Seiteneinsteiger bereichern die Weinszene

Text: Rudolf Knoll, Titel-Bild: Jana Kay

Sie kommen aus Bremen und Bremerhaven, München, Ulm, Essen, Münster, Bonn, Osnabrück, von einer Insel in der Nordsee und sogar aus der Hohen Tatra in der Slowakei. Sie wollten Koch, Lehrer, Geograph, Biologe, Lottofee, Almwirt und Gastronom werden – und bereicherten dann doch als willkommene Quereinsteiger die deutsche (und österreichische) Weinszene.

Wein ist in! Wer in der Gesellschaft mitreden will, muss heutzutage zumindest einige Grundkenntnisse vorweisen über Terroir, Mineralität, Rebsorten, Geschmacks- und Gärvarianten. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich etliche namhafte Persönlichkeiten im Wein engagieren. Über die Prominenz aus Wirtschaft, Film, Musik, Mode und Sport, die sich ein eigenes Weingut leistet, könnte man Bücher schreiben. Doch es gibt – besonders in Deutschland – auch jede Menge meist junge Weinfans, die sich ohne das in der Regel nötige Kleingeld und den familiären Background in die Weinszene einarbeiten und hier Karriere machen, sei es als Besitzer eines zunächst mal kleinen Weingutes, als ideenreicher Kellermeister oder ambitionierter Betriebsleiter. Manche dieser Seiteneinsteiger erwerben sich sogar im Ausland Reputation. Oft fangen sie schon sehr jung mit ihrer Weinkarriere an. Andere wollten eigentlich nur mal einen Schnupperkurs machen, um Abwechslung in ihr Leben zu bringen, rutschen dann langsam aber sicher hinein und haben plötzlich viel mehr Verantwortung, als sie es sich jemals träumen liessen. 

Bestes Beispiel dafür ist Stephan Attmann, der Betriebsleiter des Weingutes von Winning in Deidesheim (Pfalz), der 2007 die Verantwortung im damaligen Weingut Dr. Deinhard übertragen bekam, vieles umkrempelte und schon zweimal bei VINUM Riesling-Champion wurde (2012, 2015). Der gebürtige Mannheimer studierte eigentlich Betriebswirtschaft, ehe ihn ein Job neben dem Studium bei einem Weinhändler zum Fan werden liess und er sich nach einer Ausbildung bei Joachim Heger in Baden in der Bourgogne fortbildete. Oder nehmen wir den Mann, der die teuersten jungen Weissweine der Welt vinifiziert: Stefan Fobian, Kellermeister im Weingut Egon Müller Scharzhof an der Saar, kommt aus Hamburg und befasste sich ursprünglich mit Anlagenbau. Er war mitverantwortlich für die 2003er Trockenbeerenauslese vom Riesling, die 2015 für netto 12 000 Euro pro Flasche versteigert wurde.

Solche Karrieren tragen zu einer überraschenden Entwicklung bei. Dr. Volker Wissing, Weinbauminister in Rheinland-Pfalz, berichtete anlässlich der Grünen Woche 2017 in Berlin, dass sich derzeit rund 500 junge Menschen in der Ausbildung zur Winzerin oder zum Winzer befinden. «Etwa zwei Drittel der Auszubildenden stammen nicht aus einem Weinbaubetrieb. Aber diese Quereinsteiger belegen die hohe Attraktivität des Weinbaus.»

Für viele lässt sich trotz einer gründlichen Ausbildung bei einem Starwinzer, eines Studiums an der Weinuni Geisenheim, am Campus Neustadt an der Weinstraße oder eines Besuchs der Weinbauschule Weinsberg der Traum vom eigenen Weingut oder einer Chefposition doch nicht umsetzen. Aber es gibt genügend Beispiele von talentierten jungen Frauen und Männern, die – gerade weil sie von aussen kommen – mit neuen Ideen ein Weingut entweder gründen oder frisch inspirieren und voranbringen. Hier einige dieser Revoluzzer, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.   

Aus der ganzen Welt nach Castell

Seine Vita würde für vier bis fünf Personen reichen. Der 1974 in Bonn geborene und in Köln aufgewachsene Björn Probst wollte schon als Kind hoch hinaus («Almwirt oder Bergsteiger war das Ziel»). Weil später das Berufsinformationszentrum keinen passenden Vorschlag lieferte, versuchte er ein kurzes Praktikum auf einem Weingut in Rheinhessen, fand Gefallen am Thema, schloss eine Winzerlehre und danach ein Studium in Geisenheim an – und wurde dann zum Berufs- und Weltenbummler. Er war im Weinhandel tätig, jobbte auf Weingütern in Deutschland, der Schweiz und Südafrika, war Flying Winemaker in Rheinhessen und im Rheingau, praktizierte nochmal bei den Österreich-Stars Pepi Umathum und Ernst Triebaumer, war Betriebsleiter in der Pfalz und Rheinhessen und in Forschungsprojekte involviert, hatte einige Beraterjobs in Deutschland, Kroatien und Österreich und nebenbei sogar mal (1990 bis 1994) Jugendtrainer im Fussball mit B-Lizenz.

