Weinbau in Polen

Die neue Generation macht Vorwärts

Text: Ursula Heinzelmann

  • Maciej Sondij und Lech Mill während der Lese auf Dom Bliskowice, Sondij in den Weinbergen und auf dem Weingut Dom Bliskowice.

Polnischer Wein? Wer dies am Rhein liest, mag irritiert sein, weil er das Land im Osten önologisch kurz vor Sibirien verortet. Doch das stimmt so nicht. Die Temperaturen können hier zwar im Winter bis unter minus 20 Grad Celsius absinken, und im Frühjahr besteht durchaus die Gefahr von Spätfrösten. Wer aber damit umzugehen weiss, arbeitet als Winzer unter besten Cool-Climate-Bedingungen.

Die Ahnung jodiger Algen und duftiger Orangenzeste, gefolgt von kräuterwürziger Säure. Ein schlanker, mineralischer und dabei kraftvoller Wein... Nein, das ist nicht der neueste Winzerchampagner-Geheimtipp und auch kein Chenin Blanc aus der Naturweinszene. Ich sitze mitten im Weinberg auf einem skandinavisch anmutenden Sonnendeck zwei Autostunden südöstlich von Krakau mit Leszek Szczęch, einem der führenden Weinerzeuger Polens. Im Glas vor mir: sein Seyval Blanc namens Cymbały. Szczęch ist Wein-Newcomer und seine Geschichte typisch für die neue polnische Weinszene: Der 44-Jährige war in seinem Industriejob nicht glücklich, kaufte diesen Südhang am Waldrand (offiziell gilt das Weingut als Forstbetrieb, eine der vielen kafkaesk anmutenden bürokratischen Befindlichkeiten Polens) und bereitete seinen Ausstieg vor, indem er im Mai 2009 den ersten Hektar Reben pflanzte.

«Ich glaube fest daran, dass unsere Kinder mit Vinifera-Reben arbeiten werden – wir spielen hier bis jetzt nur im Sandkasten.»

Maciej Sondij Visionär auf Dom Bliskowice

Sein Weingut Sztukówka residiert in der Garage des Einfamilienhauses und basiert auf der langen Erfahrung seines Gründers mit der Erzeugung von Obstweinen. Die Weine mit den markanten Etikettenzeichnungen volkstümlicher Musikinstrumente (auch bei der Etikettierung gibt es selbstverständlich eine Hürde im bürokratischen Spiessrutenlauf des neuen polnischen Weinbaus: Rebsorten und Jahrgang dürfen nur gegen eine Extragebühr genannt werden, was von vielen kleineren Erzeugern abgelehnt wird) geniessen in Polen hohes Ansehen und sind angesichts der geringen Mengen überraschend weit verbreitet. Szczęch sagt aber bescheiden, er müsse noch viel lernen: «Wenn alles gut geht, wird mein Enkel gute Weine machen.» Welche Rebsorten sind die besten Übersetzer für die polnische Landschaft? Diese entscheidende Fragestellen sich Barbara und Marcin Płochocki, seit sie vor gut zehn Jahren die ersten Rebenin Daromin pflanzten, auf halber Strecke zwischen Krakau und Lublin. Seit drei Jahren ist das Weingut (inklusive einiger Gästezimmer) für beide ein Fulltime-Job. Es umfasst heute nahezu vier Hektar und 20 Sorten, sowohl Hybriden als auch Vinifera. «Wir müssen Jahrhunderte an Erfahrung aufholen», sagen sie.Doch allmählich zeichnen sich Tendenzenund Stärken ab. Die Bianca-Stöcke haben sie wieder ausgerissen (zu viel Zucker, zu schnell gereift), Seyval Blanc hingegen schätzen auch sie aufgrund der grossen stilistischen Bandbreite: Ein Teil der Ernte 2015 vergärte als ganze Trauben in Amphoren, ein erstes Experiment in dieser Richtung aus 2014 ist vielversprechend.

