CHAD-Guide Blaufränkisch / Lemberger

Kernig, saftig, pur und ursprünglich

Degustation: Ursula Geiger, Sigi Hiss, Harald Scholl, Text: Ursula Geiger

Unsere Blaufränkisch-Degustation war ein höchst spannender Schlagabtausch zwischen dem österreichischen Burgenland und dem deutschen Württemberg. Begeisternde Weine spürten wir auf, die dem Vergleich mit klassischen grossen Sorten mehr als standhalten.

Keine andere autochthone Sorte hat in den letzten Jahren mehr an Profil gewonnen als Blaufränkisch. Die Winzer konzentrieren sich mehr auf das Terroir, arbeiten mit dem Traubenmaterial, das der Jahrgang vorgibt. Die Jagd nach noch mehr molliger, schmelziger Kraft, um globalisierte Gaumen zu befriedigen, ist vorbei. Auch der übertriebene Einsatz von Neuholz gehört der Vergangenheit an. Säure und das dazu passende Tanningerüst sind heute wichtigere Faktoren als Wucht und Eichenwürze. So abgelutscht das jetzt klingen mag: Auch der Klimawandel spielt eine Rolle. Aus dem Schatten treten auf einmal Weine aus kühleren Lagen, die nicht nur eleganter sind, sondern oftmals auch schöner reifen. 
Highlights unserer Verkostung waren die Qualitäten der DAC Eisenberg vom südlichsten Zipfel des Burgenlandes. Dort stehen die Reben in engzeiligen, kleinen Parzellen auf einer Höhe zwischen 280 und 450 Metern. Im Spätsommer ist es hier heiss, doch nachts kühlt es ab und von den bewaldeten Hügeln des Günser Gebirges weht auch tagsüber ein frisches Lüftchen. Der Einfluss der stark eisenhaltigen Böden auf die Weine ist noch nicht vollends erforscht. Doch ihre feingliedrige, präzise Frucht stammt mit Sicherheit von diesen Böden, zumal der Unterschied zu den mineralisch-kreidigen Blaufränkischen aus der eher vom Kalk dominierten DAC Leithaberg deutlich schmeckbar ist. Dass diese feinen, aber immens wichtigen Geschmacksnuancen in einer grossen Weinregion wie dem Burgenland so vortrefflich herausgearbeitet werden, ist dem grossen Wissen und Selbstbewusstsein der Winzer zu verdanken. Deren eindrückliches Gespür für das Terroir wird die Lagendiskussion in Österreich weiter befeuern.

Zahlen und Fakten

18 000 Hektar Blaufränkisch gibt es weltweit. Davon stehen 8000 in Ungarn und 1900 in Deutschland, hauptsächlich in Württemberg. In der Schweiz gibt es gerade mal 0,4 Hektar. 19 Prozent der österreichischen Rotweinfläche ist mit Blaufränkisch bestockt. Zwischen 2009 und 2015 ist die Fläche gar um rund 400 auf 2800 Hektar geschrumpft. Mit 2633 Hektar steht der Löwenanteil der österreichischen Blaufränkisch-Reben im Burgenland.

Herkunft

Blaufränkisch oder Lemberger ist eine natürliche Kreuzung zwischen den Sorten Blaue Zimmettraube und Weisser Heunisch. Diese Erkenntnis ist relativ neu und dem deutschen Rebenforscher und Erhaltungszüchter Hans Jung zu verdanken, der einen Uralt-Stock der Blauen Zimmetrebe in Rheinhessen entdeckte und mittels genetischen Fingerprints die Verwandtschaft mit der Sorte Blaufrän­kisch bewies. Die Heimat der Blauen Zimmettraube liegt in Nordost-Slowenien.

Resultate, Analysen, Statements

Ich bin ein Lemberger-Freak. Das hat mit meiner schwäbischen Herkunft zu tun. Bei der Traubenlese naschte ich im Wengert (Weinberg für Nicht-Schwaben) lieber die würzigen, knackigen Lemberger-Beeren als die etwas laschen, runden Trollinger. Für einen typischen Lemberger lasse ich auch gerne einen Grand Cru aus dem Médoc links liegen. Weil mir der Trinkspass fehlt oder weil die Blockbuster aus dem Bordelais immer mehr einem internationalen Geschmacksdiktat unterworfen werden, das mir nicht mehr passt: mehr Power, mehr Schmelz, mehr glattes Tannin und schnell bereit zu trinken. Das passiert mir beim Lemberger oder Blaufränkisch nie. Die Winzer, die sich dieser fantastischen Rebsorte widmen, setzen je länger, je mehr auf Regionalität und damit auf mehr Sortentypizität.

