Profipanel | Riesling

... and the Winner is Germany!

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Polari

25 trocken ausgebaute Riesling-Crus aus sieben Ländern traten im grossen Profipanel gegeneinander an. Auch wenn die Top Five von deutschen Gewächsen belegt wird, zeigt das Tasting, dass der Planet Riesling zumindest im trockenen Bereich qualitativ immer enger zusammenrückt. Der bestklassierte nichtdeutsche Wein war übrigens ein Neuseeländer, gefolgt von einem Schweizer…

«Eine Verkostung mit trockenen Rieslingen aus aller Welt? Da bin ich mit dabei, denn da kann ja nichts schieflaufen», sagte einer der Verkoster, als er die Einladung zu diesem Panel erhielt. Er sollte Recht behalten. Denn diese Verkostung beweist eines ganz klar: In Bezug auf das Verhältnis zwischen Preis und Topqualität ist der trockene Riesling unschlagbar. 18 Punkte für unter 40 Euro, und dies nicht als Ausnahme, sondern als Regel, das kann nur Riesling. Dass die fünf erstplatzierten Rieslinge alle aus Deutschland stammen, ist nicht wirklich eine Überraschung. Die deutsche Stilistik, bei der die prägnante, aber saftige Säure voll in den Fruchtschmelz integriert ist, und das selbst bei noch sehr jungen Weinen, das bietet kein anderes Land in dieser Perfektion. Vor allem die österreichischen Rieslinge, die zwar ein grosses Entwicklungspotenzial offenbaren, aber in ihrer Jungend oft etwas sperrig, ungestüm und rustikal wirken, können dem feinfruchtigen Charme der deutschen Crus in dieser ersten Trinkphase wenig entgegensetzen. Gut möglich, dass die Österreicher weitaus besser abgeschnitten hätten, wenn die Verkostung mit etwas gereifteren Weinen durchgeführt worden wäre. Als bester nichtdeutscher Riesling klassierte sich der Dry Riesling 2008 von Framingham Vineyards in Neuseeland auf dem sechsten Platz. Gleich dahinter landete der Weisse Riesling 2015 vom Schlossgut Bachtobel in der Schweiz. Das sehr gute Abschneiden der beiden Schweizer Crus ist eine positive Überraschung. Denn die Schweiz ist mit einer Anbaufläche von total gerade mal 16 Hektar der Riesling-Zwerg schlechthin.

Mit oder ohne Restzucker?

Alle 25 verkosteten Weine wurden mit 17 bis 18.5 Punkten bewertet. Eine direkte Folge dieses immer besser gewordenen Leistungsniveaus ist die Tatsache, dass die Herkunft der Weine immer schwieriger zu bestimmen ist. Nur die deutschen Crus wurden mehrheitlich klar erkannt. Dabei sind die Interpretationen eines trockenen Rieslings von Region zu Region, aber auch von Winzer zu Winzer höchst unterschiedlich, vor allem was das Verhältnis zwischen Säure und Restzucker anbelangt. Das zeigen schon die beiden erstplatzierten Weine. Wird beim erstplatzierten Lorcher Riesling (Rheingau) von Eva Fricke die vergleichsweise hohe Säure von 8,7 Gramm von 8,3 Gramm Restzucker ausbalanciert, so weist das zweitplatzierte Grosse Gewächs Westhofener Aulerde (Rheinhessen) von Wittmann bei einer Säure von 7,6 Gramm nur gerade einen Restzuckergehalt von 3,8 Gramm aus. Fast durchgegoren und somit knochentrocken zeigen sich die Crus aus Australien und Neuseeland. Das lässt sie in der Jugend etwas stahlig erscheinen, doch nach einigen Jahren Reife entwickeln sie erstaunlich viel Eleganz und Schmelz.

Mit der Reife wechselt die Aromatik

Interessant ist die sensorische Veränderung der Weine, die in der Regel nach vier bis fünf Jahren einsetzt und sich über Regionen, ja Kontinente hinweg ähnlich manifestiert. So zeigten sowohl der 2012er Riesling vom Weingut Knipser in der Pfalz als auch der 2008er Crus von Framingham im australischen Eden Valley und der Pewsey Vale aus dem neuseeländischen Marlborough schon vielschichtige Tertiäraromen wie Petrol, Kerosin, Rauch, Honig und Wachs. Von Riesling-Freaks als edle Aromen geschätzt, halten andere solche Noten eher für gewöhnungsbedürftig und geniessen trockenen Riesling vorzugsweise in den ersten drei Jahren, wenn sie noch von Primäraromen wie etwa Zitrusfrüchten oder Pfirsich geprägt sind.

