Mit der Europa 2 von New York nach Hamburg

Das Transatlantik-Weintagebuch

Text und Fotos: Thomas Vaterlaus

Zehn Tage dauerte die Fahrt der Europa 2 von New York nach Hamburg mit dem Fläscher Winzer Daniel Gantenbein und VINUM-Chefredakteur Thomas Vaterlaus an Bord. Viel zu kurz angesichts der Weinauswahl an Bord.

 

1.Tag: Bye-bye New York!

Nachts in den Hafen von New York ein oder auszulaufen, das gehört zu den Dingen, die man einmal in seinem Leben gemacht haben sollte. Für schreibende Bohemes wie Ernest Hemingway oder Scott Fitzgerald war der Transatlantik-Liner noch die einzige Möglichkeit, um aus dem provinziellen Mief des damaligen «American Way of Life» nach Paris zu fliehen, während Millionen von europäischen Emigranten in der Fahrt nach New York die einzige Möglichkeit auf eine bessere Zukunft sahen. In den 50er Jahren löste das Flugzeug allmählich das Schiff als wichtigstes Transatlantik-Beförderungsmittel ab. Wer sich heute noch auf einem Transatlantik-Liner einschifft, für den ist die Reise das Ziel. Was sich kaum verändert hat, ist der grandiose Blick auf die erste vertikal gebaute Stadt der Welt und ihren Lichterglanz, der noch zwei Stunden nach dem Ablegen zu sehen ist. Der richtige Wein zu diesem Spektakel ist der Champagner Ulysse Collin Extra Brut Blanc de Blancs –reif, komplex, geradlinig und so belebend wie das Schauspiel des langsam im Schwarz versinkenden New York.

2.Tag: Eisberg Backbord voraus

Schwertwale (Orcas) sorgen an der Backbordseite für Spektakel, dann taucht ein Eisfeld auf, und das nur wenige Hundert Meilen von jener Stelle entfernt, wo die Titanic ziemlich genau vor 103 Jahren gesunken ist… Auch wenn uns die Klimaerwärmung vermehrt Eisberge beschert, sind sie dank der lückenlosen Satellitenüberwachung der International Ice Patrol (IIP) heute weit weniger eine Gefahr als früher. Trotzdem verkündet Kapitän Ulf Wolter kurze Zeit später, dass die Europa 2 aufgrund der Wettervorhersagen nicht mehr die kürzere nördliche Route um Schottland herum verfolgt, sondern nun Kurs auf Südengland beziehungsweise den Ärmelkanal hält.

Der Riesling-Workshop mit Daniel Gantenbein und acht trockenen Gewächsen von der Bordkarte zeigt, dass es nicht die schlechteste Idee wäre, sich auf so einer Überfahrt nur von dieser Sorte begleiten zu lassen. Die Crus von Dr. Loosen, Künstler oder Bassermann-Jordan erfüllen die Erwartungen spielerisch leicht, doch ebenso filigran und dicht zeigt sich der 2010er Kleinbottwarer Süssmund (Grosses Gewächs) vom Weingut Adelmann aus Württemberg. So geniessen wir also mitten auf dem Atlantik ein «Lied von der Erde» – wie es auf dem Etikett steht.

3.Tag: Atlantik-Mariage

Für den «normalen» Gast mag der Kapitän der wichtigste Mann an Bord sein. Für uns aber ist es Sommelier Roland Brenner, Herr über maximal 19 000 Flaschen (aufgeteilt in 450 Positionen). Es sollte also reichen bis Hamburg, auch wenn es offensichtlich ein paar versierte Rosé-Trinker in der Karibik innerhalb einer Woche geschafft haben, sämtliche Gewächse dieser Gattung zu vertilgen. Beim abendlichen Wine & Dine im Bordrestaurant «Tarragon» zeigt sich einmal mehr, dass es bei den überraschenden Mariagen nie nur eine ultimative Wahrheit gibt. Zur Tranche vom rosa gebratenen Rinderfilet mit salzigsüssem Karamell, Pancetta-Jus und Kartoffel-Käse-Bällchen werden ein 2010er Pinot Noir von Martha und Daniel Gantenbein sowie ein 2010er Clos de los Siete von Michel Rolland aus dem argentinischen Mendoza kredenzt. Und siehe da: Beides geht wunderbar, der filigran-saftige Pinot genauso wie der fülligwürzige, aber doch überraschend elegante Neue-Welt-Blend.