2012 wurde er tatsächlich sesshaft und baute mit Georg Prinz zur Lippe (Schloss Proschwitz, Sachsen) dessen zweites Weingut in Weimar als Betriebsleiter auf. 2015 warf der Prinz wegen diverser Anfeindungen vor Ort das Handtuch und verkaufte. Für Probst traf es sich gut, dass im Jahr darauf der langjährige Domänenrat der Fürstlich Castell’schen Domäne, Karl-Heinz Rebitzer, in den Ruhestand ging. Gern trat er in «grosse Fussstapfen meines Vorgängers» und freut sich vor allem, dass dieser die 120 Hektar im besten Zustand hinterlassen hat. Statt Almwirt ist er jetzt Steillagen-Winzer…

 

Björn Probst, Fürstlich Castell’sches Domänenamt, Schlossplatz 5, 97355 Castell, www.castell.de

Von Essen an die Mosel

Der Werdegang der gebürtigen Essenerin vom Jahrgang 1970 könnte Stoff für ein spannendes Buch sein. Also beschränken wir uns hier auf das Wesentliche. 1988 hatte Stefanie Vornhecke durch einen Schulausflug ihre ersten Kontakte zur Mosel. Später beschäftigte sie sich mit Umwelt- und Pflanzenschutz, hatte aber immer wieder «Heimweh» in Sachen Wein. Schliesslich machte sie eine Winzerlehre, besuchte anschliessend die Fachschule zur Technikerin für Weinbau und war von 1996 bis 2001 verantwortlich in einem Senheimer Weingut tätig. Dann wurden die erste Tochter und gleichzeitig ein Mini-Weingut mit gerade 0,7 Hektar geboren. Die folgenden Jahre waren von Improvisation geprägt. Es galt die Sprachregelung: «Mein Mann Rolf arbeitet, um die Familie zu ernähren, ich, um meinen Arbeitsplatz zu finanzieren.»

Die Einzelkämpferin brachte kritischen Nachbarn bei, dass auch in Steillagen natürliche Begrünung möglich ist. Sie erwarb sich mit ihren klassischen, typischen Riesling-Weinen Achtung und überrascht mit gut gereiften und zudem preiswerten Gewächsen sehr positiv (2011er Spätlese feinherb, 2009er Auslese). Die Betriebsstätte, 2007 mit zwei Ferienwohnungen gebaut, ist zwar minimalistisch, aber funktionsgerecht ausgestattet. Die Rebfläche wuchs auf 2,4 Hektar. Stefanie Vornhecke findet Zeit, diverse Ehrenämter zu bekleiden, und muss über Kollegen schmunzeln, die sie um ihre «Narrenfreiheit» beneiden. «Denn ich kann alles nach meinen Vorstellungen formen, frei von Generationskonflikten.»

 

Stefanie Vornhecke, Weingut Vornhecke, Zeller Str. 74, 56820 Senheim, www.weingut-vornhecke.de

«Aus dem Nichts»

«Ich bin keine Quereinsteigerin, ich habe beruflich nie was anderes als Wein gemacht», stellt die sportlich anmutende gebürtige Bremerin mit blitzenden  Augen fest. Aber vielleicht hätte Eva Fricke Karriere auf dem Rücken der Pferde gemacht. Zumindest ritt sie auf Turnieren. Und trank in der Jugend gern Bier («ich habe als 16-Jährige bei Beck’s gejobbt»). Aber von einem solchen Berufsweg waren die Eltern nicht entzückt. Ergo liess der Vater seine Beziehungen zu Paul Anheuser in Bad Kreuznach spielen. Eva machte ein Praktikum an der Nahe und entschied sich als 17-Jährige für den Weinbau. Nächste Stationen waren Südafrika, dann Pingus in Spanien und schliesslich Australien.

Gut geschult kam sie zurück nach Deutschland und landete bald darauf bei Johannes Leitz in Rüdesheim, der gerade sein Weingut erheblich erweiterte und mit Eva Fricke sieben Jahren lang als Betriebsleiterin glücklich war. Nebenbei gründete sie schon ihr eigenes Weingut mit Reben in Lorch. 600 Liter erntete sie 2006. Ihr ganzes Gehalt ging in den Jahren danach für den Kauf von Weinbergen und Gerätschaften drauf. Ab 2011 konzentrierte sie sich voll auf den eigenen Betrieb. Sie zog von beengten Verhältnissen in Kiedrich um in neue Räumlichkeiten mit schmucker Vinothek in Eltville, hat inzwischen acht von zehn Bio-Hektar im Ertrag und vermeldet mit berechtigtem Stolz: «Das habe ich alles selbst aus dem Nichts aufgebaut.» Und weil sie enorm pulsierende, rassige, finessenreiche Rieslinge aus Steillagen vorweisen kann, gibt es keine Absatzsorgen, sondern das Gegenteil: «Mit dem Jahrgang 2016 bin ich ausreserviert», erzählte die jugendliche 39-Jährige im April 2017.

 

Eva Fricke, Weingut Fricke, Elisabethenstr. 6, 65343 Eltville, www.evafricke.de

Aus dem Fichtelgebirge nach Baden

Zunächst war es eine Beziehung zwischen West und Ost. Der Vater von Daniel Rhein war Lehrer für Steintechnik und Gestaltung in Wunsiedel im Fichtelgebirge (Oberfranken) und schloss noch vor der Wende mit Ulrich Aust, Baumeister am Dresdner Zwinger, Freundschaft. Als Aust verstarb, wurde dessen Sohn Friedrich, der nach seiner Lehre als Steinmetz in Köln in Radebeul (Sachsen) ein Weingut aufbaute, zum «grossen Bruder» von Daniel und verschaffte ihm, als er 16 Jahre alt war, ein Praktikum im Staatsweingut Schloss Wackerbarth. «Danach war klar, dass ich im Weinbau arbeiten möchte», erinnert sich der junge Mann vom Jahrgang 1989.

