CHAD-Guide Burgunder Alte Reben

Auf keinen Fall graue Mäuse...

Degustation und Text: Thomas Vaterlaus und Sigi Hiss, Foto: VINUM

Der Mythos der «Vieilles Vignes» strahlt so hell wie nie zuvor. Dabei gibt es nicht mal klare Bestimmungen darüber, wie alt eine Rebe denn eigentlich sein muss, um die Bezeichnung «Vieilles Vignes» oder «Alte Rebe» zu verdienen. In der einschlägigen Literatur ist zu lesen, dass der Rebstock ab einem Alter von 30 Jahren die Produktion verringert. Daraus wird gefolgert, dass diese auf natürliche Weise verknappte Ernte in der Qualität entsprechend höher ausfallen müsse. Bezüglich dieses Effekts gibt es aber genauso wenig wissenschaftliche Erkenntnisse wie zu der ebenfalls vielgehörten These, wonach alte Reben ihren wenigen Trauben mehr Inhaltsstoffe zuführen. Während in trockenen und von verschiedenen Rebschädlingen verschonten Gebieten noch beachtliche Bestände von sehr alten, oft bis zu 150-jährigen Reben existieren, beispielsweise die Shiraz-«Grandfathers» in Südaustralien oder die Zinfandel-«Old Vines» in Kalifornien, sind im CHAD-Land solche Reb-Methusalems rar. Die vergleichsweise feuchtkühle Witterung und der hohe Krankheitsdruck machen es nötig, dass hier üblicherweise nach 30 bis 40 Jahren neu bepflanzt werden muss. Deshalb haben wir für diese «Vieilles Vignes»-Probe das Mindestalter der Reben auf 50 Jahre festgelegt. Es wurden nur Weine von Burgundersorten verkostet, von denen sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz und Österreich noch alte Bestände vorhanden sind. Verkostet wurden total 61 Weine aus den Sorten Chardonnay, Grauburgunder, Weissburgunder und Pinot Noir. Fazit: Die Weine wurden ihrem Ruf mehr als gerecht. Noch selten zuvor erreichte eine CHAD-Verkostung eine so hohe Durchschnittsnote.

Alte Reben

Wie hoch der Anteil von über 50-jährigen Reben an der Gesamtrebfläche im deutschen Weinkulturraum heute noch ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Es dürften aber im besten Falle um die zehn Prozent sein. Legendär sind unter anderem die weit über 100-jährigen, noch wurzelecht gepflanzten Riesling-Stöcke an der Saar (zum Beispiel Wiltingen oder Scharzhofberg) sowie die ebenso alten Marsanne-Stöcke im schweizerischen Fully (Wallis).

Burgundersorten

Für diesen Guide sind ausschliesslich «Vieilles Vignes»-Selektionen von Burgundersorten verkostet worden. Die Probe zeigt klar, dass Weissburgunder, Grauburgunder, Chardonnay und Pinot Noir immer dann besonders viel Qualitätspotenzial aufweisen, wenn die Weine von alten Reben stammen, die in ausgeprägt kalkhaltigen Böden wurzeln. Der Vermerk «Alte Reben» ist bei renommierten Winzern deshalb eine verlässliche Qualitätsgarantie.

