STEILLAGEN

AKTE STEILLAGEN

Text: Ursula Geiger

Du stehst in der Hitze und kappst die langen Triebe deiner Rebstöcke mit der Heckenschere. In den flachen Lagen unter dir rattert der Laubschneider über den Drahtrahmen und stutzt das wilde Grün der Rebzeile zu einer Hecke, die dem Park von Versailles alle Ehre machen würde. Du weisst, der Kollege dort unten hat seine Reben schneller und müheloser gepflegt und wird seinen Wein 20 Prozent günstiger verkaufen können. Und die 20 Prozent, die du mehr verlangst, werden deinen Aufwand kaum decken. Jeder andere produzierende Betrieb hätte schon längst die Segel gestrichen. Ein Plädoyer für Traditionalisten, Idealisten, Visionäre und für Weintrinker, die bereit sind, zukünftig für Weine aus steilen Lagen tiefer ins Portemonnaie zu greifen.

 

Vier Winzer stehen unten am Berg. Mit dabei Gérard Dorsaz, breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt. Er nickt mit einer schnellen Kopfbewegung in die Höhe zu einer Rebparzelle, geformt wie ein Bauch, der über den Hosenbund hängt: «Das ist der Hermitage-Berg von Fully», spielt er auf die berühmte französische Steillage an der Rhone an. «Wenn ich da oben arbeite, sehe ich den Grund unter meinen Füssen nicht mehr.» Der Grund ist das Rhone-Tal bei Fully im Wallis, und der Bauch gehört zum östlichen Ausläufer des Combe d’Enfer, zu Deutsch Höllenschlund. Eine steil ansteigende Arena mit drei Hektar Kleinterrassen, die von fünf Kilometer Trockenmauern befestigt werden. 150 Jahre haben die Mauern dem Druck des Berges getrotzt und sind jetzt sanierungsbedürftig, wie überall im Wallis, dessen Trockenmauern aneinandergereiht mit 3000 Kilometern länger sind als die Chinesische Mauer.

Am Combe d’Enfer ist ein Bagger laut zu Gange. Eine Rebparzelle soll wieder bepflanzt werden. Gebaggert wird auch für die Mechanisierung. Wenigstens ein Raupenfahrzeug soll dort fahren und die engen Kurven zwischen den Rebzeilen nehmen können. Die Trockenmauern zwischen den Terrassen werden wieder wie vor 150 Jahren aufgebaut, die Steine liegen schon auf einem Haufen bereit. Ein Mehraufwand, den es beim Weinbau in der Ebene nicht gibt und der weiterhin jährlich zu Buche schlagen wird, denn die Trockenmauern im Combe d’Enfer kosten die Winzer rund 30 000 Franken Unterhalt pro Jahr. Die Versuchung, die Mauern mit Beton zu befestigen, ist gross, doch für diese Technik gibt es keine Fördergelder. Lernt, wie früher Trockenmauern bauen, forderten Ämter und Behörden.

«Mit Jammern erreichen wir nichts. Wir müssen nicht glauben, dass die Leute mehr für eine Flasche Wein zahlen, nur um unsere Steillagen zu retten. Wir müssen uns touristisch entwickeln und Wein, Landschaft, Kulinarik und Menschen im Bewusstsein der Konsumenten verankern.»

Dr. Götz Reustle Vorstands-vorsitzender der Felsengartenkellerei, Württemberg

Der Combe d’Enfer steht exemplarisch für die steilen Lagen in vielen anderen Weinregionen Europas, wo Maschinen nicht eingesetzt werden können, allenfalls eine Seil- oder Schienenbahn, um schwere Lasten zu transportieren. Hier gibt es keine Mechanisierung, die das Bewirtschaften von Hunderten von Hektar ermöglicht. Das schwächt diese grossartigen, so gern bewunderten Kulturlandschaften in Europa. So ist es an der Mosel oder in den streng geometrisch angelegten Rebkulturlandschaften aus Mauern und Staffeln im Neckar- und Enz-Tal. Ebenso in der verwunschenen, kaum bekannten Reblandschaft des Val de Sil in der spanischen Ribeira Sacra. Im Veltlin und im Aosta-Tal, wo sich die Rebterrassen an die Alpenhänge drängen.

