Weingenuss ohne Alkohol? Das VINUM-Profipanel ging der Frage nach...

Von Profis verkostet: Alkoholfreie Weine & Fruchtsäfte

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Pollari

Weingenuss ohne Alkohol? Gibt es das heute? Das VINUM-Profipanel ging der Frage nach, ob entalkoholisierte Weine oder aber Edelfruchtsäfte weinähnlichen Genuss bereiten. Das Fazit: Es gibt in beiden Sparten inzwischen einige interessante, sprich genussvolle und eher spannende Alternativen zum Wein, aber für ein wirklich hochstehendes Wein-Feeling braucht es immer noch den guten alten Alkohol.

Weinfreaks empfinden entalkoholisierte Weine bis heute mehrheitlich als Zumutung, und einschlägige Verkostungen in der Vergangenheit bestätigten dieses Urteil. Dass wir jetzt das Thema prominent in einem VINUM-Profipanel aufgreifen, hat verschiedene Gründe. Wer sich im Markt umhört, stellt fest, dass alkoholfreie Getränke mehr und mehr zum Thema werden. Sicher ist: In der Produktion von alkoholfreien Weinen ist durch die wachsende Nachfrage eine Dynamik entstanden, die zu deutlichen Qualitätsverbesserungen geführt hat. Vorreiter dieser Entwicklung sind unter anderem Miguel Torres in Katalonien oder das deutsche Projekt Kolonne null. Vor allem Letztere gehen mit einem ganz neuen Anspruch ans Werk, was schon bei der Auswahl des Traubengutes beginnt. Wurde früher in der Regel minderwertige Überschussware als Basis für entalkoholisierte Weine verwendet, im Wissen, dass der massive Eingriff der Entalkoholisierung allfällige Qualitätsunterschiede eh zunichtemachen würde, selektioniert Kolonne null zunehmend Grundweine von ausgewählten Winzern aus ganze Europa. Im Fokus stehen dabei fruchtbetonte, aromatische Weine mit vergleichsweise wenig Säure. Entalkoholisiert werden diese Weine heute vor allem durch Techniken wie Umkehrosmose und vor allem Vakuumverdampfung, ein Verfahren, bei dem es möglich ist, den Alkohol schon ab einer Temperatur von 27 Grad zu eliminieren, anstatt bei 78 Grad Celsius. Nach diesem nach wie vor massiven Eingriff erfolgt dann quasi der «Rückbau» der Weine. Geschah dies früher oft mit künstlichen Aromen und Süsse, so setzen ambitionierte Erzeuger wie Kolonne null heute auf die Rückgewinnung der natürlichen Weinaromen. Auf diese Weise entstehen Weine, die durchaus Genuss bereiten können. Von den 15 verkosteten alkoholbefreiten Gewächsen attestierte die Jury immerhin deren sieben, dass sie ein Stück weit Wein-Feeling vermitteln. Mit anderen Worten, sie bewegen sich auf einem ähnlichen Qualitätsniveau wie einfache, trinkige Alltagsweine. Denn trotz aller Verbesserungen fehlen den Alkoholfreien noch immer zentrale Eigenschaften, die Weine mit Anspruch auszeichnen, so etwa die Fähigkeit, ihre Herkunft, also ihr Terroir, auszudrücken. Zudem verfügen sie wohl kaum über Entwicklungspotenzial. So vermittelt etwa der Dr. Lo Alkoholfrei vom Weingut Loosen durchaus den Charme eines jungen Kabinetts, doch es ist definitiv kein Riesling, der mit Flaschenreife dazugewinnt.