Er studierte in Geisenheim, jobbte im Rheingau, machte ein Praktikum in Franken und kassierte bei der Suche nach einem Schlusspraktikum Absagen. Big Brother Friedrich half wieder und vermittelte ihn zum für seine gehaltvollen Rotweine bekannten Weingut Hummel im badischen Malsch. Nach dem Abschluss in Geisenheim machte Daniel Rhein mit einem Master-Studium in Gießen weiter, hielt aber Kontakt zum väterlichen Freund Bernd Hummel. Als er sich Master nennen durfte, waren die Stellenangebote plötzlich da. Fast wäre er im österreichischen Kamptal gelandet, als der badische Winzer ihm mitteilte, er suche einen Kellermeister. Am 1. November 2015 trat er die Stelle an. Und als ihn Hummel 2016 fragte, ob er wegen Erreichen des Rentenalters sein Betriebsnachfolger werden wolle, schlug er ein – auch weil ihm der erfahrene Winzer Unterstützung versprach.

 

Daniel Rhein, Weingut Hummel, Oberer Mühlweg 5, 69254 Malsch, www.weingut-hummel.de

Der rodelnde Johannisberger

Er ist Nachfolger so legendärer Domänenräte wie Josef Staab und Wolfgang Schleicher. Seine Arbeitsstätte ist eines der renommiertesten deutschen Weingüter. Dass er mal Chef von Schloss Johannisberg und des Weingutes G. H. von Mumm im Rheingau werden würde, war dem in der Hohen Tatra in der ehemaligen Tschechoslowakei gebürtigen Stefan Doktor, 44, nicht in die Wiege gelegt worden. Eher spekulierte er mal auf olympische Ehren oder einen Sieg bei einer Welt- oder Europameisterschaft im Rennrodeln. In seiner besten Zeit fuhr er gegen den vielfachen Olympiasieger und Weltmeister Schorsch Hackl. 

Aber neben seinem rasanten Hobby orientierte sich der in fünf Sprachen parlierende Wintersportler beruflich hin zu einer Karriere in der Gastronomie. Nach der entsprechenden Ausbildung in der Heimat wurde er Chef de Rang in Hotels in Deutschland und Italien, fuhr einige Jahre auf Schiffen der Hapag Lloyd als Weinsteward und Barkeeper und war dann in Deutschland in renommierten Hotels tätig.

Nebenbei avancierte er noch zum Weinakademiker und IHK-Sommelier, wurde Deutscher Meister der Weinfachberater und war bei Sommelier-Wettbewerben vorn dabei. 2008 wurde er Vertriebsleiter bei Schloss Johannisberg und war dort offenbar so erfolgreich, dass man ihn im Herbst 2016 zum Geschäftsführer ernannte, als Domänenverwalter Christian Witte in der Unternehmensgruppe Henkell& Co (auch Hausherr der Weingüter) neue Aufgaben übernahm. Die Verantwortung für den Wein hat der gelernte Önologe Marcel Szopa. Stolz ist der stets gut gelaunte Stefan Doktor, dass er im Jahr seines beruflichen Aufstiegs zudem noch Deutscher Meister im Rennrodeln in der Altersklasse Ü32 wurde.

 

Stefan Doktor, Schloss Johannisberg, 65366 Geisenheim-Johannisberg, www.schloss-johannisberg.de

Nordlicht als Team-Spieler

Wilhelm Weil, Chef im Weingut Robert Weil in Kiedrich, kann mit Fug und Recht behaupten, dass ein Engel über seine Weine wacht. Der aber wurde am 3. Juli 1970 in Hannover geboren. Sein Vater war Handwerker, die Mutter bei einer Bank angestellt. Immer wieder mal kam Wein, meist von der Mosel, auf den Tisch. Das inspirierte Christian Engel vielleicht zum ersten Berufsziel Restaurantfachmann. Das wurde er nach einer Ausbildung in einem Traditionshotel. Aber hier spielte bereits die Kombination Wein und Essen eine Rolle, mehr noch bei weiteren Fortbildungsmassnahmen und einer Tätigkeit in einem Sternerestaurant in Celle.

Dann lieferte Schloss Reinhartshausen für ein Frühlingsdiner die Weinbegleitung. Es war der erste Kontakt zum Rheingau und Lockmittel für eine Stelle im Schloss als Chef de Rang und Sommelier im Jahr 1993. Doch das Nordlicht wollte mehr, stellte sich bei Wilhelm Weil vor und durfte 1994 ein Praktikum beginnen. Dem Gutschef blieb die Leidenschaft des jungen Mannes für Wein nicht verborgen. Also bot er ihm eine feste Stelle an. Engel interessierte sich vor allem für die Abläufe im Keller. Er vertiefte sein Wissen durch «learning by doing» und legte schliesslich den Plan ad acta, doch noch eine weinbauliche Ausbildung zu machen. Weil schenkte im Vertrauen und teilte ihn 2001 offiziell der Kellermeister-Mannschaft zu. Mit den Jahren stieg er zum Primus inter Pares auf. Aber wichtig für ihn ist: «Das Team steht im Vordergrund, nicht ich.»

