Interview mit Christine Müller
Ein Leuchtturm soll es werden
Text: Harald Scholl, Fotos: info@tobiasgaisbauer.de. z.V.g., Peter Bender

Kloster Eberbach ist Mythos und Mammutbetrieb zugleich: 900 Jahre Weinbau, grosse Lagen, grosse Erwartungen und derzeit wirtschaftlich unter Druck. Seit 1. Januar steuert Christine Müller das hessische Traditionsweingut neu: weniger Preiskampf im Handel, mehr Herkunft auf dem Etikett, mehr Direktkontakt über Gastronomie, Events und Export. Im Rücken das Land Hessen, vor ihr ein harter Markt. Gelingt der Turnaround, gewinnt nicht nur der Rheingau – es wäre ein Leuchtturm für deutschen Wein insgesamt.
Frau Müller, Sie sind nun seit zwei Monaten im Amt. Wie fühlen sich die ersten Wochen ihrer neuen Rolle an?
Für mich persönlich war es das Gefühl, nach Hause zu kommen, weil ich knapp sieben Jahre nicht im Weinbusiness war, sondern in einer Bank. Thematisch konnte ich direkt anknüpfen. Mich hat fasziniert, dass die Kontakte von damals sofort wieder zum Leben erwachen, so als wäre man nie weg gewesen. Gleichzeitig bin ich mittendrin statt nur dabei: Kloster Eberbach durchläuft aktuell eine wirtschaftlich schwierige Lage. Unser grosses Ziel ist, wirtschaftlich wieder stabil dazustehen und mittelfristig schwarze Zahlen zu schreiben. Das ist herausfordernd in der aktuellen Zeit. Aber wir haben ein tolles Team mit vielen Ideen: Einige sind Quick Wins, andere dauern länger. Alles ist vielfältig, und die Tage sind lang.
Kloster Eberbach, 900 Jahre Weinbau. Da hat man sofort den Verdacht: Staub, Verkrustungen, Althergebrachtes. Wie viel muss hier aufgebrochen werden? Wie schlimm ist es?
So verkrustet ist es nicht. Wir haben das grosse Glück, dass 2008 ein neuer Keller gebaut wurde. Wir haben also eine moderne Infrastruktur. Eine Herausforderung bilden eher die vielen Liegenschaften aus preussischer Zeit, die viel Instandhaltung mit sich bringen. Da ich einen Immobilien-Background habe, ist mein Ziel, diese Orte wieder mit Leben zu füllen. Ein Beispiel ist die Domäne Assmannshausen: wunderschön, mit einem tollen Ruf, auch wegen des Assmannshäuser Höllenbergs. Hier soll wieder Leben einziehen. Die Produktion der Rotweine hat komplett im Steinberg stattgefunden, in Assmannshausen wurde nur noch gelagert. Ich möchte wieder back to the roots: den Wein dort machen, wo er seinen Ursprung hat.
Kloster Eberbach ist mehr als dieser eine Ort hier, an dem wir sitzen. Es gibt Assmannshausen, die Hessische Bergstraße – wie viele Standorte müssen unter einen Hut gebracht werden?
Wir haben die Domäne Assmannshausen als eigenständige Einheit. Dort ist auch der Aussenbetrieb für Assmannshausen und Rüdesheim untergebracht, mit eigenem Team. Wir haben hier die Domäne Steinberg als Hauptstandort, der den mittleren Rheingau bespielt. Wir haben die Domäne Rauenthal: Dort ist zum Beispiel das Restaurant «Balthasar» verpachtet, ausserdem gibt es einen Aussenbetrieb mit eigenem Team. Und wir haben die Domäne Bergstraße, ebenfalls mit Aussenbetrieb, eigenem Team, eigener Vinothek und Veranstaltungslocation sowie Weinbergen. Ab dem Jahrgang 2026 werden die Trauben an der Bergstraße gepresst, und der Most kommt als Saft hierher. Dies bedeutet eine Veränderung, damit dort wieder qualitativ hochwertig gearbeitet werden kann. Neben rund 60 Hektar arbeitsintensiver Steillagen betreiben wir zwei Vinotheken sowie mehrere Eventstandorte. In diesem Jahr stemmen wir aussergewöhnlich viele Veranstaltungen – intern wie extern –, und dafür brauchen wir entsprechendes Personal.
Wenn diese Namen fallen – Assmannshausen, Rauenthal, Steinberg –, dann verbindet man damit grosse Weingeschichte und legendäre Weine. Wie lässt sich diese Tradition ins Hier und Heute übersetzen und zukunftsweisend nutzen?
