Weinkrimi in Fernost

MADE IN CHINA

Text und Fotos: Nick Bartman (Übersetzung aus dem Englischen: Hancock Hutton Langues Services)

Rechtsanwalt Nick Bartman ist spezialisiert auf die Bekämpfung chinesischer Produktfälschungen, auf Turnschuhe, Elektrogeräte und Autoteile. 2010 nahm er die Fährte von chinesischen Weinfälschern auf – und stach in ein Wespennest. VINUM präsentiert exklusiv einen Auszug aus seinem Erlebnisbericht.

Wir arbeiteten uns von Kellerei zu Kellerei, von Fälscher zu Fälscher vor. Alle behandelten uns wie potenzielle Kunden, und der Informationsfluss riss nicht ab. Sie alle schienen dasselbe Geschäftsmodell zu haben: Sie arbeiteten mit französischen Kellereien oder Händlern zusammen, den Kontakt für sie hielt ein in Frankreich lebender Chinese. Die meisten der Kellereien verfügten über authentische Importdokumente, um ihre Einkäufe in Frankreich zu belegen. Aus diesen konnten wir aber auch klar entnehmen, dass, auch wenn Importe aus Frankreich stattgefunden hatten, alles, was anschliessend passierte – mit gefälschten Etiketten und Strichcodes –, ein kompletter Schwindel war. Ausserdem befanden wir uns ja in einem Weingebiet, warum sollten die Kellereien es nötig haben, Flaschenwein aus Frankreich zu verkaufen?

Nur wenige gaben die Fälschungen offen zu, und einige von ihnen arbeiteten alarmierend gut. Gerade wenn wir die Weine mit unseren ersten Funden vor wenigen Jahren verglichen: Die Fälscher hatten dazugelernt. Da gab es zum Beispiel Herrn A., einen sehr erfolgreichen Geschäftsmann und Händler. Erst vor kurzem hatte er den schnell wachsenden Weinmarkt für sich entdeckt, gab aber ganz offen zu, dass er nichts davon verstehe.Wir begegneten ihm zuerst in seiner Fabrik und gingen dann zusammen in ein schmuddeliges Restaurant, in dem wir Wein aus angeschlagenen Gläsern schlürften. Mit einem Glas in der Hand und ausgestrecktem Arm lehnte sich Herr A. vor jedem Schluck mit verzerrtem Gesicht in meine Richtung, was ich irrtümlicherweise als Anspielung auf seinen schlechten Wein verstand, was aber eigentlich eine Aufforderung an mich als abgehärteten Trinker grosser Weine war, es ihm gleichzutun.

Er erklärte mir, dass vor ein paar Jahren der junge Herr B., sein damals 21 Jahre alter, ehrgeiziger und studierter Sohn, seine Ausbildung ausserhalb von China weiterführen wollte. Durch seine guten Verbindungen gelang es Herrn A., ein Visum für seinen Sohn zu organisieren, woraufhin dieser eine Weinfachschule in Bordeaux besuchte. Während der junge Herr B. dort seine Ausbildung absolvierte und Französisch lernte, eröffnete Herr A. einen Weinbetrieb in Penglai, kaufte riesige Tanks, eine Ausstattung zur Weinherstellung und Abfüllanlagen. Er stellte eine Winzerin ein, Frau C., die soeben an einer angesehenen chinesischen Universität ihren Abschluss gemacht hatte. Zusammen entschieden Herr A., der junge Herr B. und Frau C., dass sie als ersten Wein einen Medoc fälschen wollten. Mit chinesischen Trauben arbeitete Frau C. daran, einen Wein herzustellen, der einem Medoc so nahe wie nur möglich kam.

In der Zwischenzeit studierte der zielorientierte junge Herr B. weiter, während er gleichzeitig durch die Weingüter des Médoc tourte, um in Erfahrung zu bringen, ob diese ihren Wein nach China verkaufen wollen. Er wählte diejenigen aus, die in Bezug auf ihren Namen und die Gutgläubigkeit der Eigentümer vielversprechend erschienen. Die Flaschen wurden dann über eine Firma in Paris– geführt von Chinesen in einer zumBüro umfunktionierten Kirche – an seinen Vater geschickt. Solche illegalen Fassaden sind in China gang und gäbe. Ich habe schon chinesische Hotels gesehen, die eigentlich Banken waren, Reinigungsfirmen, die als Arbeitsagenturen fungierten, und Konditoreien, in denen sich Wechselstuben verbargen, um nur ein paar Beispiele zu nennen...

