Rebbewässerung in Chile und Argentinien

Wasser zu Wein

Text: Benjamin Herzog

Weinbau in Argentinien und Chile wäre ohne Bewässerung undenkbar. Aurelio Montes und Aurelio Montes jr. suchen beidseits der Anden nach Wegen, aus immer weniger Wasser immer besseren Wein zu machen.

 

Wer nach Chile einreist, wird besonders genau durchsucht. Die Beamten haben es hier nicht nur auf Waffen, Drogen oder Schmuggelware abgesehen, sie suchen vor allem nach ganz Alltäglichem wie Äpfeln, Gurken oder Sandwiches. Die Chilenen achten penibel darauf, dass keine landwirtschaftlichen Produkte von ausserhalb in ihr Land gelangen. Kein Wunder, ist Chile doch das einzige Land der Welt, in dem die Reblaus bis heute nicht in Erscheinung trat, und auch den Falschen Mehltau gibt es hier nicht. Die Reben sind meist wurzelecht. Die Anden auf der einen und der Pazifik auf der anderen Seite bilden eine natürliche Barriere für Schädlinge und Krankheitserreger. Nur die Menschen und wenige Tierarten wissen diese Grenze zu überwinden. So etwa die patagonischen Wildgänse, die das Andengebirge fliegend überqueren können. Die Mapuche-Indianer nannten diese Tiere Kaiken, und diesen Namen erhielt auch das Weingut des chilenischen Weinpioniers Aurelio Montes im argentinischen Mendoza, das von Sohn Aureliojr. geführt wird.

Wer mit Vater und Sohn über den Rebbau und dessen Herausforderungen spricht, landet stets beim gleichen Thema: Wasser. Ein Hektar Land kostet in Chile nicht die Welt, aber ohne dauerhafte Wasserförderrechte nützt einem das nichts. Grundwasser fördern darf nur, wer über eine Lizenz verfügt. Diese wird beim Staat angemeldet und kann danach innerhalb eines Gebietes gehandelt werden. Die Einheit für diesen Handel ist Liter pro Sekunde. Im Norden des Landes, wo sich viele Minen befinden, zahlt man bis zu 100 000 US-Dollar, in den südlicheren Rebbaugebieten gut 2000 Dollar für einen Liter pro Sekunde.

Aus dem Wasserbericht der Vereinten Nationen von 2013 geht hervor, dass Chile eines der privilegiertesten Länder Südamerikas ist, was Wasser betrifft. Gefahren lauern demnach vor allem im Industriebereich, wo der Bedarf stark steigt. Laut dem UN-Bericht hat die Regierung die nötigen Schritte unternommen, um die Umwelt vor Ausbeutung zu schützen. So gibt es heute geschützte Zonen, was Abwasser angeht, sowie strikte Limitierungen bei der Vergabe von neuen Wasserrechten.

Rebe statt Dornbusch

Wir fahren mit Aurelio Montes nach Zapallar. Seine Reblage dort ist nur sieben Kilometer von der wilden, windigen Pazifikküste entfernt, der Meereseinfluss ist gross, die Temperaturen sind verhältnismässig mild. Montes war der erste Weinmacher, der in diesem Gebiet pflanzte, davor gab es hier praktisch keine Vegetation. Ein paar dornige Sträucher vielleicht, wenn es regnete, etwas Gras, und ganz sicher viele Kakteen. «Wo Kakteen wachsen, ist auch den Reben wohl», lautet eine gängige Faustregel in Chile, und schon sind wir wieder beim Thema: Wasser. Reben und Kakteen mögen gut drainierte, durchlässige Böden. Während Kakteen innerhalb kurzer Zeit viel Wasser einlagern können, lässt eine Rebe den Grossteil davon passieren.

In Zapallar fallen im Jahresmittel 450 Millimeter Regen. Das ist eigentlich nicht wenig, in London sind es rund 600 Millimeter. Während es dort aber häufig nieselt, regnet es in Chile praktisch nur während der Wintermonate von Mai bis September, in der Wachstumsphase – geerntet wird im April – dagegen fast gar nicht. Einzige Lösung: Bewässern.

Die Bewässerung von Weinreben gilt noch heute als Qualitätsmakel und wird kontrovers diskutiert. Landwirtschaftliche Anlagen wurden schon zu Zeiten früher Hochkulturen manuell bewässert, so etwa in Ägypten, Indien oder im alten Amerika. Damals ging es in erster Linie um Quantität, denn nur dank Bewässerung konnten die Siedlungen wachsen. Die Diskussion heute dreht sich vor allem um Qualität: Eine falsche oder zu starke Bewässerung von Reben mindert deren Qualitätspotenzial, während unbewässerte Reben in heissen Gebieten unwirtschaftlich kleine Mengen und oft überkonzentrierte Beeren liefern.

