Interview mit Andrea Pirlo

Il Maestro

Interview: Christian Eder, Foto: shutterstock / lev radin

Als Mittelfeld-Regisseur schickte Andrea Pirlo den AC Milan, Juventus Turin und natürlich die italienische Nationalmannschaft auf Höhenflüge. Nach dem Ende seiner Kickerlaufbahn hat «Il Maestro» eine neue Passion entdeckt: sein eigenes Weingut, Pratum Coller, in den heimatlichen Hügeln von Brescia. Wir trafen ihn zu Zeiten von COVID-19 statt in seinem Turiner Haus zu einem virtuellen Interview im Netz.

Andrea Pirlo, «Ich denke, also spiele ich» war der Name Ihrer Autobiografie 2013: Wäre es nicht an der Zeit, einen zweiten Teil mit Ihrer neuen Karriere in der Welt des Weinbaus hinzuzufügen?

Ich hoffe, dass ich das irgendwann muss, aber noch ist es zu früh, mein Winzerdasein hat gerade erst begonnen. Ich nähere mich dem Weinbau mit grosser Demut und entdecke eine faszinierende Welt, in der ich aber auch noch viel lernen muss. Dann, wer weiss, erscheint eines Tages ein Buch mit dem Titel «Von der Weltmeisterschaft in die Welt des Weins».

Wann wurde Ihre Leidenschaft für den Wein geweckt?

Als Kind, würde ich sagen: Ich erinnere mich gerne an die Sommer mit meinen Grosseltern auf dem Land, an das Fangenspielen inmitten der Rebzeilen, diese magischen Momente der Lese, das Vergnügen, die Trauben zu ernten, ihren Glanz in der Sonne und ihren Geschmack, wenn man sie direkt von den Reben pflückt und isst. Ein Moment, der sich in mein Gedächtnis eingeprägt hat, war das Abfüllen – natürlich mit Mitteln, die heute mehr als «handwerklich» angesehen werden. Das war ein Riesenspass, besonders wenn der Weinfluss in Richtung der Flasche blockiert war und jemand den Schlauch an seine Lippen nehmen musste, um zu saugen, und erst dann der Wein wieder floss. Das hat mir immer imponiert. Alle diese Dinge sind Teil meiner Erinnerung, und als ich es mir leisten konnte, wollte ich selbst einen Weinbaubetrieb, meinen eigenen Wein machen und daraus einen Beruf kreieren. Einerseits ist es die Verwirklichung eines Traumes. Andererseits ist es natürlich auch, um die Investitionen etwas zu differenzieren, die mir durch meine Einnahmen als Fussballer möglich waren.

Wann wurde Pratum Coller geboren?

2007, aber damals hatte ich noch nicht die Zeit, mich darum zu kümmern, ein echtes Weingut zu organisieren, daher hat mich meine Familie unterstützt. Mit meinem Karriereende im Fussball hat sich das geändert. Daher war es die logische Konsequenz, ein professionelles Weingut auf die Beine zu stellen, im besten Sinne des Wortes. Teamwork ist dabei – wie im Fussball – besonders wichtig: Carlo Ferrini, einer von Italiens wichtigsten Önologen, ist unser Konsulent, wir haben Tarbiana Food & Wine als Agentur in Deutschland und Dr. Roberto Ravelli ist für die Handelsund Marketingstrategien verantwortlich. Etwas Unterstützung kommt natürlich nach wie vor von meiner Familie.

Sie produzieren zwei Rotweine, einen Rosé-, einen Weisswein und einen Passito aus angetrockneten weissen Trauben, jüngst auch einen Schaumwein. Wie würden Sie diese beschreiben?

Ich möchte sagen, dass das Sortiment an Pratum-Coller-Produkten damit ziemlich vollständig ist: ausgehend vom Nitor, unserem Weisswein aus der Rebsorte Trebbiano di Lugana, angenehm frisch und jung, ein ausgezeichneter Begleiter für Fischgerichte und Aperitifs; dem folgt Eos, ein Rosé, der von Profis und Konsumenten gleichermassen geschätzt wird und für jede Jahreszeit und für jede Gelegenheit passt: Er kann mit vielen Gerichten kombiniert werden; Marzí ist ein entgegenkommender Rotwein, der wegen seinen ausgeprägten fruchtigen Noten perfekt zum Sommer passt; Arduo ist eine grosse rote Riserva, die man mit anspruchsvollen Gerichten kombinieren kann; Monos ist ein Passito, der mit seiner Fülle überzeugt. Der jüngste im Haus ist der Ventuno, ein Roséschaumwein, der reinsortig mit Pinot Noir in der klassischen Flaschengärmethode erzeugt wurde. Der entstand nach einer Idee von Carlo Ferrini. Der erste Jahrgang ist bereits ausverkauft.

