Kameramann und Weingutsbesitzer im Interview

Michael Seresin über Wein in Hollywood

Text: Eva-Maria Dülligen, Fotos: Anthony Rose

Al Pacino, John Cusack, Kirsten Dunst, Bridget Fonda und Bruce Willis sind nur eine Handvoll jener Hollywood-Mimen, die Michael Seresin vor der Linse hatte. Namedropping ist ihm zwar zuwider, uns hat es dafür umso mehr gereizt, dem Kameramann und Pinot-Noir-Meister Details über die Weinliebe von Weltstars aus der Nase zu kitzeln. Über sein bio-dynamisches Weingut in Neuseeland selbstredend auch.

Herr Seresin, Sie haben kürzlich im Potsdamer Babelsberg-Studio den Kinofilm «Gunpowder Milkshake» mit der Kamera eingefangen, dabei könnten Sie sich doch längst für immer in die Hängematte auf Ihrem Weingut verabschieden.

Das war ein Independent Movie, ein von Frankreich finanzierter Actionthriller. Ich habe dieses innovative Filmprojekt, das überwiegend mit weiblichen Darstellern besetzt war, gedreht, obwohl ich in der Tat mit dem Filmen aufhören könnte. Mein Lebensmittelpunkt liegt übrigens hier in London. In Marlborough bin ich geschätzt zwei bis drei Mal jährlich für einige Wochen.

Kann man demnach sagen, dass Sie mehr Kameramann als Weinmacher sind?

Ich habe ein tolles Team aus der ganzen Welt da unten. Alles Leute, die in der Biodynamie zuhause sind. Da muss ich mir keine Sorgen um meine Weine machen, wenn ich für Monate irgendwo am Set bin. Meine Hauptaufgabe ist die des Kulturbotschafters, ich entwerfe die Flaschenlabels, gehe mit den Kunden essen, beantworte Fragen: Mein Feld ist die Kommunikation. Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich könnte auf keinen der beiden Jobs verzichten, konzentriere mich zu hundert Prozent auf Kamera- und Weingutarbeit.

Aber wenn Sie sich entscheiden müssten?

Okay, mit der Pumpgun auf der Brust würde ich die Kamera wählen. Sehen Sie, meinen ersten Film habe ich 1972 abgedreht, das Seresin Estate konnte ich in den beginnenden 90ern ja überhaupt erst über die Einkünfte aus dem Filmgeschäft finanzieren. Geplant war zunächst ein Weingut in der Toskana. Ich bin süchtig nach Chianti. Aber ich wäre in der Toskana nicht gross geworden, da gibt der Vater das Weingut an die Kinder weiter – es zählt die Familientradition. Zudem ist es schier unerschwinglich, dort Land innerhalb einer DOCG-Appellation zu kaufen.

Da blieb dann nur noch der Kauf eines Weinguts im neuseeländischen Marlborough. War das der sprichwörtliche Spatz in der Hand statt der Taube auf dem Dach?

Was unbedingt im Raum stand, war nicht das hunderttausendste Sauvignon-Blanc-Weingut der Region zu werden – kein Weingut um des Weinguts willen. Also wurden wir zu Pionieren in zweierlei Hinsicht. In einer Zeit, wo der Einsatz von Chemiebomben in den meisten neuseeländischen Weinfeldern noch auf der Tagesordnung stand, haben wir auf Biodynamie umgestellt, und statt mit dem obligatorischen Sauvignon zu punkten, setzten wir als Flagship auf den für Marlborough eher untypischen Pinot Noir.

Obwohl Sie kein grosser Freund des Sauvignon Blanc sind, bauen Sie diese Sorte zu 70 Prozent an. Sie haben sogar der Hollywood-Ikone Sandra Bullock mal einen Wein dieser Rebsorte zum Geschenk gemacht. Wie geht das zusammen?

