VINUM-Profipanel | «Rotes Wallis»

Profis haben verkostet: Rotweine aus dem Wallis

Text: Thomas Vaterlaus, Fotos: Linda Polari

Das Wallis ist in den letzten Jahren immer mehr zum Rotweinland geworden. Drei Sorten geben dabei in qualitativer Hinsicht den Ton an, nämlich Syrah, Cornalin und Humagne Rouge. Das VINUM-Profipanel beweist, dass diese Walliser Troika noch nie so sinnlich kraftvolle Weine hervorgebracht hat wie in den letzten Jahren. Dass die dynamische Qualitätsentwicklung es zunehmend schwieriger macht, im direkten Vergleich die Sorte zu erkennen, nehmen wir dabei gerne in Kauf!

Die Rollen in der Walliser Rotweinszene sind bis heute fest verteilt. Der Syrah gilt als das qualitative Aushängeschild der Walliser Winzer, gefolgt vom Urgewächs Cornalin, während der Humagne Rouge noch immer das Image des schillernden Exoten hat. Doch nichts ist in der Weinwelt auf ewig in Stein gemeisselt. Darum stellen wir in diesem VINUM-Profipanel die Frage, ob diese bisherige Hierarchie immer noch ihre Berechtigung hat. Um dies objektiv beantworten zu können, wurden den sechs Verkostern die jeweils acht Weine pro Sorte nicht nur verdeckt, sondern auch in einer zufälligen Reihenfolge serviert. Das wichtigste Fazit der Probe: Alle drei Sorten haben heute ein beeindruckendes Qualitätspotenzial und sind diesbezüglich näher zusammen gerückt. Die acht Syrahs erzielten dabei die höchste Durchschnittsbewertung von 17.56 Punkten, allerdings denkbar knapp gefolgt von den acht Cornalin-Crus, die durchschnittlich mit 17.44 Punkten bewertet worden sind. Und auch die Humagne-Rouge-Gewächse spielen mit 17.25 Punkten in der gleichen Liga.

Durch den Qualitätszuwachs sind die Sorten weniger klar erkennbar als früher. Nur gerade bei sechs der total 24 Weine konnte eine Mehrheit der Verkoster die Sorte identifizieren. Die alte Regel, wonach der Syrah die edelsten und vornehmsten Crus hervorbringt, während der Cornalin mit Power und Würze punktet und der Humagne Rouge mit viel eigenständigem, manchmal gar etwas wildem Temperament, stimmt so nicht mehr. Die fortschreitende Klimaerwärmung und das Know-how der Winzer haben die sensorischen Profile etwas verwischt, aber das können wir gerne verkraften angesichts der beeindruckenden Qualität der verkosteten Weine.

RangBeschreibung
1
18,0/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Jean-René Germanier SA
2
18,0/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Adrian und Diego Mathier
3
18,0/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Adrian und Diego Mathier
4
18,0/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Cave Rodeline, Fully
5
17,5/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Cave des Amandiers
6
17,5/ 20
Punkte
Wallis, Valais, Westschweiz, Suisse romande, Schweiz
Provins Valais

Humagne Rouge

Durchschnittsnote aller acht Humagne Rouge: 17.25 Punkte

Keine Frage: Der Humagne Rouge hat im Wallis mit den letzten Jahrgängen kontinuierlich an Qualität, vor allem aber auch an Finesse zugelegt. Zeigten die Weine früher oft einen etwas sperrigen, ja wilden Charakter (er wurde im Volksmund auch «Höllenwein» genannt), so präsentieren sich die heutigen Humagne beträchtlich generöser und vor allem geschliffener. Diese sehr positive Entwicklung hat wohl auch dazu geführt, dass die Sorte weniger gut erkennbar ist, auch Weinfachleute können sie in Blindproben wie dem VINUM-Profipanel mitunter schwer vom Cornalin unterscheiden. Die spät reifende Sorte gehört zu den Gewinnern der Klimaerwärmung, Topweine erreichen heute fast in jedem Jahrgang die ideale Reife. Zudem verstehen es die Winzer, den Weinen mit einem gekonnten Holzeinsatz exakt jene Würze zu verleihen, die ihnen eine zusätzliche Dimension gibt.

