Wie ein Virus die Weinszene nachhaltig verändert

Plan C

Text: Harald Scholl, Thomas Vaterlaus, Fotos: gettyimages/vFanI, z.V.g., Siffert/weinweltfoto.ch, Illustration: gettyimages/RoJDesign, gettyimages/YULIIA POLIASHENKO

«Es gibt Berge, über die man hinübermuss, sonst geht der Weg nicht weiter.» Der bayerische Dichter Ludwig Thoma hatte die aktuelle Pandemie nicht im Blick, als er diesen hoffnungsfrohen Gedanken zu Papier brachte. Dennoch bringt er es überraschend klar auf den Punkt. In der Weinszene ist die Lage nicht rosig, viele Weingüter, Weinhandlungen und Restaurants durchleben wirtschaftlich schwierigste Zeiten, einige werden es wahrscheinlich nicht schaffen. Umso wichtiger, sich an den positiven Beispielen aufzurichten. Denn es gibt sie, die innovativen Ideen und Mutmacher.

Dass die Weinwelt sich kontinuierlich ändert, ist eine jahrhundertealte Binsenweisheit, aber die allermeisten Änderungen hatten mit neuen Produktionsmethoden, klimatischen Verschiebungen oder verändertem Einkaufsverhalten zu tun. Und in aller Regel waren diese Prozesse langfristig, zogen sich über Monate, wenn nicht Jahre hin und entfalteten erst mit der Zeit ihre volle Wirkung. Das ist im Moment völlig anders und macht die Situation für alle Player in der Weinwelt so unberechenbar. Quasi über Nacht mussten Weinhändler, Gastronomen und Weinproduzenten sich auf völlig neue Spielregeln einlassen. Vertriebswege, Absatzmärkte, Kommunikationsstrukturen – alles, wirklich alles schien sich innerhalb weniger Tage, wenn nicht Stunden, zu wandeln. Und ein Ende scheint nicht abzusehen, nicht wenige Experten sagen schon heute voraus: So wie früher wird es nie mehr werden. Die aktuellen Verwerfungen werden den Weinmarkt weit stärker beeinflussen, als irgendeine staatliche Regulierung oder klimatische Veränderung es jemals gekonnt hätten. Und das in einem dramatisch kurzen Zeitraum. Alle Teilnehmer am Marktgeschehen, vom Produzenten bis zum Weintrinker, können das bedauern, verurteilen, beklagen – verhindern können sie es nicht. Umso wichtiger wird es, sich auf Neues einzulassen, die Krise als Herausforderung zu begreifen und anzunehmen.

B2B-Markt ist zusammengebrochen

Das können selbstverständlich auch altbewährte Konzepte sein. Nicht wenige Weingüter und Winzer haben in der Vergangenheit immer stärker auf das Geschäft mit Händlern und Gastronomen gesetzt und glaubten auf den Endkunden verzichten zu können. Sie stehen aktuell vor einem wirtschaftlichen Desaster. Denn die Gastronomie ist als Kunde de facto komplett weggebrochen. Ein geschlossenes Restaurant verkauft keinen Wein. Nur mit Glück werden ausstehende Rechnungen bezahlt, im schlimmsten Fall werden die Weine, die laut Rechnung «…bis zur vollständigen Bezahlung Eigentum des Weinguts bleiben…», von den Restaurants sogar wieder zurückgeschickt. Das ist aus Sicht der Gastronomen verständlich, an wen sollten sie ihre Weine denn auch ausschenken? Beim betroffenen Weingut sorgt es allerdings für doppelte Probleme. Es wird weniger bis gar nichts mehr verkauft, und der Warenbestand nimmt auch noch zu. Der stationäre Handel kann das auch nicht auffangen, denn welche Weinhandlung hat in der aktuellen Lage noch das gewohnte Geschäftsaufkommen? Wohl dem Weingut, das noch eine solide Privatkundenbasis hat. Es mag zwar etwas mühseliger sein, nur acht Kartons in den Kofferraum des Kunden zu laden, anstatt eine Palette zu packen, aber verkauft ist verkauft, und in aller Regel ist auch die Zahlungsmoral der Stammkunden deutlich höher. Die Aussagen vieler Winzer zu dem Thema sind jedenfalls eindeutig. Wir erleben – übrigens analog zur Finanzwirtschaft – ein Comeback des kleinen Privatkunden. Ihn wieder zu erreichen, ihn anzusprechen und auf den Hof zu locken – das kostet Zeit und Mühe. Aber um die Metapher von Ludwig Thoma noch einmal zu bemühen – man muss den Berg angehen, seine Route finden, sich aufmachen. Sonst geht es nicht weiter. Und das ist mit Sicherheit überhaupt keine Lösung.


