WEINWANDERN

DAS GROSSE WANDERN

Text: Eva Maria Dülligen

  • Zum vinophilen Marco Polo in Sachsen wird, wer weinwandernd das Elbland entdeckt.

Mit Rucksack, Rentner und Ritual ballert die Klischeekanone nicht selten gegen Weinwanderer. Wer noch nie bei einer vinophilen (Fahrrad-)Tour dabei war, kann auch nicht ahnen, dass «grenzenloser Genuss unter Gleichgesinnten» viel näher an der Wahrheit liegt.

«Für meine Freunde ist das hier ein Kulturclash», sagt Alex aus Illinois. Der 29-Jährige arbeitet als Sergeant in der Ramsteiner Air Base, rund 60 Kilometer westlich von Kallstadt an der Weinstrasse. Seit Jahren schon will der Liebhaber deutscher Rieslinge seine US-amerikanischen Freunde auf eine pfälzische Weinwandertour mitnehmen und zwischendurch die Brauchtumspflege eines Winzerdorfes mit ihnen einatmen. Jetzt ist er endlich da, der Besuch aus Übersee. Und mit dem Fest der 100  Weine hat sich Alex gleich ein Spektakel ausgesucht, um sich nach den Trips auf dem Rundwanderweg um die Hochburg des Fremdentourismus mit regionalen Weinen und Delikatessen zu belohnen. «Ich fühle mich wie in einem mittelalterlichen Disneyland, aber im echten Disneyland dürfte man nicht mitten auf einem Platz Rieslingschorle trinken», lacht Lori  Aaron aus Wyoming, nippt am Schoppen und streichelt ihren Chihuahua.

Alex’ beste Freundin Lori und der Rest der US-Clique geniessen dieses strahlende April-Wochenende. Sie sind berauscht vom Trip in die Weinberge, von den lauschigen Winzerhöfen, dem abendlichen Abtanzen zu Folkloremusik oder zu den Klängen von Cover-Popbands, dicht erlebte Kultur in einem Weinmikrokosmos auf sicherer Distanz zur virtuellen Welt: Smartphone, iPad und Apple Watch bleiben bei Weingenuss und Wanderung im rustikalen Gästezimmer. Heute haben sie den Rieslingweg, den längsten der insgesamt drei Rundwanderwege auf Kallstadter Weinbergen, bewältigt. Mit einer Streckenlänge von 6,5  Kilometern verläuft er um das Pfälzer Tafelsilber Terroir, die Einzellage Kallstadter Saumagen. Der Burgunderweg mit einer Strecke von 4,8 Kilometern kommt morgen dran. Leichtes Spiel für die Wandersleute aus Amiland, denn für die fitnesserprobten Burschen wird die Tour über die naturbelassenen Feldwege dank der geringen Höhenunterschiede wohl eher ein Osterspaziergang. «Da war es heute schon stressiger», meint Alex. «Auf dem längsten Weg durch die Kallstadter Gemarkung mussten wir mehrere Hundert Höhenmeter überwinden. Dafür wurden wir immer wieder mit atemberaubendem Panorama belohnt.»

Gestartet ist der Trupp in Kallstadt am Platz der 100 Weine. Auf einem befestigten, leicht ansteigenden Weg ging es in südlicher Richtung aus dem Weindorf hinaus zu einem der Regenrückhaltebecken mit Blick über die Weinberge bis nach Leistadt am Abhang des Pfälzerwaldes zur breiten Rheinebene samt dem angrenzenden Naturschutzgebiet Felsenberg-Berntal. Schweisstropfen sind den US-Amerikanern trotz Trekkingerfahrung in den Rocky Mountains über die Stirn gerollt, als sie den höchsten Punkt des regionalen Wanderwegs auf 220 Metern über Normalnull ersteigen mussten. Leider ist die Blütenpracht der Mandelbäume gerade vorbei.

