Deutscher, schweizerischer und österreichischer Wein vom «Schwäbischen Meer»

Rund um Bodensee

Text: Thomas Vaterlaus

Peripherie oder Zentrum? Fern von allem oder mittendrin? Am Bodensee wird deutscher, schweizerischer und österreichischer Wein angebaut, und doch liegt das «Schwäbische Meer» weit weg von den Weinbauzentren der drei Länder. An den Hügelzügen rund um den See wachsen je länger je mehr vorzügliche, jedoch nur wenige hochgehypte Weine. Der Bodensee ist kein Jagdgrund für Etikettentrinker. Gut so! Im Paradies nebenan mag man kein Spektakel um den Rebensaft aufführen, man trinkt ihn gern und reichlich, auf den Terrassen am Wasser und überhaupt. Denn ehrlich, was schärft die Sinne an sommerbrisenwarmen Wellen-Glitzertagen besser als ein oder zwei Gläschen Weissburgunder?

Dieser See kreiert wunderbare Mariagen. Manche sind so spektakulär reduziert wie das, was Trendköche in Kopenhagen oder London zelebrieren. Etwa auf der Seeterrasse des Gourmetrestaurants «Ophelia» in Konstanz, wenn Küchenchef Dirk Hoberg gerade wieder mal Gurke von der nahen Insel Reichenau zusammen mit Stachys, Crème fraîche und Tapioka zu vegetarischer Haute Cuisine verfeinert. Schon oder gerade mit dem «einfachen» Weissburgunder vom Weingut Aufricht in Meersburg-Stetten im Glas entsteht eine radikal bodenseeverbundene und visionäre Mariage. Oder wir erleben ein ähnlich schmackhaftes Highlight nach traditioneller Art auf der Schweizer Seite des Sees, etwa im Restaurant «Krone» in Ermatingen mit gebackenem «Kretzer» (Barsch) und einem knackigen Müller-Thurgau wie dem «Grichtstubewy», gewachsen auf nordwestlich ausgerichteten Lagen am See. Grösstmögliche Frische ist die Basis dieses Foodpairings. Fangfrisch und möglichst klein sollen die Kretzer sein, die vorsichtig entschuppt und ausgenommen und dann als Ganzes in der Fritteuse gebacken werden. Und frisch und kalt soll auch der Müller sein. Die kross gebratenen Kretzer werden übrigens mit der Hand gegessen, aber keine Angst, den Wein trinken sie auch in Ermatingen aus Gläsern…

«Der See ist ein Freund»

Keine Frage, dieser See ist ein verrückter Hund. Bei dunstigem Wetter weitet er sich aus, wird grösser und grösser, wächst zum endlosen Meer und schrumpft dann bei Föhn urplötzlich wieder zu einem kleinen Tümpel vor den Alpen zusammen. Aquarellmaler versuchen ihr Leben lang, die besondere Aura des Sees festzuhalten. Und müssen sich irgendwann eingestehen, dass es unmöglich ist, die Ausstrahlung dieses Gewässers, ewig pendelnd zwischen barock anmutender Heiterkeit und pastellfarbener Melancholie, einzufangen. Für Nordlichter liegt der Bodensee schon kurz vor dem Mittelmeer. Ganz einfach weil die Autofahrt von Hamburg nach Konstanz länger dauert als von Konstanz nach Nizza. Für eidgenössische Geniesser, von denen manche immer noch glauben, dass die Schweiz kurz nach Zürich endet, liegt der Bodensee dagegen im hohen Norden. Zwar sind die Regionen rund um den See seit dem Beitritt der Schweiz zum Schengen-Raum im Jahr 2008 spürbar zusammengerückt, wozu auch verbesserte Verkehrsanbindungen und zahlreiche grenzüberschreitende Initiativen, auch im Genussbereich, beigetragen haben. Doch sind sich die Seeanwohner, auch die Winzer und Gastronomen, heute noch nicht ganz schlüssig darüber, ob sie nun draussen in der Peripherie oder im Zentrum des deutschsprechenden Europas zuhause sind. Sicher ist: Weltgeschichte wurde hier nur einmal geschrieben. Beim Konzil von Konstanz, das mehr als drei Jahre dauerte, nämlich von 1414 bis 1418, stritten drei Päpste oder Gegenpäpste um die Führung der Kirche. Es war die grösste Kirchenversammlung des Mittelalters, während der Konstanz mit seinen damals 8000 Einwohnern rund 72000 Besucher beherbergte, darunter auch 1700 Bläser, Pfeifer und Fiedler und 700 Dirnen. Den Teilnehmern dieses Mega-Events, angereist aus Ländern wie Portugal und Griechenland, gefiel es ganz offensichtlich am Bodensee. «Die Fremden spazierten täglich in das Aichhorn. In diesem Wäldchen gab es Wirte, die allerlei Wein ausschenkten, wie man es wünschte. Bei ihnen fand man auch gebratene Hühner und was man sonst begehrte, auch hübsche Frauen», schrieb Ulrich von Richental in seiner legendären Konzils-Chronik. Tja, am Bodensee ging es offenbar damals so zu, wie heute auf Ibiza oder an der Costa Smeralda. Doch kaum war der Spuk vorbei, wurde es wieder still am See. «Unsere Hügel sind harmlos. Der See ist ein Freund. Der Himmel glänzt vor Gunst. Wir sind in tausend Jahren keinmal kühn. Unsere sanften Wege führen überall hin», begann der Schriftsteller Martin Walser in einem Merian-Heft anfangs der 80er Jahre sein Heimatlob über den Bodensee.