Mutmacher Deutschland

WSET-Ausbildung online

Stefan Metzner, München

Der «Wine & Spirit Education Trust», kurz WSET, ist eine weltweite Organisation, die Kurse und Prüfungen im Bereich Wein und Spirituosen organisiert. Der Trust hat seinen Hauptsitz in London und gilt als einer der weltweit führenden Anbieter von Weinausbildung für Profis und Amateure gleichermassen. Hier lassen sich Weinhändler weiterbilden, oder finden Weinliebhaber einen seriösen Einstieg in das Verkosten. Die Kurse sind in verschiedene Level eingeteilt, aufsteigend von 1 bis 4 werden die Kurse immer anspruchsvoller, für Level 4 etwa sind 500 Stunden Studienzeit als Minimum vorgesehen. Bis Level 3 werden die Kurse auch auf Deutsch angeboten, Stefan Metzner ist zertifizierter WSET Educator und bietet die Kurse in seiner Weinschule in München an. 200 Schüler sind das im Weininstitut München pro Jahr, die aktuellen Klassen bereiten sich auf ihre Prüfungen vor. Um diese sicher zu bestehen, werden zusätzliche Tutorials angeboten. Vor allem für die anspruchsvollen Tests im höchsten Level sind sie unverzichtbar – das lässt sich durchaus mit den Repetitorien im Jurastudium vergleichen. Normalerweise finden die Tutorials auch im Weininstitut statt, das ist im Moment natürlich nicht möglich. Deshalb gibt es sie nun online. Alle Schüler treffen sich mit Metzner auf einer Videoplattform und verkosten gemeinsam. Das dauert pro Tutorial anderthalb bis zwei Stunden, die Weine werden vorab zugeschickt und sind unkenntlich gemacht. Denn es soll ja blind verkostet werden. Eigentlich eine ganz praktikable Lösung, abgesehen davon, dass jedem Schüler eine eigene Tastingflasche zugeschickt werden muss. Wenn in der Schule fünf Schüler verkosten, reicht eine Flasche, jetzt hat jeder Schüler eine ganze für sich. Dadurch kosten die Tutorials verständlicherweise etwas mehr, es hat aber auch den Vorteil, dass jeder Schüler im Anschluss der Videositzung nachverkosten kann – und es sind nicht die schlechtesten Weine, die sie im Glas haben. Die Nachfrage nach den Tutorials ist jedenfalls gut, Stefan Metzner kann sich vorstellen, auch nach dem Lockdown mit den Online-Tutorials weiterzumachen.

www.weininstitut-muenchen.de

d i e t e r

die digitale Weinbar

Nichts zu trinken ist auch keine Lösung, auf den Besuch einer Weinbar gänzlich zu verzichten sicher auch nicht. Dieser Grundgedanke brachte Dirk Würtz und Steven Buttlar vom Weingut St. Antony auf die Idee einer virtuellen Weinbar. Warum die nun ausgerechnet «d i e t e r» heissen musste, ist schnell erklärt. Im Katalog von Weinhändler Heiner Lobenberg stand unter einem Foto von Würtz als Name «Dieter Würtz». Das musste einfach mal verarbeitet werden. Das Prinzip der digitalen Weinbar ist einfach. Im Webshop des Weinguts kann man ein 3er- oder 6er- Paket Wein bestellen. Darin befindet sich nur gelgentlich ein Wein von St. Antony, fast ausschliesslich sind Winzerkollegen aus Deutschland und Österreich vertreten. Ein ganz wichtiger Punkt für Würtz, der mit der Initiative auch Kollegen helfen will. Viele sind in der aktuellen Lage dankbar für ein wenig Absatz und, viel wichtiger noch, für ein wenig Kommunikation. Im Gespräch zu bleiben, gar neue Kunden zu gewinnen, das ist für viele Winzer und Weingüter im Moment das Wichtigste.