Wegmarkierung mit Weinglas

Auch die Dürkheimer Krachmandel hat ihre weissen Blüten abgeworfen und bereitet sich darauf vor, ihre süssen Früchte im Herbst auf Genussreife zu bringen. Stattdessen saugen die Augen den beginnenden Austrieb der Knospen an den Riesling-Rebstöcken auf. Der Wegmarkierung mit dem gefüllten Weinglas folgend, schrauben sich Weinwanderer aus aller Welt auf dieser Route weiter Richtung Annaberg, einer der jüngeren Einzellagen der Region und vor 120 Jahren von einem Weingutsbesitzer nach dem Vornamen seiner Ehefrau getauft. Eine willkommene Gelegenheit, einen Umweg zu nehmen und den «Annaberg Kir Royal»- Rieslingsekt mit einem Schuss Dornfelderlikör als Lohn für die Beinmuskelarbeit zu trinken. Der gespritzte Schaumwein im Restaurant des Hotels «Annaberg» feuert die Magensäfte an. Auf Empfehlung vom Service beruhigt man die am besten durch Tagliatelle mit gebratenen Waldpilzen und Parmesanschaum. Da muss selbstredend ein waldfruchtiger Roter her. Bei der beachtlichen Auswahl offener Weine fällt die Entscheidung schwer. Aber der georderte Schwarzriesling taucht das Pastagericht in ein kleines Meer voller Johannisbeer- und Himbeeraromen.

Gewagt, aber kulinarisch folgerichtig zeigt sich die anschliessende Mariage aus der fruchtsüssen Riesling-Spätlese «Schöne Anna» aus der Lage Dürkheimer Spielberg und dem auf der Haut gebratenen Zanderfilet, der von Riesling-Schaum, Salbei-Gnocchi und mit Pinienkernen getopptem Blattspinat begleitet in die Münder findet. Noten von Weinbergpfirsich und Elstar-Apfel der Spätlese mischen die erdigen und salzigen Aspekte der Speise am Gaumen tüchtig auf. So fesselnd es ist, sich die Weine, deren Rebstöcke man auf dem Weg hierher vielleicht gestreift hat, über die Zunge kullern zu lassen: Der Weinberg ruft. Und die Trekkingschuhe sollen schliesslich nicht am rustikalen Restaurantsteinboden festwachsen – auch wenn die Höhenmeter in den Waden zwiebeln. In Kallstadt warten an diesem sonnigen Frühlingsmittag noch satt Winzerhöfe mit riesigen Sonnenschirmen, unter denen Hunderte von Weinpilgern lokale Leckerlis vom Flammkuchen bis zum pfälzischen Saumagen aufpicken.

Römer, Rebsamen und Riesling

Vorher gilt es, entlang der Rebfelder Richtung Norden zu trekken, die Lagen Kreidekeller und Steinacker zu durchkreuzen, um an der oberen Saumagen-Spitze südostwärts an Kallstadt vorbei einen verlängerten Abstecher à la «Quo vadis» ins Freilichtmuseum zu machen. Das römische Weingut Weilberg, eine teils freigelegte antike Gutshofanlage beamt internationale Weintouristen rund 2000 Jahre zurück in die Ära römischer Besatzung. Durch drei rekonstruierte Säulen hat man bei klarem Wetter Blick auf sanfte Weinhügel, das Biosphärenreservat Pfälzerwald voller Buchen, Kiefern und Birken sowie auf die rheinische Tiefebene. Dass die ehemaligen Migranten nicht in die Kelche spuckten, bezeugt die Tretkelteranlage, in der ein englischer Fremdenführer am Rand des Mostsammelbeckens auf imaginären Trauben herumstampft: «Man hat in einem Bleigefäss Rebsamen gefunden, die vermuten lassen, dass hier vor zwei Jahrtausenden nicht nur Wildreben, sondern auch Traminer, Riesling oder Burgunderarten zu Wein verarbeitet wurden. Mit heutigem Pinot oder Lagen-Riesling hatte der allerdings wenig zu tun. Nach der Gärung kam es zum entscheidenden Unterschied. Ohne Einsatz moderner Methoden wie Schwefeln wurde der römische Wein schnell braun und oxidativ und entwickelte einen sherryartigen Geschmack.»

Der Rucksack für Weinfreaks mit Abenteuerlust wiegt tonnenschwer. Er ist vollgepackt bis in die Seitentaschen und bietet etwas für jedes deutsche Weinbaugebiet, jeden Bewegungstyp vom Wandervogel bis zum E-Biker, jede Präferenz, was Streckenlänge, Schwierigkeitsgrad und vinologischen Input betrifft. Ebene Wanderstrecke oder steile Abstiege? Weicher Waldboden oder spannende Felspassagen? Die touristische Angebotspalette von der Region Saale-Unstrut bis Baden ist derart bunt, dass es einem vor den Augen wimmelt: Steillagenwanderung an der Mosel, mystische Weingeisterwanderung an der Nahe, Tour über den Wein-Kunst-Weg mit kulinarischem Zwischenstopp in Franken oder Terroirwandertag ins Deidesheimer Bio-Paradies.

