Steillagen in der Toskana

Unter den Gipfeln herrscht Pinot

Text: Christian Eder

Das ist die andere, alpine Seite der Toskana: Zwischen den Kastanienwäldern und Viehweiden des Mugello, der Lunigiana und des Casentino findet man seit geraumer Zeit immer wieder neue winzige Rebberge, zum Teil auch in Steillagen. Die Winzer dort lassen den traditionellen Sangiovese links liegen und setzen auf weisse Sorten und Pinot Noir.

Sangiovese, der Platzhirsch der Toskana, der die besten Rebberge zwischen Grosseto, Florenz und Pisa dominiert, ist nämlich nicht überall dafür geeignet, grosse Weine hervorzubringen. In den Steillagen jenseits von 500 Metern im Chianti-Gebiet oder an den Flanken der Gipfel des Apennin stehen andere Rebsorten im Fokus: Winzer Marco Pallanti setzt bei Castello di Ama und seiner Lage Bellavista in Gaiole in Chianti auf Merlot, dies seit 1985. Colle Bereto in Radda in Chianti setzt gar auf Pinot Noir. Und die Marchesi de’ Frescobaldi pflegen auf ihrem Castello di Pomino im Osten von Florenz ebenfalls schon seit dem 19. Jahrhundert Burgunder-Sorten: Ihr Rebberg Benefizio, auf dem ein kernig-eleganter Chardonnay entsteht, liegt gar mehr als 700 Meter über Meer.
Aber die Speerspitze einer «anderen» Toskana sind die Winzer, die im Mugello, in der Lunigiana und dem Casentino immer neue Hoch- und Steillagen für sich entdecken. Und Rebsorten, an denen ihr Herz hängt. «Sangiovese reift bei uns einfach nicht aus», berichtet mir Vincenzo Tommasi. «Vor Ende Oktober, Anfang November kann man die Sorte hier nicht lesen und da ist der Frost schon ein grosses Risiko. Deshalb hat der Weinbau in dieser Region so gut wie keine Tradition.» Jetzt, im Januar, hat es gerade geschneit, wohl zum letzten Mal in diesem Jahr. Wir stehen zentimetertief im weissen Pulver, das Vincenzos Rebberg überzuckert hat. Dieser liegt oberhalb von Pratovecchio Stia, einem kleinen Städtchen im Casentino im Norden der Provinz Arezzo. Ganz in der Nähe entspringt der Fluss Arno, der sich von hier aus in Richtung Florenz und Meer windet.

Vincenzo Tommasi ist stolzer Besitzer von zwei Hektar Pinot-Noir-Reben auf seiner Podere della Civettaja in 500 Meter Meereshöhe. Einst Kellermeister der Marchesi de’ Frescobaldi auf Nipozzano, hat er sich schon vor langer Zeit in das Burgund verliebt und zu Hause bald die ideale Lage für seine kleine Burgund-Enklave gefunden. «Natürlich ist nicht das ganze Tal für Pinot Noir geeignet», meint Vincenzo, «aber Böden mit viel Lehm und Schlick wie hier sind ideal. Dazu kommen die Abendsonne und die gute Ventilation als restliche Zutaten.»

Das Casentino ist der alpinste Teil der Toskana: Hier wachsen keine Olivenbäume mehr, dafür blinkt der Schnee von den Gipfeln des Apennin und kühle Brisen sorgen auch im Sommer für ausgewogenes Klima. An den Hängen des Monte Falterona (1654 Meter ü. M.) kann man sogar Ski fahren. Im Sommer ist dieser Gipfel der Aussichtspunkt eines dicht bewaldeten Nationalparks: Parco delle Foreste del Casentino heisst er und verbindet das Tal des Casentino in der Provinz Arezzo mit dem Mugello im Norden von Florenz. 

Frische, Charakter und Eleganz

2005 hat Vincenzo den Grund hier gekauft und 2006 ausgepflanzt. Zwischen Anfang und Mitte September liest er seine Trauben. Die einzelnen Lagen vinifiziert er separat. In Reih und Glied, wenn auch etwas beengt, liegen in einem kleinen Bauernhof neben dem Rebberg die Holzfässer, aus denen wir den Wein «In Evolution» probieren: Ein Jahr bringt der Pinot Noir dort zu, danach ein halbes Jahr im Zementtank, bevor er in die Flasche kommt. Vom Jahrgang 2015 ist Vincenzo begeistert: Vielleicht wird es gar sein bester Pinot bislang, meint er. Schon im Zementtank kombiniert er Frische, Charakter und Eleganz.

Vincenzo war sechs Jahre Präsident der Associazione Vignaioli dell’ Appennino Toscano – Vignaioli del Pinot Nero –, eines losen Zusammenschlusses der Winzer des toskanischen Apennin, die sich dem Blauburgunder verschrieben haben. Gemeinsam verkosten die Vignaioli ihre Weine, gemeinsam treten sie bei Messen auf. Vincenzo ist im Casentino die Ausnahme: Seine Kollegen sind eher im Mugello zu finden, auf der anderen Seite des schneebedeckten Passo della Calle.

Das Hochtal Mugello erstreckt sich dort von Barberino del Mugello nördlich von Florenz bis an die Grenze des Chianti Rufina. Auch hier hat der Rebbau kaum Wurzeln geschlagen, obwohl die Medici bereits im 15. Jahrhundert rund um ihr Stammschloss Villa Medica di Cafaggiolo Rebberge kultiviert haben. Zu hoch sind die Lagen, zu streng die Winter.

