Investoren beflügeln Rumänien und Bulgarien

Mit harter Währung zur Imagekorrektur

Text: Rudolf Knoll

  • Stephan Graf Neipperg kommt aus Württemberg, ist in Bordeaux erfolgreich und seit Jahren auch in Bulgarien.
  • Beim ambitionierten Château Copsa ist eine bulgarische Familie der erfolgreiche Investor.

Die osteuropäischen Weinländer Rumänien und Bulgarien haben es schwer auf den internationalen Märkten. Es gibt viele Vorbehalte und Vorurteile. Aber Potenzial ist vorhanden. Geweckt wird es zunehmend von ausländischen Investoren und auch von erfahrenen Weinprofis. Mit im Spiel sind Deutsche und Österreicher.

Im Dezember 2010 stapfte Rudi Krizan, Önologe aus dem österreichischen Burgenland, im rumänischen Norden einen schneebedeckten Hügel hoch und schwor sich: «Hier war ich das erste und das letzte Mal.» Mittlerweile vinifizierte er im dortigen Weingut Liliac, das seinerzeit gerade im Aufbau war, als Kellermeister schon einige Jahrgänge und weilt jedes Jahr mehrfach in der im Sommer idyllischen Landschaft von Batoş Village in Transsylvanien. Ende 2016 konnte er sogar einen Kollegen zur Kooperation überreden. Süsswein-Spezialist Gerhard Kracher übernahm die Vinifikation für einen bemerkenswerten, rassigen Eiswein. Gestartet wurde das Weingut mit einem Irrtum. Der österreichische Immobilienentwickler und Landwirt Alfred Michael Beck, 71, der seit über 25 Jahren in Osteuropa aktiv ist, bekam etwas Rebfläche angeboten. «Ich sagte leichtsinnig ja», erinnert er sich. Aber er roch gleichzeitig ein gutes Geschäft, weil die Weinproduktion in Rumänien preiswert ist und es von der EU reichlich finanzielle Hilfestellung für die Neuanlage von Weingärten gibt (nur der Grund muss gekauft werden). Schnell kamen 52 Hektar zusammen. 

Ursprünglicher Plan war es, 80 Prozent der Weine zu exportieren und den Rest in Rumänien zu verkaufen. Doch Beck bedachte nicht, dass Rumänien politisch kein hohes Ansehen geniesst und ausserdem Wein aus Osteuropa im Westen durch viele schlichte Billigfüllungen einen schlechten Ruf hat. Bis heute ist wenig bekannt, dass dieses Land ein ausgezeichnetes Potenzial für gute Weine hat und immer mehr kleinere Betriebe die Fahne der Qualität hochheben. Das hat in Rumänien selbst zu einer positiven Grundstimmung in Sachen Wein geführt. Beck orientierte sich neu. Inzwischen werden 90 Prozent der Liliac-Produktion in Rumänien verkauft. Und Beck kann zumindest «eine Verzinsung des eingesetzten Kapitals» registrieren. Die Weinkollektion ist relativ umfangreich, beinhaltet klassische europäische Sorten ebenso wie rumänische Varietäten (Feteasc Alb, Feteasc Regal). Und die Qualität ist dank des Einsatzes des Österreichers, der eigentlich nach dem ersten Besuch die Schnauze voll von Rumänien hatte, ausgezeichnet.