Extrem Traditionsbehaftete können auf dem Schweigen Rechtenbacher Weinlehrpfad wandeln: 1969 als erster Weinlehrpfad der Welt in die Deutsche Weinstrasse gehauen, kann man zwischen den Etappen an Sandsteinblöcken, in die Namen von Persönlichkeiten des deutschen Weinbaus gemeisselt sind, verschnaufen, Rebsortensteckbriefe am Saum von Weinfeldern studieren und sich mit Hilfe von Exponaten plastische Gedächtnisstützen zu den grossen deutschen Jahrgängen des 20.  Jahrhunderts errichten. Das alles macht nur einen MiniBruchteil dessen aus, was das weinverliebte Fussvolk erleben kann. Aber auch allen, die im Fahrradsattel – mit oder ohne Elektroantrieb – grössere Gaudi empfnden, eröffnet sich ein Gebirge voller Wein-Bikertouren. Wie die bibeldicke Weinkarte eines Sterne-Restaurants lesen sich die Programme aller 13 deutscher Weinregionen. Wem kreative Infoplastiken vor dem Rebfeld weniger Endorphine entlocken, als über die Weinberge von Weingut zu Futterstation und von Futterstation zu Weingut zu radeln, der findet etwa an der Nahe sein Glück.

Mit dem E-Bike der Nahe nach

Tag eins meiner E-Bike-Route beginnt mitten in Bad Kreuznach am «Restaurant Mühlentor». Die E-Bike-Ladestation vor dem Gasthof und die annoncierte Kost lassen das «Mühlentor» elektrofahrradkompatibel erscheinen. Was ich vor der Premiere auf dem Hightech-Drahtesel verdrängt hatte, tritt angesichts der 50 Positionen starken Weinkarte schmerzlich ins Bewusstsein: Promille im Blut und Fahrradfahren gehen nicht zusammen. Beim Wandern kein Problem, aber beschwipst über dem Lenker zu hängen, selbst auf noch so einsamen Radwegen durchs Rebenmeer, bedeutet unnötiges Risiko. «Macht nichts», beruhigt mich meine fremdenführende Begleitung, die ehemalige Nahe-Weinmajestät Sofia, «wenn’s sein muss, hole ich meinen Wagen, und wir schnallen die Räder auf den Alu-Gepäckträger. Ich darf während unseres Wochenendtrips eh erst abends im Hotel Alkohol trinken.» Klingt verlockend, ich hebe mir das Angebot aber lieber für die letzte Station heute Abend auf. Jetzt kommt erst mal die krosse Kabeljauschnitte mit Roter Bete und gebackenem Rosmarin ohne Zusatz bewusstseinsverändernder Stoffe wie eines 2013er Rieslings vom regionalen Weingut Marx dran.

Der Speisefisch funktioniert auch zum Heilwässerchen. Dann schnell noch einen Espresso, und ab geht es ins wenige Kilometer nördlich gelegene Langenlonsheim, mit mehr als hundert Winzerbetrieben und rund 190 Hektar bestockter Rebfläche die grösste Weinbaugemeinde der Nahe. Über die rundbogenförmige Alte Nahebrücke mit spätmittelalterlichen Brückenhäusern und durch Gassen treiben wir aus der Kurstadt zum 128 Kilometer langen Nahe-Radweg, um einen kleinen Abschnitt davon – quer durch eine der schönsten Flusslandschaften zwischen Hunsrück und Pfälzer Bergland  – zu nehmen. Mal in die Pedale tretend, mal vom batteriebetriebenen Hilfsmotor unterstützt, landen wir auf dem biodynamischen Weingut Zwölberich.

