Schweizer Naturweine
Die Lust am Wilden
Text: Nicolas Greinacher, Foto: GettyImages / Morsa Images, VINUM

Naturwein hat sich längst vom Randphänomen zur eigenständigen Kategorie entwickelt. Doch hält die Qualität mit der wachsenden Aufmerksamkeit Schritt? Eine breit angelegte Verkostung von 27 Produzenten aus zehn Kantonen zeigt, wo die Schweizer Naturweinszene heute steht.
Manche ergreifen schon beim Begriff Naturwein die Flucht, während anderen allein beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammenläuft. Kaum eine Weinkategorie polarisiert stärker. Naturweine eröffnen neue Aromenwelten, können berühren oder irritieren und bewegen sich oft weit weg von klassischen Konventionen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass diese Weine fern industrieller Standards und in der Regel ohne zugesetzten Schwefel entstehen. Längst beschränkt sich das Phänomen nicht mehr auf einige wenige Avantgardisten. Naturweine werden heute in fast allen Weinländern gekeltert. Europa bleibt dabei das eigentliche Epizentrum, mit besonders spannenden Szenen in Friaul-Julisch Venetien oder im Beaujolais. Dass der Naturweinhunger inzwischen auch die Schweiz erreicht hat, überrascht kaum. Über 60 Weingüter sind heute im Verein Schweizer Naturwein organisiert. Bemerkenswert ist dabei vor allem die geografische Breite. Die Bewegung lebt längst nicht nur in der Romandie. Auch in der Deutschschweiz und im Tessin entstehen charaktervolle Naturweine. Parallel dazu wächst die Gastronomie mit. Weinbars mit klarer Naturwein-Ausrichtung finden sich längst nicht mehr nur in Paris oder Tokio, sondern auch hierzulande. Unsere erste Rundumschau mit über 50 Schweizer Naturweinen bestätigte zwar manche Vorurteile. Ja, vereinzelt wurde es rustikal im Glas. Die Überraschung lag jedoch im insgesamt hohen Qualitätsniveau. Vor allem die Spitze der Verkostung zeigte aromatisch verführerische Weine mit Tiefgang. Naturwein bleibt zwar eine Nische, gleichzeitig ist daraus eine Kategorie entstanden, die vielen Menschen Freude bereitet. Wer seinen Horizont erweitern will, muss Naturweine auf dem Radar haben.
Resultate, Analysen, Statements

Eins vorweg: Naturwein hat selten grosse Gefühle in mir geweckt. Und wenn, dann waren es fast immer negative. Oft störte mich die Attitude der Vertreter dieser Stilistik, die ungleich grösser war als das, was sie im Glas zu bieten hatten. Wer sich zudem auf die Silbe «Natur» fixiert, übersieht, dass Wein ein Kulturprodukt ist, egal ob man im Keller einen Sack Zucker in den Edelstahltank schüttet oder kontrolliertes Nichtstun praktiziert. Stellte ich diese Einstellung in Frage, gab man mir das Gefühl, den Wein einfach nicht zu verstehen. Bei Pinot Noir aus der hohen Schule bin ich bereit, mich mit Rätseln zu beschäftigen. Bei flüchtiger Säure und Essigtönen hingegen nicht.
«Vor allem weisse Piwis oder Vitis vinifera als Naturweine gekeltert haben ihren Platz im Rampenlicht verdient.»
Miguel Zamorano VINUM-Redakteur
Das war vor zehn Jahren so, als die Naturwein-Welle ihren Höhepunkt erreichte. Mittlerweile haben viele Winzer einen Wein im Portfolio, der das Label «Low Intervention » trägt. Allein das zeugt davon, dass der Markt für diese Spezialitäten gewachsen ist. Zeit also, einige meiner liebgewonnenen Gewissheiten über Bord zu werfen. Diese Verkostung hat das ermöglicht. Die Erzeugnisse aus der roten Sorte Cabernet Jura zeugen von straffem, kräftigem und gleichzeitig saftigem Charakter, sodass man bei jedem Schluck mit den Ohren schlackert. Und dass die Naturweissweine, egal ob aus Piwis oder Vitis vinifera, absolut spannende Gewächse hervorbringen, das war die Überraschung bei dieser Verkostung. Allen voran Chasselas. Skeptikern möchte ich zurufen, dass die Entdeckung dieser Naturweine eine lohnenswerte Verkostung ist. Ihren Platz im Rampenlicht haben sie auf jeden Fall mehr als verdient.