Zunächst muss ich vorausschicken, dass Sauvignon Blanc wie auf den meisten Weingütern Marlboroughs auch bei uns die Cashcow ist. Deshalb kann ich ihn auch nicht aus dem Sortiment kicken. Mir persönlich liegen diese Aromen von Stachelbeere und Spargel nicht sonderlich. Er spielt definitiv nicht in derselben Liga wie Riesling oder Chardonnay. Wenn überhaupt, trinke ich einen schön gereiften Sauvignon, und so einen habe ich Sandra Bullock auch geschenkt.

Und hat er ihr gemundet?

Sandra hat eine sensible Zunge, sie ist ein Genussmensch. Der Sauvignon war soweit ich mich erinnere, ein Réserve, Jahrgang 2011. Natürlich hat sie ihn nicht gleich am Set entkorkt. Aber sie rief mich später an und meinte, der Wein habe ihr sehr viel Spass gemacht.

Kirsten Dunst wiederum bekam einen Ihrer Highend-Pinot-Noirs. Ist sie mehr der rote Typ?

Sie liebt, wie ich, Sangiovese aus der Toskana, und da habe ich sie einfach mal mit einem Pinot überrascht. Und ja, sie mochte ihn. Ich trinke nebenbei erwähnt selbst zu 90 Prozent Rotweine.

Wie steht es allgemein mit der Liebe zum Wein in Hollywoods Promizirkus?

Die meisten von ihnen trinken keinen Wein. Das ist kein grosses Ding in ihrem Leben. Da geht es mehr um Cocktails, Gin oder Whiskey. Ich war kürzlich mit einem Hollywood-Regisseur in einer Bar in Los Angeles. Als Aperitif hat er erstmal einen trockenen Martini zu einem halben Dutzend Austern bestellt. Der Abend endete schliesslich mit einem Kubikliter Wodka.

Sie sollen sehr wählerisch sein hinsichtlich der Filmangebote. So haben Sie kürzlich einen Dreh mit Tom Hanks als Navy-Kommandeur abgelehnt, weil Ihnen der Plot missfiel. Andererseits sind Sie eingeknickt, als Mickey Rourke Sie bat, die Regie in seinem 15-Millionen-Dollar-Film «Homeboy» zu übernehmen – obwohl Sie nicht voll hinter diesem Projekt standen. Warum?

Bevor Mickey seine eigene Karriere zerschossen hat, ich will jetzt gar nicht näher darauf eingehen, war er mein bester Freund. Dass wir uns aus den Augen verloren haben, hat nichts mit seinem Karriereknick zu tun. Obwohl er vielleicht nicht so wirkt, ist Mickey ein überaus komplexer und kreativer Charakter. Mit ihm den Klassiker «Angel Heart» zu drehen, war reiner Genuss. Als er mir auf einem Helikopterflug das Skript zu «Homeboy» zeigte, war ich zwar von der Story, nicht aber vom Drehbuch überzeugt. Warum ich letztlich doch zugesagt habe? Weil er mein Freund war.

Warum haben Sie sich nach Independent-Kultfilmen wie «Midnight Express» und «Birdy» auf Blockbuster wie «Harry Potter» oder «Planet der Affen» eingelassen? Aus purer Profit-Orientierung?

Wenn es nur um L’art pour l’art ginge, hätten die meisten Hollywood-Stars kleinere Swimmingpools in Beverly Hills. Welchem Film hat Brad Pitt wohl lieber sein hübsches Gesicht geliehen: «Troja» oder «Fight Club»? Was hat Leonardo di Caprio mehr elektrisiert: die Hauptrolle in «Titanic» oder die in «Django Unchained»? Die Herausforderung beim Kommerz kann ausserdem sehr gross sein. «Harry Potter and The Prisoner of Azkaban» habe ich durch meine Licht-Schatten-Technik ästhetisch so ausgestaltet, dass er bei vielen Kritikern als Kunstfilm gilt.

Was das Spiel mit dem Licht betrifft, sollen Sie ein Fanatiker sein. Die Filmbranche hat Ihnen sogar den Spitznamen «Prinz des Schattens» verpasst. Worin genau liegt diese Faszination?