Als Vergleich zu den entalkoholisierten Weinen verkostete das VINUM-Panel auch 13 Fruchtsäfte. Gewächse wie jene vom Obsthof Retter in der Steiermark sorgen in der Szene zunehmend für Furore. Im Gegensatz zum entalkoholisierten Wein, der ein hochkomplexes High-Tech-Verfahren erforderlich macht, entsteht die neue Generation der Edelfruchtsäfte weitestgehend naturbelassen ohne jegliche Zusätze. Die Früchte stammen oft aus Einzellagen und werden kontrolliert biologisch angebaut. Mit diesen Eigenschaften haben sie weit mehr mit Topweinen gemeinsam, als die entalkoholisierten Weine und bewegen sich mit Preisen bis zu 50 Franken für eine 7,5 Deziliter-Flasche auch auf einem vergleichbaren Niveau. Allerdings sind es sensorisch gesehen eben süsse Säfte und keine Weine. Das bestbewertete Produkt dieses Panels, die Wild Edition Sommelier Quitte 2020 vom Obsthof Retter überzeugte zwar die Jury durchaus auch mit Säure, Schwung und Grip, trotzdem sprach die Jury diesem Gewächs mehrheitlich kein Wein-Feeling zu. Ähnlich fiel das Verdikt zum Wild Edition Sommelier Heidelbeere 2020 vom gleichen Hersteller aus, obwohl dieses Produkt mit seiner südlich anmutenden Fruchtfülle durchaus gewisse Ähnlichkeiten mit vollfruchtigen Rotweinen aus Südeuropa zeigt. Das Problem: Stuft unser Gaumen ein Gewächs als Saft ein, verändert sich oft der Trinkreflex…



Apfelessig als Basis

Schnell führte die Verkostung zur zentralen Frage, ob Geniesser, die explizit ein alkoholfreies Foodpairing auf hohem Niveau suchen, überhaupt nach weinähnlichen Produkten suchen oder vielmehr etwas Neues wagen sollten. Wertet man das VINUM-Profipanel aus, ergibt sich folgendes Fazit: In Bezug auf die Qualität und den eigenständigen Charakter bieten die verkosteten Fruchtsäfte tendenziell mehr. Wer aber explizit Wein-Feeling sucht, ist mit entalkoholisierten Weinen besser bedient. Das mit Kreativität auch auf ganz andere Weise weinähnliche Gewächse entstehen können beweisen jene drei Produkte in diesem VINUM-Panel, die weder den entalkoholisierten Weinen noch den Fruchtsäften zugeordnet werden können.

Der englische Weinjournalist Matthew Jukes, der vor allem für die «Daily Mail» arbeitet, investierte fünf Jahre Forschungsarbeit in seine Jukes Non-alcoholic Drinks-Collection. Inspirieren liess er sich dabei vom Haymaker’s Punch, zu deutsch Heumachers Punch, einem erfrischenden Sommergetränk für hart arbeitende Menschen aus dem 17. Jahrhundert in England, bestehend aus Apfelessig, Zitrone, Ingwer und Honig. Jukes verwandelte das ursprünglich süsse Getränk in einen fast trockenen, modernen Drink, konzipiert als Weinersatz mit wenig Kalorien für die gehobene Gastronomie. Die Basis ist ein biologisch hergestellter Apfelessig aus Süditalien, der dann nahe seinem Haus bei London mit 20 Zutaten verfeinert wird. Die verschiedenen Jukes-Drinks kommen als Konzentrat in Miniflaschen von 30 Millilitern auf den Markt, was zum Aufgiessen von zwei Gläsern (mit circa 125 Millilitern Inhalt) mit stillem oder kohlensäurehaltigem Wasser ausreicht. Wer beim Verkosten ausblendet, dass ein Touch von Essiggeschmack nichts in einem Wein zu suchen hat, entdeckt hier ein überaus erfrischendes und ausgewogenes Elixier, das durchaus alle Erwartungen an einen hochwertigen Weinersatz erfüllt.

In eine ähnliche Richtung stösst der «Broger ohne» des Schweizer Winzers Michael Broger aus dem thurgauischen Ottoberg. Auch Broger tüftelt schon einige Jahre an seinem roten Weinersatz. Sein 2022er enthält als Basis sehr früh geerntete Trauben der Sorten Garanoir und Pinot Noir, die zu einem Verjus-ähnlichen Saft verarbeitet und dann mit Wildkräutern, Gemüse und Wildgemüse aus den Rebbergen sowie dem Garten des Winzers veredelt werden. Das Resultat erinnert an eine Symbiose aus Wein und hochwertigem Gemüsesaft und hat wie die klassischen Fruchtsäfte von Retter und Co. den Vorteil, dass es sich um ein weitgehend naturbelassenes Produkt mit exaktem Ursprung handelt. Obwohl der «Broger ohne» dank seiner präsenten Säure und Herbe sehr ausgewogen schmeckt und im Gaumen einen ähnlichen Trinkreflex auslöst wie Wein, enthält er doch vergleichsweise viel Restzucker beziehungsweise Kalorien. Doch die Elixiere von Jukes und Broger zeigen, dass mit Kreativität in Bezug auf Zutaten wie entalkoholisiertem Wein, hochwertigen Fruchtsäften, teeähnlichen Kräuter-Auszügen, Gemüsen wie Rüben oder Randen (Rote Beete) in Zukunft vermehrt Elixiere entstehen könnten, die in Bezug auf Komplexität, animierendem Trinkfluss, aber auch eng begrenztem Ursprung am ehesten an hochwertige Weine erinnern, ohne diese kopieren zu wollen.