Wir haben viele grosse Lagen. Das ist unser Schatz, der uns einzigartig macht. Ich glaube, kein anderes Weingut im Rheingau verfügt über diese Vielfalt an grossen Lagen. Und diese wurden in den letzten Jahren leider nicht so stark herausgestellt. Der Fokus lag eher auf klassischen Guts- und Ortsweinen. Die grossen Lagen sollen wieder aufs Etikett und auch in entsprechender Menge dahinterstehen. Herkunft erzählt Geschichte, sie ist ein Pfund.
Das führt unmittelbar zur Frage des Vertriebs: Wohin gehen die Weine? In einem Betrieb dieser Grösse gerät man schnell in Abhängigkeiten.
Aktuell sind wir relativ stark im Lebensmitteleinzelhandel vertreten. Dies bedeutet Abhängigkeit und einen Preiskampf, den wir nie gewinnen werden, weil wir viel zu teuer produzieren.
«Ich glaube, dass es möglich ist, auch ein derart grosses Weingut erfolgreich zu führen.»
Bei 60 Hektar Steillagen und steigendem Mindestlohn können wir nicht in dem Umfang mechanisieren, dass die Kosten spürbar sinken. Also müssen wir in Vertriebskanäle gehen, in denen mehr hängen bleibt. Das sind Gastronomie und Hotellerie, vor allem unsere Standorte mit Endkonsumenten – und der Export. In diesem Bereich werden wir uns breiter aufstellen und die prozentualen Anteile verschieben. Gerade im Dialog mit Endkunden wollen wir die Lagen wieder stärker bespielen. Mit der «Klosterschenke» und dem «Balthasar» verfügen wir über zwei wunderbare Restaurants, in denen Speisen und Wein perfekt harmonieren und wir unsere Gäste direkt erreichen und ihnen Geschichten erzählen können. Wir möchten die Schatzkammerkarte deutlich stärker in den Vordergrund stellen. Sie ist oft ein Türöffner in Sternerestaurants, und nur wenige Weingüter können auf eine derart exklusive Karte zurückgreifen. Sowohl in der Stückzahl als auch in der Pflege ist das bereits aussergewöhnlich. Der Bestand liegt im oberen fünfstelligen Bereich, genau das möchten wir künftig auch für Gastronomie und Export stärker sichtbar machen: So werden die Stärke der Lagen und die Reife der Weine exemplarisch erlebbar.

Der Markt ist anspruchsvoll, die Weinliebhaber muss man gezielt erreichen, nicht umgekehrt. Wie kann man in einem schrumpfenden Markt als grosser Betrieb an Kontur gewinnen?
Aktuell bewirtschaften wir etwa 170 Hektar, künftig werden wir auf etwa 145 Hektar reduzieren. Dies erfolgt jedoch nicht durch Verpachtung oder Verkauf, sondern durch rollierende Brachen. Wir haben Weinberge, die teilweise seit Jahrzehnten nicht mehr umgebrochen wurden. Diese Umstrukturierung ist ins Stocken geraten, wir wollen sie jetzt wieder aktivieren. Mindestens 30 Hektar sollen dauerhaft im Jungfeld stehen, also im ersten bis dritten Standjahr. Daraus ergibt sich die Flächendifferenz. Gleichzeitig orientieren wir uns am Weinmarkt: Gelegentlich lassen wir auch zwei oder drei Jahre Rebflächen brachliegen.
Wie sieht es mit der Spitze aus? Grosse Gewächse, Weine für die Imagebildung. Wann wird Kloster Eberbach wieder in der Bundesfinalprobe des VINUM Weinguide auftauchen?
In den letzten Jahren hat sich da schon einiges getan, dank unserer Kellermeisterin Katrin Puff. Bei Verkostungen spüren wir dies schon, auch wenn noch Luft nach oben besteht. Ein zentraler Aspekt ist die Wiederbelebung der Domäne Assmannshausen. Dadurch verkürzen wir die Fahrwege und können den Wein wieder direkt am Ursprungsort erzeugen – von der Traube bis zur Abfüllung. So erreichen wir maximale Schonung und Qualität. Ausserdem werden wir uns personell im Keller breiter aufstellen. Katrin Puff wird eine andere Funktion einnehmen, die stärker in Richtung Önologie und Innovation geht. Sie soll den Blick nach aussen schärfen und Neugier wecken: Welche Entwicklungen geschehen links und rechts von uns? Welche Technologien und Innovationen bringen uns wirklich voran? Gleichzeitig wird sie im Keller durch einen neuen Kellermeister gestärkt, der handson arbeitet und den Fokus konsequent auf Qualität und sorgfältige Handarbeit legt. Wir schauen auch auf die Infrastruktur: Der Steinbergkeller ist fast 20 Jahre alt, hier sehen wir neue Möglichkeiten, noch schonender zu arbeiten.