Die «Kleinen» setzen Akzente

Liliac ist Mitglied einer Gruppe ambitionierter Erzeuger, die aktuell mit finanzieller Unterstützung der EU zunächst auf dem deutschen Markt eine «Revolution rumänischer Weine» in die Wege leiten will. Dabei sind es 16 Produzenten aus allen Landesteilen, deren Weine durchaus geeignet sind, das Image rumänischer Weine bei den Konsumenten zu korrigieren. Zum Wandel beigetragen hat über Beck hinaus ein ausländisches Investment, das dabei hilft, dass überdimensionierte Staatsbetriebe (die drei grössten vereinen allein 15 000 Hektar auf sich) an Bedeutung verlieren. Die «Kleinen» setzen in Sachen Qualität Akzente, auch weil teilweise international erfahrene Weinmacher mitspielen. Etwa beim Weingut Alira, das im Osten Rumäniens, eine knappe Autostunde vom Schwarzen Meer entfernt, rund 100 Hektar bewirtschaftet. Derzeit ist man noch in einem Provisorium als Untermieter bei einer Grosskellerei zu Hause, die im Bau befindliche eigene Kellerei wird erst den Jahrgang 2018 aufnehmen. Eigentümer ist der gebürtige Frankfurter Ex-Banker Karl-Heinz Hauptmann, der mit Stephan Graf Neipperg in Bulgarien das Weingut Bessa Valley betreibt. 2006 startete er zusätzlich in Rumänien. Vor Ort ist der französische Önologe Mark Dworkin verantwortlich für den Inhalt von etwa einer halben Millionen Flaschen (vorwiegend gehaltvoller Rotwein von autochthonen und internationalen Sorten), die gut in Rumänien verbreitet werden. Und nicht nur hier. Hauptmann ist Jude, er hat deshalb verfügt, dass etwa die Hälfte der Weine koscher ausgebaut werden. Jedes Jahr halten sich zwei Rabbiner aus Israel drei Monate lang im Weingut auf, um alle Arbeitsgänge zu überwachen. Die Kosten dafür sind gut fünfstellig, aber man kann auf Märkten wie in Israel und den USA bessere Preise durchsetzen als in Rumänien, wo gute Weine schon für wenige Euros zu haben sind.

Bereits relativ lang zeigt ein engagiertes Ehepaar in Rumänien Flagge. Ileana Kripp-Costinescus’ Familie gehörte einst zum rumänischen Hochadel und wurde nach 1945 enteignet. Ileana lebte in Deutschland, als sich für sie und ihren Gatten Jakob Kripp nach dem Jahrtausendwechsel die Chance bot, den einstigen Besitz zurückzubekommen. Nach Jahrzehnten in «Staatsobhut» befand sich das Gut in einem verwahrlosten Zustand. In zäher Aufbauarbeit schaffte man die Umwandlung in ein schmuckes Weingut mit 25 Hektar. «Wir waren vermutlich das erste Familienweingut Rumäniens», sagt Jakob Kripp. Mithelfen und den Wein vinifizieren durfte ein Württemberger, dessen Vater Robert Bauer in Flein in den 80er Jahren wegen seiner durchgegorenen Weine einige Freunde, aber noch viel mehr Feinde hatte. Oliver Bauer, 43, übernahm den Betrieb nicht. «Ich war ein Dickkopf wie mein Vater. Das hätte nicht gepasst.» So avancierte er in Veitshöchheim zum Weinbautechniker. Seine Ausbildung machte er unter anderem bei Franz Keller senior in Oberbergen, «mit tollem Zeugnis». Eher zufällig kam er nach Wanderjahren in Kontakt mit dem Tiroler Jakob Kripp und entschloss sich, nach Rumänien zu gehen. Er gab dem Haus Prince Stirbey in Sachen Wein den nötigen Schliff und steckte dabei viel Ehrgeiz in den Ausbau rumänischer Sorten wie Cramposie Selectionata, Feteasca Regala, Tamaioasa Romanesca sowie die rote Negru de Dragasani. Weil er 2007 in der feschen Raluca seine Frau fürs Leben fand, wollte er etwas Eigenständiges aufbauen und gründete ein Weingut auf Basis von Traubenzukäufen. 30 000 Flaschen mit erstklassigem Inhalt füllt er mittlerweile, darunter die rare weisse Spezialität Sauvignonasse (in Italien Friulaner).

Mit dem Jahrgang 2017 konnte er seinen Ertrag deutlich steigern. Denn er bekam tonnenweise Riesling-Trauben vom wohl verrücktesten Weinprojekt des Landes. Begonnen hatte es der 54-jährige Bremer Unternehmer Helmuth Gaber. Sein Vater Heinrich wurde 1946 als Besitzer von 200 Hektar Land enteignet. 1972 wollte er nach Deutschland, konnte erreichen, dass die Familie von der Bundesregierung freigekauft wurde, und fand einen Arbeitsplatz im Staatsweingut Kloster Eberbach im Rheingau. Vor zwölf Jahren reiste er mit dem Sohn in die alte Heimat und meinte bei der Besichtigung der nicht mehr bewirtschafteten Felder von Bagaciu (Bogeschdorf): «Ich will das wiederhaben, das gehört uns.»