Jeweils 120 Pakete gibt es pro Abend zu kaufen, sie kommen frei Haus und zum definierten Zeitpunkt. In aller Regel am Dienstag um 19:30 Uhr trifft man sich dann auf der Videoplattform Zoom zum gemeinsamen Trinken, Ratschen und Blödeln. Die Winzer sind auch anwesend, erklären ihre Weine, alle anderen diskutieren mit. Jeder brav vor seinem Computer, Laptop oder Smartphone daheim, womit das Bravsein aber auch schon aufhört. Denn wie in jeder guten Kneipe oder Weinbar geht es mal turbulenter, mal geruhsamer zu. Eine Sperrstunde gibt es nicht, es hat schon «d i e t e r»-Abende gegeben, die in den frühen Morgenstunden zu Ende gingen. Einfach weil die Anwesenden sich so gut unterhalten haben, dass sie kein Ende fanden. Auch das ist sicher ein Grund dafür, dass es die virtuelle Weinbar weiterhin geben wird. Ganz sicher auch, weil es unter normalen Umständen schwierig sein dürfte, über hundert Menschen aus ganz Deutschland und Österreich für einen gemeinsamen Abend zusammenzubekommen. Die virtuelle Weinbar «d i e t e r» macht’s möglich.

«d i e t e r» die digitale Weinbar

Eigener Herd ist Goldes wert

Der online kochende Winzer, Christian L. Stahl, Auernhofen

«Wenn die Kunden nicht zu mir kommen können, muss ich eben zu den Kunden nach Hause kommen», sagt Christian L. Stahl, Winzer aus Auernhofen in Franken. Er hat seit Jahren ein Restaurant in seinen Winzerhof integriert, von April bis Dezember werden in der Vinothek und der «Tenne» Fine-Dining-Menüs und Hochzeiten angeboten, in der «Weingießerei » gibt es am Wochenende zusätzlich Überraschungsmenüs. Bei Stahl wird deutlich ambitionierter aufgetischt als in einer Heckenwirtschaft, der Winzer kocht auf bemerkenswert hohem Niveau. Sein Können bietet er auch in Kochkursen an, die mehr oder weniger das ganze Jahr über auf dem Winzerhof stattfinden. Da dieser Geschäftszweig aktuell nicht aktiv sein kann, hat er aus der Not eine Tugend gemacht und hält seine Kochabende jetzt auf dem Bildschirm ab. Für 125 Euro kommt ein Kühlpaket frei Haus. Mit Zwei-Gang-Menü, bestehend aus Fagottini in Beurre Blanc und Flat-Iron-Steak auf Graupenrisotto mit Beeten, dazu fünf Weine und eine Flasche Sekt. Ein echtes Schnäppchen, denn allein die Weine übersteigen den Wert des Pakets. Das Menü muss tatsächlich gekocht werden, die Fagottini werden selbst geformt, das Fleisch paniert. Alles unter Anleitung von Stahl, dessen Küche mit Kameras und Licht ausgestattet wurde, um auch technisch dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Für die erste Ausgabe seiner Live-Kochshow wurden stolze 230 Pakete verkauft, 460 Mitkocher standen in den eigenen Küchen und montierten Beurre Blanc auf. Dazu kamen noch einmal rund 2000 Zuschauer über die Online-Plattformen, die statt «Kitchen Impossible» auf «Everything is possible» setzten. Ein Riesenerfolg, nicht zuletzt, weil im Anschluss viele der Pakete nachbestellt wurden und der Online-Verkauf im Weinshop deutlich anzog. Zur Freude des Winzers wurden auch seine Premium-Weine verstärkt geordert. Genau dafür war mit dem Chardonnay Grande Reserve ein Wein für 40 Euro mit ins Paket genommen worden. «Das hat die Kunden tatsächlich angefixt», sagt Stahl mit deutlichem Lächeln in der Stimme. Die Reaktionen auf den ersten Kochabend waren durchweg positiv, nur ein Pärchen hat sich beim gemeinsamen Zubereiten in die Haare bekommen. Trotzdem: Das Konzept aus Kochen, Wein und Unterhaltung funktioniert aus Sicht von Stahl so gut, dass es weiter im Programm bleiben wird – Lockdown hin oder her.