Hautnah dran

Der Begrüssungstrunk kommt so exotisch rüber wie der Besitzer des von Demeter zertifizierten 30-Hektar-Betriebs. Ein alkoholfreier Trauben-Secco aus den Neuzüchtungen Monarch und Pinotin wird vom kunterbunt gekleideten Hartmut Heintz mit den Worten kommentiert: «Letztens ist hier einer wegen Trunkenheit am Zügel festgenommen worden. Sogar Reiten ist nach Alkoholgenuss strafbar, also für Sie besser einen Perlwein ohne Promille. Den verkaufe ich übrigens bis nach Saudi-Arabien.» Persönlich angeklingelt hat die Klientel aus Kuweit und Oman beim Weingut Zwölberich allerdings noch nicht. Es sind vielmehr Tagesausflügler von Rhein und Ruhr, die sich mit ihren Rädern von der Bahn hierher verfrachten lassen, die Wein-Range antesten und später per Versand nach Hause bestellen. Hautnah mitzubekommen, wie Winzer Heintz seine Rebfelder seit 30 Jahren biodynamisch bewirtschaftet, wie Beikräuter eingedämmt werden, Pferdemist zur Düngung ausgebracht wird oder sich die verstärkten Doppelstückfässer und die Barriques aus dem Spessart im Reifekeller anfühlen, macht die Weine greifbarer. Auf Rundgängen können bis zu zwölf verschiedene Traubensorten angelaufen werden. Heintz arbeitet mit einem Kulturund-Wein-Botschafter zusammen, der die Besucher durch die Weingärten navigiert und über die Anbaumethode aufklärt. «Fehlt eigentlich nur noch das mobile Catering bei den Ausflügen», schmunzelt der Bio-Winzer. Unbedingt. Denn seine später im Hotel verkosteten Rieslinge, Frühburgunder und Auxerrois sind derart delikat, dass man das Picknick am Rand der Rebzeilen bildlich vor Augen hat.

Keine 50 Meter vom Kleinbahn-Radrundweg taucht in der Abenddämmerung die letzte Station für heute auf. Das Gutenberger Familienweingut Genheimer-Kiltz hat in Jungwinzer Harald einen grandiosen Sauvignon-Blanc-Produzenten. Sauvignon Blanc macht er neben Spätburgunder und Riesling am liebsten. Auf den stachelbeertypischen Geschmack gekommen ist der diplomierte Weinbau-Ingenieur im australischen Clare Valley, wo er seinen Aufenthalt in Down Under als Erntehelfer finanzierte. «Ich wollte ursprünglich viel länger bleiben. Aber dann rief mein Vater mit der traurigen Nachricht an, dass mein Opa gestorben wäre und er mich jetzt dringend auf dem Weingut brauchte.» Es sind nicht nur die kleinen Naturwunder, denen man weinwandernd oder -radelnd hinter jeder Flussbiegung, und auf jeder einsamen Höhe begegnet, nicht nur die spannenden Weine, auf die man bei sorgfältig ausgewählten Winzern stösst  – es sind auch die Charakterköpfe einer Weinregion, die unterschiedlichen Mentalitäten von sächsischen bis zu badischen Weinmachern, ihre Lebensläufe und fesselnden Geschichten, die Weintouren mit sich bringen.

«Als mein Sohn mit der Idee aus Australien zurückkam, Sauvignon an der Nahe anzubauen, war ich erst mal geschockt», erzählt Georg Kiltz. «Dann dachte ich an all die Kämpfe, die ich mit meinem Vater hatte, weil ich hier vor 40 Jahren Spätburgunder machen wollte, und habe Harald deshalb keine Knüppel zwischen die Beine geworfen.» Eine glückliche Entscheidung, denn abgesehen davon, dass sich die französische Rebsorte aus den von Rotschiefer geprägten Hängen der Einzellage Römerberg mit Aromen von Johannisbeere und Rauch oder der Lage Felseneck mit rosa Grapefruit und grünem Spargel bedient, räumen die Lagen-Sauvignons des Zehn Hektar-Weinguts inzwischen Trauben im «Gault & Millau», Special Trophys auf dem Concours Mondial du Sauvignon 2013 und den Titel «Bester deutscher Sauvignon-Produzent» auf der AWC Vienna 2014 ab. Weil ich das liebevoll zubereitete Abendbrot mit Räucherlachs und regionalen Wurstspezialitäten zu den Sauvignons geniesse, freue ich mich, als meine Begleiterin in ihrem Auto vorfährt. Das E-Bike sicher auf dem Gepäckträger verstaut, heizt Sofia meine Neugier auf eine der hübschesten Unterkünfte im Nahetal an.