 

Christian Engel, Weingut Wilhelm Weil, Mühlberg 5, 65399 Kiedrich, www.weingut-robert-weil.com

Start im Bunker

Ein Wein-Gen zum Weitergeben war nicht vorhanden. Der Vater von Silke Wolf (Jahrgang 1971) aus Paderborn hatte einen Friseursalon; sie wollte Lottofee und dann Friseuse werden. Hans-Bert Espes Vater war Kfz-Sachverständiger; er wollte Pilot werden, konnte aber als Brillenträger diese Laufbahn nicht einschlagen («und damit später nicht streiken»). So begann der 1972 Geborene schon als 16-Jähriger vom Winzerberuf zu träumen. Später studierten beide wegen der Liebe zum Wein in Geisenheim und wollten sich dann – nach zunächst anderen Orientierungen (er in Oregon und als Weingutsleiter in Baden, sie beim Weinbauinstitut in Freiburg) – gemeinsam selbstständig machen. Aber wo?

Auf dem verlassenen kanadischen Flughafen in Lahr konnten sie einen grossen Bunker übernehmen, auf dessen Dach Schafe grasten. Hier konnten die Weine (hauptsächlich Pinot Noir) aus Malterdingen und Kenzingen ausgebaut werden. Weil «Shelter» für Schutz oder Unterkunft steht, wurde das kleine Weingut so benannt. Nach einigen Jahren verleideten widrige Umstände das Flugplatz-Domizil. So bauten sie sich eine eigene Shelter auf den Fluren von Kenzingen und verwirklichen sich hier bei radikaler Ertragsbegrenzung auf fünf Hektar mit elegantem, feingliedrigem Pinot als Rotwein sowie als saftigem Rosé. Chardonnay ist eine gute Ergänzung.

 

Hans-Bert Espe, Silke Wolf, Shelter Winery, Salzmatten 1, 79341 Kenzingen, www.shelterwinery.de

Der verhinderte Sportlehrer

Ein 90er Barbaresco, den ihm 1995 die Eltern einschenkten, war der entscheidende Anstoss, dass der gebürtige Freiburger und spätere Mainzer Felix Peters (Jahrgang 1977) doch nicht mit dem Ziel Sportlehrer Sport studierte. Ein Jahr später absolvierte er bereits seine erste Fassprobe im Piemont mit dem Jahrgang 1995 und startete, vom Weinvirus voll infiziert, 1998 seine Lehre zum Restaurantfachmann bei Johann Lafer in der «Stromburg», «weil es dort eine besonders grosse Weinkarte gab». Eine Sommelier-Karriere war nach Topplatzierungen bei Wettbewerben denkbar. Aber nach einem Praktikum auf Schloss Vollrads entschloss er sich zum Weinbaustudium in Geisenheim, das garniert wurde von einer Beschäftigung auf der Domaine de la Vougeraie in der Bourgogne.

Es folgte ein gut zweijähriger Job als Betriebsleiter auf Schloss Halbturn im Burgenland, ehe sich die Chance bot, die traditionsreichen Weingüter St. Antony und Heyl zu Herrnsheim in Nierstein unter neuem Besitz neu zu ordnen und auf Vordermann zu bringen. Den Tipp, dass Eigentümer Detlef Meyer jemanden suchte, gab ihm ein anderer Seiteneinsteiger, Roman Niewodniczanski. Der 9. Januar 2006 war sein erster Arbeitstag. Seitdem überzeugt er nicht nur mit Riesling, sondern machte deutlich, dass auf Niersteiner Fluren erstklassiger Pinot Noir wachsen kann und sogar der Blaufränkisch, den er im Burgenland schätzen lernte, hier – aufgepfropft auf alte Riesling-Stöcke – erstklassige Ergebnisse bringt. Und das alles nach biodynamischen Kriterien.

 

Felix Peters, Weingut St. Antony, Wilhelmstr. 4, 55283 Nierstein, www.st-antony.de

Von der Insel in die Steillagen

Als Sohn eines Kochs kam Sebastian Hamdorf, obwohl 1982 auf der Insel Föhr in Nordfriesland geboren, schon in jungen Jahren auf den Geschmack. Als die Familie auf das Festland umsiedelte, rückte der Wein etwas näher, und er kam als junger Mann gleich richtig zur Sache mit zwei prägenden Praktika beim kürzlich verstorbenen Gerhard Gutzler in Rheinhessen und Albert Neumeister in der Südoststeiermark. «Ich lernte, was ausdrucksstarke Weine sind», erinnert er sich. Es folgten ein Studium in Geisenheim und anschliessend vier Jahre bei F.X. Pichler in der Wachau. «Hier habe ich erfahren, was Geduld und Ruhe für die Qualität bewirken können.»

So gerüstet übernahm er 2012 bei Fürst Löwenstein in Franken zunächst die Stelle als Kellermeister und dann als Betriebsleiter, begann aber bereits ab 2014 mit dem Aufbau eines eigenen kleinen Weingutes. Ein Haus mit Keller, das er in Klingenberg in Nachbarschaft steiler Terrassenlagen erwerben und ummodeln konnte, wurde die Basis. Der Tanz auf zwei Hochzeiten mit 13 Hektar Fürst Löwenstein und 1,3 Hektar Hamdorf in steilen Grossheubacher Fluren war bald nach dem Jahrgang 2015 vorbei (guter Kontakt zum Adelsgut besteht nach wie vor). Zielsetzung sind drei Hektar. Dass Gattin Britta als Juristin berufstätig ist, sorgt für wirtschaftliche Sicherheit. Sein Anspruch ist es, «ehrliche und authentische, lagerfähige Weine zu machen», mit wenig Eingriffen, Spontangärung, längeren Maischestandzeiten. Silvaner und Riesling machen Spass, auch mit Spätburgunder und Portugieser zieht er Trumpfkarten.