Ein Winzer im Tiefenrausch

Die Reben sind überall. Mal bestimmen sie selbstbewusst die Szenerie, wie am Sonnenufer bei Meersburg, wo die Rebberge von der historischen Oberstadt steil zum See abfallen, oder sie verstecken sich artig im sanften Hügelland. Schon am östlichsten Zipfel des Sees wurzeln Reben. Im österreichischen Bregenz bewirtschaftet Winzer-Frohnatur Josef Möth unter anderem direkt am See, nicht weit von der bekannten Festspielbühne eine Parzelle in «Neu-Amerika». Zu ihrem Namen kam die Lage, weil das Stück Land um Mitte des 19. Jahrhunderts nach einer damals neuartigen, aus Amerika stammenden Methode, dem See abgerungen und trockengelegt worden ist. Möth hat im letzten Jahr international Schlagzeilen gemacht mit seinem Projekt «Tiefenrausch». Er versenkte zwei Stahltanks mit tausend Liter Fassungsvermögen rund 60 Meter tief auf den Grund des Bodensees und liess darin einen Chardonnay und seine Cuvée Brigantium (Zweigelt und Shiraz) ein Jahr lang reifen. «Ob der Druck in der Tiefe tatsächlich zu einer Intensivierung der Aromen geführt hat», wovon der Winzer überzeugt ist, bietet reichlich Stoff für Diskussionen. Wer’s genau wissen will, muss den Wein schon verkosten, was aber nicht ganz billig ist. Die limitierte Edition «Tiefenrausch» kostet 130 Euro pro Flasche. Wer in die österreichische Variante der Bodensee-Weinkultur eintauchen will, tut das am besten im Heurigen von Sepp Möth. Wer dort zu einer zünftigen Brettljause seinen Grünen Veltliner namens «Ländlecrü» geniesst, wähnt sich nach dem zweiten Glas schon fast in einer Buschenschenke bei Wien. Exakt hundert Kilometer weiter westlich im schweizerischen Stein am Rhein, wo der Bodensee endet und wieder in den Rhein übergeht, keltert Andreas Florin, ein Pfarrerssohn aus Graubünden, aus seinen Steillagen unterhalb der Burg Hohen​klingen elegante Crus aus den Burgunder-Leitsorten Chardonnay und Pinot Noir.

Der «Fette Schnitt»

Und dazwischen? Nun, der typische Seewein ist ohne Zweifel weiss. Beschwingt soll er sein, trinkig, frisch, mit zartem Schmelz und feiner Würze und so oszillierend wie die Abendbrise am See. Keine Sorte schafft das so gut wie der Weissburgunder. Auf den eiszeitlichen Endmoränenböden und in einem Klima, das von 50 Milliarden Kubikmetern Wasser behutsam reguliert wird, zeigt die Sorte ihre besten Eigenschaften. Die renommierten Betriebe am deutschen Sonnenufer, etwa das Staatsweingut Meersburg, Aufricht oder Kress bringen diese Stilistik perfekt in die Flaschen, auch in behutsam im Holz ausgebauten Selektionen. In der bayerischen Ecke am See gelingen solch strahlend animierende Gewächse zunehmend auch aus pilzwiderstandsfähigen Sorten wie Solaris oder Johanniter. Und der Müller-Thurgau, dessen Schöpfer ja 1850 auf der Schweizer Seite des Sees in Tägerwilen geboren wurde, ist rund um den See eine verlässliche Wahl. Aber natürlich kann’s der See heute auch anders. So bringt die Familie Kress, die ihr Weinprojekt in den letzten Jahren in allen Belangen dynamisch vorangetrieben hat, seit kurzem die Cuvée «Fetter Schnitt» in die Flasche. Hauptsächlich aus Merlot und Cabernet Franc gekeltert, abgerundet mit Pinot Noir (10%), überrascht das Prestigegewächs mit dunkelbeeriger Cassisfrucht und verführerischer Tabakwürze. Und lässt einen tatsächlich glauben, dass der Bodensee allmählich näher zum Mittelmeer rückt.