Extremweinbau findet auch im Cinque Terre statt, hoch über der ligurischen Küste, wo der Tourismus die pittoresken Dörfer überschwemmt und die Gäste in den wie Pilze aus dem Boden schiessenden Fast-Food-Läden lieber Cola als Wein der Region trinken. Der kultivierte, dem lokalen Genuss verpflichtete Weinreisende staunt über die Schönheit der Landschaft, die Physis der Winzer und zuckt dann zusammen, wenn er ab Hof 15 Euro für eine Flasche Wein zahlen soll.

Die Kulturfläche nicht dem Wald preisgeben

Rentiert sich der Weinbau in den steilen Lagen nicht mehr, wird er aufgegeben. Das war an der Mosel in den letzten Jahrzehnten der Fall. Rund ein Drittel der steilsten, oft terrassierten Lagen, die dort etwa sechs bis sieben Prozent der Rebfläche stellen, verschwanden. Unzugängliche Parzellen, deren Rebstöcke nicht mehr gepflegt wurden. Sich selbst überlassen wachsen die Reben kreuz und quer. Diese Drieschen sind ein Eldorado für Rebkrankheiten, die auf die bewirtschafteten Nachparzellen übergreifen. Laut Gesetz muss aufgegebenes Kulturland gerodet werden. Doch einmal gerodet verbuscht es, und dann erobert sich der Wald das zurück, was vor 2000 Jahren der Mensch dem Berg mühsam abgerungen hat.

Verbuschen die Terrassen, gehen wertvolle ökologische Nischen verloren. Gegen diesen Trend wehren sich zehn Mosel-Winzer, die sich zum Klitzekleinen Ring zusammengeschlossen haben, mit ihrem Konzept «Bergrettung» seit zehn Jahren. Sukzessive bewirtschaften sie aufgegebene Parzellen und sorgen dafür, dass die Riesling-Reben wieder in der traditionellen Einzelpfahlerziehung der Mosel gepflegt werden. Einmal instand gesetzt sind die Parzellen wieder attraktiv und werden von Weingütern übernommen.

Kostendeckung ist das Ziel

Die zehn Retter ziehen dann im Auftrag des Rieslings weiter zur nächsten Sorgenparzelle und keltern aus den Trauben der reanimierten Flächen Riesling, den sie unter dem Label «Bergrettung» vermarkten. Mit von der Partie ist Thorsten Melsheimer, Ökowinzer und Naturweinproduzent. Seit 200 Jahren betreibt die Familie Steillagenweinbau. Von zwölf Hektar sind sechs terrassiert und damit Handarbeitslagen, die andere Hälfte wird im Seilzug bearbeitet. Nur 5000 Quadratmeter könnten im Direktzug mit dem Traktor gepflegt werden. «Ich rechne mit dem Drei- bis Vierfachen an Kosten für eine Flasche Steillagenwein gegenüber der Produktion im Direktzug. Für meine Handarbeitslagen brauche ich im Sommer eine Person pro Hektar. Eine so produzierte Flasche muss im Basissegment 15 Euro kosten», sagt Melsheimer und fährt fort: «Doch die Mühe lohnt sich, denn immer mehr Konsumenten interessieren sich dafür, wo und wie und mit welchen Auswirkungen ihre Lebensmittel produziert werden, und sind bereit, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Das kommt auch den Steillagen zugute. Zumindest konnte deren Rückgang gestoppt werden.»

Die Winzer der EU beziehen für die Bewirtschaftung der Steillagen Subventionen. Hier sei zu sehr die Giesskanne am Werk, meint Melsheimer, denn bezuschusst wird bereits ab einer Hangneigung von 35 Prozent, und diese Parzellen könnten durchaus noch mechanisch bearbeitet werden. Besser wären höhere Zuschüsse für die Handarbeitslagen und für den Erhalt der Trockenmauern, die an der Mosel häufig aus Gabionen und Schiefer gebaut werden.

Um Steine wird auc him Schwäbischen gekämpft. Wer einmal im Winter die strenge Geometrie der Mäuerleswengert aus Kleinstparzellen und Staffeln an den Steilhängen des Neckar- und Enz-Tals betrachtet, kann sich kaum vorstellen, dass der dort produzierte Wein für unter 5 Euro im Supermarktregal steht. Auch das neue Anbaugesetz der EU sorgt für rote Köpfe. Konnten früher Pflanzrechte aus Steillagen nicht in die Ebene verlegt werden, ist das Gesetz nun gelockert. Wer heute eine Fläche in der Steillage neu anlegt, muss diese nur sieben Jahre bewirtschaften, dann kann er sie aufgeben und in der Ebene neu pflanzen. So werden flache Anlagen erweitert, Steillagen drohen zu verschwinden. Die Idee dahinter: Weinbau soll dort betrieben werden, wo es wirtschaftlich ist. Und das sind die Mäuerleswengert nicht.