 

Bastian Hamdorf, Weingut Hamdorf, Weingartenstr. 5, 63911 Klingenberg, www.weingut-bastian-hamdorf.de

Bayerischer «Europa-Winzer«

Ursprünglich wollte der gebürtige Münchner Holger Hagen, der auf der Fraueninsel im Chiemsee aufwuchs, Germanistik, Kunst oder Sprachen studieren. Die Eltern, im Banken- und Immobilienbereich tätig, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und gaben ihm den Rat: «Mach etwas, womit du dich ernähren kannst.» Als er am Abend ein gutes Glas Frankenwein trank, fiel der Entschluss: «Ich studiere Wein.» Ab ging es nach Geisenheim. Und weil er lebendig-aromatische Weine schätzte und selbstständig sein wollte, sah er sich nach dem Studium vor zehn Jahren in der Steiermark um. «Eine Serie von Zufällen» ermöglichte ihm die Gründung eines kleines Weingutes mit 3,5 Hektar in der Südsteiermark und 2,5 Hektar in Slowenien. 

Hagen, der in wenigen Tagen seinen 38. Geburtstag feiern kann (3. Juli), sieht sich als «Europa-Winzer» und wartet deshalb auch mit weissen Cuvées aus beiden Ländern auf. «Staatsgrenzen sind für mich unwichtig, für mich gelten Böden, Reben und Menschen», stellt der Ur-Bayer fest. Die Umstellung auf bio war für ihn selbstverständlich. Seine weinigen Aushängeschilder wachsen in der Südsteiermark (Morillon und Sauvignon Blanc von der Toplage Hochgrassnitzberg). Vor zehn Jahren begann er mehr aus Jux auf der Fraueninsel mit dem Anbau von Regent, weil die Rotweinsorte im Keller einfach zu handhaben ist. Ohne Unterstützung von Vater Günter, 76, wäre die kleine Anlage indes längst eingegangen. «Ich bin einfach zu sehr in der Steiermark und Slowenien angebunden.»

 

Holger Hagen, Weingut Hagen, Wagendorferstr. 55, A-8423 St. Veit (Südsteiermark), www.holgerhagen.eu

Wenn Bremer Köpfe rauchen

Zwei Hanseaten, gebürtig in Bremen, aber schon in jungen Jahren vom Wein-Virus befallen, kamen mit einer ungewöhnlichen Idee auf den grünen Weinzweig. Frederik Janus und seine Lebensgefährtin Katharina Witte brachten zwar Ehrgeiz und Fachkompetenz ins Spiel (er hatte Winzer gelernt und in Geisenheim die Studienbank gedrückt, sie studierte Ernährungswissenschaft und besuchte an der Uni in Gießen Weinbau-Vorlesungen). Aber das Geld auf dem Konto reichte nicht für die Gründung eines Weingutes. Schuldenmachen war nicht in ihrem Sinn. Also warben sie um Unterstützer im Freundes- und Bekanntenkreis mit einer Wein-Verzinsung – mit grossem Erfolg.

Nun brauchten sie eigentlich nur noch Weinberge und einen Betrieb, um als Winzerpaar selbstständig zu werden. «Es begann die Zeit der rauchenden Köpfe und schlaflosen Nächte», erinnern sie sich. Er überbrückte sie als angestellter Betriebsleiter in Rheinhessen. Fündig wurden sie in der Pfalz, wo Winzer Roland Pfleger aus Herxheim am Berg keinen Nachfolger hatte und schnell mit den beiden Bremern handelseinig wurde. Er führt vorläufig sein Gut weiter, gibt aber von Jahr zu Jahr mehr Rebfläche an die beiden Partner ab (aktuell sind es vier Hektar). Und Katharina und Frederik konnten mit Riesling, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Grauburgunder und einer roten Cuvée im inzwischen zweiten Jahrgang 2016 beweisen, dass Bremer überzeugende Weine machen können. 

 

Frederik Janus und Katharina Witte, Weingut Janus, Weinstr. 38, 67273 Herxheim am Berg (Pfalz), www.weingut-frederik-janus.de

Stuttgarter Hoffnungsträger

Schlagzeilen machte das 16-Hektar-Weingut der Stadt Stuttgart in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal – aber keine positiven. Entweder ging es um die mangelnde Qualität oder um stattliche rote Zahlen im sechsstelligen Bereich. Jetzt wurde ein Neustart eingeleitet. Timo Saier, 1979 in Paris geboren und in Ulm aufgewachsen, soll es als neuer Betriebsleiter richten.

Seine Erltern waren Weinfans; der Vater (eigentlich Diplom-Ingenieu Maschinenbau) nahm den Spross mit auf Reisen in französische Anbaugebiete. Zuhause stand stets Wein zum Essen auf dem Tisch. So fing Timo genügend Feuer, um im Wein seine berufliche Zukunft zu sehen. Er studierte in Geisenheim und lernte dort den Bayern Holger Hagen kennen, der nach dem Abgang von der Weinuni in der Steiermark einen Weinbau aufbaute und dafür einen tüchtigen Mitarbeiter brauchen konnte. Einige Jahre arbeiteten die beiden erfolgreich zusammen.