«Das Niveau dieser Verkostung war gut bis hervorragend. Aufgrund dieser qualitativ sehr positiven Entwicklung lohnt es sich für jeden Weinliebhaber, sich mehr mit diesen Sorten zu beschäftigen. Alle drei Sorten sind ideale Begleiter zu aromatischen Gerichten, besonders zu gegrilltem Fleisch, Wurst, geschmorten Speisen, aber auch vegetarischen Gerichten, vor allem dann, wenn sie mit frischen Kräutern abgeschmeckt worden sind.»

Hans Babits Wine Educator, Zürich

Die Sorte wurde vergleichsweise spät erstmals urkundlich erwähnt, nämlich um 1900 in einem Rebsorteninventar in Fully. Schon seit langem wird vermutet, dass die Sorte aus dem Aostatal ins Wallis gekommen ist. Vor rund 20 Jahren haben dann DNA-Analysen ergeben, dass der Humagne Rouge mit dem Cornalin im Aostatal identisch ist. Weil die Sorte als schwierig im Anbau gilt, besonders was die Anfälligkeit für Fäulnis und Magnesiummangel anbelangt, und zudem stark schwankende Erträge aufweist, wäre sie vor 50 Jahren im Wallis beinahe ausgestorben. So waren in den 60er Jahren nurmehr fünf oder sechs Parzellen mit der Sorte bepflanzt. Erst in den 80er Jahren stieg die Anbaufläche wieder. Heute sind wieder 143 Hektar mit der Sorte bestockt. Weil die Sorte den Winzern die Chance eröffnet, authentische, eigenständige Weine hervorzubringen, könnte sie künftig eine noch wichtigere Rolle im Walliser Weinbau spielen. Die Sorte eignet sich auch gut für Assemblagen im Zusammenspiel mit anderen Walliser Sorten und auch Bordeaux-Gewächsen. Unterschiedliche Einschätzungen gibt es bezüglich des Entwicklungspotenzials der reinsortigen Humagne-Rouge-Gewächse. Während etliche Produzenten empfehlen, die Weine vergleichsweise jung, nämlich drei bis fünf Jahre nach der Ernte zu geniessen, wenn die jugendliche Aromatik noch im Vordergrund steht, schreiben andere den heutigen, barriqueausgebauten Selektionen ein wesentlich längeres Reifepotenzial zu.

Shortfacts Humagne Rouge

Herkunft: aus dem Alpenraum, wahrscheinlich dem Aostatal.

Abstammung: Kreuzung aus Rouge du Pays und einer noch unbekannten Sorte.

Rebfläche: Im Wallis sind zurzeit 143 Hektar mit der Sorte bepflanzt, Tendenz leicht steigend.

Anbau: spät reifend, anfällig für Botrytis und Magnesiummangel.

Sensorische Eigenschaften: Die Sorte ergibt kräftige, oft temperamentvolle Weine mit Aromen von Waldbeeren, Unterholz, erdigen, aber auch kräuterwürzigen Noten (Veilchen). Selektionen eignen sich sehr gut für den Ausbau im kleinen Eichenfass (Barrique).

Foodpairing: ideal zu kräftigen Fleischgerichten (Wild), Pilzragout oder reifen Hartkäsen.

Cornalin

Durchschnittsnote aller acht Cornalin: 17.44 Punkte

Der Cornalin hat im Wallis eine geradezu filmreife Geschichte hinter sich, die in gewisser Hinsicht fast schon einer Provinzposse gleicht, die darin gipfelt, dass der Walliser Cornalin in Wahrheit gar kein Cornalin ist. Der wahre Cornalin wäre nämlich eigentlich der Humagne Rouge… Alles klar? Der korrekte Name des falschen Cornalin lautet Rouge du Pays oder zu Deutsch Landroter und gehört im Wallis zu den alteingesessenen Rebsorten. Die Sorte wurde schon 1313 erstmals in einem Rebregister von Anniviers erwähnt. Auch beim ältesten noch lebenden Rebstock der Schweiz, der sogenannten «alten Rebe» von Leuk-Stadt, die im Jahr 1798 gepflanzt worden sein soll, handelt es sich um einen Rouge du Pays oder eben Cornalin. Kein Wunder, denn bis ins 19. Jahrhundert wurde die Sorte im ganzen Wallis häufig angebaut. Erst im 20. Jahrhundert nahm die Anbaufläche schnell ab.