«Unser Weinbau in den Steillagen ist nicht mehr wettbewerbsfähig», sagt Dr. Götz Reustle, Vorstandsvorsitzender der Felsengartenkellerei in Besigheim. Von der Ausdehnung der Fläche in die flachen Lagen hält er wenig: «Wir haben doch kein weltweites Versorgungsproblem mit Wein. Im Gegenteil. Früher hat man den Wein noch verteilt, heute vermarkten wir ihn mit sehr viel Aufwand.» Reustle nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er erzählt, dass die Luft für die Winzer immer dünner wird, dass nur wer knallhart kalkuliert und über genügend Lagen im Direktzug verfügt, auch wirtschaftlich produzieren kann. Denn nur dann sind die Kosten für externe, saisonale Arbeiter für die Handarbeitslagen ausgeglichen. «Mit Jammern erreichen wir nichts», meint Reustle. «Wir müssen nicht glauben, dass die Leute mehr für eine Flasche Wein zahlen, nur um unsere Steillagen zu retten. Wir müssen uns touristisch entwickeln und Wein, Landschaft, Kulinarik und Menschen im Bewusstsein der Konsumenten verankern.» 10 bis 12 Euro sollte eine Flasche kosten, doch dieses Segment ist hart umkämpft und mit der hellroten Spezialität Trollinger nur in Kleinstmengen zu erreichen. Internationale Sorten mit höherem Marktpotenzial wie Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon könnten es richten.

«Die Mühe lohnt sich, denn immer mehr Konsumenten interessieren sich dafür, wo und wie und mit welchen Auswirkungen ihre Lebensmittel produziert werden, und sind bereit, dafür einen höheren Preis zu zahlen. Das kommt auch den Steillagen zugute. Zumindest konnte deren Rückgang gestoppt werden.»

Thorsten Melsheimer Steillagenwinzer an der Mosel

Und die schwäbische Paradesorte Lemberger? Die Rebe ist für die heissen Mauerlagen nicht immer geeignet, zu dünn ist die Bodenkrume, zu schnell gerät die Sorte bei Wassermangel in Stress und reift nicht mehr aus. Also Cabernet statt Trollinger und Lemberger. Ein hoher Preis für die Erhaltung dieser jahrhundertealten, so malerischen Kulturlandschaft, die so viele Ahs und Ohs hervorruft und trotz ihrer Schönheit so gefährdet ist, denn auch wenn mit dem Ersetzen der ursprünglichen Sorte durch internationale Edelreben der erforderliche Preis erreicht werden kann, geht so oder so ein Stück Kultur und Tradition verloren.

Im Wallis und in den anderen Regionen in Europa läuft es über den Preis: Wer einen Wein von Elio Altares Joint-Venture-Gut im Wallis kauft, zahlt gut das Dreifache der magischen 10-bis-15-Euro-Grenze, und auch der Ladredo von Dirk Niepoort aus der Ribeira Sacra liegt in diesem Bereich. Niepoort engagiert sich dort seit 2008 und produziert rund 2000 Flaschen. Die Ähnlichkeit der Granit- und Schieferböden mit denen im Douro-Tal fasziniert ihn, das Klima ist weniger heiss als am Douro und dennoch wärmer als im Rest von Galicien. Seit die Ribeira Sacra in das Bewusstsein der Weinfreaks gerückt ist, werden die Steillagen besser erhalten und die Reben akribischer gepflegt, was sich auch bei den Weinen bemerkbar macht. Der faire Preis, den der Konsument für harte Arbeit zu zahlen bereit ist, zeigt hier Wirkung und könnte wegweisend für andere Gebiete mit einem hohen Anteil an Seilzug-oder Handarbeitslagen sein.