Aber dann wurde bekannt, dass die Stadt Stuttgart eine reizvolle Stelle ausgeschrieben hatte. Saier bewarb sich und setzte sich im August 2016 gegen knapp 30 Mitbewerber durch. Zielsetzung ist es, das Weingut mit vielen steilen Lagen (das kennt er aus der Steiermark) wirtschaftlicher zu machen, möglichst auf bio umzustellen und vor allem die Qualität zu steigern. Erste Kostproben der 2016er Weissweine zeigen, dass er hier auf einem guten Weg ist und vor allem mit Riesling aus dem Cannstatter Zuckerle und der Stuttgarter Weinsteige auftrumpfen kann. 

 

Timo Saier, Weingut der Stadt Stuttgart, Rommelstr. 22, Stuttgart-Bad Cannstatt, www.stuttgart.de/weingut

Frankenwein im Münsterland

Es ist eine etwas eigenwillige Konstruktion, die der geborene Münchner Mathias Meimberg aufbaute. Der 34-Jährige lebt mit seiner Frau auf einem Bauernhof im Münsterland, pendelt aber seit 2011 zwischen seinem Wohnort Emsdetten und Iphofen in Franken, wo er im VDP-Weingut Arnold ein wichtiger Keller-Mitarbeiter ist. Ausserdem kann «ihr Winzer im Münsterland» zuhause noch komplexen fränkischen Wein (Silvaner, Riesling, Müller-Thurgau) sowie aus einer zweiten, mit Johann Arnold betriebenen Linie (Weinhaus Boessneck, benannt nach dem Urgrossvater von Mathias) erstklassigen Silvaner, Spätburgunder und Sekt vorweisen. Alles stammt von eigenen Reben (drei Hektar), deren Ertrag im Arnold-Keller ausgebaut wird. Die offizielle Weinkeller-Gründung erfolgte 2013.

Meimbergs Werdegang ist durchaus spektakulär. Seinen allerersten Wein trank er als 19-Jähriger in Südafrika, war fasziniert und büffelte sich an der Weinbauschule in Veitshöchheim zum Weinbautechniker durch. Dann sammelte er prominente Namen in seiner Praktikanten- und Mitarbeiter-Vita: Graf von Kanitz (Rheingau), Graf Neipperg (Bordeaux), Taittinger (Champagne), Knoll (Wachau) und Schloss Proschwitz (Sachsen). Zwischendrin war er noch am Aufbau eines Weingutes in Dänemark beteiligt. Jetzt aber ist er so etwas wie ein sesshafter Pendler.

 

Mathias Meimberg, Weinkellerei Meimberg, Austum 47, 48281 Emsdetten, www.weinkellerei-meimberg.de

Über Margaux nach Württemberg

Er wurde 1983 in Ulm geboren und stellt gleich mal fest: «Das war eine Weinstadt – aber vor rund tausend Jahren.» Ruben Johannes Röders Eltern Christa und Johannes führten eine Traditionsgärtnerei und schätzten eine gute Küche mit Weinbegleitung. Der Sohn studierte zunächst Geographie in Dresden mit schlechten Berufsaussichten. Also Wein? Der Vater kannte Thomas Seeger im badischen Leimen gut. Röder wurde bei ihm vorstellig und vor einem schwierigen Beruf gewarnt. Er machte einen nächsten Anlauf beim Weingut Jürgen Ellwanger, wurde hier gut aufgenommen, war einige Monate bei Schönborn im Rheingau, startete dann mit einem Studium in Geisenheim mit Fortsetzung in Bordeaux. Vor allem ein Praktikum bei Margaux mit vielen Informationen über Bio-Dynamik faszinierte ihn. Es folgte ein Sprung über den grossen Teich zu Harland Estate in Kalifornien, wo er sich an hochpreisige Weine gewöhnte.

Zurück in der Heimat bekam er 2014 einen Tipp von Felix Ellwanger: «Bei Graf Adelmann wird ein Betriebsleiter gesucht.» Er traf sich mit Junior Felix Graf Adelmann, der gerade übernommen hatte. Man verstand sich sofort, obwohl Röder gleich kundtat, er wolle eigene Ideen einbringen und den Betrieb auf Bio-Weinbau umstellen. Mit sechs Hektar wurde begonnen; inzwischen ist Vollzug auf 21,5 Hektar zu melden. Bei den Weinen (Spezialität des Hauses: rote Cuvées) sind Fortschritte unverkennbar. Nur das Preisniveau von Harland (bis zu 1000 Euro/Flasche) kann er in Württemberg nicht umsetzen.

 

Ruben Johannes Röder, Weingut Graf Adelmann, Auf Burg Schaubeck, 71711 Steinheim-Kleinbottwar, www.graf-adelmann.com

Gut organisierter Professor

Kaum jemand weiss, dass Dr. Randolf Kauer ein Seiteneinsteiger in Sachen Wein ist. Als Professor für Weinbau an der Uni Geisenheim mit dem Fachgebiet ökologischer Weinbau ist er in der Szene sehr präsent. Aber eigentlich wollte der im Anbaugebiet Mittelrhein gebürtige Mann vom Jahrgang 1960 Archäologie studieren. Der Vater war zwar Weinliebhaber, hatte aber keinen einzigen Rebstock. Kauer jobbte bei einem Bacharacher Weingut und kam inniger mit Wein in Kontakt, als ihm ein Nachbar 20 Ar Rebfläche in einer steilen Flur offerierte. Damals hatte er gerade das Weinbaustudium in Geisenheim begonnen und wagte sich gleich an seinen ersten Jahrgang 1982. 600 Liter halbtrockenen Riesling baute er in einem Minikeller aus. «Es gibt noch ein paar Flaschen mit geniessbarem Inhalt.» 

