Interview mit Roula Ganthous Abou Khater, der ersten Weingutschefin im Libanon

«In meinen Adern fliessen Wein und Arak»

Interview: Rudolf Knoll, Fotos: z.V.g.

Mit Nachbarn wie Syrien, Israel und Palästina lebt es sich für die Libanesen ziemlich unruhig. Doch das reizvolle Land am Mittelmeer hat eine ruhigere Phase hinter sich, die dem traditionellen Weinbau guttut. Aussergewöhnlich ist dabei, dass sich hier eine Frau als einzige Weingutsbesitzerin schon 13 Jahre souverän behauptet, nämlich Roula Ghantous Abou Khater, Chefin von Coteaux du Liban.

VINUM: Sie sind die erste Weinlady im Libanon als Eigentümerin eines Weinguts. Fühlen Sie sich wohl in dieser Rolle?

Abou Khater: Ich wurde unter sehr schwierigen Bedingungen die erste Weinlady des Landes! Der Traum und der Wunsch meines Ehemannes, ein Weingut zu besitzen, wurde durch einen tödlichen Autounfall an mich weitergegeben. Obwohl meine Familie seit 1883 eine führende Arak-Produktion im Libanon betreibt, war es anfangs etwas schwierig, alles zu verstehen. Ich musste erst in die Materie eintauchen, aber jetzt fliesst Wein in meinen Adern und ich bin mit Leidenschaft Winzerin!

Es gibt einige Önologinnen im Weinbau. Ist das ein neuer Trend im Land – Frauen, die mit Wein zu tun haben?

Ich glaube nicht, dass es ein Trend ist, denn der gesamte Weinsektor im Libanon war in den letzten Jahren, also vor 2005 nicht stark entwickelt. Ich vermute, dass diese Entwicklung parallel zum Wachstum des Weinsektors verläuft. Vielleicht ist die neue Generation offener für Frauen, die im Ausland studieren. Vor 20 Jahren waren sie nicht sehr präsent, weil die Weinproduktion weniger entwickelt war und von einigen grossen Produzenten dominiert wurde.

Wie reagieren die Männer im Weinbau auf Frauen, die sich in diesem Metier beschäftigen?

Bei mir konnten die Mitarbeiter teilweise schwer akzeptieren, dass eine Frau die Entscheidungsträgerin ist. Sie dachten, dass sie, nachdem mein Mann gestorben war, die Dinge auf einfachere Weise erledigen könnten. Aber sie mussten erkennen, dass ich niemals etwas akzeptieren würde, was die Qualität meiner Weinberge und Weine beeinträchtigen könnte. Ich lernte schnell, nein zu sagen und das zu tun, was ich für richtig hielt. Mittlerweile geben sie mir sogar manchmal das Gefühl, dass sie stolz auf ihre Chefin sind. Die Männer in unserer Familie dagegen standen immer schon hinter mir wie Soldaten hinter ihrem Kommandanten, sie vertrauten mir, stellten mir ihre Erfahrung und ihr Wissen zur Verfügung. Das gab mir viel Selbstvertrauen, Kraft und Energie. Auch alle Männer, die unsere Weine entdeckten, probierten, unsere Geschichte hörten und das Weingut besuchten oder mich auf internationalen Präsentationen trafen, waren gute Helfer.

Welche Rolle spielen die Frauen generell im Lande?

Die Rolle der Frauen vor und während des Bürgerkriegs sowie danach, also Anfang der 90er Jahre, war etwas schüchtern. Aber nach und nach fokussierten sich die libanesischen Frauen vermehrt auf eine höhere Bildung, Reisen, Lesen und wollen nun ihre eigene Karriere und ihr Leben gestalten. Frauen besetzen heute hohe Positionen und vor allem Stellen, in denen sie das tun können, was sie gerne tun. Nur in der Politik ist die Präsenz immer noch sehr gering. Die Politiker im Libanon gestatten es selten, dass eine Frau die Führung übernimmt. Mit der Zeit wird es besser. Ich denke, dass Frauen das politische Geschehen aus einer anderen Sichtweise betrachten. Dies könnte sich positiv auf Problemlösungen auswirken.

Vor nicht allzu langer Zeit gab es im Libanon gerade ein halbes Dutzend Weingüter, inzwischen sind es über 50. Worauf ist dieser Boom zurückzuführen?

Viele Faktoren spielen eine Rolle. Während des Bürgerkriegs fehlten unternehmerische, industrielle und kommerzielle Aktivitäten weitgehend. Auch für libanesische Jugendliche war es sehr schwierig, zu reisen, Wein zu entdecken und zu studieren. Deshalb war nur eine Minderheit des Volkes offen für die Welt des Weins. Das hat sich geändert, auch weil viele Wissenschaftler etliche Forschungen über das Potenzial und die Fähigkeiten des libanesischen Terroirs durchgeführt haben. Ebenso hat der lokale Weinkonsum nach dem Bürgerkrieg zugenommen. Zusätzlich spielt der luxuriöse und edle Aspekt der Weinwelt eine bedeutende Rolle, da er viele leidenschaftliche libanesische Unternehmer anzieht, mit dem Ziel, selbst Wein herzustellen.

