Das andere Burgund

Burgund mal anders

Text und Bild: Rolf Bichsel, Organisation und Dokumentation: Barbara Schroeder

  • Wein ist viel, aber nicht alles! Das Burgund ist ein einziges Reiseparadies voller verborgener Juwelen, wie etwa der Stadt Avallon.

Burgund findet nicht nur in den weltbekannten Lagen statt. Das Angebot ist breit, und die Region ist weit und erstreckt sich über mehrere französische Departements. Unzählige Winzer in hundert Appellationen halten herrliche Weine aus Chardonnay und Pinot Noir feil oder Raritäten aus Aligoté, Gamay, César und Sauvignon. Ihnen ist dieses Dossier gewidmet.

«Das Burgund ist doch längst out», erklärte mir ein weinbegeisterter Zürcher im haarigen Brustton der Überzeugung (aber das hätte auch ein Emmentaler, Hamburger oder Hot Dog sagen können, Vorurteile halten sich an keine Grenzen), «die Weine sind unbezahlbar geworden und elitär.» Nun haben Leser immer Recht. Selbst haarige. Gilt das einmal nicht, liegt der Fehler an uns, den Autoren. Der Satz hatte darum wenigstens ein Gutes: Er löste aus, was hier folgt.

Seien wir ehrlich: «Das Burgund, das längst out ist», meint vorab die grossen, weltbekannten Climats und Dörfer: Montrachet, Corton, Clos Vougeot, Vosne-Romanée, Nuits-Saint-Georges, Gevrey-Chambertin. Der nächste Satz, der gemeinhin auf die inkriminierte Aussage folgt, geht dann etwa so: «Vor 20 Jahren konnte ich mir noch ab und zu eine Flasche Bonne-Mares oder Echézeaux leisten oder wenigstens einen Corton-Charlemagne. Heute bekomme ich für die entsprechende Summe nicht einmal mehr einen einfachen Villages. Burgund ist für mich kein Thema mehr.»

Stimmt voll und ist doch total falsch. Das Problem ist, dass wir (Ja, wir und damit auch ich – wie oft habe ich selber den ominösen Satz wiederholt? Wie oft stehe ich vor der Kellertür wie Luther vor dem Kirchentor zu Wittenberg und vor dem Dilemma, ob ich nun doch einen meiner 95 verbliebenen Burgunder Kostbarkeiten aus Jahren wie 1990 oder 1995 dem Anschlag des Korkenziehers zum Opfer fallen lasse oder sie noch einmal zurück ins Regal schiebe.)... Das Problem ist, sage ich, dass wir das Burgund an seiner kleinsten Einheit messen, dem raren Grand Cru weltberühmte rSpitzenlagen. Die es selbst nach peinlich genau ausgeführter Generalinventur zusammengezählt und nachkontrolliert gerademal auf die Rebfläche der fünf Premiers Crus des Médoc plus Yquem bringen oder auf zwei Prozent des Burgund. Die anderen 98 Prozent zählen nicht. Und worüber berichten die Weinautoren, zu denen ich wohl oder übel zähle? Die stacheln des Lesers Vision mit Phantombildern der Ferrari und Jaguar und Rolls-Royce des Weins an, die auch sie nur noch ab Fass zur Probe an die Wand fahren oder in den Kübel spucken dürfen, und machen den flüssigen Traum zum Wahn.

Natürlich gibt es mildernde Umstände für den verzerrten Blick. Wer sich heute Spitzenweine leistet und seine Leidenschaft grosszügig weitergibt, hat seine Geniesserkarriere nicht selten in den 1970er oder 1980er Jahren begonnen. Damals war das Qualitätsgefälle tatsächlich enorm zwischen den gewiss hervorragenden (aber, seien wir ehrlich, oft auch nur passablen) Spitzenweinen und dem ganzen Rest. Was man an Burgunder schätzt und was sie so einmalig macht, dass sie durch keinen anderen Rot- oder Weisswein der Welt zu ersetzen sind, traf man wirklich nur in den Toplagen an – unter der Voraussetzung vor allem, dass sie aus den Kellern erstklassiger Produzenten stammten, die wie Spitzenspieler der Fussballliga gefeiert wurden.

