Da kommt Bewegung in die Sache

Guide Trollinger, Vernatsch & Schiava

Degustation: Johannes B. Bucej, Harald Scholl; Text: Harald Scholl

Noch vor wenigen Jahren hätte ausserhalb von Württemberg kein Weintrinker auch nur einen Fünfer auf den Trollinger gesetzt. Das Image war komplett ruiniert, bestenfalls als Komponente in der populären Cuvée «Lemberger mit Trollinger » schien diese ehemals angesagte Rebsorte überleben zu können. Sie wurde auch über lange Jahre ziemlich schlecht behandelt, hohe Erträge waren das einzige Mass der Dinge, unkompliziertes Viertele-Schlotzen schien die einzige Daseinsberechtigung. Aber Dinge können sich ändern – auch gezwungenermassen. Die Klimaveränderung zwingt viele Winzer zum Umdenken, Reife ist kein Problem mehr, auch in ehemals Cool-Climate-Regionen werden Trauben fast immer reif. Was heute fehlt, ist bisweilen Säure und Leichtigkeit, zwei Elemente, mit denen Trollinger – wie sein Verwandter, der Vernatsch – wahrlich punkten kann. In Verbindung mit modernen Ausbaumethoden entstehen Weine, wie der Markt sie zunehmend stärker verlangt. Saftig, ohne vordergründige Primärfrucht, leicht im Alkoholgehalt, mit feinem Gerbstoffgerüst, absolut trocken.

Diese Entwicklung ist grundsätzlich auch südlich der Alpen zu beobachten. Wenngleich dort ein anderer Stil zu schmecken ist. Dort wurde und wird Vernatsch schon länger als seriöser Rotwein betrachtet, vor allem in Sachen Ertrag und Standort stellen die Winzer heute ganz andere Anforderungen. Gerade die kargen, granit- oder kalkhaltigen Lagen in der Höhe erbringen tiefgründige und häufig überraschend mineralische Weine. Vor allem die Liebhaber von Beaujolais- Crus können dort so manche positive Überraschung erleben, mit seiner tiefgründigen Kirschfrucht erinnert Vernatsch ein wenig an Gamay. Vielleicht muss man sich als Weintrinker nur von gewohnten Geschmacksmustern lösen, um hier echte Entdeckungen machen zu können. In Sachen Preis-Genuss-Relation sind beide Rebsorten, Vernatsch wie Trollinger, ohnehin kaum zu schlagen.

Das persönliche Statement der Verkoster

«Die Trollinger-Szene kommt in Bewegung. Gerade als Natural Wine hat die Rebsorte echte Zukunftschancen.»

Harald Scholl stv. VINUM-Chefredakteur Deutschland

Was gibt es nicht alles an Schmähungen für den Trollinger. Die Frage, ob es sich bei der Württemberger Leitrebsorte um Wein im eigentlichen Sinne handelt, ist dabei noch eine der netteren Anspielungen. Das mag für einige Tropfen durchaus auch heute noch gelten – irrwitzig hohe Erträge, Maischeerwärmung, Restzuckerschwänzchen sind nur einige Schlagworte. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Denn auf der anderen Seite zeigen gerade junge Winzer, was grundsätzlich in der Rebsorte steckt. Ertragsreduzierung, spontane Vergärung, Maischestandzeit, minimale Schwefelung: Das Instrumentarium der Natural-Wine-Szene scheint wie geschaffen für den Trollinger. Im besten Fall entsteht ein alkoholleichter, saftiger Rotwein mit geringem Alkohol, ein Wein, wie geschaffen für das anspruchsvolle Zechen unter Freunden. Nicht anspruchslos, aber auch nicht verkopft; ein Wein, von dem man leichten Herzens eine zweite Flasche öffnet, um mit Freunden fröhlich weiterzuzechen. In Frankreich heissen solche Weine «Vin de Soif», im angloamerikanischen Raum «Thirst Quenchers», frei übersetzt handelt es sich bei beiden um Durstlöscher. Der TNT von GA Heinrich oder der Sine von Aldinger sind in Deutschland typische Beispiel für diesen neuen Stil, der vor allem unter jüngeren Weintrinkern immer populärer wird. Was auch an den unkonventionellen Etiketten liegt, aber das Auge trinkt bekanntermassen ja mit. Diesen Trend scheint man auch südlich der Alpen erkannt zu haben, Beispiele wie der Römigberg von Lageder oder der Granit von Hartman Donà zeigen es deutlich. Eine spannende, Entwicklung, die noch lange nicht am Ende ist.

«Moderater Alkoholgehalt, frische Säure – damit sind Trollinger und Vernatsch eigentlich die roten Rebsorten der Stunde.»

Johannes B. Bucej VINUM-Wineguide

Ich gestehe: Weder Vernatsch noch Trollinger fanden sich in den letzten Jahren in nennenswerter Menge in meinem Weinglas. Das hatte ganz sicher nicht nur mit der eher bescheidenen Verfügbarkeit zu tun, denn beide Rebsorten verschwinden langsam, aber sicher aus den Rebbergen ihrer jeweiligen Anbauländer. Es lag vielmehr an den wenig erbaulichen Weinen, die dünn, vordergründig fruchtig und mit aufdringlichem Zuckerschwänzchen keinen wirklichen Genuss darstellten. So weit das Gestern. Das natürlich auch heute noch nicht völlig überholt ist, gerade viele (deutsche) Genossenschaften hängen immer noch diesem traditionellen Geschmacksbild an. Daneben sind aber gerade in Südtirol deutliche Geschmacksverbesserungen zu erkennen. Schon die Farbe vieler Weine im Glas zeigt es an, kraftvolles Purpurrot mit violetten Reflexen spricht die Sinne an. Da wird auch geschmackliche Konzentration gesucht, auf Struktur und Tiefe gesetzt und vor allem wirklich trocken ausgebaut. Das sind dann am Ende vor allem bei Tisch ganz ausgezeichnete Weine, die mit ihrer frischen Säurestruktur auch deftiges Essen trefflich begleiten können. Als grosser Freund der Weine des Burgund sind es genau diese Qualitäten, die mich ansprechen. Vielleicht muss ich mich als Weintrinker in der sich klimatisch verändernden Weinwelt auch ein wenig ändern. Und lieb gewonnene Trink- und Kaufmuster verändern. Der Blick in Richtung Süden, nach Südtirol, lohnt auf alle Fälle. Es gibt mehr als nur einen tollen Wein zu entdecken. Und dass die geforderten Preise für diese Weine, herrlich altmodisch – will heissen: niedrig – sind, ist darüber hinaus kein echter Nachteil.

Die Verkostung

Die Muster wurden alle direkt von Winzern (Deutschland und Italien/ Südtirol) angefordert sowie beim Fachhandel. Harald Scholl und Johannes Bucej verkosteten die Weine in den VINUM-Redaktionsräumen in München unter optimalen Bedingungen.

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