Mit Sintflut zu Qualität

Auf dem Weingut Kaiken in Mendoza besitzt Familie Montes eine Rebanlage mit hundertjährigen Malbec-Stöcken, die von jeher bewässert werden. Mendoza liegt eigentlich in einer Wüste, ist aber grüner als manche Stadt in Mitteleuropa. Das hat der Ort einem Kanalsystem zu verdanken, das nicht nur einen knapp 400 Hektar grossen botanischen Garten, sondern auch unzählige Bäume an den Strassen versorgt. Dieses Kanalsystem dient auch vielen Rebgärten, die zur Bewässerung ganz einfach geflutet werden. Sparsamer wäre es natürlich, eine moderne Tröpfchenbewässerung einzusetzen, doch lassen sich Reben, die seit Jahren via Flutbewässerung versorgt werden, nicht einfach umgewöhnen. «Das wäre ihr sicherer Tod», erklärt Aurelio Montes jr. Es gibt sogar Weinmacher, die auf Flutbewässerung geradezu schwören, da diese eine bessere Qualität hervorbringe und dafür sorge, dass Schädlinge auf und in dem Boden ertrinken.

«Ich wusste: Wenn ich nicht mehr Wasser finde, kann ich in Marchigüe keine Reben mehr pflanzen. Dann war’s das. Also wollte ich herausfinden, wie wir Wasser einsparen können, anstatt immer mehr hinzuschaffen.»

Aurelio Montes Winzer, Chile

Familie Montes scheut keinen Aufwand, um in ihren Rebbergen in Chile und Argentinien Wasser einzusparen. In Chile wurde dafür die junge Rebforscherin Betzabe Galaz eingestellt. Das Projekt wird vom Staat mitgetragen. «Ich betrachte die Rebe als Ganzes», erklärt Galaz. Schritt für Schritt hat sie verschiedene Parameter untersucht, von der Blätterwand über die Erntemenge bis hin zur Bodenbearbeitung und Reberziehung. Mit Massnahmen wie der Umstellung der Erziehungsmethode und dem Ausbringen von Pinienbaumrinde unter den Reben konnten bis zu 19 Prozent Wasser eingespart werden – teilweise sind das bis zu vier Millionen Liter pro Hektar und Jahr. Die Anlagen von Montes werden heute strategisch bewässert, um die Reben dazu zu bringen, lange Wurzeln auszubilden und ihre Nährstoffe aus tieferen Gesteinsschichten zu beziehen. Weniger scheint dabei oft mehr zu sein.

Wüste zu fruchtbarem Land

In feuchteren Gebieten Chiles wie etwa der Region Maule gibt es traditionell Rebanlagen, die ganz ohne Bewässerung auskommen. Nicht so in Marchigüe, dem westlichsten Teil des Colchagua-Tals, wo Aurelio Montes mehr als 550 Hektar Reben besitzt. Land hat Montes hier genügend, doch woher mehr Wasser nehmen? «Ich wusste: Wenn ich nicht mehr Wasser finde, dann war’s das hier.» In der staubig-trockenen Region fallen jährlich nur 350 Millimeter Niederschlag, das Gebiet ist heiss und karg. 15 Pumpen versorgen fünf Reservoirs, die gut 1,5 Millionen Hektoliter Wasser fassen – das reicht gerade, um in den bestehenden Anlagen einen vernünftigen Ertrag zu erzielen. Während einer Schaffenspause im Jahr 2011 machte Aurelio Montes den Instrumentenflugschein, der es dem passionierten Flieger erlaubt, auch bei schlechten Sichtverhältnissen mit seiner Cessna zu starten. Bei einem Sichtflug über Marchigüe entdeckte der Winzer eine Parzelle mit runden weissen Steinen, wie man sie aus Flussgebieten kennt. «Das war merkwürdig, weil sich weit und breit kein Fluss befand», erzählt Aurelio.

Durch genaue Bodenuntersuchungen fand man schliesslich heraus, dass die rund drei Hektar grosse Fläche vor rund 120 000 Jahren ein Gletscher gewesen sein muss. Das Gewicht des Eises formte die Landschaft. Dann veränderte ein heftiger Vulkanausbruch vor etwa 10 000 Jahren die Formation, der Gletscher schmolz, ein Fluss voller Geröll wälzte sich durch die heutige Parzelle von Marchigüe in Richtung Meer. Diese und weitere geologische Entwicklungen hinterliessen einen Bodenmix aus Stein, Granit und Lehm, dem Aurelio Monte sein so hohes Qualitätspotenzial attestierte, dass er die Parzelle 2004 bepflanzte und erstmals komplett auf eine Bewässerungsanlage verzichtete. Natürlich ist dadurch der Ertrag in dieser Lage sehr tief, die Trauben sind klein und dickhäutig, ihr Saft ist hochkonzentriert. Es sind die Trauben, aus denen Montes seinen neuen Spitzenwein Taita selektionierte. Erst vergangenes Jahr wurde der 2007er – der erste Jahrgang – auf den Markt gebracht, der 2009er wird 2015 folgen. Kostenpunkt: rund 200 Euro. Aurelio Montes, auf dessen Weinetiketten oft ein Engel prangt, meint zu seinem neuesten Wurf: «Dass wir auf diesem Ausnahme-Terroir gleichzeitig Wasser sparen und dabei die beste Qualität einbringen können, ist doch fantastisch.»

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