Bodensee

Leinen los!

 

Text: Thomas Vaterlaus

Er gilt noch immer als Idylle fern vom rasenden Zeitgeist. Wer vermisst schon urbane Dynamik bei dieser Aussicht? Und doch: Der Wein-Genussraum Bodensee ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Vor allem am deutschen Ufer geben Winzer und Gastronomen mächtig Gas.

 

«Der See ist ein Freund. Der Himmel glänzt vor Gunst. Wir sind in tausend Jahren keinmal kühn», so beschrieb Martin Walser, der bekannteste lebende Schriftsteller am Bodensee, in den 70er Jahren seine Heimat. Und so ist es heute noch. Warum auch kühn sein, wenn doch allein schon der Blick auf den See mit jedem neuen Tag ein anderes Spektakel verspricht. Bei Dunst so endlos wie ein Meer, schrumpft er bei Föhnlage zum kleinen Tümpel vor der Silhouette des Alpsteins.

Wer genau hinsieht, merkt aber, dass die Weinidylle Bodensee durchaus in Bewegung ist. In Bregenz, im Osten des Bodensees, hat der 40-jährige Josef Möth, bis heute der einzige österreichische Bodensee-Winzer, gerade seinen 2014er Grünen Veltliner «Einmalig» abgefüllt. «Nicht nur die Trauben wurden handverlesen. Auch die Maische haben wir von Hand in die Presse geschöpft», erzählt Möth. Dieses «Handcrafting» hat sich gelohnt, denn der «Einmalig» fasziniert mit einer zurückhaltenden, aber komplexen Aromatik sowie mit viel Fülle und Struktur. Vor allem aber wird der Cru von einer saftigen, ja cremigen Säure getragen. Auch sein Bregenzer Welschriesling, mit rassigem Spiel zwischen Säure und einem Hauch Restsüsse, ist eine Entdeckung. Und die rote Cuvée Brigantium, aus 80 Prozent Zweigelt und 20 Prozent Syrah gekeltert, versprüht mit ihrer Fruchtfülle und Würze gar einen Hauch von Neuer Welt. Der Cru reift in der Lage Neu Amerika direkt am See, nicht weit von der Festspielbühne, auf der James Bond in «Ein Quantum Trost» ein paar Bösewichte erledigt hat. Zu ihrem Namen Neu Amerika kam die Lage, weil das Land Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer damals neuartigen amerikanischen Methode trockengelegt wurde.

Auch am anderen Ende des Sees, im hundert Kilometer westlich gelegenen Stein am Rhein sorgt ein Einzelkämpfer für Aufbruchstimmung. Weil das schmucke Schweizer Städtchen entgegen dem normalen Grenzverlauf am nördlichen Rheinufer liegt, finden wir hier die einzigen Schweizer Rebberge am See mit voller Südausrichtung. 2010 konnte der heute 45-jährige Önologe Andreas Florin, ein Pfarrerssohn aus Graubünden, in der beeindruckenden Steillage unterhalb der Burg Hohenklingen eine drei Hektar grosse Parzelle pachten, die sich wie ein Band den Hang entlangzieht. Andreas Flurin studierte Agronomie und später Önologie in Montpellier, danach vinifizierte er Weine für grosse Schweizer Handelshäuser. Mit diesem reichen Erfahrungsschatz baut er nun auf seinem kargen Nagelfluh-Terroir eine Reihe von Crus an, die Fülle und Struktur in sich vereinen. Obwohl in Stein am Rhein insgesamt 30 Hektar mit Reben bestockt sind, ist Florin der einzige Selbstkelterer im Städtchen.