«Solche Weine haben Sucht-
potenzial. Wenn Herkunft und Sorte so perfekt zusammenspielen, macht das grossen Spass.»

Ursula Geiger VINUM-Redakteurin

Auch weil ein Lemberger aus dem Württembergischen Unterland eben anders schmeckt als einer aus dem Remstal oder aus dem weiter nördlich gelegenen Franken. Diese Unterschiede gilt es herauszuarbeiten. Gleichmacherei kann hier nicht funktionieren. Auch der behutsamere Holz-einsatz zahlt sich aus. Die Holzwürze stützt den Terroir-Charakter und knüppelt ihn nicht nieder. Andere Wege beschreitet das Weingut Merkle, die mit eigenen Hefeselektionen arbeiten, die aus dem Naturpark Stromberg stammen. Auch so lässt sich der Begriff «Terroir» um eine Dimension erweitern. Die Seelenverwandten der schwäbischen Lemberger sind für mich die Blaufränkisch-Qualitäten aus dem Südburgenland. Auch sie werden nie langweilig und verlangen zudem die ungeteilte Aufmerksamkeit der Geniesserin.

Im Kanon der sogenannten «grossen» Rebsorten fallen Blaufränkisch oder Lemberger oft ein wenig durch das Wahrnehmungsgitter. Keine Ahnung, woran das liegt, die Grundvoraussetzungen sind eigentlich nicht schlecht. Dunkle Frucht, etwas Schokolade und Kaffee, dazu eine griffige Gerbstoffstruktur, eine vitale, aber nicht aufdringliche Säure. Genau das, was einen grossen Rotwein ausmacht. Aber über viele Jahre wurde relativ einseitig auf möglichst opulente, geschmeidige Frucht gesetzt, so manches marmeladige Monster kam da aus der Flasche. Doch die Winzer haben in den letzten Jahren offensichtlich dazugelernt, Alkohol und Extraktwerte wurden heruntergefahren, dafür Finesse und Eleganz, ein straff-präzises Mundgefühl herausgearbeitet.

«Von Vesper-Schoppen bis High-End-Cru ist alles möglich, trotzdem ist die Eleganz und die Finesse der Rebsorte immer zu erkennen.»

Harald Scholl VINUM-Redakteur

Vor allem die Weine von kargen, eher kalkig-mineralischen Böden profitieren von dieser veränderten Stilistik. Stellvertretend dafür stehen die Weine der DAC Leithaberg und der DAC Eisenberg aus dem Südburgenland. Die würzig-erdigen Weine sind unschwer zu erkennen und bilden eine ganz eigene Klasse, wie sich in der Verkostung immer wieder zeigte. Dieser klare Trend zu mehr Finesse zeigte sich auch beim deutschen Lemberger. Vor allem die Weine mit weniger schmeckbarem Holz, etwas heller in der Farbe und mit ziselierter Aromatik, wussten zu gefallen. Diese feine, fast schon aristokratische Art, liess in einigen Fällen sogar an Spätburgunder denken. Bei selbstverständlich anderen Aromaparametern. Aber das schlanke, präzise und trotzdem nachdrückliche Mundgefühl ist durchaus mit dieser grossen Rotweinsorte vergleichbar.

Die Verkostung

Um den Umfang der Probe auf ein vernünftiges Mass zu beschränken, haben wir uns bei den Mustern aus Österreich auf das Burgenland konzentriert. Herzlichen Dank an den Verband Weinburgenland, der uns bei der Musterbeschaffung unterstützte. Alle Weine wurden verdeckt in der Redaktion Zürich verkostet. Alle Resultate finden Sie unter www.vinum.eu/wein/weinsuche. Stichwort CHAD-Guide: Blaufränkisch in das Feld Degustation eingeben.

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