Ein Chardonnay in der «Sandseele»

Wer die spektakulärsten Reblagen am See erkunden will, tut dies am besten auf dem Wasser. Etwa an Bord eines Kursschiffes oder aber als Kapitän einer kleinen Yacht, die man heute schnell und unkompliziert chartern kann. Denn wer an einem Sommerabend vor der Wallfahrtskirche St. Marien in Birnau bei Überlingen ankert, wird mit einer geradezu biblischen Idylle belohnt. Wie ein mächtiger Leuchtturm thront der Kirchturm in seinem wohl dosierten und nicht zu üppigen Barock geradezu majestätisch inmitten der Rebberge über dem See. Wenn dann die Abendsonne das in zartem Rosa gehaltene Gotteshaus zum Leuchten bringt, macht die Szenerie selbst Atheisten zu Gläubigen. Wenigstens für die paar Minuten, bis die Sonne am Horizont verschwunden ist. Eine ähnlich mystische Wirkung hat der Sonnenuntergang am schweizerischen Ufer des Untersees von Schloss Arenenberg in Salenstein aus, wo der Blick über die Rebhänge und den See hinaus bis zur Vulkanlandschaft des Hegnaus reicht, die der Heimatdichter Ludwig Finckh als «des Herrgotts Kegelspiel» beschrieben hat. Vielleicht noch spektakulärer ist die Sicht auf diese Vorzeitvulkane übrigens einzig noch von der Westspitze der Insel Reichenau aus, besser gesagt vom Strandrestaurant des Campingplatzes mit dem treffenden Namen «Sandseele». Sich hier mit einem Gläschen des überaus trinkigen Chardonnays vom Winzerverein Reichenau am Wasser in den Sand zu setzen und zu beobachten, wie die Sonne über dem Krater des Hohenstoffeln untergeht, ist Magie pur. Übrigens ist es nicht auszuschliessen, dass sich ein Neo-Hippie neben einen setzt, das Lichtspektakel mit einem Joint feiert und nebenbei erwähnt: «Ich habe ein paar hundert Sonnenuntergänge an den Stränden von Goa erlebt, aber glauben Sie mir, das hier ist genauso schön…»

Wein und mehr im Degelstein

Wie überall lebt auch die Weinszene am Bodensee von charismatischen Persönlichkeiten. Eine solche war zweifellos der kürzlich verstorbene Michael Benz, der langjährige Patron der «Winzerstube zum Becher» in Meersburg, die seine Familie schon seit 1884 betreibt. Wer seine urgemütliche Wirtsstube, in der die Stunden verflogen wie Minuten, zur Sperrstunde verliess und zuvor vielleicht mitgehört hatte, wie der Gastgeber mit ein paar Einheimischen über Lokalpolitik, Gott und die Welt philosophiert hatte, war auch als Auswärtiger schon zu einem halben Meersburger geworden. Benz war aber auch ein Küchenchef alter Schule, der den Kalbskopf und Bries in Senfsauce genauso gekonnt zubereiten konnte wie Felchenfilets auf Müllerinart. Nicht wenige Bodenseeliebhaber, welche die traditionelle Genusskultur schätzen, fürchten, dass solche Charakterköpfe unersetzbar sind, und schwelgen in Erinnerungen an vergangene Zeiten. Doch die Weinkultur am See hat eine erstaunliche Regenerationskraft. Und jede Generation hat hier ihre eigenen Protagonisten. In Lindau-Schachen ist die junge Teresa Deufel nicht nur Winzerin und Mutter, sondern auch Weinkultur-Aktivistin. In ihrem «Degelstein», einer Mischung aus Hofausschank, Strandbude und Eventlokal, vereint sie «Seekinder», sprich befreundete Küchenchefs, Musiker und Künstler, und kreiert gesellige, multisinnliche Zusammenkünfte.

Nie mehr «Seegfrörni»?