Die Situation von Sepp Möth in Bregenz zeigt exemplarisch die schwierige Rolle der Bodensee-Winzer. Der Nabel der österreichischen Weinszene ist Wien. Aber Wien ist von Bregenz schon fast soweit weg wie Paris. Kein Wunder, dass der Bodensee beziehungsweise Vorarlberg in den meisten österreichischen Weinführern gar nicht erst auftaucht. Den Winzern am deutschen und am schweizerischen Ufer geht’s nicht viel besser. Auch sie winzern fernab vom Schuss. Andererseits ist es am Bodensee bis heute nicht gelungen, eine grenzüberschreitende Weinszene zu schaffen. Zwar sind die Grenzkontrollen für Reisende längst abgeschafft worden, doch in den Köpfen der Produzenten, Konsumenten und Geniesser ist die Grenze immer noch da. Der ganzheitliche Blick auf den Weinraum Bodensee fehlt. Dabei könnte alles ganz anders sein. Etwa, wenn wir den Bodensee aus der Perspektive von VINUM betrachten würden. VINUM sieht sich als Sprachrohr der Deutsch sprechenden Weinbaukultur, die wir CHAD-Land nennen. Seit zwei Jahren thematisieren wir dieses CHAD-Land in jeder Ausgabe.Und der einzige Ort, an dem sich die drei Weinländer Deutschland, Österreich und Schweiz berühren, an dem sie physisch zusammenkommen, ist der Bodensee. So gesehen ist das Schwäbische Meer nichts weniger als der Mittelpunkt der Deutsch sprechenden Weinkultur.

Für Genussreisende mit gut geschärfter sinnlicher Wahrnehmung hat der Dreiländersee aussergewöhnliche Überraschungen zu bieten. Ein Felchen-«Gröstl» zu einem Bodensee-Welschriesling etwa gibt es nur in Bregenz. Für schwäbische Maultaschen zu einem Meersburger Grauburgunder muss der Genussreisende zwangsläufig ans deutsche Ufer wechseln. Und wer «gebackene Chretzer» (kleine ganze Barsche aus der Friteuse) zu einem Ermatinger Elbling geniessen möchte, muss ans Schweizer Ufer des Untersees weiterfahren. So zeigt hier jedes Land auf subtile Weise nicht nur sein kulinarisches, sondern auch sein weinkulturelles Erbe. Aber auch der gemeinsame Nenner fehlt nicht: Einen spritzigen Müller-Thurgau, den Seewein schlechthin, und Felchen aus dem See gibt es fast in jedem Lokal. Am deutschen Ufer und auch in Bregenz nennen sie den «Müller» schlicht «Seebrünzler».

Wenn der Bodensee-Wein gegenwärtig gerade eine kleine Revolution erlebt, dann findet diese am deutschen Ufer zwischen Überlingen und Lindau statt. Die Weine, die hier reifen, etwa der Weissburgunder Jungfernstieg vom Staatsweingut in Meersburg, verkörpern schon seit langem die spezifischen Qualitäten eines weissen Bodensee-Crus, nämlich süffige Frische, gepaart mit Struktur und Finesse. Eine subtil herausgearbeitete Primärfrucht und eine oszilliernde Klarheit sind auch das Markenzeichen der weissen Crus vom Seegut Kress. Kristin und Thomas Kress haben 2001 ihre ersten Weine abgefüllt. Heute werden sie von ihren Kindern Viola und Johannes unterstützt. 2012 konnte der Zwei-Generationen-Betrieb die Rebberge vom Spitalweingut zum Heiligen Geist in Überlingen übernehmen, womit die Betriebsfläche auf einen Schlag von sieben auf 32 Hektar angestiegen ist. Dank diesem vergrösserten Potenzial wird die Familie Kress die qualitative Schlüsselrolle, die sie heute schon ausübt, künftig noch akzentuierter wahrnehmen können.

