Piemont

Barbera Quo vadis?

 

Text: Christian Eder, Fotos: Hans-Peter Siffert

Sanft reihen sich die Weinberge zwischen Bauernhöfen und kleinen Dörfern. Hier, im Herzen des Piemont, liegt die Heimat der Barberatraube. Die Stilvielfalt ist immens: Barbera gibt es für alle Lebenslagen. Gerade aber in den letzten Jahren macht auch die elegante Version von sich reden, ein Barbera, wie ihn Gianni Doglia, Mauro Spertino, Ermanno Accornero oder die Nizzawinzer kreieren.

 

«Diese Eleganz verdanken die Weine dem einzigartigen Terroir», erklärt Gianni Doglia, während sein Blick über seine eigenen Rebberge, die Haselnussbäume und das Tal nach Norden wandert, wo in der Ferne die Hügel des Monferrato in der Abendsonne schimmern, «dem nahen Fluss, den thermischen Unterschieden zwischen Tag und Nacht, der Feuchtigkeit, aber natürlich auch diesen ganz speziellen Böden.»

Gianni Doglia ist einer aus der neuen Garde der Barberisti: 2016 hat er zum ersten Mal die Auszeichnung drei Gläser des «Gambero Rosso» für seinen Barbera Superiore Genio erhalten. Noch immer strahlt er, wenn er daran denkt. Denn eigentlich war Gianni Doglia bislang für einen anderen Typus Wein bekannt: 50 000 seiner 70 000 Flaschen sind süsser, sprudelnder Moscato d’Asti – seine Version mit drei Monaten auf der Hefe ist eine der besten, die es aktuell gibt. Und den Rest seiner Produktion muss sich die Barbera mit Grignolino teilen.

Das neun Hektar grosse Gut bei Castagnole Lanze bewirtschaftet er mit seiner Schwester Paola. Hier treffen die steilen Hänge der Langhe auf die weichen Hügel des Monferrato. «Zehn Jahre oder mehr braucht man, bevor man einen Rebberg versteht», meint er, während wir durch seine Barbera-Zeilen bergauf zur Kellerei wandern, «erst dann weiss man, welche Positionen wofür geeignet sind. Erst dann hat er sein Gleichgewicht gefunden.» Je nach Terroir hat er über Jahre hinweg die richtigen Trauben für jede einzelne Lage selektioniert.

«Zehn Jahre oder mehr braucht man, bevor man einen Rebberg versteht. Erst dann weiss man, welche Positionen wofür geeignet sind. Erst dann hat er sein Gleichgewicht gefunden.»

Gianni Doglia Winzer, Castagnole Lanze

Gianni hat früher als Önologe für andere Piemonteser Kellereien gearbeitet, bevor er sich Anfang der 2000er Jahre in das Abenteuer des eigenen Betriebes stürzte. Sorgfalt und Fingerspitzengefühl zeichnen ihn aus: Das sieht man am blitzsauberen Keller und an den gepflegten Reben, von denen er jede Pflanze fast persönlich kennt. Ganz besonders die alten Pflanzen des Genio, für den er drei Gläser erhalten hat. Der Name ist eine Hommage an seinen Grossvater Eugenio. «Für ihn gab es nur Rotwein», erzählt Gianni, «den hat er geliebt. Die Rebberge, in denen heute die Trauben des Genio reifen, hat er noch selbst gepflanzt.» Gerade mal 3000 Flaschen produziert Gianni Doglia von diesem Terroirwein.

Interessant sind auch seine beiden anderen Barbera, die wir dann im Keller verkosten – die Cà Musa ist ein Frizzante-Typ, wie er einst überall im Astigiano und Monferrato produziert wurde: knackig, frisch, unkompliziert. Und für den klassischen trinkigen Bosco Donne werden die Trauben des gleichnamigen Rebbergs verwendet, 15 bis 30 Jahre alt. Gianni empfiehlt diesen kompakten Typus zu Carne Battuta al Coltello, Agnolotti del Plin al Sugo d’Arrosto oder Brasato alla Barbera – klassische Gerichte der piemontesischen Küche.