Kloster Eberbach muss mehr sein als ein guter Weinproduzent oder ein schöner Veranstaltungsort. Schliesslich ist es ein Fixpunkt deutscher Weinkultur. Wie wird man wieder zum Leuchtturm, auch mit Blick auf die internationale Wahrnehmung deutscher Weine insgesamt?
Indem wir uns öffnen: für andere Winzer, auch internationale. Unsere Restaurants spielen dabei eine entscheidende Rolle. Es war bisher oft ein «Closed Club Kloster Eberbach». In der Klosterschenke haben wir mittlerweile andere Rheingauer Winzer auf der Karte. Wir werden auch in der Vinothek die Möglichkeit bieten, andere Rheingauer Winzer vor Ort zu präsentieren, beispielsweise über Partnerschaften mit anderen Winzern oder anderen Anbaugebieten. Ebenso werden wir das Thema Hochschule Geisenheim wieder stärker in den Fokus rücken: die Vorreiterrolle bei Innovation und Weiterentwicklung im Weinbau und in der Kellerwirtschaft. Wir haben die Flächen und Ressourcen, um gross angelegte Versuche und innovative Forschungsprojekte direkt in unseren Weinbergen umzusetzen. Das ist ein Luxus, den sich nur wenige Betriebe erlauben können und von dem auch andere profitieren sollen. Entscheidend ist die Qualität und dass diese nach aussen hin sichtbar wird. Mit einem starken Führungsteam teilen wir uns auf und bleiben an verschiedenen Orten präsent. So soll sichtbar werden: Kloster Eberbach ist wieder im Spielfeld und entwickelt gemeinsam im Team die Region nach vorne. Das bedeutet vor allem, bei Weinkritikern und Verkostungen wieder ganz vorne mit dabei zu sein. Dafür haben wir uns einen Zeitraum von sieben bis zehn Jahren gesetzt.

Welches Ziel hat Christine Müller als Person? Was müsste passieren, damit Sie für sich sagen können: «Ich habe das erreicht, was ich wollte»?
Mein Ziel wäre, dass am Jahresende über unsere Topqualitäten gesprochen wird und nicht über unser defizitäres Ergebnis. Ich glaube an den Erfolg und dass es möglich ist, auch ein derart grosses Weingut im Sinne von schwarzen Zahlen erfolgreich zu führen. Das sind wir dem Weingut schuldig und am Ende des Tages auch den Steuerzahlern. Und vor allem bin ich das meinen Mitarbeitenden schuldig: Sie sollen partizipieren und einen Bonus erhalten, weil wir es gemeinsam geschafft haben, den Betrieb so zu entwickeln, dass er wirtschaftlich tragfähig ist, und zwar aus eigener Kraft. Der Zeithorizont liegt bei zehn Jahren; in der Strategie wird es sogar als mittelfristiges Ziel bezeichnet, also eher fünf Jahre.
Das ist zu wünschen, denn ein leuchtendes Kloster Eberbach würde dem deutschen Wein helfen.
Wir kriegen das hin. Vor zwei Wochen hatten wir eine grossartige Mitarbeiterversammlung, bei der man deutlich gespürt hat, dass alle den festen Willen haben, das Kloster voranzubringen und wirklich daran glauben.
«Ich möchte wieder back to the roots: den Wein dort machen, wo er seinen Ursprung hat.»
Ich alleine bin hier gar nichts. Wir schaffen das nur gemeinsam. Wir haben Mitarbeiter, die sind hier geboren, die leben ihr ganzes Leben schon in Kloster Eberbach. Keiner will hier die Tür zuschliessen. Als wir ankündigten, die Rotweinproduktion in Assmannshausen wiederaufleben zu lassen, hatten manche Tränen in den Augen. Das war unglaublich emotional, es geht wirklich zu Herzen. Wenn einen die Arbeit berührt, geht man ganz anders jeden Tag ins Geschäft. Wenn du weisst, dass du es nicht nur für dich machst, sondern dass da Menschen sind, die an das glauben, was man gemeinsam tut, ist das eine ganz andere Motivation, es ist ein unglaublicher Stolz, hier zu sein.