Am stärksten schwabbt die neue deutsche Welle aber zurzeit am kleinen bayerischen Abschnitt des See, zwischen Nonnenhorn und Lindau, wo zwölf Winzer gerademal insgesamt 45 Hektar bewirtschaften. Mit Maximilian und Sebastian Schmidt in Wasserburg, Benjamin Lanz in Nonnenhorn und Teresa Deufel in Lindau-Schachen ist hier eine junge Generation am Werk, die in verschiedenster Hinsicht für frischen Wind sorgt. Die heute 31-jährige Teresa Deufel arbeitete beim Weingut am Stein (Ludwig Knoll) in Würzburg und bei Claus Preisinger im Burgenland, bevor sie nach dem frühen Tod ihres Vaters im Jahr 2009 an den See zurückkehrte, um das kleine Weingut ihrer Eltern zu übernehmen. «Extrem verschlafen» empfand sie damals das Winzerleben am See und entschloss sich, etwas dagegen zu unternehmen.

Heute bringt sie auf kontrolliert biologische Weise hergestellte und zumeist mit Naturhefen vergorene höchst eigenständige Charakterweine in die Flaschen. Etwa einen Solaris mit belebendem Spiel zwischen präsenter Säure und einem Hauch von Restsüsse. Oder einen Johanniter von seltener Finesse und Struktur. Auch ihre roten Gewächse wie der Spätburgunder und die Cuvée sind ein Manifest für kernigen Charakter und Frische. Damit heben sie sich auf wohltuende Weise von den vielen Weichzeichnerrotweinen vom See ab. Teresa Deufel versteht es zudem, ihre eigenständigen Crus in einem entsprechend eigenständigen Ambiente zu präsentieren. So hat sie den ehemaligen Tankkeller zum «Degelstein» umfunktioniert. Der Raum ist eine Mischung aus Bar, Eventlokal und Galerie und erinnert mit seiner Schlichtheit an ein Strandcafé auf Sylt. Hier finden Konzerte, Ausstellungen und Partys statt. Zusammen mit dem Koch Valentin Knörle («Haus am See», Nonnenhorn) und jungen Musikern lädt sie regelmässig zu «Wine & Dine & Music»-Abenden unter dem Motto «Seekinder» ein. So ist das «Degelstein» der beste Ort, um in die neue Weinwelle am See einzutauchen.

Die Aufsteiger

 

Seegut Kress

Hauptstr. 2, D-88709 Hagnau

Tel. +49 (0)7532 62 05, www.seegut-kress.com

Auch die zweite Generation gibt Gas. Mit der Übernahme des Spitalweingutes zum Heiligen Geist in Überlingen eine neue, starke Kraft am See.

 

Weingut Schmidt

Hattnau 62, D-88142 Wasserburg

Tel. +49 (0)8382 890 72, www.schmidt-am-bodensee.de

Engagierte Winzer keltern knackig fruchtbetonte Weine, vor allem die Crus aus den Burgundersorten sind sehr spannend.

 

Lanz.Wein

Sonnenbichlstr. 8, D-88149 Nonnenhorn

Tel. +49 (0)8382 88 85 79, www.lanzwein.de

«Lasst uns mutig sein!» heisst das Motto von Jungwinzer Benjamin Lanz. Seine Crus aus interspezifischen Sorten sind nicht nur mutig, sondern vor allem gut.

 

Weingut Teresa Deufel

Schachner Str. 211, D-88131 Lindau Schachen

Tel. +49 (0)8382 934 40, www.weingut-deufel.de

Frauenpower pur am See. Alle Weine haben Struktur und Charakter. Im Weinlokal «Degelstein» trifft sich die neue Szene.

 

Weingut Möth

Langenerstr. 5, A-6900 Bregenz

Tel. +43 (0)5574 477 11, www.moeth.at

Sepp Möth ist mit seinem 2014er Grüner Veltliner «Einmalig» ein Top-Cru gelungen. In seinem «Heurigen» wird aus Riedel-Gläsern gebechert.

 

Weingut Florin

Fronhof 26, CH-8260 Stein am Rhein

Tel. +41 (0)79 784 97 46

In wenigen Jahren hat Andreas Florin das Gut von null zu einem Topweingut geformt.

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