Die Top 10 der Verkostung

RangBeschreibung
1
17,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
2
17,0/ 20
Punkte
Thurgau
Michael Broger
3
17,0/ 20
Punkte
Mosel, Deutschland
Weingut Dr. Loosen
4
16,5/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
5
16,5/ 20
Punkte
Südtirol, Italien
Kellerei Kurtatsch
6
16,5/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Weingut GROSS GmbH
7
16,5/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Miguel Torres
8
16,0/ 20
Punkte
Deutschland
Obstkelterei van Nahmen
9
16,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
10
16,0/ 20
Punkte
England
Jukes

Die verkosteten Getränke

Achtung: Die Spalte "Rang" hat hier keine Bedeutung, die Reihenfolge wird wie auf dem Bild dagegeben.

RangBeschreibung
1
15,0/ 20
Punkte
England
Thomson & Scott
2
16,0/ 20
Punkte
Schweden
Oddbird
3
15,5/ 20
Punkte
Baden, Deutschland
Kolonne null GmbH
4
16,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Weingut GROSS GmbH
5
16,0/ 20
Punkte
Rheingau, Deutschland
Weingut Leitz
6
17,0/ 20
Punkte
Mosel, Deutschland
Weingut Dr. Loosen
7
15,5/ 20
Punkte
Schweden
Oddbird
8
15,5/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Miguel Torres
9
15,0/ 20
Punkte
Franken, Deutschland
Kolonne null GmbH
10
16,5/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Weingut GROSS GmbH
RangBeschreibung
1
15,5/ 20
Punkte
Provence, Frankreich
Kolonne null GmbH
2
15,5/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Miguel Torres
3
14,5/ 20
Punkte
Rheingau, Deutschland
Weingut Leitz
4
15,5/ 20
Punkte
Schweden
Oddbird
5
16,5/ 20
Punkte
Katalonien, Spanien
Miguel Torres
6
16,0/ 20
Punkte
Spanien
Kolonne null GmbH
7
17,0/ 20
Punkte
Thurgau
Michael Broger
8
16,0/ 20
Punkte
England
Jukes
9
15,5/ 20
Punkte
England
Jukes
10
16,0/ 20
Punkte
Deutschland
Obstkelterei van Nahmen
RangBeschreibung
1
16,5/ 20
Punkte
Südtirol, Italien
Kellerei Kurtatsch
2
15,5/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
3
17,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
4
16,0/ 20
Punkte
Pfalz, Deutschland
Winade Getränke GmbH
5
15,5/ 20
Punkte
Deutschland
Obstkelterei van Nahmen
6
16,5/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
7
16,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
8
16,0/ 20
Punkte
Steiermark, Österreich
Obsthof Retter
9
15,5/ 20
Punkte
Deutschland
Obstkelterei van Nahmen
10
14,0/ 20
Punkte
Deutschland
Obstkelterei van Nahmen

«Zero Alkohol war das Thema, aber was wir verkosteten, waren zwei Paar Schuhe: Die entalkoholisierten Weine konnten mich mehrheitlich nicht überzeugen. Sie sind oft neutral in der Nase und etwas dünn im Ausdruck. Da geht im Herstellungsprozess noch immer viel verloren. Da eignen sich einige hochstehende Fruchtsäfte mit raffiniertem Spiel zwischen Fruchtsüsse und Säure schon eher als Weinersatz.»

