Kalabrien

Il ritorno

Text: Christian Eder

  • Blick auf die Ortschaft Morano Calabro
  • Vom Gebirge umgebene Rebflächen des Weinguts Librandi

Sie kehren zurück: Die autochthonen Rebsorten Kalabriens erleben eine Renaissance. Nirgendwo in Italien sind ihre Vielfalt und ihr Potenzial grösser. Was hier – und nur hier – wächst, ergibt nichts weniger als die besten Weine der Region.

 

Demetrio Stancati lässt eine Handvoll Erde durch seine Finger rieseln: Sandig ist sie, durchmischt mit Mineralien verschiedenster Art, geschaffen vom Urmeer und von Vulkanen. «Diese Mischung ist die Basis für unsere Weine», sagt der Arzt und Winzer. Er ist massgeblich daran beteiligt, dass Reben wie Magliocco Dolce eine Renaissance erleben dürfen. Die spät reifende Rotweinsorte ist in Kalabrien autochthon und gehört zu den interessantesten Varietäten Süditaliens. Trotzdem: Weder die Sorten noch das Gebiet an den Hängen der Gebirgszüge Sila und Pollino sind ausserhalb der Region wirklich bekannt. Dabei war Dichter und Weinkenner Mario Soldati schon 1975 von den Qualitäten der Region und ihrer Sorten überzeugt. Vom DOC-Wein Savuto etwa, der noch heute produziert wird und in dem die autochthone Rebsorte Magliocco dominiert. Soldati schrieb in seiner Weinbibel «Vinoal Vino», dass dieser Wein für die Stadt Cosenza wie der Barolo für Cuneo stehe.

Auch Demetrio Stancati kultiviert Magliocco. Er steht in einem seiner Rebberge auf 600 Metern über Meer, der Hügel erhebt sich aus dem breiten Flusstal des Crati, dahinter thronen die Bergspitzen des Pollino, auf denen im Winter Schnee liegt. Stancati lässt den Blick schweifen. «Das Klima hier ist für Süditalien recht ausgewogen», meint er. Sogar im Sommer sorgen die Brisen vom Meer und vom Gebirge für eine gute Ventilation. «Das ist – neben den mineralischen Böden – ein Grund dafür, dass unsere Weine so elegant werden», sagt der Winzer selbstbewusst.

Es ist noch nicht sehr lange her, da verfrachteten Teile Kalabriens, Apuliens und Siziliens dichte, fruchtige Weine in grossen Tankschiffen in die renommierten Anbauzonen im Norden des Landes und nach Frankreich. Die sogenannte «Kellermedizin» half damals dabei, den oft schwachbrüstigen Toskanern und Bordelaisern Charakter und Substanz zu verleihen. Der Weinbau hier in der Provinz Cosenza hat davon allerdings kaum profitiert, zu abgelegen sind diese Anbaugebiete und zu schwierig ist der Anbau der hier heimischen Rebsorten.

Das gilt auch für die Rebsorte Magliocco Dolce, die eine Renaissance erlebt wie keine andere: Die Rebe verschwand in der Zeit, als man wirtschaftlich zu produzieren versuchte und eine gewisse Erntemenge unabdingbar war. Heute aber gibt es kaum einen Weinbaubetrieb in der Provinz Cosenza, der sie nicht kultiviert. «Verdientermassen», meint Demetrio Stancati. «Magliocco Dolce ist keine einfache Traube, doch der Aufwand lohnt sich. Und ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgereizt.» Stancati war einer der ersten Winzer, die mit Magliocco Aufmerksamkeit erregten. Sein Weingut Serracavallo liegt im Weiler Bisignano, man erreicht es nur über eine an Serpentinenreiche Bergstrasse. Rund 20 Hektar Rebberge bewirtschaftet er.

Bei seinem Vigna Savuco experimentiert Stancati mit etwas Überreife: Er lässt die Trauben für diesen Einzellagenwein leicht antrocknen, um einen dichteren Charakter zu erhalten. Bei seiner zweiten Magliocco-Einzellage, Terraccia, setzt er hingegen auf Fruchtigkeit und Eleganz, er keltert sie aus 90 Prozent Magliocco und 10 Prozent Cabernet Sauvignon.