«Die Weine überzeugen mit warmer Fülle und brauchen den internationalen Vergleich nicht zu scheuen. Für jene, die sich nicht regelmässig mit diesen Walliser Weinen beschäftigen, ist die Sorte nur schwer zu eruieren. Das liegt vielleicht auch am Holzeinsatz, der diese Gewächse doch auch stark mitprägt. Mehr aus den Trauben extrahierte Gerbstoffe und etwas weniger Eichenholzwürze würden diesen Crus wohl mehr Identität verleihen.»

Timothy Magnus Weinhändler in Zürich

Der Grund? Zwar war die Qualität der Weine stets unbestritten, doch die spät reifende Sorte galt als überaus kapriziös im Anbau, mit stark schwankenden Erträgen. Darum wurde sie zunehmend von Pinot Noir und Gamay verdrängt. Der Abwärtstrend ging so weit, dass es in den 70er Jahren nur noch einige vereinzelt wachsende Stöcke gegeben haben soll. Gerettet worden ist die Cornalintraube 1972 vom damaligen Rebbaukommissär Jean Nicollier, der neue Selektionen vornahm und damit ihr Überleben im Wallis sicherte. Wohl im Übereifer nahm er eine problematische Namenskorrektur vor. Weil für ihn der ursprüngliche Name Rouge du Pays zu sehr an einen einfachen Landwein erinnerte, was nach seiner Ansicht nicht dem Qualitätspotenzial der Sorte entsprach, suchte er nach einem neuen Namen und entschied sich schliesslich für den Cornalin, in der Annahme, dass die so genannte Sorte im Aostatal ausgestorben war. Das war sie aber nicht. Und weil auch der echte Cornalin im Aostatal eine kleine Renaissance erlebte, ist die Namenskonfusion perfekt. Der kraftvolle und geschmeidige Wein aber, mit seinen Aromen nach schwarzen Kirschen und würzigen, an Nelken erinnernden Noten, liegt im Trend. So sind heute im Wallis wieder rund 150 Hektar mit der Sorte bestockt, Tendenz steigend. Vor allem die in Barriques ausgebauten Topselektionen gehören zu den roten Aushängeschildern des Walliser Weinbaus. Zudem weisen die Weine ein gutes Alterungspotenzial auf.

Shortfacts Cornalin

Herkunft: Die Sorte, die korrekt Rouge du Pays oder zu Deutsch Landroter heisst, stammt aus dem Aostatal, kam aber schon vor langer Zeit ins Wallis.

Abstammung: Kreuzung aus Mayolet und Petit Rouge.

Rebfläche: Im Wallis sind derzeit rund 150 Hektar mit der Sorte bepflanzt, Tendenz leicht steigend.

Anbau: spät reifend erfordert sie gute, warme Lagen. Die Erträge sind stark schwankend. Die Sorte ist sehr anfällig für Botrytis und Echten Mehltau.

Eigenschaften: Die Sorte ergibt kraftvolle Weine mit guter Tanninstruktur. In der Nase dominieren schwarze Kirschfrucht und kräuterwürzige Noten.

Foodpairing: klassische Fleischgerichte, Linsen-Eintopf etc.

Syrah

Durchschnittsnote aller acht Syrah: 17.56 Punkte

Der Syrah ist in qualitativer Hinsicht unbestritten die rote Leitsorte im Wallis, auch wenn der Humagne Rouge und der Cornalin näher gerückt sind. Zudem ist die Sorte auch unter kulturellen Aspekten im Wallis von grosser Bedeutung, verbindet sie doch zusammen mit der weissen Sorte Marsanne (im Wallis als Ermitage bekannt) das schweizerische Rhônetal mit dem französischen Rhônetal, das unter Kennern zu einer der bedeutendsten Weinregionen der Welt zählt. Somit tragen die zwei Sorten dazu bei, die Rhône von ihrem Ursprung am Rhônegletscher bei Gletsch bis zur Mündung ins Mittelmeer bei Saintes-Maries-de-la-Mer in der Camargue als zusammenhängenden Wein-Kulturraum zu sehen. Dies war auch die Intention, als die Sorte im Jahr 1926, also vor bald 100 Jahren, ins Wallis eingeführt wurde. Als vor rund 30 Jahren die Erfolgsgeschichte des Walliser Syrah begann, verglichen die Winzer ihre Crus eher mit leichteren französischen Gewächsen aus Regionen wie Saint-Joseph oder Crozes-Hermitage. Seither hat der Syrah aber im Wallis, auch dank der Klimaerwärmung, deutlich an Fülle und Gehalt zugelegt, so dass manche Gewächse durchaus auch an Paradeweine aus der Côte-Rôtie erinnern.