Und weil der erste Eindruck der ist, der uns ein Leben lang quält, halten wir daran fest, dass da, wo eigentlich «Burgund» stattfinden sollte, auf unseren Tischen und Kellerregalen, fortan eine grosse Lücke klaffe, die nach und nach zur eitrigen Wunde verkommt, nur notdürftig mit Weinen aus anderen Regionen – Piemont, Südtirol, Graubünden, Baden – verarztet. Doch die eignen sich gar nicht als schmerzlindernde Lückenbüsser, als obskure Hausmittelchen zum oberflächlichen Desinfizieren, sind selber ansteckende Krankheiten der ausgesuchtesten Art. Resultat: Der grosse Missmut über das verlorene Weinparadies wuchert weiter und artet zu Selbstmitleid aus, wir prangern den falschen Schuldigen an, statt einzugestehen, dass wir albern gequacksalbert haben.

Burgunder gibt es genug!

Das Burgund ist alles andere als out, nicht einmal das Burgund der Grossen Lagen. Es ist in den letzten Jahren bloss noch unübersichtlicher geworden. Die einzigen sicheren Werte sind ein paar klingende Namen, ein paar grosse Marken. Doch gerade die bieten Dutzende von Abfüllungen an. Die Anzahl der Domänen und Betriebe nimmt weiter zu, die durchschnittliche Rebfläche (in den grossen Lagen) nicht. Selbst die kleinste Parzelle wechselt für Spitzensummen den Besitzer, sollte sie überhaupt zum Verkauf ausgeschrieben werden. Stattdessen beantragen selbst Kleinbetriebe den Status als Händler, um so neben ihrer immer ausverkauften Domänenlinie wenigstens ein paar Weine aus zugekauften Trauben anbieten zu können, was die Sache nur noch komplexer und das Sammeln von Burgunder zum Spiessrutenlauf macht.

Und weil heute die ganze Welt nach grossen Burgundern schielt, die, wiederholen wir es, mit Lagenweinen in Kleinstauflage gleichgesetzt werden, mündet der Ausweg aus dem Dilemma in der Sackgasse, scheint keine Alternative zu winken, als selber an der Preisspirale zu kurbeln, die wegen der Klimacapricen der vergangenen Jahre (Hagel und Frost sorgen seit 2010 für zusätzliche Mengenlimitation) noch einmal schneller dreht. Wer das nicht will, sagt dem Burgund mit schmerzendem Gaumen Adieu.

Warum das so schwerfällt? Weil Burgunder, ob weiss, ob rot, einfach einmalig geraten. Weil nur sie diese ganz besondere und schwer zu beschreibende Mischung aus Trinkigkeit und Komplexität, aus Fruchtigkeit und geheimnisvoller Würze besitzen, aus Zugänglichkeit und Spannung, aus Bekömmlichkeit und Fülle, aus Geschmeidigkeit und Struktur. Weil sie jung entkorkt werden können und doch ein Menschenleben lang halten. Fast alle Burgunder sind «Monocepage»-Weine, aus einer einzigen Sorte gefertigt, und doch ist die Stilbreite immens. Genau das hat dazu geführt, dass es im Burgund mehr AOCs gibt als in allen anderen Regionen. Rund hundert sind es, doppelt so viele wie im fünfmal grösseren Bordeaux.

Krux als Stärke

Doch genau in dieser Krux liegt die eigentliche Stärke der Region, deren Zukunft und die Lösung unseres Problems. «Wir bieten über hundert Abfüllungen an», erzählt resigniert ein bekannter Burgunder Händler. «Doch unsere Kunden in aller Welt interessieren sich gerade mal für die 30, 40 teuersten.» Die folglich noch rarer und noch kostspieliger werden. Darbt die Weinwelt unter dem Joch der Etikettentrinker, hängt der Geniessersegen so schief und der Weinkorb so hoch? Werden wir wirklich so kurzgehalten?