4.Tag: Windstärke 10, aber nicht im Glas

Nachdem das Thermometer fast bis auf null Grad gesunken ist, durchqueren wir nun ein Sturmtief mit einer Windstärke von bis zu hundert Stundenkilometern. Schaumkronen flitzen übers Wasser, und auf dem Promenadendeck wurde die dem Wind zugewandte Steuerbordseite aus Sicherheitsgründen gesperrt. Auch das Öffnen der Verandatür in der Kabine erweist sich als keine gute Idee, schleudert doch eine einzige Windböe alle Habseligkeiten kreuz und quer durch den Raum. Aber von der heissen Sauna aus, wo der Blick durch eine Glaswand über das Heck des Schiffes und den Ozean reicht, wirkt der Sturm schon fast gemütlich. Übrigens liegt das Schiff dank zwei sieben Meter langen Stabilisatorenflossen, die bei Bedarf ausgefahren werden können, verblüffend ruhig im Wasser. So ruhig, dass beim Diner im Bordrestaurant «Weltenmeere» der Château Montrose, Jahrgang 2000, nicht die geringste Vibration im Glas zeigt und kein einziger Tropfen verschüttet wird.

5.Tag: «Master and Commander»

15 Grad und blauer Himmel – der perfekte Tag für ein paar Liegestuhlstunden an Deck. Ja, so schnell wechselt das Wetter auf dem Atlantik. Die perfekte Literatur für solche Fahrten ist übrigens die 20-bändige marinehistorische Romanserie «Master and Commander» von Patrick O’Brian über die Erlebnisse des britischen Marineoffiziers Jack Aubrey und des irisch-katalanischen Schiffsarztes Stephen Maturin. Der Leser nimmt nicht nur an Seeschlachten und Stürmen teil, sondern auch am Offiziersleben auf einer Fregatte zur Zeit der Napoleonischen Kriege. Ihren Champagner kühlten die Offiziere damals übrigens, indem sie die Flaschen in nasse Tücher wickelten und sie in den schattigen Bauch eines Marssegels legten, wo sie durch die Verdunstungskälte schnell abkühlten. Beim Pinot-Noir-Workshop am Abend, der als Blindprobe durchgeführt wird, findet der Gantenbein-Pinot am meisten Zustimmung, gefolgt vom Block-B-Pinot des Weingutes Schubert (Neuseeland) und dem Grossen Gewächs Sankt Pauls von Friedrich Becker aus der Pfalz. Nicht so richtig in Szene setzen können sich – fast schon erwartungsgemäss – die Burgunder.

6.Tag: Blaues Band ade!

Eine Exkursion in den Bauch des Schiffes, wo das Trinkwasser aufbereitet, der Kehricht verbrannt, das Glas geschreddert und gelagert wird und wo natürlich vier Reihen von Sechszylinder-Viertaktdieselmotoren elektrische Energie produzieren, nicht nur für den Komfort der Gäste, sondern auch für den Antrieb des Schiffes. Mit gut 20 Knoten schlägt die MS Europa übrigens ein vergleichsweise moderates Tempo an. Sie fährt ungefähr so schnell wie die RMS Campania, die im Mai 1893 das legendäre Blaue Band für die höchste Durchschnittsgeschwindigkeit auf der Atlantik-Überfahrt holte. Das schnellste Passagierschiff auf der Transatlantik-Route war übrigens die United States, die im Juli 1952 auf Ostkurs eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 35,6 Knoten erreichte. Sie hätte damit die Fahrt von New York nach Hamburg locker in fünf Tagen geschafft. Der Nachteil: Den Passagieren ist bei diesem Tempo wohl öfters der Wein aus dem Glas geschwappt.

7.Tag: Gantenbein ahoi!

