Deutscher Winzersekt

Exot im eigenen Land

Text: Eva Maria Dülligen, Fotos: Thomas Epping

Deutscher Winzersekt klingt in etwa so prickelnd wie Omas Stützstrumpfhose. Dabei bieten hiesige Erzeuger jede Menge feinen Prickelstoff auf Basis klassischer Flaschengärung: von spannenden Cuvées über filigranen Lagensekt bis zur jüngsten Premiere eines Ersten Gewächses. Warum sich das deutsche Schaumweinstiefkind nicht länger im Kellerloch verstecken darf, zeigt das Beispiel der Sektmanufaktur Schloss Vaux.

«Wir haben uns grosse Mühe gegeben mit der Hütte hier», begrüsst uns Nikolaus Graf von Plettenberg vor Schloss Vaux. Statt eines Palais, wie es der Name der Sektmanufaktur suggeriert, sieht man sich einer grossbürgerlichen Gründerzeit-Wohnvilla mit Giebelchen und Türmchen gegenüber. Die Enttäuschung währt nicht lange. Im Innern des 150 Jahre alten Gemäuers atmet neben historischem Dunst restaurative Designerkunst. Poliertes Fischgrätenparkett wird vom No-Color-Look an den Wänden flankiert. Das einstige Kontor, heute Präsentladen, ist lichtdurchflutet und lässt in angenehmer Weise Kitsch und vermeintliche Kunst vermissen. Leicht aufgeregt führt uns der Graf in sein Büro und zeigt lachend auf eine umrahmte Kopie von Otto Dix’Grafik «Erinnerung an die Spiegelsäle von Brüssel». Auf dem Schoss eines Erster-Weltkrieg-Offiziers sitzend kitzelt eine barbusige Dame dessen Kinn. Auf dem Bistrotisch daneben steht eine Sektflasche, deren Etikett der Name Château Vaux ziert. Neue Sachlichkeit. «Vaux war damals schon eine grosse Nummer», kommentiert der Sektkellereivorstand das Detail in dem Meisterwerk von 1920.

Schloss Vaux ist breit aufgestellt, führt sprudelnde Rebsorten-Cuvées und Lagensekte, hat einen Kundenstamm von Feinkost Käfer bis zum Grandhotel und hat sich erst kürzlich den Luxus erlaubt, in Geisenheim das Weingut Erbslöh mit 6,5 Hektar Rebfläche zu kaufen. In der Regel liefern deutsche Winzer ihre Grundweine zum Versekten an Lohnversekter. Oder der Prozess von der Abfüllung bis zum Degorgieren findet, wie bei Vaux, mit den Grundweinen der Vertragswinzer statt. Das Modell, die Reben aus eigenen Parzellen zu Schaumweinen zu verarbeiten, hat hier noch Ausnahmecharakter. Von Plettenberg will so noch mehr Authentizität in den deutschen Schaumwein bringen. Den ersten Jahrgang wird es 2017 geben.

Nicht allen Winzersektherstellern geht es so gut wie der Rheingauer Manufaktur in Eltville. Mit jährlich rund 350 000 abgesetzten Flaschengärsekten sprudelt Vaux oben auf der nationalen Schaumweinoberfläche. Und die ist so hauchdünn, wie der Rest darunter mager ist. Geschätzte drei Prozent machen deutsche Winzersekte von rund 400 Millionen Litern aus, die die Deutschen pro Jahr an internationalen Prickelbrausen durch ihre Kehlen fliessen lassen. Anno 2011 waren es laut Deutschem Weininstitut 454 Millionen Euro, die für Schaumweine hierzulande locker gemacht wurden. Zwei Jahre später gaben die Weltmeister im Pro-Kopf-Verbrauch von Sekt nur noch 434 Millionen Euro dafür aus. Ein homöopathischer Bruchteil davon wird in die Kassen deutscher Schaumweinmacher gespült. Dass sich die deutsche Variante von sprudelndem Wein trotz herausragender Erzeugnisse, die nach traditioneller Methode produziert werden, so schwer tut, hat zahlreiche Ursachen. «Spumante ist Italien. Cava ist Spanien. Champagner ist Frankreich. Und was ist Deutschland? Deutscher Sekt ist nicht definiert, wir haben kein Profil, und wenn, dann kommt es über die Markenbilder von Rotkäppchen und Henkell. Deutscher Sekt kann alles sein: pappsüss oder sauer, feinherb oder trocken.» Graf von Plettenberg streicht rücksichtslos heraus, was schief-läuft in der deutschen Sektbranche.

