Das grösste Weinbaugebiete Spaniens
Weinland Castilla y León
Text: Miguel Zamorano, Fotos: z.V.g., Pepe Franco

Sie zählt mit über 80 000 Hektar zu den grössten Weinbaugebieten Spaniens: die autonome Gemeinschaft Castilla y León. In über 17 geschützten Herkunftsgebieten entstehen mitunter die berühmtesten Weine des Landes. Dabei nimmt der Fluss Duero eine zentrale Stellung ein – entlang seiner Ufer und seiner Nebenflüsse befinden sich zahlreiche Weinberge fast sämtlicher geschützter Anbaugebiete. Über 600 Produzenten und rund 18 500 Weinbauern sind hier tätig. Sie keltern klare, kraftvolle und tiefgründige Weine, sei es aus Tempranillo oder Mencía, Godello oder Verdejo. Egal ob Weiss, Rot oder Rosé – Castilla y León hat für jeden Weinliebhaber etwas zu bieten. Auf den kommenden Seiten präsentieren wir fünf Anbaugebiete und eine Auswahl ihrer Weine, die den Charakter von Castilla y León am besten ins Glas schenken.
Ribera del Duero

Tempranillo aus der Höhe
Für Qualitätswein zählt Ribera del Duero zu den wichtigsten Anbauregionen auf der Iberischen Halbinsel. Die Spezialität dieser geschützten Herkunftsbezeichnung: Tempranillo, die hier auch den Namen Tinto Fino oder Tinta del País trägt. Auf den gut 26 000 Hektar gedeihen zudem auch die roten Sorten Cabernet Sauvignon, Merlot, Malbec und Garnacha Tinta, die ausschliesslich als Verschnittpartner verwendet werden. Für die spannenden Weissweine wird Albillo Mayor gekeltert. Das klassische Prädikatstrias – Crianza, Reserva und Gran Reserva – findet auch hier Anwendung, doch bei 70 Prozent der Weine steht schlicht «Cosecha» auf dem Etikett, was den Produzenten komplette Freiheit beim Ausbau verleiht. Die Ribera ist stark von einem kontinentalen Klima geprägt – kalte Winter, heisse Sommer. Der namensgebende Fluss, der von Ost nach West die Provinzen Burgos, Soria, Valladolid und Segovia durchquert, beherbergt an seinen Ufern die Weinberge. Dort suchen Winzer verstärkt höhere Lagen auf, die im Anbaugebiet zwischen 720 und 1000 Metern erreichen können. Der Output der Häuser ist gewaltig: Die über 300 Weingüter produzierten 2025 ungefähr 92,5 Millionen Flaschen.
Toro
Autochthoner Matador
Verglichen zu den anderen geschützten Regionen in Castilla y León nimmt Toro eher die Rolle eines Underdogs ein. Sie befindet sich auf halbem Weg zwischen Valladolid und Zamora, den Hauptstädten der gleichnamigen Provinzen. Tempranillo ist auch hier der lokale Matador, allerdings trägt der Klon den Namen der Stadt, die von den Weingärten umgeben ist – Toro. Der Name ist Programm: Die Weine aus dieser Traube sind voller Kraft, Struktur und Konzentration. Die vollreife Frucht ist zudem von einer angepassten Säure geprägt, ein Umstand, der auf das heisse und trockene Klima sowie auf die eher flache Lagengeographie zurückzuführen ist. Das Robuste der Weine – ihre körperreiche Struktur – verdeckt allerdings nicht die Eleganz, mit der Toro weltweit eine feste Anhängerschaft anzieht. Und das mit Erfolg – seit über 20 Jahren hält sich die Anbaufläche konstant bei über 5000 Hektar, die Zahl der Produzenten bei circa 55 bis 64 Häusern und die der Weinbauern bei knapp 819.
Bierzo