Andreas Etter Weinhändler, Aarau (AG)

«Die Verkostung offenbarte ein gewaltiges Spektrum. Einige Gewächse überraschten mit schöner Frische, andere wirkten mit dem unharmonischen Zusammenspiel von Süsse, Säure, Frucht und herben Noten belegend oder gar ermüdend. Einige Fruchtsäfte schienen mir generell präziser, andere waren einfach too much. Doch wer offen ist für Neues, kann in diesen Pro-dukten Spannendes entdecken.»

Nicole Harreisser Redaktorin VINUM, Zürich (ZH)

«Für die Verfechter der klassischen Wein-Lehre ist das Verkosten von alkoholfreien Weinen noch immer keine reine Freude. Doch das Segment hat Potenzial. Denn es wächst gerade eine Generation heran, die genau nach solchen Alternativen sucht. Die Verkostung zeigte für mich zum ersten Mal, dass auch alkoholfreie Weine heute Spass bereiten können. Natürlich gibt es noch reichlich Luft nach oben.»

Miguel Zamorano Redaktor VINUM, Zürich (ZH)

«Die sensorische Vielfalt war verblüffend. Besonders interessant fand ich die entalkoholisierten Schaumweine, weil die Kohlensäure hier ein zusätz- liches Strukturelement beisteuert. Bei den Stillweinen empfand ich die Aromatik oft als zu dezent oder dann künstlich forciert. Trotzdem fand ich in dieser Verkostung einige Produkte, die ich mir als alkoholfreie Speisebegleitung vorstellen kann.»

Miriam Grischott Weinvermittlerin und Consultant, Küsnacht (ZH)

«Soll ein alkoholfreies Getränk die klassischen Weine ersetzen oder aber für sich selbst stehen? Kaum eines der verkosteten Gewächse ersetzt für mich eine frei gewählte Flasche Wein. Sehr spannend fand ich aber jene Produkte, die explizit nicht Wein sein wollen. Sie eröffnen neue Horizonte, besonders im Foodpairing. Das Thema Alkohol, ja oder nein, sollte man dabei gar nicht zu stark thematisieren.»

Miguel Ledesma Gastgeber und Winzer, Zürich (ZH)

«Die Frage, ob es entalkoholisierte Weine wirklich braucht, lässt sich auch nach dieser Probe nicht beantworten. Sicher, die Gewächse haben qualitativ zugelegt. Wer Wein-Feeling ohne Alkohol sucht, findet einen akzeptablen Ersatz. Wer aber diesem Zwang nicht unterworfen ist, hat spannendere Alternativen. Das beweisen einige Beerensäfte. Aber auch Mineralwasser kann ein spannendes Getränk sein…»

Nicole Vaculik Sommelière, Meersburg (D)

Die Jury

Von links nach rechts

Nicole Vaculik
Sommelière in Meersburg (D).
Ihr Favorit: Riesling Dr. Lo Alkoholfrei 2020 vom Weingut Dr. Loosen, Mosel (D)

Nicole Harreisser
Redaktorin VINUM in Zürich.
Ihr Favorit: Flein Saft vom Sauvignon Blanc von der Kellerei Kurtatsch, Südtirol (I)

Miriam Grischott
Weinvermittlerin und Consultant in Küsnacht.
Ihr Favorit: Wild Edition Sommelier Quitte 2020 vom Obsthof Retter, Steiermark (A)

Thomas Vaterlaus
Chefredaktor VINUM in Zürich.
Sein Favorit: Wild Edition Sommelier Heidelbeere 2020 vom Obsthof Retter, Steiermark (A)

Miguel Ledesma
Gastgeber und Winzer in Zürich.
Sein Favorit: Broger ohne 2022 von Michael Broger Weinbau, Thurgau (CH)

Miguel Zamorano
Redaktor VINUM in Zürich.
Sein Favorit: Riesling Dr. Lo Alkoholfrei 2020 vom Weingut Dr. Loosen, Mosel (D)

Andreas Etter
Weinhändler in Aarau.
Sein Favorit: Jukes 8 The Rosé von Jukes, England

vinum+

Weiterlesen?

Dieser Artikel ist exklusiv für
unsere Abonnenten.

Ich bin bereits VINUM-
Abonnent/in

Ich möchte von exklusiven Vorteilen profitieren