Welcher ist Ihr Lieblingswein? Und warum?

Es ist natürlich schwierig für eine Mutter zu entscheiden, welches Kind sie bevorzugt. Jeder von Pratum Coller produzierte Wein ist zwar Teil einer gesamtheitlichen Philosophie, muss beim Weinliebhaber oder bei Tisch eine bestimmte Aufgabe erfüllen. Insgeheim ist mir aber wahrscheinlich der VENTUNO am liebsten, schon allein deshalb, weil er das jüngste meiner Kinder ist, das, wie man weiss, in einer Familie immer das verwöhnteste ist.

Wie ist das Terroir der Pratum-Coller-Weinberge? Was sind die Besonderheiten Ihrer Region für die Herstellung von Wein?

Das Produktionsgebiet von Montenetto liegt südlich von Brescia. Obwohl es nicht zu den bekanntesten Gebieten des lombardischen Weinbaus gehört, weist es drei besondere Charakteristika auf. Erstens die Nähe zur Stadt Brescia, die es erlaubt, zu Fuss oder mit dem Rad zum Gut zu gelangen. Zweitens liegt es inmitten von sanften grünen Hügeln – heute ein Regionalpark –, in denen schon immer Weinbau betrieben wurde. Die Böden alluvialen Ursprungs zeichnen sich durch eine starke Präsenz von Ton aus, das verleiht den Weissweinen Frische und Persönlichkeit, den Rotweinen Eleganz, Fruchtigkeit und Kraft. Die dritte Besonderheit ist natürlich, dass ich dort geboren wurde...

Ich erinnere mich gerne an die Sommer mit meinen Grosseltern auf dem Land, an das Fangenspielen inmitten der Rebzeilen, diese magischen Momente der Lese.

Wie wichtig ist für Sie die nachhaltige Produktion?

Das ist eine der Grundlagen, auf denen die gesamte Philosophie von Pratum Coller fusst. Seit der Geburt des Gutes arbeite ich auf die biologische Zertifizierung hin, das heisst, dass alle Eingriffe in den Weinberg mit geringer Umweltbelastung, ohne Herbizide und Insektizide, nur mit natürlichen organischen Düngemitteln usw. durchgeführt werden. Aber nicht nur das: Weinbau ist für mich der Dialog mit der Natur. Das beginnt beim Weinberg und geht bis zur Umstrukturierung des Bauernhauses und zum Bau des neuen Kellers, der unter Verwendung von vollständig recycelbaren Materialien konzipiert wurde. Die Energie stammt zu hundert Prozent aus nachhaltigen Quellen.

Fehlt noch ein Wein im Portfolio des Unternehmens?

Ich würde sagen, dass unser Sortiment vorerst komplett ist, auch angesichts der Tatsache, dass wir in den vergangenen drei Jahren drei verschiedene Weine lanciert haben, die ihren Platz erst finden müssen. Im Gespräch ist aber noch ein aromatischer, gereifter Weisswein aus einem neuen Rebberg, der in diesem Jahr zur Hälfte in Produktion gehen wird. «Hunger kommt bekanntlich durchs Essen…», also haben wir einige Projekte in der Pipeline: Konkret bauen wir gerade eine neue Weinbauund Empfangsstruktur, wir werden uns auch mehr auf Märkte konzentrieren, auf denen wir noch zu wenig präsent sind, wie die USA, England und die Schweiz. Die Abrundung unseres kommerziellen Netzwerks in Deutschland, derzeit vielleicht unser wichtigster Markt, ist ein weiteres Ziel.

Haben Sie jemals daran gedacht, Wein in einem anderen Gebiet Italiens oder der Welt zu produzieren?