Eine neue DOP für eine alte Sorte

Laut neuesten DNA-Analysen soll Magliocco seine Wurzeln in Griechenland haben, und eigentlich überrascht das nicht: Cosenza ist eines der Gebiete in Kalabrien, in denen griechische Siedler bereits vor 2700 Jahren Reben gepflanzt haben. Sie gaben dieser Kolonie damals den Namen Enotria: «Land des Weines». Seit dem Jahrgang 2011 kommen die Magliocco-Weine von Stancati unter der neu geschaffenen regionalen DOP Terre di Cosenza auf den Markt. Diese geschützte Ursprungsbezeichnung (Denominazione di Origine Protetta), der Stancati als Präsident vorsteht, hat die alten DOC- und IGT-Bezeichnungen der Provinz im Herzen Kalabriens ersetzt, mit Ausnahme des renommierten DOC Weines Savuto. Mehr als zwei Dutzend Kellereien produzieren Weine unter dieser neuen DOP, verteilt über die ganze Provinz Cosenza. Die DOP Terre di Cosenza ist Weinen vorbehalten, die überwiegend aus Magliocco produziert werden.

Lidia Matera von der Tenuta Terre Nobili bewirtschaftet gerade einmal 15 Hektar in Montalto Uffugo, einer hügeligen, fruchtbaren Zone. Der Legende nach kam hier einst der Ritter Cariglio von einem Kreuzzug zurück und legte sich unter einem Baum zur Ruhe. Als er aufwachte, bemerkte er, dass er unter einer mächtigen Eiche inmitten einer paradiesischen Landschaft geschlafen hatte, und beschloss, sich hier niederzulassen. Der Name des Ritters ist der Landschaft bis heute geblieben: Cariglialto. Diese Geschichte erzählt Lidia Matera gern, wie auch die der Sorte Nerello Mascales, die zwar häufig am Vulkan Ätna anzutreffen ist, aber eigentlich aus Kalabrien kommt. Und natürlich erzählt sie uns von ihrer Entscheidung, auf biodynamischen Weinbau umzustellen. «Nur von Pflanzen, die im Gleichgewicht sind, erhält man einen guten Wein», fasst sie ihre Erfahrungen zusammen.

Materas Reben wachsen zwischen 150 und 350 Metern über dem Meer auf lehmigen Böden, die das Wasser gut speichern, was zur Geschmeidigkeit ihrer Weine beiträgt. Ihren Cariglio, einen Blend aus Magliocco Canino und Magliocco Dolce, der vor Fruchtigkeit und Charakter nur so strotzt, baut sie ausschliesslich in Stahl aus.

Schwerstarbeit fast in der Senkrechten

Im Gebiet des DOC Savuto befindet sich eine weitere Kernzone der Magliocco-Traube, die hier Arvino heisst. Steil sind die Lagen, schwer zu bearbeiten. Wie im Rebberg Colle Barabba, der ganze 65 Grad Steigung aufweist. Ein Hektar davon ist noch mit über 40 Jahre alten Alberelli bepflanzt. Mario Soldati besuchte vor 40 Jahren als einer der ersten Weinschreiber diesen Rebberg des Weingutes Colacino und sprach dem dort aus alten Reben gekelterten Britto ein Kompliment aus: In Savuto sei nur der Britto zu erwähnen, schrieb er dem Arzt Vittorio Colacino ins Gästebuch, der 1968 begonnen hatte, diesen Wein zu keltern. Heute bewirtschaften dessen Kinder Mauro und Maria Teresa Colacino 20 Hektar Rebberge in Marzi, und noch immer ist der Britto das Aushängeschild der Kellerei. Der opulente Blend aus Magliocco (Dolce und Canino), Nerello Capuccio und Greco Nero stammt nach wie vor von den alten Alberelli der Vigna Barabba und überzeugt mit einer Komplexität und Eleganz, wie man sie sonst nur aus dem Norden Italiens gewohnt ist. Soldati hätte seine Freude daran.

Ein Loblied auf den Blend stimmt denn auch Mauro Colacino an. Sortenreinheit sei in seiner Region kein Indiz für Qualität, eine Cuvée aus autochthonen Rebsorten sei Ausdruck der kalabrischen Rebkultur: «Magliocco ist zwar momentan der attraktivste Spross unserer Rebberge, aber bei weitem nicht der einzige», ist der Winzer überzeugt.

Insgesamt sind in Kalabrien fast 13 000 Hektar mit Reben bepflanzt: Das sind zwar nur knapp zwei Prozent der Rebfläche Italiens, aber in keinem anderen Gebiet haben so viele autochthone Rebsorten bis heute überlebt. Das bekannteste Weinbaugebiet der Region ist Cirò: Seit Jahrzehnten ist die Zone am Ionischen Meer für ihre leichten Rot- und Weissweine bekannt. Gaglioppo heisst hier die wichtigste autochthone Traube, die direkt bis ans Meer wächst. Aus der gerbstoffreichen, säurearmen Varietät wird der frisch-fruchtige Cirò gewonnen, der einzige Wein, der über die Grenzen Kalabriens hinaus bekannt wurde. Der weisse Cirò Bianco wird hingegen aus der Greco-Traube gekeltert.

