Marktschau: Tawny Port

Mahagoni, Bernstein, Lohfarben

Degustation und Text: Carsten Henn, Foto:  iStock / vuk8691

Da man Nüsse und Mandeln nicht trinken kann, hat Gott den Tawny Port erfunden – könnte man glauben. Übersetzt bedeutet Tawny lohfarben, gelbbraun oder braungelb, im Glas reicht sein faszinierendes Farbspektrum sogar von Granat- oder Kastanienrot über ein Orange-­Rotbraun bis zu sehr hellen bernstein- oder goldfarbenen Tönen. 

Bei Bier und Benzin weiss man von Preisabsprachen, bei Tawny Ports könnte man fast daran glauben. Ein zehnjähriger kostet in Deutschland fast immer zwischen 25 und 30 Euro. So ähnlich die Preise, so unterschiedlich die Qualität. Wobei man sagen muss, dass uns richtig Schlechtes nicht auf den Tisch kam. Alle Ports schafften den Sprung ins Magazin – eine reife Leistung, die von grosser Konstanz zeugt. Sprich: Mit einem zehnjährigen Tawny kann man kaum etwas falsch machen. Es sei denn, man kann mit Aromen von Dörrobst (vor allem Feigen, Pflaumen, Zwetschgen und Aprikosen), Nüssen oder Gewürzen nicht viel anfangen. Oder schreckt vor 19 bis 20 Vol.-% Alkohol zurück. Die besten Tawnies schaffen es, selbst solch eine gehörige Portion Alkohol zu veratmen, oder besser auszubalancieren, mit faszinierender Fruchtsüsse und feinen Reifenoten. Dabei gelingt dieser oxidativen Art der Portweine das, was wir uns als Menschen auch wünschen: dass mit dem Alter eine immer grössere Verfeinerung eintritt. Unsere beiden Testsieger zeigen eine Eleganz und Tiefe, ja eine Noblesse, die nur lange Reifung erbringen kann. Und sie zeigen ebenfalls, dass die bedeutenden Portweinhäuser alle einen eigenen Stil entwickelt haben, ähnlich wie Champagner-häuser. Da gilt es für Geniesser den zu finden, der einem gefällt, dann kann man blind bei diesem Produzenten zugreifen – und das auch noch in vielen Jahren.
Die Colheitas, oder Jahrgangs-Tawnies, nehmen selbst im Bereich der Portweine nur eine Nische ein. Im Idealfall besitzen sie grosse Harmonie, wobei man nicht in Jahrgangsgläubigkeit verfallen sollte. Der Colheita eines kleinen Hauses ist nicht automatisch besser als der zehnjährige eines bedeutenden. Denn in letzterem können eben auch deutlich ältere Ports enthalten sein, und wenn ein Meister seines Fachs die Cuvée komponierte, kann die Komplexität deutlich grösser sein als beim Jahrgangs-Tawny.

Zahlen und Fakten

Der Absatz von Portweinen wird vom «Instituto dos Vinhos do Douro e Porto» statistisch akribisch aufbereitet, und zwar halbjährlich. Der wichtigste Markt für Portwein ist Frankreich, mit neun Millionen Litern im ersten Semester 2018. Fast doppelt so viel wie in Portugal selbst abgesetzt wird. Dafür trinken die Portugiesen in Relation zum Absatz die besseren Qualitäten, nämlich fast eine Million Liter, Tendenz steigend. Das Vereinigte Königreich als «Portweinland» schlechthin rangiert auf Platz 5 hinter den Niederlanden und Belgien.

Reife und Genuss

Tawnies und Colheitas (Tawnies eines bestimmten Jahrgangs) gehören zu den fassgereiften Portweinen. Oxidation ist hier erwünscht und hat viel Einfluss auf Farbe, Aromatik und die Feinheit der Textur am Gaumen. Klassisch lagern Tawnies in der Pipe, dem 550-Liter-Fass. Tawnies und Colheitas reifen in der Flasche kaum mehr nach. In der Regel ist das Abfülljahr auf dem Etikett vermerkt. Die angebrochene Flasche hält sich im
­Kühl­schrank bis zu vier Wochen. Die ideale Trinktemperatur liegt zwischen 12 und 16 Grad Celsius.

Die Verkostung
Bei dieser Verkostung beschränkten wir uns auf aktuell am Markt verfügbare Weine. Die Muster wurden verdeckt verkostet und stammen von Weinhändlern, die dem VINUM WineTradeClub angehören. Mitglieder werden regelmässig über die Themen der Marktschau informiert. 
www.vinum.eu/wine-trade-club

 

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