Das Land ist hoch verschuldet. Glauben Sie, dass die Betriebe alle solide finanziert sind?

Die hohe Verschuldung der libanesischen Republik hat einen grossen Einfluss auf die Weinindustrie. Vor allem der Wegfall von Subventionen und die extrem hohen Energiepreise verteuern unsere Produktionskosten enorm und tragen zu relativ hohen Preisen bei. Darüber hinaus stellen die Schulden, das geringe Wachstum sowie weitere Faktoren ein Risiko dar. Ich hoffe auf bessere Bedingungen für uns, damit wir weltweit wettbewerbsfähig sein und bleiben können. Aber wir sind auf einem guten Weg.

Welches Flächenpotenzial gibt es noch im Libanon?

Der Libanon ist mit 10 452 km2 ein sehr kleines Land, gehört jedoch zu den zehn Ländern mit der höchsten Bevölkerungsdichte. Dadurch sind landwirtschaftliche Flächen für die Weinherstellung nicht im Überfluss vorhanden und können nur zu extrem hohen Preisen erworben werden. Aus diesem Grund basiert das gesamte Potenzial des Weines im Libanon auf seiner Qualität. 

Kann der Boom der letzten Jahre auch dazu führen, dass Rebflächen zu Spekulationsobjekten werden oder schon geworden sind? Zu hören ist von Preisen von einer Million Dollar für einen einzigen Hektar…

Ich sehe nicht unbedingt die Spekulation von Rebflächen, sondern eher eine Mengen-Begrenzung als notwendig an. Unsere Winzer sollten sich darauf konzentrieren, mit den verfügbaren Mitteln das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Wie lebt man damit, dass das Land nicht gerade von sehr guten Freunden umgeben ist und der Weinbau zuletzt 2006 erheblich von kriegerischen Auseinandersetzungen beeinträchtigt wurde?

Die Situation im Libanon hat sich seit mehr als drei Jahrzehnten nicht verändert. Um uns herum und im Land selbst hat es immer Konflikte gegeben. Das hat uns jedoch nie daran gehindert, unsere Träume zu verfolgen und diese zu verwirklichen. Ich erinnere mich noch sehr gut: 15 Tage nach dem Kriegsbeginn von 2006: mein Mann bestand darauf, die Trauben zu ernten und damit die neue Saison einzuläuten. Er installierte weisse Fahnen auf den Lastwagen und wir begannen mit der Ernte. Doch es ist belastend, das politische Geschehen um uns herum zu verfolgen, da es unsere wirtschaftliche Entwicklung erheblich beeinträchtigt.

Im Libanon leben sehr viele Flüchtlinge vor allem aus Syrien, aber auch aus Palästina. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung sollen es sein. Können sie im Weinbau eingesetzt werden?

Der Libanon ist das kleinste Land mit der grössten Anzahl von Flüchtlingen, mehr als 1,8 Millionen Menschen. Es ist sehr schwierig, sie in die Weinproduktion zu integrieren, da es die meisten aufgrund ihrer religiösen Überzeugung ablehnen, in Weingütern zu arbeiten. Die gesamte Handarbeit im Weinberg wird jedoch von Gruppen von Nomaden, den «Beduinen», geleistet, die in der Landwirtschaft tätig sind.

Glauben Sie an friedensstiftende Einflüsse des Weines, zum Beispiel in der Politik?

Wein bringt verschiedene Gruppen von Menschen zusammen. Da sind die Weinfeste, die Konferenzen, die internationalen Veranstaltungen mit Verkostungen auf der ganzen Welt. Wo Wein ist, entsteht eine gesellige Atmosphäre. Ich hoffe, dass die Parteien den Respekt vor der Erde, der Umwelt, den Tieren, den Pflanzen, der Gesundheit und den Menschen von den Winzern lernen.

Wie gut ist der Weinbau im Libanon organisiert? Gibt es einen Weinbauverband oder eine Vereinigung der besten Weingüter oder ist so etwas zumindest angedacht?

Die Weinproduktion ist noch nicht sehr gut organisiert im Sinne eines Weingesetzes mit detaillierten Normen. Aber es gibt die «Union Vinicole du Liban», einen Zusammenschluss von 24 Erzeugern, darunter unser Weingut Coteaux du Liban. Diese Union, die rund 80 Prozent der produzierten Menge verkörpert, arbeitet derzeit an mehreren Fragen zum Thema der Vermarktung, der Geschichte und der Begrenzung der Einfuhr ausländischer Weine. Die Regierung hat vor einigen Jahren das «National Institute of Vine and Wines of Lebanon» gegründet, aber seine Tätigkeit ist aktuell durch wenig Übereinstimmung in der Politik blockiert.