www.winzerhof-stahl.de

#teschathome

Weingut Dr. Martin Tesch, Langenlonsheim

«Die Weinwelt ist im Homeoffice und das ‹Wine & Dine› findet am eigenen Esstisch statt», so schreibt Winzer Martin Tesch auf seiner Homepage über die aktuelle Lage. Und damit trotzdem niemand das Gefühl haben muss, alleine zu trinken, hat Tesch eine Aktion ins Leben gerufen, die zeigen soll, von wem, wie und wo seine Rieslinge getrunken werden. Unter dem Hashtag #teschathome finden sich Weinhändler, Weinfreunde, Journalisten, kurzum alle Menschen, die Wein mögen. Und zeigen, wie sie in diesen Tagen ihren Wein geniessen. Weinkritiker sieht man in der Küche beim Vorbereiten des Abendessens, Weinhändler beim Ausliefern bestellter Ware im Berliner Kiez, man sieht eine Sushi-Platte im fernen Tokyo, den Rieslingmangel in der schwedischen Einöde oder auch nur den Weinberg vom Winzer nebenan. Ein kunterbuntes Sammelsurium, das beim Anschauen und Stöbern gute Laune verbreitet. Gemeinsam sind allen der Hashtag und eine Flasche Tesch-Wein als Erkennungsmerkmal. Das ist für Martin Tesch keine platte Verkaufsförderungsmassnahme, der Winzer will einfach den Kontakt zu seinen Leuten nicht abreissen lassen. Denn auch für ihn hat sich alles verändert.

Im Frühjahr bereitet er sich normalerweise auf die Festival-Saison vor, Tesch-Weine stehen im Backstage-Bereich bei vielen Rock-Konzerten, seine Freundschaft etwa zu den «Toten Hosen» ist legendär, seit zehn Jahren produziert Tesch mit dem Wein Weisses Rauschen sogar einen Wein für die deutschen Vorzeige-Punker. Von den Konzertabsagen sind nicht nur die befreundeten Musiker betroffen, auch Klubs und Konzertveranstalter hat es voll erwischt. Wie das legendäre SO36 in Berlin, einen der berühmtesten Punkrock-Klubs in Europa. Um die Betreiber zu unterstützen, gibt es in der Weinhandlung «Suff» direkt im Nachbarhaus ein SO36-Soli-Paket. Inhalt: drei Flaschen Weisses Rauschen, zwei Flaschen der Suff-Hausweine und der «You’ll never walk alone»-Obstler mit SO36-Sonderetikett. Eine Zierde für jede Hausbar, wie Winzer Tesch anmerkt. Alle Beteiligten, Martin Tesch, «Die Toten Hosen» und die Weinhandlung, verzichten zu Gunsten des SO36 auf ihren Profit. Immerhin über 10 Euro pro Paket. Wenn das kein Grund ist für #teschathome.

Die Weinhändler im Weinberg

Anja Schröder, Berlin

Der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte ist einer der belebtesten Plätze der Hauptstadt, hier pulsiert an schönen Tagen so richtig das Leben. Davon kann im Augenblick keine Rede sein, die Geschäfte sind geschlossen, nur Abstand haltende und mit Mund-Nasen-Schutz vermummte Passanten sind zu sehen. Kein ideales Umfeld für eine Vinothek, der gastronomische Betrieb ist verboten, der Weinverkauf nur unter strengen Hygieneauflagen möglich. Anja Schröder, die Inhaberin von «Planet Wein», stand vor der Entscheidung, ob sie wegen der prekären Situation ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schickt oder nicht. Wenn da nicht Winzer Achim von Oetinger vorbeigekommen wäre. Auf Besuch bei seiner Schwester nutzte er die Fahrt nach Berlin, um ein paar Weine im «Planet Wein» abzuliefern. Er erzählte Anja Schröder von der Schwierigkeit, wie sonst üblich Saisonarbeitskräfte für die im Frühjahr fälligen Arbeiten im Weinberg zu bekommen. Denn die Mitarbeiter, die sonst in dieser Zeit für von Oetinger tätig sind, hatten schon vor Wochen ihre Sachen gepackt und waren in ihre Heimatländer zurückgereist. Und andere Mitarbeiter waren nicht zu bekommen, weil sie nicht nach Deutschland einreisen durften. Dummerweise macht die Natur aber keine Pause, die Arbeiten im Weinberg mussten erledigt werden, um im Herbst eine Ernte einbringen zu können. Schröder und Oetinger sprachen sich ab, eins kam zum anderen. Die Mitarbeiter von «Planet Wein» wurden gefragt, ob sie nicht in den Rheingau fahren wollten, um Fruchtruten zu binden, Altholz auszureissen und Böden zu lockern. Die Entscheidung war schnell getrofgeführt. fen, entsprechende Papiere wurden geschrieben und die Weinberater Piero Catarraso und Poul-Philipp Augustin machten sich auf den Weg.