Brotzeit oder Sterneküche

Sich aus dem «HinterConti» loszueisen, kostet Überwindung. Schon die von fantasievoller Designerhand entworfenen Zimmer im historischen Bauerngehöft machen es schwer, statt vom Kingsize-Bett aus stundenlang die Riesendrucke an den Wänden zu betrachten, aus den Federn zu krabbeln. Aber es hilft nichts. Wieder rufen die Weinberge. Das familiengeführte Bed & Breakfast bittet in der restaurierten Scheune aber vorher zu Tisch. Ein Spiegelei mit perfekter Dotter-Konsistenz, frisch gebackene Brötchen und ein Espresso wie aus einem Mailänder Café spitzen die Laune an. B&B-Besitzerin Iffy setzt sich zu uns und liefert nützliche Infos: «Für 7 Euro am Tag können Sie aufgemotzte Räder bei Davut-Bikes um die Ecke leihen.» Vor allem «HinterConti»-Gäste aus Luxemburg und den Niederlanden nutzen das Sonderangebot des türkischen Fahrradverleihers, nachdem sie ihre «Kehrpakete» am Morgen kostenlos geschnürt haben. Für die Rückkehrer vom Trip durchs Seitental des Rheins setzt Iffy noch einen drauf: «Homestay»-Barbetrieb am Abend heisst übersetzt, die Gäste bekommen den Schlüssel für die Scheunen-Bar und können sich auf Vertrauensbasis vom Wein bis zum Single Malt bedienen. Mit den mitgebrachten biodynamischen Tropfen von Zwölberich haben wir diesen Service für kleines Korkgeld gestern bis spät in die Nacht genossen.

Das erste Etappenziel ist der Gutsausschank «Zum Remis’chen» und liegt wie unsere anderen Zielpunkte auf dem Nahe-Radweg Richtung Süden. Der kurze Stopp im Schlosspark von Bad Kreuznach mit Blick über die Nahe auf das einstige Rittergut Kauzenburg bringt kompakte Erkenntnisse – vom unweiten Jugendstil-Kurhaus, zwischenzeitlich von Kaiser Wilhelm II. als Hauptquartier zweckentfremdet, bis zur Würfelnatter, einer fischfressenden Schlange, die seit der Renaturierung der Nahe immer häufiger auftaucht. Statt Forelle aus dem wilden Nebenfluss des Rheins stellt «Remis’chen»-Eigentümerin Gisela Schlich eine E-Biking-Stunde später Traubensaftschorle auf den Holztisch. Erst Mitte der 1980er hätten die Strausswirtschaften hier ihre Renaissance erlebt. Von E-Bikern würde ihr Ausschank noch nicht so oft angesteuert, eher von Mountainbikern und Rennradfahrern, erzählt sie. Am sympathischsten seien ihr die Gäste mit Hollandrädern: «Die nehmen abends nach reichlich Nahewein-Konsum ein Taxi zum Hotel, kommen am nächsten Tag wieder, um ihre Räder abzuholen, trinken ein paar Gläser Wein und nehmen wieder ein Taxi.» Das nächste Mal also ein Hollandrad.

Für die Strecke von Bad Münster am Stein-Ebernburg zum auf 150 Höhenmetern gelegenen Weingut Hermannsberg ist das elektrogetriebene Rad aber die bessere Option. Wann immer eine Steigung ansteht, erleichtert der Akku das Strampeln. So lassen sich die Kilometer über die Serpentinen nehmen wie nichts. Belohnt wird man für diese schamlose Faulheit mit einem Blanc de Blancs des 30-Hektar-VDP-Weinguts. Der Schaumwein aus Weissburgunder und Chardonnay perlt mit feinem Mousseux über die Zunge, während die Augen von der besonnten Terrasse aus am Weinbergpanorama hängen bleiben. «Die Biker sehen von weitem die Riesensonnenschirme und kommen herauf», sagt Kellermeister Karsten Peter. «Nachdem sie unser Weinsortiment gescannt haben, buchen sie eine zweistündige Wandertour mit geführter Weinprobe und Kellerführung.» Auf sechs Einzellagen baut der Betrieb zu 98 Prozent Riesling an. Zur rustikalen Brotzeit gönnen sich die Terrassengäste am Nebentisch ein Grosses Gewächs aus dem Hermannsberg. Wir verzichten auf beides. Nachher gibt’s nämlich lecker Abendbrot samt Weinbegleitung im Wellnesshotel «BollAnts». 