Die Jury

(von links nach rechts)

Roger Maurer Weinhändler. Sein Favorit: Escherndorf am Lumpen Riesling GG 2016, Horst Sauer, Franken (D)

Thomas Vaterlaus Chefredakteur VINUM. Sein Favorit: Westhofener Kirchspiel Riesling GG 2016, Weingut Groebe am Bergkloster, Rheinhessen (D)

Sigi Hiss Weinjournalist. Sein Favorit: Westhofener Aulerde Riesling Grosses Gewächs 2016, Weingut Wittmann, Rheinhessen (D)

Ilona Grau-Tschopp Weinhändlerin. Ihr Favorit: Dry Riesling 2008, Framingham Vineyards, Marlborough (NZ) 

Nicole Harreisser Redakteurin VINUM. Ihr Favorit: Westhofener Aulerde Riesling GG 2016, Weingut Wittmann, Rheinhessen (D)

Carsten Fuss Weinhändler. Sein Favorit: DAC Ried Ehrenfels-Senftenberg Riesling Reserve Erste Lage 2016, Franz Proidl, Kremstal (A)

Madelyne Meyer Wein-Bloggerin. Ihr Favorit: Clos Häuserer 2016, Domaine Zind-Humbrecht, Elsass (F)

Jean-Claude Hofstetter Geologe und Weinakademiker. Sein Favorit: Dry Riesling 2008, Framingham Vineyards, Marlborough (NZ)

Paul Liversedge MW Weinhändler und Journalist. Sein Favorit: Hallgarten Hendelberg Riesling Erste Lage 2017, Peter Jakob Kühn, Rheingau (D)

Beat Caduff Gastgeber. Sein Favorit: Westhofener Aulerde Riesling GG 2016, Weingut Wittmann, Rheinhessen (D)

Alain Kunz Journalist. Sein Favorit: Lorcher Krone Riesling trocken 2015, Weingut Eva Fricke, Rheingau (D)

Nicole Vaculik Sommelière. Ihr Favorit: Roxheimer Höllenpfad Riesling trocken Erste Lage 2017, Weingut H. Dönnhoff, Nahe (D)


«Alle 25 Weine, obwohl sie aus sieben verschiedenen Ländern stammten, zeigten trotz ihrer terroirspezifischen Eigenschaften ganz klar die Sortentypizität. Das Herkunftsland dagegen war, wie bei manchen früheren Panels, oft schwierig zu erkennen. Das Tasting zeigte auch, dass delikate Weine anspruchsvoll im Kredenzen sind. Einige waren eine Spur zu kalt, was die Säure etwas zu dominant wirken liess.»

Paul Liversedge MW Weinhändler, Journalist und Consultant, Zürich


 


«Besonders gereifte Rieslinge gehören für mich zu den faszinierendsten Weinen überhaupt. Das hat sich auch in dieser Verkostung gezeigt. Es lohnt sich darum, bei den trockenen Rieslingen ein paar Jahre zu warten. Dann zeigen sich tertiäre Aromen der besonderen Art, und zwar nicht nur die vielzitierte Petrolnote. Das gilt besonders für die deutschen Gewächse. Die sind diesbezüglich einfach eine Klasse für sich.»

Madelyne Meyer Wein-Bloggerin, Aarau


 


«Das Einzigartige beim Riesling ist sicherlich seine unnachahmliche Säurestruktur. Wobei es hier erstaunliche Unterschiede gibt. Während sich bei vielen Weinen die Säure auf wunderbare Weise mit zartem, saftigem Fruchtschmelz vereint, wirkt bei anderen Weinen die Säure doch eine Spur zu dominant. Bei Letzteren ist oft schwer zu beurteilen, ob sich diese Säurespitze mit mehr Flaschenreife doch noch voll einbindet.»

Nicole Vaculik Sommelière, Meersburg


 


«Was mich an dieser Riesling-Auswahl am meisten begeistert, ist erstens die riesige Bandbreite an Aromen und zweitens das individuelle Zusammenspiel von Frucht, Säure und Mineralität. Das Tasting zeigt zwar, dass die deutschen Rieslinge noch immer das Mass der Dinge sind, aber auch in Australien, Neuseeland und Washington wissen die Winzer: je länger, je besser ... wie man Top-Rieslinge in die Flaschen bringt.»

Ilona Grau-Tschopp Weinhändlerin, Basel


 


«Das Niveau des Tastings war hoch, vom Verhältnis zwischen Qualität und Preis her sogar weltklasse. Obwohl als trocken deklariert, entsprechen einige Weine eher der feinherben Stilistik, das irritiert. Gar nichts anfangen kann ich mit Rieslingen, die den biologischen Säureabbau durchlaufen haben oder Eichenholzwürze erkennen lassen. Das ist 
unnötig, denn so verlieren die Weine ihre Lebendigkeit.»

Beat Caduff Gastgeber Caduff’s Wineloft, Zürich


 

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