Toller Jahrgang, keine Herausforderung

«Klar, Barbera gehört auf den Tisch», sagt auch Mauro Spertino, als ich ihm das später erzähle: Der quirlige Winzer aus Mombercelli im Herzen des Astigiano hat mich seinen Barbera zuvor aus dem Fass verkosten lassen: 2015 wird ein toller Jahrgang, davon sind wir überzeugt. Eine Kombination aus Charakter und Frische. Allerdings war es aufgrund des perfekten Witterungsverlaufs keine Herausforderung für den Winzer, meint Mauro: «Selbst ein Esel hätte 2015 einen guten Wein produziert.» Mauros Vater Luigi hat 1978 begonnen, Wein in Flaschen zu füllen. Mauro ist ihm 2003 in den Keller gefolgt, nachdem er seinen Job bei Cinzano hingeschmissen hat, um selbst Weinbauer zu werden. Und er macht das höchst eigenwillig. Sei es sein üppiger, 40 Tage auf den Schalen belassener Weisswein, sei es sein kerniger Grignolino, seien es seine Barbera aus angetrockneten Trauben: Alles sind Weine mit Persönlichkeit, die schon eine Fangemeinde haben.

Mauro Spertino hat eine klare Philosophie: «Wir denken nur an den Wein, den wir auf einem bestimmten Terroir machen wollen. Wir interpretieren damit nur das Gebiet, den Boden, auf dem die Reben wachsen.» Zum Beispiel bei dem Barbera aus der Lage La Crisa, oberhalb der Kellerei, die mit 50 Jahre alten Reben bepflanzt ist. Die Vigna La Mandorla – so auch der Name des Weines – ist seit mehr als hundert Jahren im Besitz der Familie.

Auch im Monferrato nördlich der Autobahn, die Piacenza mit Turin verbindet, sind die Rebberge fest in der Hand der Barbera. Die Weinbauern haben allerdings hier mehr unter der Krise vor wenigen Jahren gelitten, in denen der Markt für Barbera einbrach. Noch immer haben sie sich hier nicht erholt, weiss Ermanno Accornero, Besitzer eines 20-Hektar-Gutes bei Vignale Monferrato: Genossenschaftskellereien gingen bankrott, ihre Mitglieder verloren nicht nur Geld, sondern auch einen Abnehmer für die Trauben. Gerade erst hat ein Nachbar den Weinbau aufgegeben und ihm den Weinberg verkauft, der perfekt in sein Amphitheater aus Reben rund um sein Weingut Cà Cima passt. «Il buon vino è frutto di fatica, perchè la terra da sola non basta», steht auch im Keller von Ermanno Accornero an der Wand: Den guten Wein macht man mit Mühe, weil der Boden allein nicht genügt. Das gilt ganz besonders für die Winzer im Monferrato. Zum Glück trifft Ermanno Accornero die Krise nicht so stark, er hat sich über die Jahre einen Namen als Barbera-Spezialist gemacht – hat für seinen Bricco Battista schon fast ein Dutzend Mal die drei Gläser des «Gambero Rosso» erhalten. «Und das hilft natürlich: Die Kunden kaufen Accornero, nicht Barbera.»

«Der Bricco dell’ Uccellone von Giacomo Bologna war das Musterbeispiel eines neuen Barbera-Typus. Wir haben aber auch begriffen, dass nicht alle einen Uccellone produzieren können und auch sollen.»

Ermanno Accornero Winzer, Vignale Monferrato

Ermanno und sein früh verstorbener Bruder Massimo waren Anfang der 90er unter den Ersten, die auf ihrem Gut begonnen hatten, einen Wein zu keltern, der sich an den Grössen aus dem Astigiano messen sollte. «Der Bricco dell’ Uccellone von Giacomo Bologna hat uns natürlich alle beeindruckt», schwärmt Ermanno noch heute, «das war das Musterbeispiel eines neuen Barbera-Typus. Wir haben aber auch begriffen, dass nicht alle einen Uccellone produzieren können und auch sollen.» Mit ihren Spitzenweinen Bricco Battista und Cima konnten die Accorneros von Anfang an in der Spitzenklasse mitspielen. Der Bricco Battista wurde erstmals 1989 produziert, der Cima hat das Geburtsjahr 1998. Die Trauben des Cima werden erst Mitte Oktober gelesen, nach einer Vergärung von bis zu drei Wochen bleibt der Wein lange im Holz, um sich abzurunden. Das Alterungspotenzial ist noch nicht einmal abzusehen. Aber gerade diese Langlebigkeit mache eine gute Barbera aus, weiss Ermanno und beweist uns das anhand einer Vertikale des Bricco Battista: Herausragend sind 2007, 2004 und 2000.