Mit der Gantenbein-Vertikale erleben wir den Höhepunkt unseres VINUM-Verkostungsprogramms. Kredenzt werden Chardonnays und Pinot Noir der Jahrgänge 2012, 2011, 2008 und 2007. Fazit: Wir erkennen die durchgehend burgundische Stilistik dieser zwei Weine bei durchaus wahrnehmbaren Jahrgangsunterschieden. Interessant ist, dass beim Jahrgang 2007 der Pinot Noir noch überraschend jugendlich straff wirkt, während der Chardonnay erste edle Reifenoten zeigt. Erkennbar ist auch, dass Martha und Daniel Gantenbein mit ihren neueren Jahrgängen 2012 und 2011 dazu tendieren, ihren beiden Paradeweinen noch mehr geradlinige Frische und Subtilität zu verleihen. Die Favoriten von Europa-2-Sommelier Roland Brenner sind übrigens der 2008er Chardonnay und der 2007er Pinot.

8.Tag: Land in Sicht

Nach sieben Tagen auf See haben die meisten Passagiere ihren persönlichen Rhythmus gefunden, man sieht sie zunehmend zu bestimmten Tageszeiten an denselben Orten auf dem Schiff wieder. Unser täglicher Meetingpoint ist das Mittagessen im «Elements», dem vorzüglichen asiatischen Bordrestaurant. Und hier entdecken wir auch unsere bevorzugte Mariage, nämlich eine herrlich fruchtsüsse Riesling Spätlese Ockfener Bockstein 2013 vom St. Urbans-Hof mit acht Volumenprozent Alkohol zum vietnamesisch zubereiteten Lamm mit scharfer Lambasauce und Minze. Gegen Abend endet übrigens die Atlantik Überfahrtformell, denn in der Abendsonne kommt der legendäre Leuchtturm auf dem Bishop Rock in Sicht, der die Einfahrt in den Ärmelkanal signalisiert. Der letzte Leuchtturmwärter verliess den Turm übrigens am 21. Dezember 1992.

9.Tag: Yachtclub-Blues

Am neunten Tag auf See ohne jeglichen Nachschub gehen die frischen Beeren langsam aber sicher aus. Doch das können wir ganz gut verkraften, solange es noch zartes Rinderfilet und geschmeidigen Hummer gibt. Und natürlich das würzige Clubsandwich auf der Heckterrasse des Yachtclubs. Windgeschützt blicken wir zufrieden auf die sanfte Heckwelle, die den zurückgelegten Weg anzeigt. Nun ist es aber Zeit, unsere Favoriten aus der stichprobenmässig verkosteten Weinkartender Europa 2 festzulegen. Wir einigen uns auf drei Weine, nämlich den Champagner Ulysse Collin Extra Brut Blanc de Blancs, den 2010er Meursault Les Gouttes d’Or Premier Cru der Domaine des Comtes Lafon und den 2001er Cos d’Estournel. Alle diese Topweine sind übrigens so fair kalkuliert, dass man als Weinliebhaber fast gezwungen ist, das eine oder andere Fläschchen zu kredenzen.

10.Tag: Grosse Elbgala

Die dreistündige Fahrt von der Elbemündung bis Hamburg wird zu einer kurweiligen grossen Party, auch wegen des Duval-Leroy-Champagners, der «à la discrétion» ausgeschenkt wird. Blaskapellen spielen heiter und beschwingt am Ufer, Angehörige der Crew schwenken auf Anhöhen und Terrassen eifrig weisse Tücher. Und immer wieder bedankt sich die Europa 2 mittels eines markerschütternden dreifachen Tutens für die Aufmerksamkeit. Vor allem als auf der Backbordseite der Nobelvorort Blankenese in Sicht kommt, laufen die Mobiltelefone heiss: «Gerd und Lotti, kommt doch jetzt mal auf den Balkon, wir fahren gleich an eurem Haus vorbei…» Nur wenige Minuten später legen wir in der Hafencity von Hamburg an. Die weinselige Nonstop-Fahrt von New York ist zu Ende, wir sind angekommen, wenigstens physisch.

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