Nach dem Studium schloss sich ein Aufbaustudium an. Öko-Weinbau war das Thema seiner Doktorarbeit. Er qualifizierte sich für ein Lehramt und ist seit 2007 fest im Geisenheimer Professorenteam. Aber auch der private Weinbau entwickelte sich mit Unterstützung von Gattin Martina positiv weiter auf 3,5 Hektar. Die Kauers ernten wenig. Er arbeitet ohne Reinzuchthefen, setzt auf ein längeres Lager auf der Feinhefe im traditionellen Holzfass und erzeugt damit mineralische, schnörkellose Rieslinge, die viel Trinkfluss haben. Spätburgunder ist eine kleine Ergänzung. Ist die Arbeit mit der Ganztags-Aufgabe in Geisenheim unter einen Hut zu bringen? «Wenn man sich gut organisiert, funktioniert das», lacht der Professor.

 

Professor Dr. Randolf Kauer, Weingut Dr. Kauer, Mainzer Str. 21, 55422 Bacharach, www.weingut-dr-kauer.de

Rekord-Quartett

Sie sind gewissermassen die Rekordhalter. Das erst 2015 gegründete Weingut Haack in Burg Layen an der Nahe kann gleich ein Seiteneinsteiger-Quartett vorweisen. Michael Haack, 68, ist Rentner und war Stadtplaner und Architekt im öffentlichen Dienst und in der Wohnungswirtschaft. Geboren wurde er in Georgsmarienhütte (Landkreis Osnabrück). Seine Frau Annette stammt aus Bremerhaven und war bis 2015 Apothekerin. Ihr Betriebsleiter Maximilian Czeppel, 27, erblickte in Hof das Licht der Welt, kam aber dann auf den Weinweg, lernte bei Schmitt’s Kinder in Franken, praktizierte bei Van Volxem (Saar), Elena Walch (Südtirol) und Dreissigacker (Rheinhessen) und studierte in Geisenheim. Der Vierte im Bunde, und für den Verkauf zuständig, ist Benedikt Buchert, 30, aufgewachsen in Dieburg östlich von Darmstadt (2.v.l.im Bild). Er machte eine Winzerausbildung bei Meyer-Näkel (Ahr) und Stahl (Franken), studierte ebenfalls in Geisenheim und war dann zwei Jahre im Weinhandel tätig.

Die Vier fanden sich, als die beiden Nordlichter vor gut zwei Jahren das ehemalige Weingut Michael Schäfer in Burg Layen übernahmen, weil sie eine neue Lebensperspektive suchten – und fanden. Als Branchenfremde brauchte man Profis für den Keller und die Verkaufsfront. Der Startjahrgang 2015 war trotz kurzer Anlaufzeit mit tadellosem Riesling durchaus erfreulich. Die langfristige Zukunft ist gesichert. Junior Lasse Haack studiert derzeit in Geisenheim.

 

Annette und Michael Haack, Weingut Haack, 55452 Burg Layen 3, www.weingut-haack.de

Fränkischer Wein-Asylant

Unter seiner Adresse findet man weder Reben noch Keller und Weingut. Ausgebaut werden die Weine von Thomas Plackner, 51, in ein paar Holzfässern im Weingut Bickel-Stumpf in Frickenhausen. Matthias Stumpf gewährt einem ungewöhnlichen Winzer gewissermassen Asyl. Plackner, geboren in Marktbreit und studierter Betriebswirt, kam erst spät in innigen Kontakt mit Wein. Er ist heute hauptberuflich Unternehmensberater, war vorher lange für einen Technologiekonzern in Hamburg tätig und wollte dann aus dem «Hamsterrad des Arbeitsalltags» etwas aus- und in die Weinwelt einsteigen.

Nach Kontakten mit Profis an der Mosel gab ihm Dr. Klaus-Peter Heigel aus Zeil am Main in Franken, selbst als studierter Agrarwissenschaftler ein Seiteneinsteiger, die Chance, aus einem kleinen Teil seiner Trauben Wein zu machen. Der 2012er Silvaner, genannt Einsteiger, gelang gut und fand Abnehmer in der Würzburger Gastronomie. Ab 2014 erweiterte Plackner, der auf der Weinbauschule in Veitshöchheim eine Hobbywinzerlehre machte, sein Weinprogramm durch Pachtflächen und Traubenzukauf. So ist er aktuell bei 0,7 Hektar angelangt. Der neue «Vermieter» Stumpf wird manchmal die Stirn runzeln, wenn er mitbekommt, dass sein Gast den Silvaner lang auf der Maische lässt, ihn spät und gering schwefelt, auf Filtration verzichtet und auch mal einen Böckser in Kauf nimmt. Plackner hofft, dass jugendliche Unarten seiner Landweine mit der Zeit verschwinden, und hat den Trost, dass er vom Weinbau nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. 

 

Thomas Plackner, Plackner-Wein, Ravensburgstr. 2 B, 97209 Veitshöchheim, www.plackner-wein.de

Altwein statt Apfelwein

Der Vater Elektro-Ingenieur, die Mutter Schneidermeisterin, da war schon das ursprüngliche Berufsziel Förster für Naturliebhaber Jörg Bretz ungewöhnlich. Der in der Heimatstadt Hanau bekannte Apfelwein war nicht sein Ding. Lieber wandte sich der heute 53-Jährige dem richtigen Wein zu. Er studierte in Geisenheim und sammelte anschliessend viel Erfahrung bei Topbetrieben wie Künstler, Schloss Reinhartshausen, Schloss Schönborn (alle Rheingau), Markgraf von Baden, Elena Walch (Südtirol), Willi Bründlmayer (Kamptal), Gernot Heinrich (Burgenland) und Kaapzicht (Südafrika). Danach machte er sich als Berater für Weinbau und Kellerwirtschaft selbstständig. In Österreich, «weil es mir hier gut gefällt und das Leben weniger hektisch als in Deutschland ist».