Mencía & Co.
Die Region Bierzo befindet sich im äussersten Nordwesten der autonomen Gemeinschaft Castilla y León. Sie gehört zur Provinz León und grenzt im Westen an das benachbarte Galicien. Nicht nur das unterscheidet das Bierzo vom Rest der anderen grossen Anbaugebiete in Castilla y León. Die Weinberge sind hier in sanfte Hügelformationen gegliedert und befinden sich auf einer Höhe zwischen 450 und 800 Metern. Das Wetter ist kühler, der Regen fällt häufiger – ein Zeichen dafür, dass wir uns in einer Übergangszone zwischen kontintentalem und atlantischem Klima befinden. Das Mikroklima ist von konstanten Temperaturen geprägt, ohne hohe Fluktuationen. Diese Bedingungen, gemeinsam mit den Schiefer- und Lehmböden, begünstigen den Anbau der roten Paradesorte Mencía, die auf über 75 Prozent der Weinberge steht. Sie wird zu Rotwein verarbeitet oder zu Rosado. In jedem Fall hat die Sorte der Region in der Vergangenheit den Ruf eines Geheimtipps verpasst. Doch diese Zeiten sind vorbei, seitdem die robusten und tanninreichen Mencía-Weine in der Gunst des weltweiten Publikums gestiegen sind. Der weisse Godello wird hier auch zu einem spannenden Wein gekeltert – der Nachbar Galicien lässt grüssen. Und als eines der wenigen geschützten Herkunftsgebiete Spaniens leistet sich das Bierzo auch eine geographische Klassifizierung nach Dörfern (Vino de Villa) und Lagen (Vino de Paraje, Viña Clasificada, Gran Viña Clasificada).
Cigales
País de Clarete
Die Region Cigales befindet sich auf gleicher Höhe wie die Ribera im Osten, doch der Fluss Pisuerga, der hier hindurchfliesst, ist ein Nebenfluss des Duero. Die Nähe zur Ribera führt also zu ähnlichen klimatischen Bedingungen. In Cigales gibt es jedoch wichtige Unterschiede: Der Tempranillo, der hier auf 70 Prozent der Fläche gedeiht, wird nicht selten zu Rosé verarbeitet. Damit ist auch der Name geklärt, unter dem die Region bekannt wurde: Rosé wird hier traditionell als «clarete» bezeichnet. Als Verschnittpartner dienen Garnacha, aber auch die weissen Sorten – Verdejo, Albillo, Sauvignon Blanc, Garnacha Blanca oder Viura –, die mit fermentiert werden. Zuletzt haben die Produzenten erkennen lassen, dass sie mit ihrem Tempranillo stärker in den Vordergrund treten wollen. Die hier verkosteten Weine bringen diese Ambition gekonnt auf den Punkt – Saft und Kraft kommen perfekt zum Ausdruck.

Rueda
Alles für Verdejo
Mit knapp 20 000 Hektar zählt Rueda zu den grössten Weissweingebieten nicht nur Spaniens, sondern der gesamten Iberischen Halbinsel. Die Region erstreckt sich auf die Provinzen Valladolid, Segovia und Ávila, drei Duero-Anrainer durchqueren das Gebiet von Süden nach Norden. Die Leitsorte Verdejo wird seit über zehn Jahrhunderten hier angebaut und von knapp 80 Weingütern und 1500 Weinbauern mit beispielloser Hingabe und Arbeit gepflegt. Viele der daraus gekelterten Weissweine sind süffig und jung zugänglich, sie präsentieren eine verspielte gelbe Steinobstfrucht und geradlinige Säure. Sauvignon Blanc sowie Viura, Chardonnay und Viognier werden hier ebenfalls angebaut. Letztere Sorten werden besonders im Verschnitt mit Verdejo auf die Flasche gezogen. Dass die Frische trotz des klassisch kontinentalen Klimas so gut in den besten Weinen zu schmecken ist, ver-danken die Winzer den hohen Lagen: In Höhen zwischen 700 und 930 Metern über Meer gedeihen die besten Weinberge. Und je südlicher die Lage – also hin zu Segovia – desto höher befinden sich die Weinberge. Die Kieselsteinböden, auf denen die Reben wachsen, sowie die heissen, regenarmen Sommer treiben die Wurzeln der Pflanzen zusätzlich in die Tiefe, wo sie sich mit Wasser versorgen. Neben den Alltags-Verdejo keltern die Winzer auch ambitioniertere Blancos mit Fassausbau oder längerem Hefelager. Die Region hat jüngst solche Arbeiten mit einem neuen Prädikat Gran Vino de Rueda versehen und damit ein weiteres aufregendes Verdejo-Kapitel aufgeschlagen.