Ich denke, hier wirkt einmal mehr unverdaute Geschichte nach, Vergangenheitsbewältigung, die nie stattgefunden hat, selbst wenn sie in jedem zweiten Artikel über Wein angesprochen wird und hier statt «Burgund» genauso gut «Rhône» oder «Bordeaux» stehen könnte. Nach fast hundert Jahren Krise wurden auch im Burgund erst einmal die ominösen Spitzenlagen der Côte-d’Or neu bestockt. Auf den weniger bekannten Lagen wucherte die Heide, hüpften Ziegen oder blühten Kirschbäume, Johannisbeer- und Himbeersträucher – viele Weinbaubetriebe unterhalten Fruchtstrauchgärten bis heute. In Rebberge zurückverwandelt wurden sie ab den 1970er Jahren, notgedrungen zu oft auf Menge ausgerichtet. Mag sein, dass diese Weingärten bis vor 15 oder 20 Jahren tatsächlich nicht immer so bestellt wurden, wie sich dies für Spitzen-Climats gehört (die der geplagte Winzer, das nur so nebenbei, auch nicht immer bilderbuchmässig pflegte). Die Ernte wurde für einen lausigen Preis an den nächsten Händler verhökert oder bestenfalls in die Genossenschaft gebracht und kam offen oder als billiger Flaschenwein auf den Markt. Als sich der aktuelle Ruf des Burgund zu festigen begann, mag es tatsächlich an Alternativen zu Weinen aus grossen Lagen gefehlt haben.

Doch heute ist alles ganz anders. Die Rebberge des Couchois werden mit der gleichen Sorgfalt unterhalten wie die Weingärten der Côte de Beaune. Wenig unterscheidet sich eine Chardonnay-Parzelle in Chitry von der im benachbarten Chablis. Der Blick von den Reblagen über Epineuil Richtung Tonnerre ist mit dem vergleichbar, den man von den Grands Crus aus auf Chablis geniesst. Und im Mâconnais ist der Übergang eines Crus wie Saint-Véran zu einer «einfachen» Regionallage wie Solutré-Pouilly oder Vergisson fliessend. Ähnliches muss sich eingestehen, wer von Chassagne nach Santenay fährt oder von Santenay nach Maranges und von da nach Bouzeron oder Saint-Romain. Im Keller steht auch in den weniger bekannten Gemeinden eine neue Generation von gut ausgebildeten Winzern, die nicht nur ihr Handwerk verstehen und ihre Heimat kennen, sondern auch die anderen grossen Weingebiete der Welt, in denen sie gejobbt haben, bevor sie den Betrieb der Eltern übernahmen. Grosse, bekannte Domänen, die weiter wachsen wollen wie jedes Unternehmen, das Bestand haben will, investieren in die sogenannten Randregionen und wenden auch hier ihr ganzes Können an. Das Einzige, was ihnen mitunter fehlt, sind Konsumenten, die ihre Scheuklappen im Bierzelt liegenlassen. Wer sich für das echte, vielfältige, weite Burgund interessiert, kommt zu absolut fairen Preisen zu einer Fülle erstklassiger Kreszenzen.

Fazit: Das Angebot an Spitzenburgundern ist nicht kleiner geworden, ganz im Gegenteil. Es war noch nie so gross wie heute.

Fleiss hat seinen Preis

Verstehen wir uns nicht falsch. Ich breche hier keine Lanze für Billigburgunder aus dem Grossverteiler, ich spreche von echtem Terroirwein mit Stil und Schliff und Rasse. Der soll und darf nicht billig sein, wie jeder handwerklich hergestellte Spitzenwein. Der Blick auf die Weinkarte einer regionalen Topgaststätte sagt alles: Der Preis für einen Nuits-Saint-Georges Villages liegt bei 80 bis 100 Euro. Ein Mercurey Premier Cru kostet weniger als 50 Euro, ein Mâcon Villages steht mit 35 Euro zu Buche und ein Bourgogne-Coulange-la-Vineuse mit 25 Euro. Auf den Ladenpreis umgerechnet heisst das: Burgunder Alternativen sind für 10 bis 30, maximal 40 Euro zu haben. Das entspricht dem Preis jedes anderen grossen Weins der Welt – im unteren Bereich. Und damit dem Preis, den ein grosser Wein (und ich wiederhole gerne: aus handwerklicher Produktion in einer klimatischen Randzone, nicht aus der industriell bestellten Rebplantage im Süden des Landes) einfach kosten muss.

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