Auf die zarte Weinbautradition des Mugello hat sich Alessandro Brogi vor gut zehn Jahren trotzdem besonnen. Nur ein paar hundert Meter von der Villa Medica entfernt hat der Architekt 1997 ein Gut erworben, 2001 ausgepflanzt und 2004 den ersten Pinot Noir auf den Markt gebracht. Heute produziert er drei Etiketten: Zwei Blauburgunder benennt er nach der Lage, Fortuni und Coldaia, der dritte, die Riserva 1465, ist ein Blend: Sechs seiner Lagenweine vinifiziert er separat und verschneidet dann die besten Partien aus den Barriques, in denen sie ein Jahr verbringen. Die Riserva 2010 ist Eleganz pur, gekeltert werden davon nur 3600 Flaschen.

Das Mugello ist kein Gebiet, das der typischen Toskana entspricht. Statt einer Weinstrasse gibt es eine Milchstrasse, statt Pinien und Zypressen Wälder mit Kastanien; Getreidefelder wechseln sich mit Wiesen ab, weiter oben gibt es auch hier Skipisten. Die Höhenlage und die auch im Sommer angenehmen Temperaturen haben nicht nur die Medici bewogen, sich im Mugello niederzulassen. Auch der Florentiner Goldschmied Paolo Cerrini stiess Anfang der 1990er Jahre auf ein kleines verlassenes Gut in Vicchio, der Geburtsstadt des Malers Giotto, und beschloss, seinen Beruf an den Nagel zu hängen und sich nur noch dem Weinbau zu widmen. 

Volle Aufmerksamkeit, jeden Tag

Heute hat er gerade mal zwei Hektar unter Reben: Vinifiziert wird im Freien, seine Holzfässer lagern im Anbau seines Wohnhauses, das man nur über eine holprige Schotterstrasse erreicht. Selbst das Navi war ratlos, Paolo musste mich an einer Tankstelle an der Hauptstrasse abholen. Seinen Traum hat er sich auf seinem Weingut Il Rio trotzdem verwirklicht: einen grossen Blauburgunder zu kreieren, wie ihm Journalisten und Winzerkollegen bescheinigen. «Leider gelingt mir das nicht immer», seufzt Paolo.

Wir sitzen gemeinsam mit seiner Frau Manuela in der Küche und Paolo hat eine kleine Vertikalprobe seines Pinot Nero Ventisei aufgereiht: Der älteste, 2010, war ein grossartiger Pinot, sind wir einer Meinung, vielleicht wird auch 2016 wieder ähnlich. Dann frage ich den Winzer, was die Faszination dieser Rebsorte für ihn ausmache. Paolo meint: «Wahrscheinlich, dass man sich auf ihn konzentrieren muss. Er braucht jeden Tag im Rebberg und im Keller die volle Aufmerksamkeit.» Das Terroir im Apennin sei dafür besser geeignet als andere Zonen in der Toskana, fügt er hinzu. «Trotzdem ist jeder Jahrgang eine Herausforderung: Bei Blauburgunder muss man immer auf Neues gefasst sein.»

«Pinot Nero ist immer auch ein Beschreiber eines Territoriums», erklärt mir Michele Lorenzetti wenig später: Das seines Freundes und Fast-Nachbarn Paolo Cerrini mit seinen sandig-lehmigen Böden sei ebenso dafür geeignet wie Micheles Steillage Gattaia mit ihren felsigen Komponenten: Der Weinberg liegt oberhalb von Vicchio auf 600 Metern und wurde 2006 mit Pinot Nero, Sauvignon, Riesling und alten Varietäten aus dem Loire-Tal bestockt. Insgesamt zwei Hektar hat Michele Lorenzetti dort unter Reben und bewirtschaftet sie streng nach den Lehren Rudolf Steiners.

Denn Michele ist überzeugter Biodynamiker und berät Weingüter in ganz Italien. «Wenn du selbst keinen Rebberg hast, in dem du alles ausprobieren kannst, dann ist es natürlich schwierig, anderen Tipps zu geben», erklärt er seine Motivation, selbst Weinbauer zu werden: «Für mich ist die Traube wichtig und das Wissen um ihre Ingredienzien.»

Untypisch Toskana

Aus seinen weissen Varietäten keltert er auf seinem Gut Terre di Giotto den Gattaia Bianco, einen Blend, lange auf der Maische belassen und charaktervoll. Und natürlich einen Pinot Noir, Gattaia Rosso genannt: Dieser vergärt spontan und bleibt 14 Monate im Holz und 8 Monate im Zement, nur 1000 bis 1500 Flaschen werden davon produziert. Seit 2013 vinifiziert er ihn mit den Stielen. Das gibt dem Wein mehr Komplexität und Struktur und harmoniert gut mit den frischen Fruchtaromen und der feinen Eleganz. «Würde man es nicht wissen, würde man den Ursprung eines solchen Weines nie in der Toskana ansiedeln», meint er verschmitzt, während er den rubinroten kristallklaren Wein im Glas schwenkt, «und dabei stehen wir erst am Anfang, die hohen Lagen und ihr Potenzial auszuloten.»

Michele berät auch seinen Freund Vincenzo Tommasi auf der Podere della Civettaja. 2016 hat Vincenzo ebenfalls einen Teil seines Pinots mit den Stielen vergoren. «Der Wein gewinnt an Charakter», sind sich die beiden einig. Und dass Biodynamik und nachhaltige Methoden an den Flanken des Apennin gute Chancen haben.

Grosse Experimentierfreude und neue Ideen kann man den Winzern des toskanischen Apennin wahrlich nicht absprechen, denke ich mir, als ich mich wieder auf den Weg in Richtung zivilisierte Autobahnen mache. Und auch, dass viel Herzblut in den wenigen Flaschen steckt, die in den Bergen der Toskana produziert werden. Einige davon sind wirklich jeden Tropfen wert. 

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