Sesshaft wurde er im Weingut Zwickelstorfer in Höflein (Carnuntum). Obwohl der Betrieb, den er teilweise önologisch betreute, inzwischen verkauft ist, kann er mit Segen der Eigentümer die notwendigen Räumlichkeiten nutzen. Aber die Weine, die hier ausgebaut werden, kommen hauptsächlich aus verschiedenen burgenländischen Regionen. Und sie sind für österreichische Verhältnisse uralt! Vom Weissburgunder kann er zum Beispiel einen spektakulären 2002er entkorken, vom Blaufränkisch einen immer noch unfertig wirkenden 2006er. Mit dem «Redmann» von 2008 demonstriert der Auswanderer, dass Zweigelt viel Stabilität haben kann. 

 

Jörg Bretz, Weingut Jörg Bretz, Vohburgerstr. 38, A-2465 Höflein, www.bretzjoerg.com

«Niwo» und des Vaters Irrtum

Wer Roman Niewodniczanski gewaltig ärgern will, muss ihn nur als «Bitburger-Spross» bezeichnen. Denn als solcher sieht sich der Eigentümer des Weingutes Van Volxem an der Saar nun wirklich nicht. Es stimmt zwar, dass die Familie schon lang die 1817 gegründete Brauerei in Bitburg dirigiert und nach wie vor in der Geschäftsführung vertreten ist. «Aber ich bin nur ein kleines Rad in der Familie», macht der hochgewachsene 1968er Jahrgang deutlich. Für einen Job in der Brauerei kam er nie in Frage. Auch deshalb, weil zwei ältere Brüder einstiegen. «Niwo», wie er in der Weinszene genannt wird, studierte zwar Betriebswirtschaft, Geographie und Management, aber Einreihen in eine Unternehmenshierarchie kam für ihn nicht in Frage. Er wollte selbst anschaffen. Und weil er vom Weinbau fasziniert war und durch viele Verkostungen die Vielfalt des Weines kennenlernte, suchte er nach einem Weingut. «Ab 1997 habe ich mich umgeschaut, in Südafrika, in der Wachau, aber alles vergeblich.»

Dann bot sich die Chance, ein nach mehreren Besitzerwechseln marode gewordenes Weingut in Wiltingen an der Saar zu übernehmen, das früher zu den Vorzeigebetrieben der Region gehörte. Der letzte Eigentümer scheiterte nicht zuletzt deshalb, weil er aus dem Riesling-Betrieb ein Rotweingut machen wollte. Im Jahr 2000 erwarb Niewodniczanski acht Hektar («davon 45 Prozent mit Rotweinreben») – und machte die Familie fassungslos. «Du wirst scheitern», prophezeite der Vater, dem die damalige Situation des Weinbaus an der Saar mit vielen Brachen und notleidenden Betrieben (von wenigen VDP-Ausnahmen abgesehen) nicht unbekannt war. Widerstand ist da, um überwunden zu werden, war wohl das Motto des neuen Besitzers, der den alten Namen Van Volxem wiederbelebte und dabei hundert Jahre zurückdachte, als für Saarweine höhere Preise als für Bordelaiser Gewächse erzielt wurden.

17 Jahre später bewirtschaftet das Weingut 80 eigene Hektar in Steillagen plus 15 Hektar mit Vertragswinzern. 45 Hektar (inklusive Reben in der Topflur Scharzhofberger) sind geeignet für die Erzeugung Grosser Gewächse. Man darf davon ausgehen, dass etliche Flächen günstig zu haben waren, aber inzwischen im Wert deutlich zulegten. Denn das Weingut kann die Weine (95 Prozent Riesling, daneben etwas Weissburgunder) gut auf deutschen und internationalen Märkten verkaufen. Und deutlich besser, als es der Vater vor der Einführung des Euro unkte: «Kein klar denkender Mensch gibt mehr als fünf Mark für eine Flasche Wein aus.» Durch das Riesling-Händchen von Kellermeisters Dominik Völk (ein gebürtiger Unterfranke, seit 2004 dabei) und mit einem begeisterungsfähigen Team kann das Gut inzwischen mit geschliffenen, spannungsgeladenen, vielschichtigen Weinen reüssieren und hat für seine 400 000 bis 500 000 Flaschen keine Absatzsorgen. «Wein ist mein Leben. Aber ich bin immer noch in einer Aufbauphase», meint der oft auf Verkaufsreisen befindliche Familienvater. Dazu gehören die bevorstehende Fertigstellung einer neuen Kellerei mitten in den Reben und die Rekultivierung der von Buschwerk und Bäumen überwucherten einstigen Spitzenlage Ockfener Geisberg gemeinsam mit dem Kollegen und Freund Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen. 2016 wurden die 14 Hektar nach der Rodung bepflanzt; nächstes Jahr dürfte die erste Ernte fällig werden.

 

Roman Niewodniczanski, Weingut Van Volxem, Dehenstr. 2, 54459 Wiltingen, www.vanvolxem.com

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