Auch für andere Winzer ist gerade diese Langlebigkeit der Barbera ein bislang unterschätzter Faktor: «Bei alten Pflanzen in guten Lagen erreicht die Barbera ein völlig anderes Qualitätsniveau», sagt zum Beispiel Luca Currato, Besitzer des Gutes Vietti in der Langhe, «und viele dieser alten Weinberge findet man im Gebiet des Astigiano, bei Nizza Monferrato oder Costigliole d’Asti.»

In einer Umbruchphase

Die Weinbaulegende Michele Chiarlo war Anfang der 70er Jahre unter den ersten Produzenten, die ihre Barbera auch der malolaktischen Gärung unterworfen haben. «Das hat das Bild der Barbera komplett geändert», erklärte er mir einmal. Zurzeit macht die Weinproduktion im Astigiano wieder eine Umbruchphase durch: «Der Weinbau im Piemont war historisch immer sehr fragmentiert, dadurch war es schwierig, Menge mit Qualität zu paaren. Das ändert sich erst jetzt mit den vielen jungen Winzern, die ans Ruder kommen.»

Einige davon haben sich 2002 rund um die Gemeinde Nizza Monferrato im Herzen des Astigiano zusammengefunden und das Produzentenkonsortium des Barbera d’Asti Superiore Nizza begründet – ein sogenanntes Grand Cru der Barbera d’Asti, das sich über 18 Gemeinden erstreckt (von 169 Gemeinden, die Barbera d’Asti produzieren dürfen) und insgesamt gerade mal 90 Hektar Rebfläche umfasst. Im Gegensatz zu den anderen Ursprungsbezeichnungen – in denen noch Komplementärtrauben zwischen 10 und 15 Prozent erlaubt sind – ist ein Nizza immer ein reinsortiger Barbera. «Unser Ziel war es auch, mit dem Nizza die Besonderheit dieses Anbaugebietes hervorzuheben», erklärt Gianni Bertolino, Präsident der Vereinigung und selbst auf seiner Tenuta Olim Bauda Barbera-Produzent. Seit 1961 ist die Tenuta Olim Bauda im Besitz der Familie, seit 1998 sind die Geschwister Dino, Diana und Gianni für das Gut verantwortlich: Dino kümmert sich um die Rebberge und die Produktion, Diana um die Verwaltung und Gianni um den Verkauf. Die Barbera-Palette des Gutes reicht von dem frischfruchtigen La Villa über den gut strukturierten, eleganten Le Rocchette bis zum langlebigen Nizza, dessen Trauben nahe dem Gut in Incisa Scapaccino wachsen.

«Durch die Ausdehnung über 18 Kommunen sind die Weine natürlich nicht homogen oder austauschbar», sagt Dino Bertolino, «ähnlich wie im Burgund werden im Nizza die unterschiedlichen Terroirs zum Ausdruck gebracht.» Die Böden variieren von dominierenden sandigen Komponenten in Vinchio oder Mombaruzzo über lehmige Böden in Nizza Monferrato oder Calamandrana bis hin zu Schiefer in San Marzano.

Die Gemeinde Castelnuovo Calcea zwischen Asti und Nizza Monferrat ogilt als eine der Kernzonen des Nizza. Michele Chiarlo hat bereits 1996 die Besonderheit der Lage erkannt und auf dem damals frisch erworbenen Rebberg La Court begonnen, einen Einzellagen-Barbera zu keltern. Aber auch namhafte Grössen haben sich in Castelnuovo Calcea niedergelassen: Vietti, Coppo und Braida. Gerade die sandig-lehmige Bodenbeschaffenheit verleiht dem Barbera dort zwar keine besondere Farbe, dafür reift er über die Jahre gut – und zeigt grosse Eleganz.

