Schloss Eltz, Rheingau

Zeitreise mit Grafen

Text und Fotos: Alice Gundlach

  • Karl Graf zu Eltz (r.), Gräfin Sophie (l.) und Sohn Philipp (M.) bei der Erinnerungsprobe, die im Wein-gut Robert Weil stattfand

Obwohl das Weingut der Grafen zu Eltz im Rheingau im Jahr 1976 aufgegeben wurde, haben die Weine von dort noch immer einen legendären Ruf. Und das zu Recht, wie eine Erinnerungsprobe mit vornehmlich edelsüssen Raritäten zeigte. 

Eine Weinprobe von einem Weingut, das es seit 40 Jahren nicht mehr gibt – das klingt wie eine Zeitreise. Dazu noch von einem, das seinerzeit eines der meistprämierten deutschen Weingüter überhaupt war und als mindestens das beste im Rheingau galt. Dr. Karl Graf zu Eltz und seine Frau Gräfin Sophie nahmen das Jubiläum zum Anlass, ihren Keller zu plündern und einige Raritäten der ehemaligen Gräflich Eltz’schen Güterverwaltung Eltville in die Verkostung zu geben: von Kabinett bis Trockenbeerenauslese, von den Jahrgängen 1947 bis 1979. Angeregt worden waren sie vom FAZ-Korrespondenten Oliver Bock. 

Vor allem die rest- und edelsüssen Weine hatten seinerzeit zum Weltruf des Weingutes beigetragen. Das trifft sich für eine Erinnerungsprobe nach so vielen Jahren natürlich gut. Insgesamt 16 Weine kamen bei der Probe ins Glas – plus einem Überraschungswein, der als einziger kein Riesling war, sondern eine Scheurebe. Diese hatte man anlässlich des 100. Geburtstages der Aromasorte eingeklinkt.

Natürlich übersteht nicht jeder Wein eine so lange Lagerzeit völlig makellos – dennoch war der Zustand der allermeisten verkosteten Weine nahezu erstaunlich. Karl Graf zu Eltz kommentierte: «Überrascht hat mich vor allem, dass die Eisweine noch so lebendig waren.» Überdies fand sich nur eine einzige Flasche mit einem Korkschmecker. «Der Riesling ist keine Rebsorte, die früh getrunken werden sollte. Sie behält mit dem Alter die Frische, während sich ihre Säure abbaut», konstatierte Günter Ringsdorf, der ehemalige Wirtschaftsdirektor des gräflichen Weingutes.

Der Eltzer Hof in Eltville ist seit 1629 fast durchgehend im Besitz der Familie. Als Jakob Graf zu Eltz, Karls Vater, mit seiner Familie nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1947 aus ihrer ehemaligen Heimat Kroatien dorthin zurückkehrte, waren in dem Gebäude Kriegsflüchtlinge untergekommen. Diese abzuweisen, kam nicht infrage. Die Rebfläche war damals auch grösstenteils anderen landwirtschaftlichen Produkten vorbehalten – Sättigendes hatte in der Nachkriegszeit nun einmal Vorrang. Erst nach und nach wurde dort auch wieder Wein angebaut. Trotzdem gab es bei der Probe auch einen 1947er Kabinett zu verkosten. «Damals hatte er den Spitznamen ‹Heringswein›, weil er oftmals gegen Fisch getauscht wurde», berichtete Karl Graf zu Eltz.

Dass das Weingut später trotz seines anhaltenden Ansehens aufgegeben wurde, kam so: Mitte der 1970er Jahre sollte bei Eltville eine Umgehung für die Bundesstrasse gebaut werden – und die geplante Strecke ging durch die Weinberge mehrerer anderer Winzer. Jakob Graf zu Eltz war damals Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes und daher ein wichtiger Ansprechpartner in dem Verfahren. Schliesslich entschied er sich dafür, seine Weinberge dem Land Hessen zu verkaufen, damit sie den betroffenen Winzern als Tauschland angeboten werden konnten. Das tat er allerdings auch, weil er sich damals aufgrund eines missglückten Investments in eine Warenhauskette in finanziellen Schwierigkeiten befand. Ausserdem sah ein Alternativplan vor, dass die Bundesstrasse am Rhein entlanggeführt werden sollte – und damit auch direkt den Eltzer Hof flankiert hätte. Dennoch: «Meinen Vater hat es schon grosse Überwindung gekostet, seine Weinberge abzugeben, nach 800 Jahren», erinnerte sich Karl Graf zu Eltz. Es folgte eine Übergangszeit, weshalb es noch Jahrgänge bis 1979 gibt, die dann im Eltviller Weingut Langwerth von Simmern ausgebaut wurden. Auf den Etiketten dieser Weine änderte sich dann auch der Name des Weingutes in Güterverwaltung Schloss Eltz. 