Helmuth Gaber und sein Bruder Heinrich hörten auf den Senior, begannen – etwas misstrauisch beäugt von der Bevölkerung – alte Weinberge und Ackerflächen zu erwerben. Nach einigen Jahren waren es 200 Hektar, darunter 18 Hektar Rebfläche. Der Weinfachmann Dr. Karl Müller aus Veitshöchheim (2015 verstorben) half bei der Anlage von Reben, der junge Ingenieur Harald Salcianu aus Bagaciu wurde 2010 als Betriebsleiter eingestellt – obwohl es bis heute keinen richtigen Betrieb mit Keller gibt. Müller stellte auch den Kontakt zum Staatsgut in Neustadt an der Weinstrasse her. Seit dem Jahrgang 2014 wird der dortige Kellermeister Sascha Wolz per Kühltransport mit Trauben aus Rumänien beliefert und macht daraus beachtlichen Chardonnay, Riesling und Grauburgunder. Die Trauben überstehen den Transport über rund 1500 Kilometer gut, weil sie in 13-Kilo-Kisten in den Lastwagen liegen. Vom Jahrgang 2017 wird Grauburgunder auch zu einem rheinhessischen Winzer geliefert, der für den Wein gute Abnehmer in Skandinavien hat. Und die Riesling-Trauben müssen nur 350 Kilometer in den Süden zu Oliver Bauer überwinden, der sich schon freut, dass sein Riesling-Entzug vorbei ist. Zumindest derzeit. Denn in Bagaciu ist ein Weinkeller in Planung. Dann werden wohl sämtliche Erträge vor Ort verarbeitet.

Aufschwung dank Investoren

Etwas weiter südlich liegt Bulgarien, das von der Fläche her deutlich kleiner als Rumänien ist, aber ebenfalls Imageprobleme im europäischen Westen hat. Bulgarien hatte in den Jahrzehnten hinter dem Eisernen Vorhang im Weinbau gewaltig aufgerüstet und wurde zu einem der grössten Erzeuger der Welt. Nach der politischen Wende waren die Exportmärkte im Osten weggebrochen, aber die geschaffenen Kapazitäten und veraltete Technik noch vorhanden. Erst als ab 2007 durch die EU-Mitgliedschaft Subventionen flossen, konnte sich der Weinbau erneuern. Teilweise stecken Holdings als Eigentümer hinter Kellereien wie dem Haus Minkov Brothers, mit 2000 Hektar grösster Erzeuger des Landes. Ein anderer Riese ist Domaine Boyar, 1991 nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vom heutigen Berater Margarit Todorov gegründet, der zuvor für das Staatsmonopol Vinimpex viele Millionen Flaschen ins Ausland verkauft hatte (vor allem nach Grossbritannien) und seine Kontakte nutzen konnte. Zehn Millionen Flaschen mit ansprechendem Inhalt aus Zukäufen füllt die Domaine heute, auch für Abnehmer in der Schweiz. Viel Bewegung in die Szene haben private Investoren gebracht, zum Beispiel der italienische Textilindustrielle Edoardo Miroglio, der 2002 einen futuristischen Weinkeller in Elenova südlich von Nova Zagora aufbaute, inklusive Restaurant und eines kleinen Hotels. Eine Spezialität des Gutes: Pinot Noir. 