Carlo Ferrini hat mir mehrmals vorgeschlagen, ein Projekt in einer anderen Region ins Auge zu fassen, aber Pratum Coller wurde hier in Brescia, meiner Heimat, geboren und deshalb möchte ich, dass es hierbleibt.

Während eines Interviews sagten Sie einmal, dass Sie mit der gleichen Leidenschaft wie ein Fussballer an die Arbeit als Winzer herangehen. Was sind die Ähnlichkeiten?

Vor allem der Wunsch, etwas gut zu machen. Dann muss man als Weinproduzent genauso mit der Zeit und der Erfahrung wachsen wie im Fussball. Der dritte Aspekt ist das Teamplay, auch da haben wir bei Pratum Coller perfekte Mitarbeiter in allen Bereichen.

Wenn wir über Fussball sprechen: Für viele Fans war der Pass in der 119. Minute im Halbfinale der Weltmeisterschaft 2006 – auf den schliesslich das Siegestor für Italien folgte – «der Moment» unter vielen grossartigen, die ihre Karriere geprägt haben. Auch für Sie persönlich?

Wenn ich darüber nachdenke, war mein Fussballleben voller unvergesslicher Momente. Aber ohne Zweifel bleibt die Weltmeisterschaft 2006 die schönste und wahrscheinlich beste Zeit meiner Karriere. Und – ehrlich gesagt – waren diese letzten Minuten des Halbfinales und dann der endgültige Sieg im Finale einfach nur grossartig. Das sind Erinnerungen, bei denen ich noch immer eine Gänsehaut bekomme: Momente grossartigen Fussballs und unendlich viele persönliche Emotionen.

Aufgrund Ihrer wissenschaftlichen Spielweise wurden Sie als «Architetto», «Professore» oder «Maestro» bezeichnet. Welchen Titel tragen Sie am liebsten?

Ich würde sagen, die am häufigsten verwendete, die vermutlich am besten mein Spiel erklärt: Maestro.

Die EM wurde auf 2021 verschoben. Wer sind – oder waren vor dem Lockdown – Ihre Favoriten für den Titel?

Es ist schade, aber natürlich musste angesichts der gegenwärtigen Situation die EM verschoben werden. Momentan und auch 2021 wird es schwierig, einen Favoriten zu nennen: Die Namen sind zweifellos die üblichen, vor allem Frankreich als aktueller Weltmeister, Deutschland und Spanien sind top, auch aufgrund der letzten Ergebnisse. Dazu kommt dann noch England – wegen der grossen Fussballtradition dieses Landes immer vorne dabei. Das italienische Team ist leider erst am Anfang eines neuen Erfolgszyklus, möglicherweise ist es die Mannschaft, die dadurch mehr als andere von dieser Verschiebung profitieren kann. Ich hoffe es zumindest.

Gibt es einen Spieler in der italienischen Mannschaft der Ihrer Rolle, ein «Architekt» eines Spiels zu sein, ein wenig folgt?

Fast ein neuer Andrea Pirlo ... Es gibt verschiedene junge Leute, die sich gut entwickeln und die Nationalmannschaft zum Erfolg führen können. Aber ehrlich gesagt sehe ich zurzeit niemanden, der ein neuer Pirlo sein könnte.

Sie haben bei einigen der grössten italienischen Teams gespielt: Sind Sie nun als Rentner eher ein Tifoso von Milan, Inter oder Juve?

In jeder Mannschaft, in der ich gespielt habe, habe ich versucht, alles zu geben, unabhängig von persönlicher Zuneigung. Dies wurde von den Fans immer anerkannt. Ich bin aber ganz sicher ein Tifoso von Italien: In der Nationalmannschaft habe ich meine besten Matches gespielt. Ich liebe es, bei den Spielen der Squadra Azzurra mitzufiebern.

Was sind momentan die grössten Herausforderungen für Sie – auch ausserhalb der Welt des Fussballs und des Weinbaus?

Ich kann nicht leugnen, dass die grösste Herausforderung heute für mich und viele andere darin besteht, diese für Italien und die Welt so schwierige Zeit so schnell wie möglich zu überwinden. Die Coronavirus-Epidemie blockiert uns, macht uns Sorgen und lässt uns die Zukunft nicht klarsehen. Ich bin jedoch sicher, dass wir es gemeinsam schaffen werden.

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