Resultate, Analyse, Statements

Es gibt Verkostungen, die Erwartungen wecken, je nach Thema sogar grosse Erwartungen. Und zweifelsfrei: «Weine von über 50-jährigen Burgunder-Reben» sind so ein Thema. Rückblickend kann ich sagen, dass die hohen Erwartungen mehr als erfüllt worden sind. Abgesehen von einigen Elsässer Gewächsen, bei denen die spürbare Restsüsse den Ausdruck etwas überdeckte, gab es keine Ausreisser nach unten. Das Niveau war hoch. Und es gab etwas ganz Besonderes, nämlich eine erkennbare Grundstilistik über alle Weine hinweg. Wie sich die äussert? Nun, Weine von über 50-jährigen Burgunder-Reben lullen einen so gut wie nie mit kitschiger Primärfrucht ein. Im Gegenteil, es sind anspruchsvoll komplexe Weine, mit vibrierendem Temperament und Frische sowie einer subtilen Aromatik, die von Wiesenkräutern, Gebäck (vom Ausbau auf der Feinhefe) und mineralischen Noten (nasse Flusssteine, Graphit, Kalk etc.) geprägt werden. Gerne stellen wir uns vor, dass die alten Reben mit ihren mutmasslich tiefen Wurzeln diese Mineralik quasi aus dem Boden rausgesogen haben. Vielleicht ist der Wunsch der Vater des Gedankens, dass «Vieilles Vignes» im wahrsten Sinne von Grund auf mehr bieten können. Denn vielleicht macht doch der Winzer den Unterschied. Weil er seinen alten Reben vielleicht mit mehr Respekt und Liebe begegnet. Weil er Ehrfurcht vor den Stöcken hat, die schon sein Vater und zuvor sein Grossvater gepflegt haben. Und sich darum verpflichtet fühlt, daraus etwas Besonderes zu machen. Doch uns Geniessern kann es letztlich egal sein, ob nun die Rebe oder der Winzer der entscheidendere Faktor ist. Wichtig ist nur, dass die Weine in bester Art anders sind.

Bringen die alten Knochen wirklich etwas oder liegt deren Schatz mehr im Marketing? Nicht einfach zu beantworten, schon gar nicht mit nur ja oder nein. Zweifelsohne zeigen alte Rebstöcke, hier sollten es über 50-jährige sein, in schwierigen Jahren ihren viel jüngeren Kollegen, was Sache ist. Sie kommen mit extremen Wetterverhältnissen viel besser klar und brillieren mit erstaunlichen Weinen. Naturgemäss tun sie das auch in perfekten Jahren. Dieser CHAD-Guide war mit einigen dieser herausragenden Burgunder bestückt. Besonders die Schweiz und Deutschland zeigten, «was geht». Die Schweizer mit mir unbekannten Weingütern und echten Pinot-Noir-Überraschungen, die international mithalten. Kein uniformer Stil, nein, das sind eigene Charaktere, die mehr zu sagen haben als der Mainstream. Deutschland war mit bekannten Erzeugern präsent, und sie zeigten, weshalb sie zur Spitze zählen. Struktur und Säure, Terroir und Lagerpotenzial und eben nicht der banal süssliche Stil. Die besten deutschen Burgundererzeuger zeigen immer mehr eine klare Kante in ihren Weinen, im ureigenen Sinne des Wortes! Österreich war fast nur mit weissen Burgundern vertreten, ein Jammer, denn viele Rote stehen den Weissen in nichts nach. Eine Sache noch, die mir wichtig erscheint: Viele der besten Weine können mit weiteren Jahren der Lagerung noch eine oder zwei Schippen zulegen. Ich bin mir sicher, in 15 oder mehr Jahren zaubern einige dieser Burgunder eine genüssliche Freude hervor. Lagerpotenzial sollte in der DNA der Spitzengewächse eines jeden Winzers verankert sein. Gereifte Burgunder, aus betagten Stöcken produziert, besitzen etwas Betörendes – Stil und Grösse.

Die Verkostung

Die Muster wurden alle direkt bei den Winzern in Deutschland, Österreich und der Schweiz angefordert. Thomas Vaterlaus und Sigi Hiss verkosteten alle Weine in einer Blind-Degustation in der VINUM-Redaktion unter optimalen Bedingungen. Alle Bewertungen finden Sie hier unter dem Stichwort «Burgundersorten von alten Reben».

Top 3 dieser Verkostung:

RangBeschreibung
3
18,5/ 20
Punkte
Baselbiet, Deutschschweiz, Schweiz
Tschäpperliweine GmbH
2
18,5/ 20
Punkte
Baden, Deutschland
Weinhaus Joachim Heger
1
19,0/ 20
Punkte
Pfalz, Deutschland
Weingut Friedrich Becker

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