Anja Schröder zahlte ihren beiden Weinberatern weiterhin das volle Gehalt, als Leihgebühr bekam sie von Achim von Oetinger ein paar Kisten Wein und zusätzlich zwei Mitarbeiter mit ganz neuer Motivation für die Arbeit im Laden zurück. Wenn man wirklich weiss, wo ein Wein wächst, ein echtes Gefühl dafür bekommt, wie viel Arbeit in einem Wein steckt, wie sehr der Rücken schmerzen kann nach einem Tag im Weinberg, dann verkauft man die Weine aus der Lage mit ganz anderer Empathie, stellt Anja Schröder begeistert fest: «Der Erfolg der Aktion? Die Kunden kommen herein und wollen einen Rotwein kaufen, gehen aber anschliessend mit einem Riesling von Oetinger wieder raus.» Das nennt man wohl Win-win-Situation. Noch ein Grund mehr, diese Art des Austauschs auch nach dem Lockdown fortzusetzen.

Eine ähnliche Aktion haben der VDP und die Sommelier Union Deutschland ins Leben gerufen. Innerhalb kürzester Zeit konnte Präsident Peer F. Holm 30 Sommeliers an interessierte Weingüter vermitteln, ein Projekt, von dem beide Seiten profitieren. Intensive Einblicke in die Arbeit auf dem Weingut für die Sommeliers, engagierte und motivierte Arbeitskräfte für das Weingut. «Seite an Seite im Weinberg» wird die Phase des Lockdowns mit hoher Wahrscheinlichkeit überdauern, einfach weil die zugrunde liegende Idee zu gut und einleuchtend ist.

www.planet-weinhandel.de

Wohnzimmer-Weinproben und Hilfsaktionen

Mosel

Ein ganzes Paket von «Wohnzimmer-Weinproben» haben sich die Mosel- Weingüter einfallen lassen. Auf der Homepage von Weinland Mosel www.weinland-mosel.de sind die Angebote aufgeführt. Von der einfachen Weinprobe mit ein paar Flaschen Wein über die Geniesser-Variante mit Wildschweinschinken und Schokotrüffeln bis zur 10er-SAARKIND- Kiste mit Sommelier-Kommentar ist alles dabei. Und was sich vor dem Ausbruch der Pandemie wahrscheinlich niemand vorstellen konnte – die Angebote wurden sofort angenommen. Mehr als 90 Bestellungen für Probierpakete haben Manuel und Kristina Brixius vom Weingut Brixius nach dem Start innerhalb weniger Tage verkaufen können, etwa 200 Personen haben sich zur Verkostung via Youtube und Facebook zugeschaltet. Wenn die Gäste nicht auf das Weingut zur Weinprobe kommen können, muss die Weinprobe eben zu den Gästen ins Wohnzimmer kommen, so die einfache Devise des jungen Winzerpaars aus dem kleinen Weinort Maring in der Nähe von Bernkastel-Kues. Die positive Resonanz der ersten Probe hat jedenfalls umgehend zu einem Zusatztermin geführt. Die zweite Online-Weinprobe fand gleich nach Ostern statt, weitere Ausgaben sind in Planung. Auch wenn die Jungwinzer natürlich darauf hoffen, die Kunden zu Pfingsten zum jährlichen Hoffest wieder persönlich begrüssen zu dürfen.