Weltweit rund 15 000 Flaschen

Der Eltzer Hof befindet sich heute noch immer im Besitz der Grafen, die sonst auf Burg Eltz in der Eifel residieren. Das Gebäude in Eltville ist derzeit aber nicht renoviert, weshalb die Erinnerungsprobe im Kiedricher Weingut Robert Weil stattfand. Inhaber Wilhelm Weil stellte seine Räumlichkeiten gerne zur Verfügung: «Ich habe mein Leben lang Eltz-Weine gesammelt», verriet er.

Karl Graf zu Eltz schätzt, dass es heute noch 10 000 bis 15 000 Flaschen des Weingutes auf der Welt gibt. So sei ihm berichtet worden, dass Eltz-Weine vor nicht allzu langer Zeit auf einer Weinkarte in einem Hotel in Las Vegas gesichtet worden seien. Wie viele Flaschen heute noch in den Kellern der Grafen Eltz schlummern, verriet er jedoch nicht. Günter Ringsdorf sagte dazu: «So viele, wie es sich für eine gepflegte Schatzkammer eines renommierten Weingutes gehört.» Der älteste, das berichtete der Graf dann doch noch, stammt aus dem Jahr 1893.

Retrospektive Die besten Prädikats-Jahrgänge des Schloss Eltz

18 Punkte
Eltviller Mönchhanach
Riesling Kabinett 1947
So viel Frische würde man nicht erwarten. Im Glas zeigt sich eine hellgoldene Farbe. Der Duft erinnert an gedörrte Aprikose, aber auch an Apfel. Die Aromen sind sehr dezent, unterlegt von einer leichten Petrolnote. Man merkt ihm eine saubere Machart an: Trotz 70 Jahren auf dem Buckel ist dieser Riesling Kabinett absolut trinkbar.

18.5 Punkte
Rauenthaler Baiken
Riesling Spätlese 1964
Eine abgestufte Auslese mit 50 Gramm Restzucker aus einem heissen Jahr. Bernsteinfarbe im Glas und feiner, pulverartiger Weinstein. Das Bouquet von Aprikosenmarmelade und Met. Am Gaumen strukturiert eine stabile Säure die Süsse. Dazu kommen eine äusserst vornehme, leise Firne und Aromen von Bittermandel und Orangeat. Keine wahrnehmbare Oxidation.

19 Punkte
Rüdesheimer Berg Roseneck Riesling Auslese 1971
Bernsteinfarben mit einem blumigen, an Honig und Karamell erinnernden Bouquet. Am Gaumen mit einer feinen Würze, aber keinerlei Bitternoten. Die Textur ist schmelzig, fast ölig; voll konzentrierte Aromen. Im Abgang zeigt sich eine grossartige Länge. Ein mehr als würdiger Vertreter eines historisch sehr guten Jahrgangs.

19 Punkte
Eltviller Sonnenberg
Riesling Eiswein BA 1973
Ein Wein wie ein raffiniertes Dessert mit einer dunkelgoldenen Färbung. Im Duft opulente Aromen von Rosine und Karamell. Am Gaumen zeigen sich eine schmelzige gelbe Frucht sowie feine Biskuit-Noten. Die Säure überrascht dann mit einem späten Auftritt im Abgang. Aus einem Jahrgang, der für seine Fülle an Beerenauslesen bekannt ist.

19 Punkte
Eltviller Sonnenberg
Riesling Beerenauslese 1970
Orange bis goldbraune Färbung im Glas. Wirkt überraschend frisch und saftig, traubig und leicht kräuterwürzig in der Nase. Am Gaumen zeigt er sich schlank und dennoch ausdrucksstark mit vollen Aromen und einem untadeligen Säurespiel. Ein Hauch von Edelfäule ist wahrnehmbar, sie stört jedoch in keiner Weise. Ein Wein mit Understatement.  

18.5 Punkte
Eltviller Sonnenberg
Riesling Trockenbeerenauslese 1962
Seine dunkle, an Kaffee erinnernde Farbe passt zu seinen Aromen: Anklänge an Rumtopf zeigen sich im Bouquet, am Gaumen Lakritze und Pflaumenmus. Aussergewöhnlich konzentriertes Mundgefühl. Ein Schwergewicht in vieler Hinsicht – er demonstriert das Potenzial der Lage Sonnenberg, die manch ein Kenner als unterschätzt einstuft.

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