Auch mit Gewürztraminer haben Barbara und Marcin Płochocki gute Erfahrungen gemacht, Hibernal bewährt sich, ebenso Muscaris; aus Solaris machen sie einen Strohwein mit feiner Maracuja-Note. Zum grossen Teil sind ihre Weine angesichts dieser Vielfalt naturgemäss (sehr gelungene) Verschnitte.Bemerkenswert ist der Riesling. Der 2013er mit gut 50 Gramm Restsüsse pro Liter wird getragen von dezidierter und doch diskreter Säure, voller funkelnder Birnen- und Pfirsichfrucht. «Qualität ist das Allerwichtigste», sind die beiden überzeugt, «weil heute der Ruf des polnischen Weins neu definiert wird.» Im Gegensatz zu den Płochockis ist Marcin Pierożyński trotz seiner neuen Karriere als Winzer weiterhin auch Gastronom in Krakau. Der Mittvierziger hat 2007 zehn Hektar Landin Witanowice gekauft und 2009 angefangen zu pflanzen, im Moment sind zwei Hektar bestockt. Nach anfänglichen Experimenten mit Vinifera-Sorten setzt er inzwischen ganz auf Hibernal, Regent (auch für einen Rosénamens Pinky) und Rondo. Zusätzlich zu eigenen Erfahrungen mit Obstwein war sein «Guru» anfangs ein engagierter Hobbywinzer, inzwischen arbeitet er mit dem Weinbauberater Wojtek Bosak. Der beste Lehrer seien allerdings die eigenen Fehler – so wie der gross artige 2013er Mico (Hibernal), der mit zehn Gramm Restsüsse in der Gärung hängenblieb und dann, da unfiltriert abgefüllt, auf der Flasche nachgärte. Rondo (Deckname hier: Circo) und Regent (Neo), weiss Pierożyński inzwischen, brauchen Säure, und sie brauchen Holzlagerung. Sie bekommen in dem kleinen Keller beides und sind dadurch sympathisch wache, trinkfreudige Weine.

Vom Obstgarten zum Weinberg

Zu einem ähnlichen Weinstil haben die Macher bei Dom Bliskowice gefunden, das bei Annopol, knappe drei Autostunden südlich von Warschau, liegt. Maciej Sondij und Lech Mill sind Architekten, denen Maciej Mickiewicz önologisch zur Seite steht, der nicht weit entfernt ein eigenes kleines Weingut namens Solaris betreibt. Die Verkostung im noch improvisiert wirkenden Keller (auch hier liegen die Anfänge nur wenige Jahre zurück) beginnt mit Cydr, Apfelwein (generell ein grosses Thema in Polen und wohl kaum besser zu haben als von Tomasz Porowski).

Der Einstieg passt, die Weinberge von Dom Bliskowice waren ursprünglich Obstgärten. Seit 2009 ziehen sich jedoch immer mehr Rebreihen den sanftsteilen, kalkweisssteinigen Hang mit dem weiten Blick ins Weichsel-Tal hinauf. Sondijs Weinblick schweift allerdings weit darüber hinaus. Die von einem Warschauer Künstler entworfenen schwarzen Etiketten liegen fernab jedweder Hobbywinzer-Schnörkeligkeit, und im eigenen, so naturnah wie möglich geführten Keller würde er am liebsten Chardonnay, Riesling und allen voran seinen Traum Pinot Noir in die Tanks und Fässer legen. Im Weinberg hat trotzdem vorerst die frostfürchtende Vernunft gesiegt. Hibernal kann hier wie eine Kombination von Riesling und Sauvignon Blanc ausfallen, Muscaris erinnert rosagrapefruitig an Scheurebe, Johanniter eher an gelbweisse Grapefruit und an Riesling. Die Rotweine loten das Potenzial der Hybridsorten neu aus. Trotzdem beharrt Sondij: «Ich glaube fest daran, dass unsere Kinder mit Vinifera-Reben arbeiten werden – wir spielen hier bis jetzt nur im Sandkasten» – der immerhin 4,5 Hektar gross ist.

Big Player mit 24 Hektar

Srebrna Góra, Silberberg, hingegen ist mit 24 Hektar Big Player im neuen polnischen Weinspiel. In dem alten Eremitenkloster hoch über Krakau hat sich der Restaurantbesitzer Mirosłav Jaxa Kwiatkowski mit einem Geschäftspartner im grossen Stil aufs Risiko eingelassen. Mit Hilfe einer in Frankreich ausgebildeten polnischen Önologin versucht er seit neun Jahren, an die alten Traditionen anzuknüpfen (von denen ein winziger Weinberg mit über hundertjährigen Stöcken überlebt hat, der aber nur den Mönchen zugänglich ist), und zwar mit insgesamt 16 Hybrid- und Vinifera-Sorten. Ein Grossteil davon kommt als sehr überzeugende, saftige, halbtrockene Cuvée auf den Markt, doch auch der reinsortige trockene Chardonnay lässt mit hoffnungsvoller Spannung weitere Jahrgänge erwarten.