Gibt es ein Weingesetz nach europäischem Vorbild oder zumindest Bestrebungen in diese Richtung, etwa die Bildung von AOC-Regionen?

Die Terroirvielfalt des Libanon stellt einen Vorteil für die in den einzelnen Regionen erzeugten Weine dar. Dass es im Libanon noch kein Gesetz gibt, das Herkunft und Herstellungsverfahren garantiert, halte ich für ein Problem. Der einzige Wachstumshebel des Libanon auf den nationalen und internationalen Märkten ist die Qualität des erzeugten Weines. Und mit der Qualität meine ich Einzigartigkeit und Einmaligkeit. Ein PDO Protected Denomination of Origin bietet eine Möglichkeit, den speziellen Charakter der Weine hervorzuheben, welche in den einzelnen Terroirs produziert werden. Aus diesem Grund arbeiten wir aktuell mit Kollegen sowie internationalen Experten daran, die Grundlage für eine PDO in der Region des Bekaa-Tals zu erarbeiten.

Ist das Weinland Libanon Mitglied in der O.I.V.?

Ja, seit Ende der 90er Jahre.

Wie hoch ist der Pro-Kopf-Verbrauch beim Wein?

Nicht hoch. Er liegt bei 3,9 bis 4 Liter.

Welche Bedeutung hat der Wein im normalen Leben? Ist er mehr Luxus oder ein Alltagsgetränk?

Libanesen sind bekannt für ihre Freude am Leben – ganz gleich, wie schlimm die Situation im Land ist. In der Regel gehen Libanesen mehrmals pro Woche aus, trinken ein Glas Wein an der Bar oder geniessen ihn zum Essen. Wein wird regelmässig konsumiert, der Konsum ist jedoch immer noch sehr saisonal. Beispielsweise konsumieren 85 Prozent der Menschen Rotwein nur zwischen November und April, also im Winter, und Rosé- oder Weisswein nur im Sommer! Wir möchten erreichen, dass Wein das ganze Jahr über in den Lebensstil der Menschen integriert wird.

Es gibt im Libanon auch autochthone Sorten. Haben sie Bedeutung im Weinbau oder spielen sie nur eine Nebenrolle?

Bislang wurden im Libanon mehr als 100 einheimische Rebsorten genetisch identifiziert. Leider sind nicht alle von ihnen für die Weinherstellung geeignet, da sie meist als Tafeltrauben angebaut werden. Von den 100 Sorten werden heute lediglich zwei zur Weinherstellung verwendet: Obeïdeh und Merwah. Die Weinproduktion mit lokalen Trauben liegt unter zwei Prozent der gesamten Produktion.

Welches sind nach Ihrer Einschätzung die wichtigsten Rebsorten?

Ich persönlich bin ein grosser Fan von Syrah und Cinsault. Aus diesen beiden Rebsorten entstehen aussergewöhnliche Weine, einzigartig und mit einer gewissen Identität. Der jeweilige Geschmack des Terroirs bleibt erhalten. Ebenso denke ich, dass Obeïdeh eine sehr wichtige, schützenswerte Rebsorte darstellt. Diese Rebsorte ist mit unserem Land und unserer Weinbaugeschichte verbunden. Unsere Grossväter haben sie bereits zur Herstellung von Wein und Arak verwendet.

Welche Bedeutung hat der Wein in der Gastronomie? Wird hier auf Qualität geachtet oder spielt der Preis die Hauptrolle?

Man kann die Weinkonsumenten in zwei Gruppen unterteilen. Die alte Generation legt beispielsweise Wert auf eine bestimmte Marke mit einem Standardgeschmack zu einem fairen Preis. Und dann gibt es die neue Generation von Geniessern, die qualitativ hochwertige Weine konsumieren will. Sie besuchen Weingüter, nehmen an Verkostungen teil und verlangen nach Weinen mit besonderem Charakter.

Was trinkt man im Libanon ausser Wein und Wasser?

Die Libanesen sind sehr offen und trinken je nach Anlass verschiedene Arten von alkoholischen Getränken. An heissen Sommertagen trinken sie Bier zur Erfrischung, Whiskey, Wodka und Gin-Cocktails in den Bars. Eine wichtige Rolle nimmt neben dem Wein jedoch Arak ein, der traditionelle libanesische Brandy. Er wird aus lokalen Rebsorten wie Obeïdeh hergestellt und standardgemäss dreifach mit Anis destilliert.
Meine Familie stellt seit 1883 Arak her. Mein Vater erwähnte immer, dass man nur vier Dinge braucht, um einen guten Arak herzustellen: ausgezeichnete Trauben, besten Anis, mehrfache Destillation und Geduld. Unser Arak altert drei Jahre in 130 Jahre alten Tonkrügen.

Warum sollte man, ausser wegen Wein und Arak, Ihr Land besuchen?

Weil wir eine sehr grosse Vielfalt zu bieten haben: Kunst, Kultur, Kulinarik, das Klima und historische Denkmäler.

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