Abschied vom Nichtstun

Auf dem Fahrradsattel träume ich mich zum kommenden Menü und tauche gedanklich schon in der Saunalandschaft des Spa-Hotels ab. Wenn da nicht noch das Weingut Funck-Schowalter wäre. Immer schön bergab radeln wir gen Naturpark Soonwald und halten an der nagelneuen Waldböckelheimer Vinothek an. Vor allem Thomas Funcks Grauburgunder schinden bei der kleinen Weinprobe Gaumeneindruck. Unmittelbar zum regionalen Weintourismus trägt der Acht Hektar-Betrieb einen mit Wein und Glas bepackten Wanderrucksack für 16 Euro und nach Rebsorten benannte Gästezimmer bei. Ein holländischer Motorradfahrer kommt rein und kauft eine Flasche spontan vergorenen Riesling «S». Den werde er sich gleich zum gegrillten Zander auf dem Campingplatz in Monzingen gönnen. Das Stichwort: Der Degu-Spucknapf ist so voll wie unsere Mägen leer sind. Höchste Zeit, sich nach Bad Sobernheim abzusetzen und sie zu füllen. Als wenn es kein Morgen gäbe, durchkreuzen wir die Dämmerung, nur ein Ziel vor Augen: die Lebensakkus in einem Genussparadies aufzuladen. Räucherakzente und nussige Aromen steigen vom hausgebeizten Lachs mit Bärlauch und Pumpernickel auf. Da wird der feinhefige, cremige 2013er Riesling der Lage Norheimer Kirschberg zum passgenauen Begleiter. Historisches Sandsteingewölbe und Shabbychic-Mobiliar untermauern das Menü von Sternekoch Jens Fischer im Vintage-Restaurant der riesigen Hotelanlage. Wir futtern uns durch Spinatrisotto mit confiertem Kabeljau, sanft geschmorte irische Lammschulter und Rohmilchkäse von Affineur René Tourrette, um all das Stunden später in Bio-Sauna und Heilerde-Dampfbad wieder loszuwerden. Wem der Verdacht aufstösst, es handele sich hier um einen exklusiven Ort für sinnsuchende Manager, irrt: Restaurant- und Wellnesstüren stehen Kurzurlaubern, die fürs «Carpe Vino»-Wochenende einchecken, genauso offen wie weinradelnden Ausflüglern.

Wie ein frisch geschlüpftes Küken pellt man sich aus dem Hotelbettzeug und programmiert das Navi am Fahrradlenker nach ausgiebigem Frühstück auf die Schaumwein-Adresse Bamberger: Römerstrasse 10, 55566 Meddersheim. Auf die südliche Seite der Nahe gewechselt, kommen die Räder in dem Weindorf zum Stehen. Weinhügel und bewaldete Höhenzüge bilden die Naturkulisse. «Rosé-Sekt ist unser Spitzenburner», empfängt uns Ute Bamberger mit einer lachsfarbenen Cuvée. Nicht ohne Grund, wie der Brut im Champagner-Stil zeigt. Auch der anschliessende 2010er Riesling Brut säubert den Gaumen mit feiner Frucht und limettenhaftem Abgang. Die ehemalige Stewardess und ihr Mann Heiko Bamberger waren vor der Weinguts-Ära begeisterte Globetrotter, lernten sich im Flieger kennen und heirateten in Melbourne. Jetzt toben sie ihr Fernweh im Kleinen aus und durchradeln das Nahetal. Ute Bamberger bringt Seeteufel in Meersalzkruste und füllt Stillweingläser mit Grauburgunder, um die Harmonie zu demonstrieren: «Der ist eine Nummer leichter als unser Weissburgunder und lässt dem Seeteufel Spielraum.» Den haben wir nach dem köstlichen Mahl leider nicht mehr. Weder zeitlich noch promillemässig. Mein Zug kommt in ein paar Stunden, und ich habe noch nicht ausgecheckt. Es sind nur wenige Kilometer bis zum «BollAnts», also kombinieren wir einfach Wandern und Biken – denn wer sein E-Bike liebt, der schiebt.

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