Im Südwesten, in Harsovo bei Melnik, kehrte die in die USA ausgewanderte Familie Zikatanov vor 18 Jahren in die Heimat zurück. Man bekam einst enteignete, aber total verwilderte Flächen zurück. Heute bewirtschaften Nikola Zikatanov, Gattin Dyubka und Tochter Militza mit der in Bordeaux studierten Önologin Rumyna Stoilova ein stattliches Gut mit 30 Hektar. Neben Viognier, Pinot Noir und Cabernet Sauvignon ist die alte Sorte Melnik, die zartgliedrige, relativ helle Rotweine liefert, ein Aushängeschild. Eine weitere einheimische Traubensorte ist dominierend bei dem aufstrebenden Weingut Château Copsa in Moskovets (Thrakien). Sie heisst Red Misket, liefert aber aromatische, füllige, feinwürzige Weissweine. Das Haus im Rose Valley ist eines der wenigen Familienweingüter Bulgariens, hat 90 Hektar bestockt und gehört der Familie Minkov, deren Senior Minko Minkov einst beim Riesen Vinprom tätig war. Gegründet wurde Copsa 1998. Zehn Jahre später wurde ein Betriebsgebäude mit Hotel errichtet, das aus der Ferne wie eine trutzige Burg anmutet. Die Geschäfte führt Tochter Petya Minkova. Ihr ganzer Stolz ist ein Misket von selektiv geernteten Trauben, der Sauvignon Blanc von Reben aus Italien sowie die geschmeidige Cuvée von Merlot und Cabernet Sauvignon «8TH» aus der Limited-Edition-Serie. Last but not least darf das Weingut Bessa Valley, das bulgarische Gegenstück zum rumänischen Alira, nicht vergessen werden. Gegründet wurde es von Wein-Investor Karl-Heinz Hauptmann, der gemeinsam mit Graf Stephan Neipperg nach längerer Suche ein geeignetes Gelände etwas abseits der Zivilisation in Thrakien fand. Auch hier ist Mark Dworkin önologischer Berater, Neipperg schaut einige Male im Jahr nach dem Rechten. Bestockt sind 140 Hektar mit internationalen roten Sorten, vor allem mit Merlot. Auffällig ist die niedrige Erziehung der Reben. Die Anlagen werden wenn nötig aus einem eigenen Tank bewässert. Enira (benannt nach einer thrakischen Prinzessin) ist der wichtigste Wein des Hauses; er setzt sich aus Merlot, Syrah, Petit Verdot und Cabernet Sauvignon zusammen und hat eine Auflage von über 120 000 Flaschen. Dazu gibt es noch den Reserva Enira und die rare Grande Cuvée «BV». Es dauerte einige Jahre, bis die Weine stimmig waren. Der Reiz, in einem osteuropäischen Land etwas aufzubauen und dessen weinbauliches Potenzial zu wecken, war einer der Gründe – nicht nur für Hauptmann – zu investieren. Hinzu kommt ein gutes Angebot an billigen Arbeitskräften. In Bulgarien beträgt der durchschnittliche Jahreslohn nur rund 6700 Euro pro Nase, in Rumänien rund 8500 Euro.

Information

Rumänien

Alira, Dobrogea
www.alira.ro
Aramic, Silagiu
www.crama-aramic.ro
Avincis – Vila Dobrusa, Dragaşani
Bauer Oliver, Dragaşani

www.cramabauer.com
Davino, Dealu Mare
www.davino.ro
Liliac, Batos
www.liliac.com
Oprisor, Oltenia (Kleine Walachei)
www.crama-oprisor.ro
Prince Stirbey, Dragaşani
www.stirbey.com
Valea Verde – Terra Regis, Bagaciu
www.terraregis.de
Cramele Vinarte, verschiedene Regionen in Rumänien
www.vinarte.ro

Rebfläche ca. 180 000 ha (darunter viele Hybride)
Ernte 3,6 Mio. hl (2015)

 

Bulgarien

Bessa Valley, Ognianovo
www.bessavalley.com
Château Copsa, Moskovets (mit Hotel)
www.copsa.bg
Medi Valley, Smochevo Rila County (Weingut des Jahres 2016 in Bulgarien)
www.medivalleywinery.com
Edoardo Miriglio Wine Cellar, Elenova (mit Hotel)
www.emiroglio.wine.com
Santa Sarah, Goritza (bekannt für die Marke Zar Simeon)
Villa Melnik, Harsovo

www.villamelnik.com

Rebfläche rund 65 000 Hektar (früher etwa das Doppelte)
Ernte ca. 1,7 Mio. hl (2015)

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