Der Superkalabrier

Vor 40 Jahren haben die Brüder Antonio und Nicodemo Librandi Kalabrien auf die Weltweinkarte gebracht. Librandi schuf mit dem Gravello als einer der Ersten einen Superkalabrier – einen Blend aus der autochthonen Sorte Gaglioppo und Cabernet Sauvignon, der regelmässig drei Gläser im «Gambero Rosso» einheimste. Die Brüder Librandi erkannten früh, dass der grösste Schatz Kalabriens die vielen autochthonen Sorten sind. Vor 15 Jahren taten sie sich darum mit der Universität Mailand zusammen und starteten auf dem Weingut Rosaneti im Val di Neto im Südwesten Cirò Marinas ein Forschungsprojekt. «Wir sind die Region von oben bis unten abgefahren, um Reben zu finden, die oft nicht mal einen Namen hatten», erzählt Nicodemo Librandi. «Bei Reggio Calabria haben wir uns mit dem Dorfpolizisten sogar durchs Unterholz zu einzelnen verwilderten Stöcken vorgekämpft.» Die gefundenen Reben wurden auf Rosaneti in einem Versuchsrebberg ausgepflanzt. Von den 159 Rebsorten sind laut DNA-Untersuchungen 77 einzigartig: Sie existieren nur in Kalabrien.

Doch Rosaneti ist mehr als nur ein Versuchsrebberg, von hier stammen auch zwei der wichtigsten Weine des Gutes: der rote Magno Megonio, ein reinsortiger Magliocco Dolce, und der weisse Efesoaus der ebenfalls autochthonen Rebsorte Mantonico. «Dieses Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen», sagt Nicodemo Librandi, «wir führen weiter Mikrovinifikationen durch, um das Potenzial anderer Reben zu erforschen.»

Und davon gibt es in Kalabrien noch einige, die heute niemand kennt, da sind sich Nicodemo Librandi und Demetrio Stancati einig. «Nebbiolo oder Sangiovese kennt man zur Genüge», meint Stancati mit einem breiten Grinsen, «wir hingegen können mit unserer autochthonen Vielfalt immer wieder aufs Neue überraschen. Und Magliocco ist ohne Zweifel eine der edelsten Trauben Italiens. Mit jedem Jahrgang bin ich mehr davon überzeugt.»

Kalabrien autochthon - 4-mal Magliocco

Es lohnt sich, den einzigartigen Rebschatz Kalabriens zu entdecken. Beginnen Sie Ihre Reise mit diesen Magliocco.

 

Librandi, Magno Megonio 2010

Einer der Ersten, die von Magliocco Dolce restlos überzeugt waren, ist Nicodemo Librandi. Seit 1995 keltert er den Magno Megonio reinsortig aus dieser Sorte. Der Wein bleibt für 16 Monate in Barriques. Das Ergebnis ist ein eleganter, nach Kirschen duftender Wein mit solidem Tanningerüst und langem Abgang.

Preis: 21 Franken | 11,95 Euro

www.weine-monaco.ch | www.lunas-delikatessen.de

 

Colacino Wines, Savuto Superiore Britto 2010

Der Lagenname Britto bedeutet «verbrannte Erde». Der sonnenbeschienene Steilhang in 500Meter Höhe ist mit alten Alberelli bepflanzt. Dieser Weinklassiker wird ein halbes Jahr in Eiche und Stahl ausgebaut. Die Fruchtaromen dominieren. Schöne Balance zwischen Tanninen und Säure; von überzeugender Eleganz.

Preis: 21 Franken | 11,95 Euro

www.raeberswiss.ch | www.weinhausschroeder.de

 

Serracavallo, Vigna Savuco 2009

30 Monate in Barriques und eine 12-monatige Flaschenreife werden diesem potenten Wein gegönnt. Die Trauben trocknen noch an der Pflanze dezent an, bevor sie verarbeitet werden. Würzig, nach Brombeeren duftend; geschmeidig und doch mit Charakter am Gaumen, langes Finale. Sollte noch reifen.

Preis: 28 Euro

www.bremerwein.de

 

Tenuta Terre Nobili, Cariglio 2012

Blend aus Magliocco Dolce und Magliocco Canino, der einen 20-prozentigen Mostabzug (Salasso) durchmacht sowie eine lange Maischestandzeit in Stahltanks. In der Nase intensiv mit Schwarzkirschen und Gewürzen; kernig am Gaumen, mit spürbarem Tannin, besitzt Charakter und Länge.

Preis: 17.60 Franken | 9,90 Euro

www.archetti.ch | www.bremerwein.de

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