Zunächst mal ist der Deutsche extrem offen für diese Getränkekategorie. Als das Magazin «Stern» vor einigen Jahren ein Sixpack mit Alte-Welt-Schäumern für die Leserschaft schnüren wollte, entdeckte es das Potenzial der deutschen Winzersekte und beschloss, ausschliesslich aus diesen ein Angebotspaket zusammenzustellen und auf seine Genussseite zu heben. Nach anfänglichem Hype ebbte die Begeisterungswelle schnell ab. Die Infizierten griffen nach dem ersten Aha-Erlebnis trotzdem auf die französische und italienische Konkurrenz zurück. Warum? Hinter dem Champagner etwa steht das Comité Interprofessionnel du Vin de Champagne, ein Verband, der den Begriff Champagne mit einem Riesenetat schützt und in der öffentlichen Wahrnehmung mit immensem PR-Aufwand etabliert. In Deutschland blubbert der Deutsche Sektverband vor sich hin. Grobe Richtlinien und null Budget fürs Marketing sind nicht unbedingt hilfreich für eine stärkere Positionierung auf dem hiesigen Markt. «Der Konsument muss im Mund und im Kopf bereit sein, so einen Winzersekt ohne den Sexappeal eines Champagners zu geniessen. Das Bureau du Champagne hat ein Forschungslabor, das von seiner Grösse nicht in unsere Manufaktur passen würde. Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen», sagt von Plettenberg.

Tradition ist kein Geschäftsmodell

Das Eltviller Unternehmen weiss, wie man die Anhänger von Schaumweinen bei Sektlaune hält. Mit geschickt lancierten Innovationen zum Beispiel. Klar könne man die hundertste Cuvée aus Riesling und Weissburgunder machen. Aber das sei kein echtes Alleinstellungsmerkmal. Stattdessen punktet das Sektschloss mit ungewöhnlichen Rebsorten in seinen Schaumweinen. Sauvignon Blanc und Grüner Veltliner runden das auf Riesling und Spätburgunder fokussierte Portfolio ab. Der versektete Sauvignon spielt viel Frucht in Form von Stachelbeere und Paprika auf den Gaumen, der Veltliner schöne Würze – völlig andere Aromen als im regionaltypischen Rieslingsekt. Dann wurde das Konzept bei Vaux vor 14 Jahren komplett umgekrempelt. Kamen die Sektgrundweine früher von der Loire, liefern heute die hessischen Staatsweingüter und Rheingauer VDP-Weingüter wie Langwerth von Simmern und Robert König gesundes Rohmaterial zur Versektung. «2014 war ein feuchtes Jahr, viele verfaulte Reben, wir haben permanent ausgelesen. Ausserdem hat die Kirschessigfliege zugeschlagen. Also noch mal manuelles Rausschneiden von Faulherden. Wenn Sie mit irgendwelchen Vertragswinzern zusammenarbeiten, bekommen Sie, was Sie bekommen. Da sieht das Selektieren anders aus», sagt der 62-jährige gebürtige Rheinland-Pfälzer.

Zwar stammt von Plettenberg aus einem Bad Kreuznacher Weingut, entschied sich aber für eine Ausbildung zum Diplom-Kaufmann. Trotzdem liess ihn der Wein keine Minute los, er arbeitete im internen Weinhandel, bis man ihm vor 15 Jahren den Vorstandsjob bei Vaux anbot. Marketingtalent vermählt er mit vinologischem Know-how, und er verzichtet darauf, krampfhaftes Ambiente in die Produktionsstätte zu zaubern, überhöht nicht die Tradition der historischen Sektkellerei: «Mit Tradition allein lässt sich kein Geschäft machen.»