Gänzlich von null und somit noch gewagter ist die Familie Turnau in den Weinbau eingestiegen. Ihre Mitglieder sind seit über 20 Jahren Landwirte in Baniewice, eine knappe Autostunde südlich von Stettin, und haben 2010 zusätzlich das 20 Hektar grosse Weingut Turnau gegründet – Big Player Nummer zwei. So viele Weinreben in Westpommern – das sorgt in der Szene für ungläubige Blicke und missbilligende Kommentare. Doch bei einem sommerlichen Besuch vor Ort überzeugt nicht nur die Kulisse: sanft gewellte Moränenhügel mit Sand- und Kiesböden, dazwischen Seen, die das Mikroklima zwischen den Reben prägen und sie vor den schlimmsten Winterfrösten schützen. Vater Zbigniew und Sohn Jacek Turnau sagen aber selbst: «Wir haben noch einen langen Weg vor uns.» Seit 2014 lassen sie sich dabei von dem Rheingauer Winzer Frank Faust beraten und bewegen sich langsam in Richtung ökologische Bewirtschaftung. Zwei Drittel der Reben sind Hybriden (weiss vor allem Solaris, Seyval Blanc, Hibernal und Johanniter, rot dominieren Rondo, Regent, Cabernet Cantor und Dorsa), doch 2014 gab es erstmals auch einen leichten, trockenen Riesling, dessen frische Birnennote angenehm überzeugte. Ansonsten sind die Weissweine halbtrocken bis restsüss ausgebaut, was ihnen aufgrund der belebenden Säure sommerabendlich gut steht und besonders beim Johanniter so lebhaft und saftig daherkommt wie ein Moselriesling-Kabinett.

Die Reise durch die neue polnische Weinlandschaft liesse sich quasi unbegrenzt fortsetzen, so vieles tut sich derzeit auf den rund tausend Hektar Weinbergen. Da gibt es (noch) winzige Erzeuger wie die Weingüter Gaj, Zadora und Pod Dębem, die mit gelungenen, charaktervollen Naturweinen beeindrucken; die hier noch gar nicht erwähnte Gegend um Zielona Góra, Grünberg in Schlesien, oder auch die in Polen selbst von dem Önologen Roman Myśliwiec gezüchtete Sorte Jutrzenka, Morgenröte... Umso unverständlicher, dass man in vielen Spitzenrestaurants des Landes vergeblich nach heimischen Weinen sucht. Erklärt wird das gern mit dem angeblich schlechten Preis-Leistungs-Verhältnis, mutet aber einfach nur gestrig an. Wie bei Jancis Robinson ist schleunigst ein Update fällig. Polnischer Wein mag seinen Preis haben, aber den kann er auch mehr als wert sein.

Polskie wino

Winnica Hybridium, WitanowiceMico 2014

11,5 Vol.-% | 2016 bis 2017

Zu 100 Prozent aus Hibernal, angenehm leicht,ganz trocken und säureschlank. Nichts für kalte Wintertage, sondern ein sommerlicherTerrassenfreund, der mit Cassisblätter- undgelben Grapefruitnoten in aromatischer Nähe zur Scheurebe steht.

Winnica Srebrna Góra, Krakow Chardonnay 2014

11,5 Vol.-% | 2016 bis 2020

Die Reben wurzeln zwischen silberbergweissen Kalksteinbrocken und fühlen sich auf dem Hang unterhalb des Klosters mit dem Blick bis weit in die Tatra sichtlich wohl. Ein knochentrockener Wein, der viel Luft braucht und verdient, um seine kernige Mineralität und die Aromen vieler alter Apfelsorten zu entfalten.

Winnica Turnau, Baniewice, Johanniter 2014

10 Vol.-% | 2016 bis 2020

Weisse Johannisbeeren und Zitronengelee duften aus dem Glas; ein saftiger Erfrischer für warme Sommertage. Die springlebendige Säure saugt die Traubensüsse förmlich auf, und das vergnügliche Ergebnis erinnert in der Balance an einen Riesling-Kabinett von der Mosel.

Dom Bliskowice, Annopol, Cuvée «4 & Canva» 2013

13,5 Vol.-% | 2016 bis 2022

Je zur Hälfte aus Cabernet Cortis und Regent, sechs Monate in gebrauchten Barriques gelagert. Kombiniert die Frucht reifer roter Johannisbeeren sehr gekonnt mit der erdigen Süsse roter Rüben und reichlich trockenherbem Gerbstoff. Der Cabernet bringt sich mit Cassis-Anklängen ins rote Weinspiel ein.

Winnica Płochockich, Daromin, Ma-Fo 2013

14,5 Vol.-% | 2016 bis 2020

Hier treffen die beiden Hybridsorten Maréchal Foch und Léon Millot zu gleichen Teilen aufeinander; dunkel, warm und in der Nase üppig wie ein Schmorgericht. Dann kommt zu dieser südlichen Wärme jedoch die charakteristische polnische Säure und lockert das alles auf.

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