Es geht in erster Linie um die Qualität des Lichts. Um feinste Nuancen. Wo das differenzierte Halbdunkel einsetzt, übernimmt die Fantasie. Denken Sie zum Beispiel an «Lost Highway» von David Lynch – ein Meisterwerk der Lichtgestaltung. Oder wie Josef von Sternberg das Gesicht von Marlene Dietrich ausgeleuchtet hat. Auch ich lasse die Schauspieler durch meine Beleuchtungskunst besser aussehen. Dafür lieben sie mich.

Das Thema Licht und Schatten zieht sich bis zu Ihren Weinen. Einen Ihrer Pinot Noir haben Sie «Sun and Moon» getauft. Das klingt – sagen wir mal – recht profan.

Nicht, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Auf einem Flug von L.A. nach London habe ich rechts und links aus den Fenstern geguckt. Auf der einen Seite ging die Sonne unter und auf der anderen der Mond gerade auf. Da hat es Klick bei mir gemacht. Denn zu diesem Zeitpunkt suchte ich nach einem authentischen Namen für einen bestimmten Einzellagen-Pinot. Ich verwende das Wort «authentisch», weil unser Weingut demeter-zertifiziert ist. Sonne und Mondphasen spielen in der Biodynamie eine gleichberechtigte Rolle.

Im weiter südlich gelegenen Central Otago hat Schauspieler Sam Neil – bekannt aus «Jurassic Park» und «Das Piano» – sein Weingut. Macht er besseren Pinot Noir als Sie?

Das wage ich zu bezweifeln (grinst). Er produziert seine Pinots organisch, ich biodynamisch. Spass beiseite: Aus meiner Sicht eignen sich das maritime Klima in Marlborough und Böden wie in meiner Einzellage Raupo Creek besser für den Pinot als das Terroir mancher Weingüter in Central Otago.

Würden Sie es auf eine Blindverkostung mit einer unabhängigen Jury ankommen lassen?

Durchaus, ich kenne Sam ganz gut und treffe ihn oft, wenn ich in Down Under bin. Er wäre sicher einverstanden. Keine üble Idee übrigens, einen Wettbewerb mit ihm auszutragen. Sie sind als Jurorin herzlich eingeladen.

Sehr gerne. Es ist sicher kein Leichtes, biodynamische Pinots auf diesem Niveau zu erzeugen. Wie tief sind Sie mit der Biodynamie verwurzelt?

So tief wie die Wurzeln meiner Reben. Bei der Wasserknappheit haben wir sogar Dry Farming im Visier. Seit 1999 läuft der An- und Ausbau der Lage Raupo Creek nach biodynamischen Normen. Wir düngen ausschliesslich mit dem Mist unserer Nutztiere, beschneiden und ernten nach planetarischen und mondbedingten Einflüssen, besprühen die Stöcke zur Vitalisierung mit Tee-Mischungen farmeigener Kräuter, fermentieren spontan mit Hefen aus unseren Weinfeldern. In der Biodynamie geht zwar alles langsamer. Dafür sind die Weine entsprechend langlebiger.

Wo sehen Sie neuseeländische Pinot Noir im Vergleich zu denen aus dem Burgund?

Das Burgund hat eine sehr viel länger gewachsene Weinkultur als Neuseeland, inklusive des vorbildlichen Appellationssystems und der Klimabedingungen. Für mich kaum vorstellbar, dass es irgendwo ein besseres Terroir für Pinot Noir gibt als im Côte de Nuits. Im Gegenzug sind wir in einigen Punkten progressiver. Insgesamt sind wir nicht auf dem Niveau burgundischer Grands Crus und Premiers Crus. Wobei einige rote Pinots aus Canterbury, Waipara und natürlich aus Marlborough über dem Qualitätslevel etlicher Villages-Burgunder liegen.

Nun, wenn ich mir Ihren Pinot Noir «Beautiful Chaos», Jahrgang 2015, hier so über die Zunge rollen lasse, spielt der für mich schon in der Liga Premier Cru.

Ich spiele zumindest in derselben Liga wie Hans Herzog oder Cloudy Bay.

Herr Seresin, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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