Nachdem der französische Wein dann bei Herrn A. angekommen war, kopierte dieser die Etiketten und Strichcodes, fälschte Kapseln und Korken und liess die Marken in China auf seinen Namen eintragen. Um die Sache noch authentischer zu machen, wurden gefälschte europäische Weinflaschen von lokalen Flaschenherstellern gekauft, Echtheitsprägung inklusive. Alles lief wie am Schnürchen. Die Verkäufe in China stiegen weiter, und Herr A. benutzte seine französischen Importdokumente, um Kunden und Beamten zu beweisen, dass seine Weine echt waren. Das Können von Frau C. und die Qualität ihrer chinesischen Trauben schienen gut genug, da die Kunden vom Médoc wohl nur den Namen, nicht aber den Geschmack der Weine kannten.

Der junge Herr B. schloss sein Studium in Bordeaux ab und verfügte nun überein Basiszertifikat, das ihm genügend Weinkenntnisse bestätigte, um wiederum anderen die Grundlagen beizubringen. Daraufh in verliess er Frankreich und kehrte nach China zurück, wo er seine eigene Import- und Weinberatung aufbaute, die weit genug von der Kellerei des Herrn A. entfernt lag, um als unabhängig gelten zu können. Trotzdem warb der junge Herr B. auf schlaue Weise für die gefälschten Weine von Herrn A. Nicht lange nachdem sich der jetzt 26-jährige Herr B. in seiner neuen Funktion eingerichtet hatte, kaufte ihm Herr A. einen brandneuen Porsche Cayenne. Der junge Herr B. ernannte sich selbst zum «Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux (CIVB)»-Sommelier (ein Titel, der gar nicht existiert) und berechnete seinen Kunden entsprechende Summen für seine Dienste. Ausserdem bot er den chinesischen Behörden kostenlose Beratungen an, um ihnen bei der Identifikation von gefälschten französischen Weinen zu helfen. Dafür und für sein Können wurde der junge Herr B. sehr bewundert, nicht zuletzt, weil er Französisch lesen konnte. Der Fuchs hatte sich zum Hüter der Gänse gemacht.

Herr A. war uns gegenüber nicht in der Lage, die Wahrheit zu verbergen, denn das hätte ja seine Stellung als Genie verschleiert, die er für sich beanspruchte. Je mehr Wein er trank, desto ausschweifender wurden seine Erzählungen. Wir waren jetzt die besten Freunde. Mit einem smarten Lächeln beschrieb er den jungen Herrn B. als Schlüssel zu seinem Erfolg und schwärmte von der Kreativität von Frau C., deren weisser Laborkittel und gelehrtes Aussehen ihren Teil zur Glaubwürdigkeit der Geschichte beitrugen. Bei diesem Lob errötete Frau C., während ihre Lippen krampfhaft versuchten, ihre enormen Zähne daran zu hindern, aus dem Mund zu springen.

Nach einiger Überzeugungsarbeit erklärte sich Herr A. einverstanden, dass wir den jungen Herrn B. treffen könnten, der etwa vier Autostunden entfernt in der geschäftigen Metropole Qingdao seine Büros hatte – der Ort ist für sein berühmtes Tsingtao-Bier bekannt. Der junge Herr B. wirkte für sein Alter bemerkenswert erwachsen, geschliffen und selbstsicher. Er sprach sehr korrekt Französisch, jedoch nur bruchstückhaft Englisch. Von Herrn A. redete er wie von einem Bekannten, nicht wie von seinem Vater. Der junge Herr B. konnte nicht dazu gebracht werden, sich dem Thema gefälschte Weine zu nähern, seine Rolle war die eines reichen Selfmade-Weinexperten, der sich authentischem französischem Wein absolut verbunden fühlte. Die blosse Nennung des Begriffs «Fälschung» liess ihn erschaudern. Hätte ich die wahre Geschichte nicht gekannt, ich hätte ihm möglicherweise geglaubt.

Wir verliessen das Büro von Herrn B. und fuhren in seinem glänzenden Porsche in ein teures Restaurant. Seine Maskerade dauerte auch während des Mittagessens an, bei dem er uns vorrechnete, wie er uns dabei helfen könnte, mehr Geld zu verdienen, als wir es uns erträumen könnten. Diese schauspielerische Leistung verdiente einen Preis. Aber die ganze Zeit über bot er uns keinen Wein an. Tee ja, aber keinen Wein. Um ihn zu testen, fragte ich nach einem «echten» Drink. Er schlug ein Bier vor. Ich frage mich bis heute, ob er Angst hatte, dass ich als Europäer eine grössere Weinkenntnis haben könnte als er. Er war in jedem Fall in Bordeaux gewesen, aber vielleicht hatte er nicht wirklich eine Weinschule besucht...

Nick Bartmans Erlebnisbericht aus China erschien in englischer Sprache auf Jancis Robinsons Website www.jancisrobinson.com, den gesamten Text finden Sie in deutscher Sprache exklusiv unter www.vinum.info/madeinchina.

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