«Die Verkostung hat mir vor allem gezeigt, dass wir solche Walliser Spezialitäten öfters geniessen sollten. Denn die Qualität ist ausserordentlich, manche Weine sind schlicht Weltklasse, das gilt vor allem für die Syrah, zunehmend aber auch für Cornalin und Humagne. Gerade wir Deutschschweizer, die gerne Weine aus aller Welt geniessen, sollten mehr Stolz zeigen für dieses einzigartige Weintal und seine Weine.»

Stefan Iseli Gastronom, Gastgeber und Weinfreak, Zürich

Frühere VINUM-Vergleichsverkostungen haben denn auch schon mehrfach bewiesen, dass die Walliser Top-Syrahs heute den Vergleich mit Spitzenweinen von der Rhône, aus Südaustralien oder von der Central Coast in Kalifornien nicht scheuen müssen. Kein Wunder, ist die Anbaufläche im Wallis stetig gestiegen, heute sind 171 Hektar mit der Sorte bepflanzt. Die Topweine zeigen sich kraftvoll und gut strukturiert, mit edler Tanninstruktur und Aromen von dunklen Waldbeeren und Gewürznoten, besonders schwarzem Pfeffer und Nelken. Als Prototyp und Vorreiter eines fülligen und vielschichtigen Walliser Syrahs gilt besonders der von Jean-René Germanier und Gilles Besse konzipierte Cayas. Der Wein ist nicht nur der Gesamtsieger dieser Wallis-Verkostung, er ist zudem einer der wenigen Weine, deren Sorte für die Verkoster klar erkennbar war. Der Cayas wird seit 1995 produziert, und zwar in einer für schweizerische Verhältnisse beeindruckenden Menge von rund 30'000 Flaschen. Der «State of the Art»-Syrah durchläuft eine zehntägige kalte Vormazeration und reift zwei Jahre in kleinen Eichenfässern, bevor er abgefüllt wird.

Shortfacts Syrah

Herkunft: französisches Rhônetal, im Wallis seit 1926.

Abstammung: Kreuzung aus Mondeuse Blanche und Dureza.

Rebfläche: Mit 180'000 Hektar liegt sie im weltweiten Rebsortenranking zurzeit auf Platz 6. In der Schweiz sind 202 Hektar mit der Sorte bepflanzt, davon 171 Hektar im Wallis.

Anbau: Die Sorte treibt spät aus und ist vergleichsweise robust gegen Echten Mehltau, hingegen anfällig gegenüber Falschem Mehltau und Botrytis.

Sensorische Eigenschaften: Im Wallis entstehen kraftvolle, gut strukturierte Weine mit Aromen von Waldbeeren und Gewürznoten, besonders Pfeffer.

Foodpairing: klassische Fleischgerichte, Grillgemüse, Eintopf-Spezialitäten.

Die Jury

Von links nach rechts

Miguel Zamorano Redaktion VINUM in Zürich
Sein Favorit: Cornalin Adrian Mathier 2018 von Adrian&Diego Mathier, Nouveau Salquenen in Salgesch.

Nicole Harreisser Redaktion VINUM in Zürich
Ihr Favorit: Humagne Rouge Combaberna 2019 von Provins Valais in Sitten.

Stefan Iseli Gastronom und Gastgeber in Zürich
Sein Favorit: Syrah Diego Mathier 2018 von Adrian & Diego Mathier, Nouveau Salquenen in Salgesch.

Thomas Vaterlaus Chefredaktor VINUM in Zürich
Sein Favorit: Syrah Les Empereurs 2018 von Cave La Romaine in Flanthey.

Hans Babits Wine Educator in Zürich
Sein Favorit: Cornalin La Chaille von Cave Rodeline, Claudine und Yvon Roduit in Fully.

Timothy Magnus Weinhändler und Wine Educator in Zürich
Sein Favorit: Syrah Les Tatzes von Cave des Amandiers, Alexandre Delétraz in Fully.

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