Muskateller

Launige Diva

Text: Matthias F. Mangold

Schwierig, launig, kapriziös... Die Aromasorte Muskateller macht es den Winzern nicht einfach. Trotzdem hat sie sich einen festen Platz im deutschen Rebsortenspiegel gesichert. Sie ist eben nicht nur schwierig im Anbau, sondern auch überaus wandelbar, was die Stilistik der Weine anbelangt, die sie heute hervorbringt. Das Spektrum reicht von hochkarätig edelsüss bis aromatisch-frisch. Und jetzt haben auch noch die «Orange»-Winzer den Muskateller für sich entdeckt.


«Die Säure ist ausgeprägt und eher spitz. Anstatt wie beim Riesling in die Mineralität geht sie in einen grüneren Typus ein, deswegen muss eine gewisse Grundreife da sein, sonst schmeckt das eher fordernd.»

Hansjörg Rebholz


Es ist ein immer wieder schöner Punkt in Sensorikseminaren, bei denen die Teilnehmer lernen möchten, unterschiedliche Aromenausprägungen durch die Rebsorte, die Bodenart, den Ausbau oder auch das generelle Klima des Anbaugebiets herauszufinden. Im Glas ein Wein, der so ganz anders als die anderen daherkommt. Nach was der riecht? Schnupper, schnupper – «… der riecht ja wie nach Trauben! Und schmeckt auch so!». Ziel erreicht, Aroma erkannt. Und wer jetzt noch im Kopf behalten kann, dass es sich hier um die einzige Rebsorte in Deutschland handelt, deren Weine nach Trauben riechen und schmecken, der hat was fest verankert für die Zukunft. Ihr Name: Muskateller. Und dennoch ist sie ein eher stiller Star.

Fokus Pfalz

Sie ist eine der ältesten Rebsorten, die wir weltweit kennen, vermutlich stammt sie aus Mesopotamien, dem Zweistromland, also irgendwo zwischen Iran und Irak. Angebaut wird sie in vielen Ländern, und das unter zahlreichen Bezeichnungen und mehr als 200 Spielarten. In der Pfalz gibt es mit Gleiszellen- Gleishorbach sogar ein selbsternanntes «Muskatellerdorf», in dem Gelber, Roter, Gold- und Rosenmuskateller kultiviert werden. Um den Gelben, der in Deutschland auf etwa 340 Hektar Rebfläche steht, soll es hier gehen. Es ist, das darf man ruhig sagen, eine Nischensorte, die ihre grösste Verbreitung in der Pfalz hat, danach kommen Baden und Württemberg. Dass das so ein «Pfalzding» ist, wundert Betriebsleiter Martin Franzen vom Weingut Müller- Catoir an der Mittelhaardt überhaupt nicht: «Vor 20 Jahren wurde Muskateller ja sonst fast nirgendwo reif.» Hatten sie ihn früher meist edelsüss ausgebaut, geht er heute auf ‹absolut› klares Aroma, Frische und Knackigkeit.» Und ist mittlerweile trocken. Wer über Muskateller spricht, kommt an Hansjörg Rebholz aus der Südpfalz nicht vorbei. Ihm gelingt er fast immer, oft in einer flirrenden, erfrischenden Art, die selbst trocken mit manchmal weniger als elf Volumenprozent Alkohol auskommt. Besonders die oft unterschätzte Reifefähigkeit begeistert Rebholz: «Aktuell trinken wir sehr gerne den 2005er mit seinen tollen Tertiäraromen. Das erzielen wir unter anderem durch eine sehr lange Maischestandzeit von 24 Stunden. Die ganz jungen Weine hingegen läuten im April, Mai oder Juni die Freiluftsaison ein.» Vom weinbaulichen Standpunkt aus braucht es für ihn einen hohen Arbeitseinsatz und viel Erfahrung: «Ich kenne viele Kollegen, die Muskateller anpflanzen, weil sie begeistert davon sind, aber auch nicht wenige kommen dann doch nicht damit zurecht, weil er kompliziert ist.»


«Wir lesen Muskateller grundsätzlich und schon immer sonntags, wenn alle etwas mehr Zeit haben. Er braucht das.»

Theo Minges


 

Diva und Augapfel

Auch Rebholz’ Kollege Theo Minges aus Flemlingen war schon früh ein Freund des Muskatellers, erlernt durch seinen Vater. Mit Hans- Günther Schwarz, dem Doyen der Pfälzer Kellermeister, zogen sie eigene Klone und tauschten sie untereinander aus. «Damals war die Sorte noch richtig rieslingig, hatte also eine recht hohe Säure – heute hingegen wird sie wesentlich früher reif und ist anfällig für Pilze», klagt Minges, der dem Muskateller dennoch einen exponierten Platz in seinem Betrieb zuweist: Eine Muskateller- Parzelle war der erste Weinberg, den er vor 15 Jahren seiner Tochter Regine überschrieb. Doch Muskateller sei kein Selbstläufer, wie er betont. «Er ist eine launige Diva, die Aufmerksamkeit und Sensibilität fordert. Auch im Herbst. Wir lesen Muskateller grundsätzlich und schon immer sonntags, wenn alle etwas mehr Zeit haben. Jede Beere, wirklich jede Beere wird einzeln angeschaut.» Er setzt parallel zum Gelben auf den Goldmuskateller, der etwas lockerbeeriger wächst, ein schönes Süsse-Säure-Spiel bringt und durch eine richtig dicke Beerenschale weniger auf Pilzdruck reagiert. Joachim Heger vom Kaiserstuhl beansprucht für sich, den zumindest in Baden ältesten Muskateller- Weinberg zu bewirtschaften. Die 1951 gepflanzten Reben in der Winklerberg-Parzelle Rappenecker werden im Terrassenweinberg mit Pferd Willi bewirtschaftet und per Hand gespritzt. Jedem Wunsch nach Aushacken dieses Augapfels für eine andere Sorte hat er sich bislang erfolgreich widersetzt. Und die Ergebnisse geben ihm recht. In Württemberg sammelt seit einigen Jahren Markus Drautz aus Heilbronn Erfahrungen: «Bei uns kommt der Gelbe Muskateller eigentlich fast immer auf hohe Mostgewichte. Im Boden haben wir eine sehr gute Wasserversorgung, vielleicht ist das der Grund dafür», sagt Drautz, der 2018 eine sehr hochwertige Beerenauslese daraus machte («147° Öchsle und keine einzige faule Beere dran!»). Er hat sich von dem Gedanken getrennt, Muskateller trocken ausbauen zu wollen – also gerade das Gegenteil seiner Kollegen in der Pfalz. Allerdings hat er 2017 einmal einen Muskateller als Orange Wine «MO 17» ausgebaut, anderthalb Jahre auf der Vollhefe, und erst zur Füllung mit ein klein wenig Schwefel versehen. Was sagt uns das alles? Muskateller ist wohl, wie Hansjörg Rebholz erklärt, «eine der schwierigsten Sorten überhaupt», doch sie ist extrem wandlungsfähig und scheint den Winzern je nach Anbaugebiet, Jahresverlauf und Jahrgang entweder Schnippchen zu schlagen – oder ihre Reize mit dem Füllhorn auszuschenken. Spannend!


«Wenn wir zu lange warten mit der Lese, kommt mit einer matschigen Botrytis ganz schnell der Essig.»

Martin Franzen


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