Für Dino Bertolino steht die Barbera erst am Anfang: In der Klonselektion und in den Weinbergen gibt es noch einiges zu tun, und noch immer sind nicht alle grossen Lagen ausgelotet. «Und die Lage ist wirklich fundamental», meint er mit einem Blick über seinen Nizza-Rebberg, «die Traube kann zwar überall viel Ertrag bringen, aber einen guten Barbera kann man nur dort produzieren, wo das Terroir passt.» Auch Gianni Doglia sieht das Potenzial der Barbera in ihrer Sensibilität: «Man muss nur darauf achten, dass die Harmonie zwischen Mensch, Boden und Pflanze gegeben ist. Dann kann man einen hervorragenden Barbera keltern.»

Damit ein Nizza übrigens der Idee des Grand Cru der Barbera in Zukunft gerecht wird, erhält er ab Juli 2016 einen neuen Namen: Nizza DOCG. Die Herkunftsbezeichnung soll ab dem Jahrgang 2014 ohne die Bezeichnung der Rebsorte auf dem Etikett prangen, haben die Winzer beschlossen. Und dafür sorgen, dass sich ein Nizza DOCG unter den grossen Herkunftsbezeichnungen des Piemont und der Welt einreiht, die nur die Zone im Namen tragen. Ob das allerdings auch der Barbera im Rest des Piemont auf die Sprünge hilft, ist fraglich.

Sechs elegante Piemonteser

 

Gianni Doglia, Castagnole Lanze, Barbera d’Asti Superiore Genio 2013

17.5 Punkte | 2018 bis 2026

2012 erhielt er zwar die drei Gläser des «Gambero Rosso», 2013 gefällt uns aber noch besser: Zwei Jahre im kleinen Holzfass geben dem Wein seine Balance. Verführerisches Bouquet nach Beeren und balsamischen Noten. Saftig und kompakt am Gaumen, gut strukturiert, voll und lang. Gerade mal 3000 Flaschen werden davon produziert.

 

Luigi Spertino, Mombercelli, Barbera d’Asti Superiore La Mandorla 2013

17 Punkte | 2017 bis 2027

Die Barbera-Trauben werden 40 Tage angetrocknet, bevor sie abgepresst werden: charaktervoller Wein, in dem die typischen Aromen von Waldbeeren, Würze, Unterholz dominieren. Rassig und saftig am Gaumen. Gefällt mit seiner Opulenz.

 

Tenuta Olim Bauda, Incisa Scapaccino, Barbera d’Asti Superiore Nizza 2012

17 Punkte | 2017 bis 2024

Dieser Nizza bleibt 30 Monate im grossen Fass, um die gut strukturierte Basis abzurunden. Überzeugt mit seinen Kirsch- und Kräuternoten, seiner Rasse, Fülle und der grossen Länge. Sollte reifen.

 

Michele Chiarlo, Calamandrana, Barbera d’Asti Superiore Nizza La Court 2012

17.5 Punkte | 2018 bis 2028

Je zur Hälfte in grossem und in kleinem Holz lässt Michele Chiarlo seinen Lagen-Barbera La Court reifen, bevor er ihn auf den Markt bringt. Klare, frische Nase nach Waldfrüchten und Kräutern. Knackige Textur, sehr weinig, mit viel Schmelz und einer guten, Kraft spendenden Säure.

 

Marchesi Alfieri, San Martino Alfieri, Barbera d’Asti Superiore Alfiera 2012

17.5 Punkte | 2018 bis 2030

Mario Olivero, Weinmacher der Marchesi, liest westlich des Flusses Tanaro in einer Einzellage mit 1937 gepflanzten Reben die Trauben für diesen einzigartigen Barbera: einladende, facettenreiche Nase mit Noten von Brombeeren und Sandelholz. Geschliffene Textur mit gut eingebundener Säure, Fülle und Charakter bis ins Finale. Ein Prototyp für Langlebigkeit.

 

Accornero, Vignale Monferrato, Barbera del Monferrato Superiore Bricco Batista 2012

17 Punkte | 2017 bis 2027

Würzige Nase nach Noten von Heidelbeeren, Lakritze und dunklem Pfeffer; am Gaumen sehr saftig, gut eingebundene Säure, endet lang auf Noten von Kirschen und Leder. Perfekter Essensbegleiter.

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