Überhaupt scheinen sich die Winzerinnen und Winzer an der Mosel in der aktuellen Situation als besonders kreativ zu erweisen. Max von Kunox, Chef des VdP-Weinguts von Hövel, versucht mit einer Initiative den stillen Heldinnen und Helden der Krise zu danken. Über die Plattform «Mein Corona-Held» kann ganz unkompliziert ein Weinpaket bestellt, mit einer individuellen Karte versehen und an einen Helden versendet werden. Das können Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern sein, die Mitarbeiter im Supermarkt oder eine Nachbarin, die für andere im Haus die Einkäufe erledigt. Sie alle sorgen selbstlos dafür, dass in dieser Krise keiner zurückbleibt. Und damit nicht nur diese Heldin oder dieser Held einen Grund zur Freude bekommt, geht in Zusammenarbeit mit einer Lebensmittelkette für jedes Paket auch eine Lebensmitteltüte an Menschen in Not. Mit einem Paket wird also gleich zweimal geholfen und doppelt «Danke» gesagt. Denn, so von Kunow, «…für viele Winzer mag die Situation schwierig sein – für sehr viele andere ist sie aber auch nicht einfacher».

www.wohnzimmer-weinproben.de


Mutmacher Schweiz

Live-Tasting mit über 1000 Weinfreaks

Sandra und Olivier Mounir, Cave du Rhodan, Wallis

«Anfang März war ich fast schon auf dem Weg zu einer kleinen, feinen Messe am Bodensee, als diese abgesagt wurde. So nutzte ich die frei gewordenen Tage, um über unsere Situation nachzudenken, und entwickelte das Konzept zur Live-Weindegustation für alle», erinnert sich der Walliser Winzer Olivier Mounir. Die Idee zur vermehrten Online-Kommunikation überrascht bei ihm nicht, immerhin war er mit einer eigenen Firma im IT-Bereich erfolgreich, bevor er das Weingut seiner Eltern in Salgesch übernahm. Für seine Live-Verkostung mit Chat-Funktion für die Teilnehmer setzte er sich zwei Ziele: Professionell in der Bild- und Tonqualität sollte das Ganze sein, unkompliziert freundschaftlich vom Inhalt her. Keine Fachverkostung also, sondern ein gemütlicher Abend unter Freunden. Als Partner fand er ein junges Video-Team, das auch Snowboard-Filme für Red Bull produziert. Sie installierten professionelles Licht- und Ton-Equipment vor der Glaswand im Fasskeller und nicht weniger als fünf Kameras. «Meine Frau Sandra und ich fühlten uns wie TV-Moderatoren», sagt Mounir. Beworben haben sie das Live-Tasting nicht nur bei ihren Kunden, sondern auch über neue Aktivitäten in den sozialen Medien. Schliesslich konnten sie 500 Degusets (mit sechs Weinen im 0,5-Liter-Format) verkaufen. «Wir gehen davon aus, dass letztlich über 1000 Weinliebhaber live mit dabei waren.» Besonders erfreulich: «Rund 200 Degusets verkauften wir an Neukunden.» Inzwischen hat er sein Konzept verfeinert, weg von Gross-Verkostungen hin zu kleineren, massgeschneiderten Live-Stream-Tastings mit Themen wie «Biodynamik» oder «Walliser Klassiker». Zwölf zugeschaltete Personen sind nach seiner Meinung das Limit, mit mehr Leuten sei eine nachhaltige und persönlich geführte Kommunikation kaum mehr möglich. In einem nächsten Schritt sollen dann Video-Tastings zu individuellen Themen für Kleingruppen folgen, vielleicht eine Pinot-Noir-Vertikale für ein paar Weinfreunde oder eine «Wein-Battle» mit einem anderen Winzer. Illusionen über die Bedeutung solcher Aktivitäten macht sich Olivier Mounir keine. «Damit lassen sich die Ausfälle nicht kompensieren. Wenn ich an die kürzlich getätigten Investitionen in unseren Keller denke und an die zehn Angestellten, habe ich manchmal schlaflose Nächte. Alles hängt davon ab, wie schnell sich die Lage beruhigt. Rund 50 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften wir im letzten Quartal des Jahres.»

