugendliche Weintrinker lieben einfach gestrickte Weine mit Restsüsse» so nicht zutrifft. So zog beispielsweise die U25-Jury den feinfruchtig-eleganten, trockenen Pfälzer Riesling von Bassermann-Jordan dem Sauvignon Blanc (Matua) aus Neuseeland mit dem typischen Spiel zwischen Säure und Restsüsse klar vor. Und auch bei den Rotweinen bevorzugte die junge Jury fruchtbetonte Eleganz (Zweigelt Girmer von Kirnbauer) anstelle der opulenten Fruchtfülle eines Amarones oder Barossa Valley-Shiraz… Interessant ist auch das Resultat der beiden Naturweine im Generationen-Panel. Grundsätzlich für ein junges, von Weinkultur «unbelastetes» Publikum gekeltert, schnitten die «Naturelles» (ein Pet Nat und ein jugendlicher Cinsault aus Languedoc/Roussillon) bei der jungen Jury nur unwesentlich besser ab und landeten auch hier im hinteren Mittelfeld. Die Weine brauchen wohl die einschlägige Szenerie samt dazu passenden Influencern, um ihre Vorzüge auszuspielen… Nicht im Spitzenfeld klassieren konnten sich einmal mehr jene Charakterweine, die konsequent auf Subtilität und eine säurebetonte Geradlinigkeit setzen, etwa der Champagner Extra Brut Les Terres Fines von Dhondt-Grellet oder der Mâcon-Verzé von der Domaine Leflaive.
Der Wein mit dem besten Gesamtergebnis über alle drei Jurys hinweg ist ein VINUM-Lesern schon bekanntes Gewächs: Der Zweigelt Girmer Reserve vom Weingut Kirnbauer war bereits der Gewinner des Zweigelt-Profipanels in der Juli-Ausgabe 2017. Damals von professionellen Verkostern zum klaren Sieger gekürt, gewinnt dieser Wein nun also auch beim VINUM-Leserpanel. Wer den Wein näher analysiert, versteht schnell warum: Fruchtbetont, aber doch komplex, samtig, aber doch gut strukturiert und mit einer präsenten Säure ausgestattet, zeigt dieser Wein gleichermassen Charme und Charakter. Es ist fast unmöglich, ihn nicht gut zu finden… 


Junge lieben junge Frucht!

Unter 25 

Das mit einem Durchschnittsalter von 21,25 Jahren sehr jung besetzte U25-Verkostungsteam lässt überraschend klare Präferenzen erkennen. Denn die drei am höchsten bewerteten Weine zeigen alle eine klare Primärfrucht-Aromatik und fruchtbetonten Schmelz im Gaumen. Zudem war die U25-Jury die einzige, bei der ein Weisswein (Riesling) den Spitzenplatz belegt hat. Wenig anfangen konnten die jungen Verkos­ter(innen) dagegen mit den von den zwei anderen Jurys hochbe­werteten, klassischen Rotweinen (Barolo, Barossa Shiraz, Rioja Reserva). Die zwei eleganten Crus aus dem Burgund schnitten wesentlich bes­ser 
ab. Auch für die zwei Naturweine, generell für ein jugendliches Publikum konzipiert, konnte sich diese Jury nicht begeistern.

Die Top 3

  1. Bassermann-Jordan, Pfalz (D), Riesling Forster Ungeheuer Ziegler 1. Lage 2016
  2. K+K Kirnbauer, Burgenland (AUT), Zweigelt Girmer Reserve 2015
  3. Bisol, Veneto (ITA), Prosecco Crede Brut Superiore Valdobbiadene DOCG

Ein bisschen Fülle muss sein

30 – 50-Jährige 

Ab dem 30. Altersjahr beginnt offensichtlich die allmähliche Hinwendung des Weinliebhabers zu den roten Gewächsen. Jedenfalls landeten in dieser Jury ausschliesslich rote Crus in der Top 3. Handelte es sich bei den beiden Erstplatzierten um eher junge  Weine (2015er) mit viel Beerenfrucht und Würze, so beweist der auf dem dritten Platz folgende Rioja Reserva aus dem Jahr 2006, dass in dieser Altersklasse doch auch schon die Qualitäten gereifter Weine erkannt werden. Auf Platz 4 klassierte sich mit dem eher opulenten Chardonnay aus Kalifornien der erste Weisswein, während der geradlinige Burgunder (Mâcon-Verzé) schlechter abschnitt. Ein weiteres Indiz dafür, dass in dieser Gruppe ausgeprägte Frucht und Würze bevorzugt wird. 

Die Top 3

  1. K+K Kirnbauer, Burgenland (AUT), Zweigelt Girmer Reserve 2015
  2. Kalleske, Barossa Valley (AUS), Pirathon Shiraz Barossa 2015
  3. Lopez de Heredia, Rioja (ESP), Viña Tondonia Reserva 2006

Rot, tiefrot, dunkelrot!

Ü60-Jährige 

«Hauptsache rot!» – so lässt sich das Urteil der ältesten Jury-Gruppe zusammenfassen. Denn trotz der ausgewogenen Weinauswahl (sieben Weissweine und acht Rotweine) klassierten sich bei den «Ü60» ausschliesslich Rotweine auf den ersten sechs Plätzen. Bei den zwei Rotweinen, die nicht ganz so viel Begeisterung auslösten, handelt es sich bezeichnenderweise um die leichtesten Gewächse, nämlich den Premier Cru aus dem Burgund und den Cinsault-Naturwein aus dem Languedoc. Letzteren straften diese bekennenden Rotwein-Liebhaber sogar mit dem letzten Platz ab. Da auch der weisse «Naturelle» weit unten, nämlich auf dem zweitletzten Platz landete, ist klar: Bei über 60-Jährigen sind Naturweine kein Thema mehr. Gefragt ist «klassisch Rot» in allen Variationen. 

Die Top 3

  1. Prunotto. Piemont (ITA), Barolo DOCG 2014
  2. Kalleske, Barossa Valley (AUS), Pirathon Shiraz Barossa 2015
  3. Lopez de Heredia, Rioja (ESP), Viña Tondonia Reserva 2006

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