Quer durch sämtliche Kategorien strahlten die Schweizer Naturweine mit Eigenständigkeit. In mehr als einem Fall sorgten die Tropfen sogar für Gänsehaut, so gross war die Schönheit einzelner Gewächse. Gleichzeitig bestätigte die Verkostung, dass sich manche Rebsorten besser für Naturwein eignen als andere. Bei den Rotweinen überzeugten Pinot Noir und Gamay besonders häufig mit Finesse. Bei den Weiss- und Orangeweinen zeigte sich Gewürztraminer überraschend stark. Auffällig war auch der hohe Anteil an Piwi-Rebsorten wie Cabernet Jura, Divico oder Garanoir. Diese Weine zeigten viel Charakter, erreichten qualitativ jedoch nicht ganz das Niveau klassischer Vitis-vinifera-Rebsorten.
«Wer in der Schweiz lebt, muss für attraktive Naturweine nicht mehr zwingend ins Ausland blicken.»
Nicolas Greinacher VINUM-Chefredakteur
Aromatisch trat bei vielen Weinen immer wieder eine gewisse Erdigkeit auf, die unter den richtigen Umständen zusätzlichen Charme verleihen kann. Weg vom Mainstream, hin zu mehr Persönlichkeit. Wer Naturweine professionell verkostet, muss sich immer auch auf flüchtige Säure sowie Phenole oder Mäuselton gefasst machen. Entscheidend ist dabei weniger eine mögliche Präsenz als die Frage, ob sich solche Elemente harmonisch ins Gesamtbild einfügen oder störend hervorstechen. Letzteres blieb glücklicherweise die Ausnahme, was insgesamt sehr positiv zu werten ist. Eine letzte Erkenntnis betraf den Umgang mit Temperatur und Luft. Die meisten Naturweine gewannen deutlich durch Sauerstoffkontakt und sollten keinesfalls zu kalt serviert werden. Mein Fazit: Die bunte Welt der Schweizer Naturweine ist eine Bereicherung für die heimische Weinszene.
Die Top 10 der verkosteten Weine
| Rang | Beschreibung | |
|---|---|---|
| 1 | 94/ 100 Punkte | Murten See, Drei-Seen-Land, Schweiz Cru de l'Hôpital |
| 2 | 93/ 100 Punkte | Wallis, Westschweiz, Schweiz Domaine de Beudon |
| 3 | 92/ 100 Punkte | Genf, Westschweiz, Schweiz Domaine Les Hutins |
| 4 | 92/ 100 Punkte | Murten See, Drei-Seen-Land, Schweiz Cru de l'Hôpital |
| 5 | 91/ 100 Punkte | Schweiz Cave Bain de Minuit |
| 6 | 91/ 100 Punkte | Murten See, Drei-Seen-Land, Schweiz Cru de l'Hôpital |
| 7 | 90/ 100 Punkte | Schweiz Cave Bain de Minuit |
| 8 | 90/ 100 Punkte | Waadt, Westschweiz, Schweiz Domaine la Capitaine |
| 9 | 90/ 100 Punkte | Waadt, Westschweiz, Schweiz Domaine Henri Cruchon SA |
| 10 | 90/ 100 Punkte | Schweiz Weingut Louis Liesch-Hiestand |
Die Verkostung
Nicolas Greinacher und Miguel Zamorano verkosteten am 11. Mai 2026 in der VINUM-Redaktion die von den Produzenten angestellten Weine verdeckt.