www.rhodan.ch

Im Live-Stream bis nach Reykjavík

Hoss Hauksson, Aargau

Niemand leidet so stark unter den Einschränkungen des Lockdowns wie jene Winzer, die ihren Betrieb erst vor kurzem gegründet und viel investiert haben und nun darauf angewiesen sind, ihre Weine rasch im Markt zu etablieren. Einer von ihnen ist Hoss Hauksson, der eigentlich Höskuldur heisst, was aber nur Isländer gut aussprechen können... Den ersten Teil seines Berufslebens widmete der heute 50-Jährige dem Geld, er war Fonds-Manager. Seit 2017 ist er nun stolzer Schweizer Winzer. Begonnen hat er mit zwei Hektar Reben, heute bewirtschaftet er bereits sechs Hektar im Aargau, aber auch einen Rebberg im Tessin. Biodynamischer Anbau und Maischenvergärung bei den Weissweinen sind die Basis für charaktervoll-eigenständige Weine. Auch er stellt seine neue Kollektion per Live-Stream vor. Um die Präsentation der sechs Weine lebendig zu gestalten, findet sie in Form eines Dialogs mit seinem Önologen und Mitstreiter Marc Berger statt. Damit die Stream-Teilnehmer ein umfassendes «Feeling» für das noch neue Projekt erhalten, werden Filme eingespielt, etwa ein Drohnenflug über die Rebberge, ein Interview mit dem vorherigen Besitzer einer Parzelle sowie Einblicke in die Kellerarbeit. Aussergewöhnlich ist auch, dass der Live-Stream zweifach stattfindet, zuerst auf Deutsch für die Schweizer Weinszene und dann unmittelbar danach auf Isländisch für die Weinfreaks in seiner Heimat. Vor dem Live-Stream-Tasting wird die führende isländische Zeitung «Morgunbladid» ein doppelseitiges Interview mit Hoss Hauksson publizieren. Schon jetzt verkauft Hauksson fast die Hälfte seiner Produktion in Island, mit dem prominent angekündigten Live-Stream erhofft er sich einen weiteren Schub. Durch die neuen Kommunikationsformen rechnet der innovative Winzer mittelfristig mit einem veränderten Kaufverhalten. «Weil in den sozialen Medien direkt die Endkonsumenten angesprochen werden, dürfte in der Folge auch der Direktverkauf an Bedeutung gewinnen.»

www.haukssonwine.com

«Help with a bottle today»

Schuler Weine, Schweiz und Ses Talaioles, Mallorca

Keine Frage, die Gastronomie wurde von der Corona-Krise so hart getroffen wie kaum eine andere Branche. Und die Weinkultur braucht die Gastronomie, ja das eine ist ohne das andere schlicht nicht vorstellbar. Darum lancierte das Schweizer Weinhaus Schuler St. Jakobskellerei zusammen mit dem mallorquinischen Weingut Ses Talaioles das Projekt «Help with a bottle today». Im Rahmen dieser Charity-Aktion produziert das Weingut eine spezielle Edition von 8500 Flaschen Wein, die dann von Schuler in der Schweiz und in Deutschland verkauft wird. Der gesamte Verkaufsertrag fliesst in einen Gastronomie-Hilfsfonds. Die beiden Unternehmen werden zudem den Ertrag aus dem Weinverkauf gemeinsam verdoppeln, so dass eine Gesamt-Spendensumme von mindestens 100 000 Franken zusammenkommt. Das Gut Ses Talaioles wurde von der niederländisch-deutschen Unternehmerfamilie de Waal im Jahr 2000 in den Ausläufern des Llevant-Gebirges im Südosten Mallorcas gegründet und gemeinsam mit dem Pfälzer Winzer Bernd Philippe als Berater weiterentwickelt. Auf kalkmergelhaltigem Terroir werden sowohl internationale Sorten wie Merlot, Syrah oder Cabernet als auch heimische Gewächse wie Callet oder Manto Negro angebaut. Die Schuler St. Jakobskellerei wurde 1694 in der Zentralschweiz gegründet und gehört zu den ältesten Weinhäusern in Europa.

www.schuler.ch | www.schulerweine.de

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