ENTSTANDEN IM SCHWEISSE VON DES WINZERS ANGESICHT

 

Rodriguez Perez & Niepoort, Brosmos, Ribeira Sacra DO Ladredo 2012

16 Punkte | 2016 bis 2020

Viel Würznoten, Garigue, Noten von Erdnüssen und dunkler, herber Frucht sowie Kirsche. Feinkörnige Struktur schon im Ansatz, kräftige Säure und schlanke 13 Vol.-%. Die Bodenstrukturen aus Granit und Schiefer erinnern an das Douro-Tal, doch ist es hier kühler als in Portugal und wärmer als in Galicien.

www.cielo-del-vino.de

www.riegger.ch

 

Dominio do Bibei, Ourense, Ribeira Sacra DO Lacima 2012

15.5 Punkte | 2016 bis 2018

Die Trauben werden früher geerntet, wobei die Reife der Tannine exakt ausgelotet wird. Leicht balsamische Noten, dann rotbeerige Frucht, Gewürz und kräuterwürzige Noten. Am Gaumen Röstnoten vom Holz, bleibt wunderbar lang. Hervorragender Begleiter zu Schmorgerichten mit viel Fleisch.

www.cielo-del-vino.de

www.vinothek-brancaia.ch

 

Azienda Agricola Campogrande – Altare & Bonanni, Riomaggiore, Cinqueterre Campogrande DOC 2012

17 Punkte | 2016 bis 2018

Nach dem Karaffieren Noten von Haselnüssen, weissen Blüten sowie getrockneten Quitten und frisch gepressten Äpfeln. Geschmeidig und üppig am Gaumen, frisch und mit klaren Kernobstnoten im Finish. Nichts für den schnellen Genuss.

www.gute-weine.de

www.studer-vinothek.ch

 

La Perla – Marco Triacca, Teglio, Valtellina Superiore DOCG La Mossa 2011

17 Punkte | 2016 bis 2018

Typisch Nebbiolo: helle Farbe, aber die grösstmögliche Eleganz in der Nase und am Gaumen. Duftet nach Backpflaumen, Leder und Herbstlaub. Die perfekt integrierte Säure und die zarten Noten von Waldbeeren bleiben bis zuletzt. Grossartig!

www.vini-laperla.com

www.danimatterweine.ch

 

Tom Litwan, Schinznach Dorf, Aargau AOC Auf der Mauer Pinot Noir 2013

16 Punkte | 2016 bis 2020

Dieser Pinot wächst im Schenkenbergertal auf einer steilen Parzelle, gestützt von vier Meter hohen, bis zu 300 Jahre alten Mauern. Typische, etwas zurückhaltende Nase mit sehr feiner Würze und sehr gut integrierten Röstnoten. Am Gaumen elegant, nobel mit feinem Säurenerv und guter Länge.

www.vinothek-brancaia.ch

 

Der Klitzekleine Ring, Traben-Trarbach, Mosel, Riesling Spätlese Bergrettung 2012

15 Punkte | 2016

Leichter Mosel-Riesling mit typischer Frucht, frischer Säure und bereits leichten Reifenoten. Die zarte Restsüsse passt zur rassigen, lebhaften Säure. Gekeltert aus biologisch bewirtschafteten, beinahe aufgegebenen Steillagen. Das Verdienst von zehn engagierten Winzern im Mosel-Tal.

www.klitzekleinerring.de

 

Gérard Dorsaz, Fully, Valais AOC Noblesse Ermitage 2008

17 Punkte | 2016 bis 2025

Gekeltert aus der Rebsorte Marsanne, stammt dieser Süsswein aus den Granit- und Gneislagen des im Text beschriebenen Combe d’Enfer. Goldgelbe Farbe, Honigduft, Noten von vollreifer Mango, Litschis und üppigen weissen Blüten. Am Gaumen honigsüss, geschmeidig, sehr gut strukturiert, Noten von nassem Stein im Finish.

www.gerarddorsaz.ch

 

La Perla – Marco Triacca, Teglio, Sforzato di Valtellina DOCG Quattro Soli 2012

16 Punkte | 2016 bis 2020

Drei Monate trocknen die Nebbiolo-Trauben, dann werden sie auf der Maische vergoren. Der Wein reift in ungetoasteten Barriques. Duftet nach Zwetschgenmus und Brombeer-Confit, die Würze vom Holz ist dezent, perfekt integriert und stützt die pure Süsse der Frucht.

www.vini-laperla.com

www.danimatterweine.ch

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