Mit den alten Rüttelpulten indes hat er ein rentables Nebengeschäft gemacht, als er die mit Patina versehenen Holzgestelle zum manuellen Abrütteln des Hefedepots an nostalgische Privatkunden verkaufte. Computergesteuertes Rütteln in würfelförmigen Drahtboxen ersetzt seit Jahrzehnten den einstigen Remueur Monsieur Jean-Paul Petrel. Der Rüttelmeister erkrankte irgendwann von den Schimmelpilzen im alten Kellergewölbe an Asthma. «Die Giropalette rüttelt Tag und Nacht, wird nicht krank, und es macht qualitativ auch keinen Unterschied zum Handrütteln», sagt der Graf und hält eine Flasche Rohsekt ins Gegenlicht einer Glühbirne, um das Stadium des Hefedepots zu demonstrieren.

An die gesetzliche Vorgabe von neun Monaten Hefelager, um eine «traditionelle Flaschengärung» deklarieren zu können, hält sich hier keiner. Das Gros der Vaux-Sekte wird frühestens nach 15 Monaten von der Hefe genommen, damit eine noch feinere Perlage und ausgeprägtere Aromen in die burgunderförmigen Flaschen finden. Auch wenn der Alterungsprozess erst nach dem Entfernen des Hefepfropfs einsetzt, will von Plettenberg nicht so weit gehen, das Degorgierungsdatum aufs Etikett zu drucken. Bruno Paillard aus der Champagne und Sekt-Koryphäe Volker Raumland haben es vorgemacht. «Ein hilfreicher Hinweis für Connaisseure. Aber die meisten würden es mit dem Verfallsdatum verwechseln.»

Deutschlands Schaumweinkrone

Neben den mundwässernden Schäumern von Schloss Vaux haben Winzer von Sachsen bis in die Pfalz hochfeines und erschwingliches Sektpotenzial in petto. Hier einige der explosivsten Schaumweine.

Sektmanufaktur Schloss Vaux, Rheingau, Erbacher Marcobrunn Riesling Brut 2010

17.5 Punkte | 2014 bis 2021

Der Lagenschaumwein macht mit den Marcobrunn-typischen Noten reifer exotischer und regionaler Früchte echte Sektlaune. Das zweijährige Hefelager hat für eine filigrane Perlage und enorme Komplexität gesorgt. Duft nach Weinbergpfirsich, Mango und Passionsfrucht in der Nase. Würzige Frucht und mineralische Anklänge am Gaumen.

Rudolf Kauer, Mittelrhein, Riesling Brut 2008

17.5 Punkte | 2014 bis 2019

In Rauch gehüllte Limone, ein Hauch frischer Haselnüsse dahinter. Delikates Mousseux mit einem angenehmen Touch Süsse. Das Bouquet bestätigt sich im Mund mit dem Gefühl von rauchigem Zitronensorbet. Fruchtig bis zum ausgedehnten Finale.

Bamberger, Nahe, Riesling -S- 2009

17 Punkte | 2014 bis 2018

Lupenreine Perlage steigt in dem zitronenfaltergelben Riesling empor. Passend zu den grünlichen Reflexen gibt er getrocknete Küchenkräuter frei. Flankiert wird das Kräuterbündel von Crème fraîche und floralen Eindrücken. Geht deutlich in Richtung Champagner-Stil.

Schloss Wackerbarth, Sachsen, Bussard Royal, Homage Monsieur Mouzon

17.5 Punkte | 2014 bis 2020

Gesättigt mit einer Dosage von Trockenbeerenauslese entsteht in der Nase ein Bild von frisch aufgebrochener Honigwabe und Sonnenblumen. Honigdurchtränkte Zitrone am Gaumen. Ein zitroniger Samtteppich verteilt sich von der Zungenspitze aus über die Mitte und die Ränder. Die Cuvée mit Schwerpunkt Riesling klingt erfrischend-lebendig aus.

Geil’s Sekt- und Weingut, Rheinhessen, Pinot 3

17.5 Punkte | 2014 bis 2019

Weiss-, Spät- und Grauburgunder hat Kellermeister Rudolf Geil in der Cuvée vermählt. Alle drei Pinots sind schön integriert. Neben Grapefruit und vegetalen Noten mischen sich Sour Cream und gehackte Walnüsse in die Duftspirale. Mittelfeine Perlage, schöne Länge.

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