Und die Klimaerwärmung? Sie verändert nicht nur den Rebsortenspiegel, sondern auch viele Traditionen am See. Die winterlichen Eisfischer sind schon längst verschwunden. Und ob der grosse Obersee noch einmal zufriert ? Am 17. Februar 1573 machte sich vom schweizerischen Münsterlingen aus zum ersten Mal ein Prozessionszug auf und brachte eine farbige Holzskulptur des Evangelisten Johannes über den gefrorenen See ins gegenüberliegende Winzerdorf Hagnau. Bei der nächsten «Seegfrörni» (auf bodenseealemannisch «Seegfrörne») brachten dann die Hagnauer den holzigen Johannes wieder zurück in die Schweiz. Und so wechselte er mit den Jahrhunderten immer mal wieder die Seite. Vor bald 60 Jahren, am 12. Februar 1963, wurde er zum letzten Mal vom deutschen Hagnau über den See nach Münsterlingen getragen. Nicht wenige meinen, dass er nun wohl für immer hier bleiben wird und am See bald Grenache und Mourvèdre angebaut werden. Aber Achtung, vielleicht sind solche Schlüsse voreilig. Auch in früheren Zeiten dauerte es manchmal weit über hundert Jahre von der einen «Seegfrörni» bis zur nächsten. Wetten, dass wir auch in 50 Jahren noch mit einem heimisch verspielten Weissburgunder auf einer Seeterrasse sitzen und bei lauer Brise übers glitzernde Wasser schauen?

Wein und mehr

Führungen, Konzerte, thematische Verkostungen, kulinarische Angebote und vieles mehr: Verschiedene Weingüter am Bodensee haben den Besuchern Besonderes zu bieten. Hier eine kleine Auswahl.

Staatsweingut Meersburg

Verkostungen im historischen Holzfasskeller oder aber im Vineum Bodensee, wo rund um den mächtigen Weintorkel von 1607 ein modernes Weinmuseum entstanden ist, können ebenso gebucht werden wie eine «U30-Weinprobe for Beginners» oder ein Tasting mit Blick auf den See. Die Gutsschänke im ehemals fürstbischöflichen Reithof ist täglich geöffnet. Von der Terrasse aus ist der Blick über den See bis zu den Schweizer Alpen schlicht spektakulär.

www.staatsweingut-meersburg.de

Weingut Robert und Manfred Aufricht

In 30 Jahren haben die Aufrichts in Meersburg-Stetten Erstaunliches geleistet. Von ihren 35 Hektar keltern sie Topweine. Ausserdem ist hier ein stimmiges Gebäudeensemble in funktionaler, moderner Landhaus-Architektur entstanden, mit Verkostungstresen aus edlem Holz, Eventräumen und vielem mehr. In den Sommermonaten führt die junge Sophia Aufricht, eine Vertreterin der dritten Generation, die trendige Besenwirtschaft «Fräulein Seegucker».

www.aufricht.de

Schmidt am Bodensee

Der Winzer Eugen Schmidt ist vom Nahetal ins Paradies gezogen, sprich nach Hattnau bei Wasserburg. Und das ganzheitliche Projekt, in das die ganze Familie involviert ist, hat schnell neue Akzente am See gesetzt. Vor allem auch mit der spektakulären Architektur, die einen Hauch vom «Easy Going» der Neuen Welt ausstrahlt. Zum Gut gehören stimmige Ferienhäuser, der Gutsausschank («Rädle») sowie die Weinbar «Pinot» mit gediegener Terrasse.

www.schmidt-am-bodensee.de

Degelstein – Teresa Deufel

Teresa Deufel hat beim Weingut am Stein in Würzburg und bei Claus Preisinger im Burgenland gearbeitet, bevor sie das elterliche Weingut in Lindau-Schachen übernahm und auf kontrolliert biologischen Anbau umstellte. Den alten Tankkeller verwandelte sie zum «Degelstein», einer Mischung aus Bar, Eventlokal und Galerie mit dem Charme einer Strandbar am Meer. Mit ihren «Seekindern», befreundeten Künstlern, Musikern und Spitzenköchen, bringt sie Leben in die Bude.

www.teresadeufel.de

Heuriger Josef Möth

Zwar ist Bregenz fast so weit von Wien entfernt wie von Paris, doch wer im «Heurigen» von Josef Möth einkehrt, findet sich im tiefsten Österreich wieder. Inmitten seiner Reben am Gebhardsberg gelegen, wird zur zünftigen Brettljause der westlichste Grüne Veltliner in Österreich ausgeschenkt oder aber der «Seebrünzler», wie er seinen Müller-Thurgau nennt. Den Schmäh vom Chef gibt’s gratis dazu.

www.moeth.at

Schloss Arenenberg

Nach der endgültigen Verbannung von Napoleon Bonaparte zog Hortense de Beauharnais, seine Stieftochter und Schwägerin, ins einmalige Schlösschen in Salenstein, das heute, original ausgestattet, ein Museum ist. Gleichzeitig werden hier von der BBZ Arenenberg Weine gekeltert, die umso vorzüglicher sind, je länger sie reifen konnten. Mit dem renovierten Hotel und Restaurant sowie dem gepflegten Park ist der Arenenberg heute eine Topadresse für Wein-Kultur-Reisende.

www.arenenberg.tg.ch
www.napoleonmuseum.tg.ch

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